Analyse

Viel Potenzial: Das HSV-Mittelfeld ist gut aufgestellt

Der HSV hat das Training wieder aufgenommen und ist parallel dazu weiter auf der Suche nach gezielten Verstärkungen. Ein Innenverteidiger und ein Backup für Glatzel stehen seit…

Viel Potenzial: Das HSV-Mittelfeld ist gut aufgestellt

Der HSV hat das Training wieder aufgenommen und ist parallel dazu weiter auf der Suche nach gezielten Verstärkungen. Ein Innenverteidiger und ein Backup für Glatzel stehen seit Monaten ganz oben auf der Liste – fürs Mittelfeld wird aktuell nicht gesucht. Und das zurecht. Denn neben dem defensiven Mittelfeld ist der HSV auch offensiv so gut aufgestellt, dass man seine Ziele damit erreichen kann. Ludovit Reis hatte ich in Teil der 3 der Hinrundenanalyse bereits zum Gewinner dieser Hinrunde erklärt und ihn als Allrounder im HSV-Mittelfeld verortet. Deshalb sei er an dieser Stelle, wo es um die offensiven Mittelfeldspieler geht, nur noch einmal am Rande genannt. Denn er ist mit seinem Umschaltspiel, seinen Pressing-Qualitäten und letztlich auch seiner Torgefahr ein ganz wesentlicher Teil des Offensivspiels beim HSV.

Benes braucht Anlaufzeit - ich immer

Aber neben ihm gibt es noch andere, wie beispielsweise Laszlo Benes, der im Laufe der Hinrunde viel Vertrauen vom Trainer geschenkt bekam – auch, weil Sonny Kittel absolut hinter seinen Möglichkeiten blieb. Denn auch Benes hatte anfänglich arge Probleme, sich dem HSV-Spiel einzufügen. Er wirkte dabei im Gegensatz zu Kittel nie unmotiviert, sondern eher etwas übermotiviert und unkontrolliert. Aber Benes fand nicht ins Spiel. Zweimal Startelf, danach war er wieder nur Ersatz. Bis zum Spiel am 8. Spieltag bei Holstein Kiel dauerte es, ehe er sich wieder in die erste Elf spielen konnte.  Zwei Assists steuerte er beim 3:2-Auswärtserfolg bei. Und in den nächsten neun Partien sollten vier weitere sowie ein eigener Treffer dazukommen.

Am 30. Oktober, beim 3:2-Auswärtssieg jubelten (v.l.) Robert Glatzel, Torschütze Laszlo Benesund Jean-Luc Dompé

Und das, obwohl Benes seinen Platz bei Walter noch immer nicht hundertprozentig gefunden hat. Aber der Slowake interpretiert seine Rolle deutlich effektiver. Er machte weniger Fehler und wirkte weniger hektisch, wie ich finde. Seine wirklich beachtlichen Schussqualitäten hat er meiner Meinung nach noch immer nicht ausreichend einbringen können – aber er hat deutlich erkennbare Schritte nach vorn gemacht. Deshalb bekommt er nach einer schwachen 4 zu Saisonbeginn insgesamt noch eine 3 mit der Tendenz nach oben.

Kittel genießt uneingeschränktes Vertrauen. Zurecht?

Anders ist es bei dem Mann, der die Benes-Rolle jahrelang ausübte und sich dabei immer wieder in der zu großen Verantwortung verlor, der er trotz aller fußballerischen Fähigkeiten nicht gerecht werden konnte: Sonny Kittel. Der technisch beste Kicker im Team war schon gewechselt vor der Saison – und blieb doch. Er spielte bei Walter, der ihm unendlich Vertrauensvorschuss schenkt, im Laufe dieser Hinrunde oft schwach – aber er bekam zum Ende hin noch mal einen Rappel und fing wenigstens an, zu kämpfen. Fünf Assists und kein Tor sind die Bilanz des viel zu sensiblen Technikers, der 15-mal in der Startelf stand. Eine Bilanz, die deutlich zu wenig ist für einen Spieler mit seinen Fähigkeiten. Aber bei Kittel ist im Laufe der letzten Jahre an dieser Stelle alles gesagt. Da gibt es nichts mehr, was überraschen könnte oder ungesagt/unbeschrieben ist. Seine Note ist dabei aus meiner Sicht noch großzügig gewählt: 4-.

Am 13.8.2022 bei Arminia Bielefeld wird Omar Megeed als jüngster HSV-Prof mit 16 Jahren für Robert Glatzel eingewechselt.

Wirklich extrem spannende Ansätze hat ein Spieler, der gerade auf dem Sprung ins Team war, als ihn ein Mittelfußbruch für den Rest der Hinrunde aus dem Rennen nahm: Omar Megeed, der mit 16 Jahren sein Profi-Debüt feierte und jetzt wieder angreifen will. In der Sommervorbereitung war er auffällig gut, wurde aber nicht zu früh in die Verantwortung genommen. Als er dann mal ran durfte, zeigte er sofort, dass er weiter ist, als viele ihm zugetraut hatten. Wie gesagt, bis er sich verletzte ging es stetig voran. Er ist technisch stark, vergleichsweise robust mit seinen 1,88 Metern Körpergröße und vor allem ist er außergewöhnlich sicher am Ball. Er antizipiert schnell – allein die Handlungsschnelligkeit musste er langsam von Jugend- auf Profiniveau anheben. Aber auch darin sehe ich bei ihm keine Probleme. Ich behaupte, der ägyptische U20-Nationalspieler wird sich durchsetzen, sofern er gesund bleibt. Für eine echte Benotung ist das alles noch zu wenig im Wettkampfmodus erprobt. Er ist ein spannendes Talent, dem ich sehr viel zutraue und bekommt dafür eine gut gemeinte, motivierende Potenzialnote 2.

Walter nimmt Rolle als Entwickler voll an

Insgesamt sehe ich das Mittelfeld tatsächlich am besten aufgestellt. Es gibt stabile Leistungsträger wie Meffert und Reis. Dazu noch mit Benes und Kittel zwei Spieler, die schon gezeigt haben, worauf man in der Rückrunde noch hoffen darf. Zudem stehen viele spannende Spieler (Krahn, Megeed, Suhonen ist da sogar schon zwei Steps weiter) in den Startlöchern, um ihre Qualitäten auf den Platz zu bringen. Eigentlich eine hervorragende Mischung! Zumindest sehe ich an allererster Stelle das Trainerteam in der Verantwortung, alles aus diesen Spielern herauszuholen. Dann reicht das allemal, um ganz oben mitzuspielen.

Dass Trainer Tim Walter aktuell mit vier weiteren Youngstern im Training arbeitet, freut mich sehr und bestätigt meinen Eindruck vom HSV-Coach, dass er macht, was nötig ist: Er versucht, sich seine Spieler aus dem vorhandenen Nachwuchs zu entwickeln. Vor allem aber signalisiert er allen Toptalenten da draußen, dass der HSV eine Adresse ist, wo großartige Fußballtalente ihre Chance bekommen.

In diesem Sinne, bis morgen. 

Scholle

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