Analyse

Vieles muss noch besser werden - aber es stimmt auch schon vieles beim HSV

„Wir haben es schon immer gesagt: Solange es die Möglichkeit gibt, kann immer was passieren. Weil wir immer Augen und Ohren offenhalten. Es geht darum, den Kader zu verstärken.…

Vieles muss noch besser werden - aber es stimmt auch schon vieles beim HSV

„Wir haben es schon immer gesagt: Solange es die Möglichkeit gibt, kann immer was passieren. Weil wir immer Augen und Ohren offenhalten. Es geht darum, den Kader zu verstärken. Ob das in der Breite oder in der Spitze ist: Wir wollen besser werden. Dafür muss man schauen, dass wir uns nicht davor verschließen.“Das sagte Trainer Tim Walter heute vor versammelter (Journalisten-)Runde. Soll heißen: Es ist wahrscheinlich, dass in dieser Wintertransferperiode personell noch etwas passiert. Wobei es den Kollegen des Abendblattes nach nicht mehr um einen Mittelfeldspieler gehen soll. Die HSV-Bosse hätten davon Abstand genommen, einen Konkurrenten für den derzeit auftrumpfenden Sonny Kittel zu verpflichten.

Klingt normal. Wer will sich denn nicht verbessern, wenn es möglich ist. „Boldt hat die erste Liga im Blick“ hieß es heute bei den Kollegen. Gemeint war/ist, dass der HSV-Sportvorstand die Reservebänke der Ersten Liga nach unzufriedenen, wechselwilligen und entsprechend günstig zu bekommenen Spielern durchforstet. Und dort einen Spieler zu finden, wäre sicher nicht schlecht. Dennoch bleibe ich dabei, dass der HSV gerade in der aktuellen Phase ganz besonders aufpassen muss, bei einem Neueinkauf. Und dabei spreche ich von einem ganz besonderen Augenmerk darauf, dass der Spieler vom Typ her zur Mannschaft passt. Denn völlig unabhängig von der Qualität des Neuen, können Neue im Winter auch sehr viel von dem kaputtmachen, was die Mannschaft vorher ausgezeichnet hat.

Das Mannschaftsgefüge stimmt - auch wegen Walter

Bei diesem HSV ist es die flache Hierarchie. Dass sich trotzdem klare Führungskräfte herauskristallisiert haben, hält diese (Heuer Fernandes, Schonlau, Meffert, Kittel, Glatzel und auch Leibold) nicht davon ab, sich außerhalb des Platzes auf Augenhöhe mit den vielen Youngstern zu begeben. Denn sie marschieren mit Leistung auf dem Platz vorneweg. Und das mit einer deutlich konstanteren Taktung als die Aaron Hunts, Lewis Holtbys und Klaus Gjasulas der letzten Jahre es zeigen konnten.

https://soundcloud.com/user-36211795/di250122-walter-kritisiert-zuschauer-beschrankung-vagnoman-zuruck-hsv-sucht-offensiven?si=cb6003d226ca4d33b81ce08ed3572130&utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Allerdings muss auch klar gesagt werden, dass es diese leistungsstarken Spieler, die im Winter herkommen und dieser Mannschaft helfen können, natürlich da draußen gibt. Und klar ist auch, dass Boldt, Walter und Direktor Michael Mutzel sehr wohl bewusst ist, was ihre Mannschaft derzeit auszeichnet. Sollten sie dennoch einen oder zwei dieser Spieler finden UND bezahlen können – dann sollte der HSV zuschlagen. Aber eben auch wirklich nur dann, wenn diese beiden Kriterien komplett erfüllt sind.

Wer jetzt nicht genau weiß, was ich meine, der möge sich bitte nur mal ansehen, wie inzwischen die Reservebank während der 90 Minuten mitgeht, wie gemeinsam gejubelt und sich vor allem auf dem Platz immer wieder gegenseitig geholfen wird. Wer sieht, wie sich Heuer Fernandes, Schonlau und Vuskovic zuletzt bei den kleinsten Szenen schon abgeklatscht und gepusht haben, als hätten sie gerade in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals auf der Linie gerettet – der weiß, was ich meine. Es gibt keine Stars, es gibt eine Mannschaft. Es gibt keinen Konzepttrainer und auch keinen alten Hasen – sondern den vergleichsweise einfach agierenden Tim Walter, der sich eben einfach nur für nichts zu schade ist. Und das hat die Mannschaft so übernommen. Auch da geht inzwischen jeder Spieler jeden notwendigen Weg. So, wie es der Coach vormacht. Denn der Coach lebt mit seiner Bedingungslosigkeit vor, was dieser HSV braucht, um möglichst bald wieder Erfolg zu haben.

