Voller Fokus aufs Nordderby - Schonlau gibt Grünes Licht
Früher ging es um Papierkugeln und Prestige, jetzt geht es um Tabellenführung und Aufstieg. Der Nordklassiker zwischen dem HSV und Werder Bremen ist am Sonntag (13.30 Uhr,…

Früher ging es um Papierkugeln und Prestige, jetzt geht es um Tabellenführung und Aufstieg. Der Nordklassiker zwischen dem HSV und Werder Bremen ist am Sonntag (13.30 Uhr, Volksparkstadion) zwar nur Zweitligaspiel, dafür aber sportlich das brisanteste seit Langem. Denn die zwei derzeit wohl spielstärksten Mannschaften der Liga treffen aufeinander. Und beide wollen sich zum Vorreiter im Wettrennen um die Teilnahme am lukrativen Millionenspiel Bundesliga aufschwingen. „Ich glaube zu fühlen, was in beiden Städten abgeht“, sagte HSV-Trainer Tim Walter heute. „Es ist ein großes Spiel, ein gutes Spiel.“
Werder (42) führt aktuell mit einem Punkt Vorsprung das Klassement an. Dahinter sind Darmstadt 98 und der FC St. Pauli (jeweils 41) sowie Bundesliga-Absteiger Schalke 04 (40) ebenso aussichtsreich im Rennen. Erstmals nach langer Zeit dürfen wieder 25.000 Zuschauer ins Volksparkstadion kommen. Allein darauf habe ich schon riesig Bock! Denn die Kulisse im Rücken kann beflügeln. „Derbys haben immer ein Stück weit Pokal-Mentalität. Da kann alles passieren“, versuchte Werder-Spielmacher Leonardo Bittencourt diesen Vorteil kleinzureden. Und HSV-Kapitän Sebastian Schonlau, der gestern pausieren musste, dafür aber heute wieder mittrainierte und Grünes Licht für seinen Einsatz gab, konterte: „Wir werden heiß sein. Wir wollen mit voller Attacke spielen - und dann werden wir die drei Punkte behalten.“
Bittencourt mit Ankündigungen - HSV bleibt gelassen
118-Mal standen sich beide Rivalen seit der Bundesliga-Gründung 1963 in 1. Liga, 2. Liga, Europacup und DFB-Pokal gegenüber. Mit 45:38 Siegen bei 35 Unentschieden liegen die Gäste von der Weser im direkten Vergleich vorn. „Das ist natürlich ein Spiel mit hoher Brisanz, allein durch den Tabellenstand, aber natürlich auch durch die Vereinshistorie“, sagt HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandez, der stolz sein darf/kann. Denn sein Kasten ist in dieser Saison der sauberste der Liga: Lediglich 21 Gegentore kassierte der HSV bislang, Werder hat zehn Gegentreffer mehr. Ein weiteres Plus für die Rothosen: Lediglich zwei Niederlagen nach 23 Spielen kann ebenfalls kein anderer Rivale vorweisen.
Aber das sind alles Zahlen, die man herbeizieht, wenn man sich etwas Mut zusprechen will. Und das scheint dieser HSV aktuell gar nicht nötig zu haben. Dieser HSV ist mutig. So sieht es auch der kommende Gegner: „Der HSV spielt in einer Art und Weise Fußball, die in der Herangehensweise ein Stück weit einzigartig ist“, sagte Trainer Ole Werner, der Werder Bremen als Nachfolger von Markus Anfang in acht Spielen (7 Siege, 1 Remis) an die Tabellenspitze führte. Werner meinte jedoch auch selbstbewusst: „Wir dürfen uns nicht bis zur Unkenntlichkeit verändern. Denn wir sind Werder Bremen, wir sind Tabellenführer - und so wollen wir auch auftreten.“
Tim Walter nimmt das Kettengerassel gelassen. „Es ist normal, dass jeder auf den Putz haut“, sagte der 46-Jährige. „Jede Mannschaft hat einen Plan. Wir haben mehr den Plan, über Ballbesitz, über Mut das Ganze anzugehen. Vielleicht verfügt Werder Bremen über etwas mehr Erfahrung und in manchen Bereichen über mehr individuelle Klasse. Aber wir wissen, was wir können.“ Torgefährlich sind jedenfalls beide Teams. Werder hat das Topduo Niclas Füllkrug (10 Saisontreffer) und Marvin Ducksch (12), der HSV hat Robert Glatzel (14) und Offensivlenker Sonny Kittel (7). Gierig sind beide, wie die hohen Ballbesitzanteile und Pässe dokumentieren. Doch einen eklatanten Unterschied gibt es: Werder Bremen liebt die sogenannten langen Bälle (1120). Der auf Kurzpassspiel getrimmte HSV ist in dieser Statistik Letzter (701) und offenbart damit ein radikal anderes System. Offen bleibt die Frage: Welches Spielsystem ist am Sonntag erfolgreicher?
Wobei nicht das System an sich entscheidet, sondern die Art, wie beide Mannschaften es jeweils umsetzen. Der HSV hatte zuletzt eine defensive Stabilität, die dem sehr riskanten, mutigen Offensivspiel einen gewissen Freiraum verschafft hat. Probleme gab es immer nur dann – und das zumeist auch nur zu Beginn der jeweiligen Partien –, wenn der HSV beim versuchten Kurzpassspiel hinten raus früh attackiert wurde. Ein Mittel, das Bremen sicher auch anwenden wird. Aber wer sich meinen Derbytalk (oben eingebettet!) zusammen mit Giuseppe angesehen hat, der wird Dank meines Bremer Freundes auch ein Stück weit schlauer sein.
Im Zentrum ist Werders Schwachpunkt - nutzen Kittel und Co. das?
Interessant wird es auch im Zentrum, wo der HSV mit Meffert als Sechser, Reis als Achter und Kittel als so genannter Zehner auf Werders Lautsprecher Leonardo Bittencourt treffen, den ich sportlich als den Antreiber im Werder-Team sehe. Allerdings hat Werder direkt dahinter, auf der Position des defensiven Mittelfeldspielers, der sich um Kittel kümmern soll, Probleme. Christian Groß wird dort erwartet. Aber der Ex-HSVer ist als eher solider Arbeiter zu sehen, denn als schneller oder strategischer Spieler zu sehen. Ergo: Hier hat der HSV eine große Chance, anzusetzen. Ebenso über die Außenbahn, auf der der HSV offensiv mit Jatta und Alidou – sofern dieser erneut beginnt – über Schnelligkeitsvorteile verfügt.
So schwer es ist, sich von den Geschehnissen in der Ukraine zu lösen – ich schaffe es einfach nicht, ich sitze den ganzen Tag mit laufenden Nachrichten im TV am Rechner – das Spiel am Sonntag verspricht mir sportlich mehr als die meisten Saisonspiele bisher. Weil zwei wirklich gute Teams in einem vergleichsweise imposanten Rahmen aufeinandertreffen. Dass man noch überlegt, ob man für die Ukraine eine Schweigeminute einlegt – für die Dritte Liga wurde das bereits bestimmt – absolut nicht nachvollziehbar. Dass die Fifa noch keine Sanktionen verhängen will – es passt nur in mein Bild von diesem korrupten Drecksladen.

Ebenso, dass die Uefa gestern beim Spiel Barca gegen Neapel das von beiden Teams vor Spielbeginn demonstrativ hochgehaltene Banner „Stop war“ nicht im TV zeigte – es zeigt mir, dass die Funktionäre dieser Fußballverbände nichts anderes als der Bodensatz unserer Gesellschaft sind. Zum Kotzen! Umso mehr hoffe ich, dass die Verantwortlichen in Deutschland klare Kante zeigen. Und wenn die DFL das nicht schafft – dann sollten sich der HSV und Werder bei aller Konkurrenz dazu entscheiden, es in Eigenregie zu machen. Wenn nicht jetzt – wann denn dann?
Und Zack – das war es mit meiner guten Laune. Ich werde mich jetzt erst einmal um meine Kinder kümmern und versuchen, mich etwas abzuregen und nicht wegen ein paar Arschlöchern auf Funktionärsebene den ganzen Fußball zu verdammen. Vor allem nicht den HSV, für den Tim Walter hier das Schlusswort bekommt: „Wir sind überzeugt von unseren Jungs. Wir freuen uns auf solche Spiele, weil sie uns in allem weiterbringen. Beide Vereine haben eine große Tradition und sind sich schon häufiger in anderen Ligen gegenübergestanden, deshalb herrscht natürlich ein gewisses Anspruchsdenken. Wir schauen trotzdem auf uns und versuchen, unseren Weg weiterzugehen. Wir freuen uns und sind fokussiert auf das Spiel.“ Vielleicht schaffe ich das ja auch noch.
In diesem Sinne, bis morgen. Dann auch mit einem frühen Communitytalk, in dem ich auch auf einen Kommentar aus den Vorblogs eingehen werde.
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