„Mut“, „Wille“ und „Vollgasfußball“ – das sind die drei am häufigsten genutzten Begriffe in den Interviews mit Walter. Und sie sind allesamt auf dem Platz zu sehen. Selbst wichtige Spiele wie in Köln und im Stadtderby werden inzwischen mal gewonnen, weil man selbst die Mannschaft ist, die den größeren Willen hat. Und diesen Aufwärtstrend in der Entwicklung des HSV muss man jetzt fördern. Dass Walter seine bisher geforderten Tugenden immer und immer wieder einfordern wird ist dabei so sicher wie nur irgendwas.

Jatta als „Symbolfigur“? Das passt irgendwie ganz gut...

Es gibt zweifellos noch sehr viel zu verbessern. Abe es passt momentan auch vieles. Es ist in etwa so, wie es mein Kollege heute im Kicker sehr gut zusammengefasst hat. Dort schrieb Sebastian Wolff über die Parallelen in den Entwicklungen des HSV-Spielers Bakery Jatta, den er sogar als „Symbolfigur“ in der Überschrift betitelte, und der der gesamten Mannschaft. Beharrlichkeit habe Walter von seiner Mannschaft eingefordert. Auch und gerade in den Phasen, in denen diese nicht zum Erfolg führte. Ebenso tat es Jatta, der sich immer wieder tolle Ausgangslagen selbst und mit viel Fleiß erarbeitete, um sie dann mit eigenen Unzulänglichkeiten oft zu leicht herzuschenken. Bis jetzt, wo er sich und die ganze Mannschaft mit dem Siegtreffer im Derby endlich einmal belohnt hat.

https://open.spotify.com/episode/2JqlZYLcMkPbeKPQp7cSrc?si=34cc129d3b324daf

Genau diese positive Entwicklung sehe auch ich. Obgleich ich als Kritiker des Walter-Fußballs noch immer taktisch Dinge anders für besser halte, glaube ich, dass es immer am besten ist, wenn alle zusammen einen Weg komplett mitziehen. Das muss nicht einmal der perfekte Weg sein, um damit Erfolg zu haben. Wichtig ist einfach nur, dass nicht zu viele verschiedene Ideen eingebracht werden. Egal wie schlüssig sich diese auch alle anhören mögen. Und genau diese Geschlossenheit hat Walter bis heute erreicht. Behaupte ich zumindest.

Und für alle, die jetzt glauben, dass ich mich von der Euphorie eines Derbysieges leiten lasse – das ist mitnichten so. Im Gegenteil: Es ist vielmehr genauso, wie ich es schon vor Saisonbeginn hier geschrieben habe: Für mich zählt nicht der einzelne Sieg, nicht die Tabelle und auch sonst nichts mehr als die Gesamtentwicklung des HSV, der endlich zusehen muss, sich von seinem Status als zusammengekauftes Starensemble lösen muss, weil es gar nicht mehr anders geht.

Dieser HSV muss über die Geschlossenheit, über eigene Ausbildung und über eine von allen übergeordnete und vor allem dauerhaft gelebte Philosophie endlich ein Bild nach außen abgeben, das dem Fan ebenso wie dem neutralen Beobachter klar wird. Es muss erkennbar werden, dass dieser HSV fleißiger ist als andere. Es muss klar sein, dass dieser HSV erkannt hat, wie man sich selbst wieder dahinarbeitet, wo man mal war. Und das wird meiner Ansicht nach immer deutlicher erkennbar. Was ich mit all dem sagen möchte ist mehr oder weniger eine Art Appell an die Verantwortlichen. Denn ich hoffe einfach, dass der HSV auch nach der Transferphase noch immer dieses Bild abgibt. Denn ich mag den HSV von heute gern spielen sehen.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

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