Versteht der HSV das System Walter - oder ist es eher andersrum?
Der HSV hat sich jahrelang sehr viel Mühe gegeben, nach außen ein Bild abzugeben, das dem eines Chaosklubs entsprach. Finanziell ist man zwar noch immer auf diesem Niveau – und…

Der HSV hat sich jahrelang sehr viel Mühe gegeben, nach außen ein Bild abzugeben, das dem eines Chaosklubs entsprach. Finanziell ist man zwar noch immer auf diesem Niveau – und Besserung ist noch lange nicht in Sicht. Aber den Rang des Karnevalvereins im Norden (soll keine Anspielung auf den Karnevalsbesuch von Werder-Coach Markus Anfang sein) könnte man jetzt ohne viel Zutun abgeben. Deshalb nehmt mir meinen kurzen Ausflug bitt e nicht übel, aber Werder Bremen gibt sich derzeit einfach zu sehr viel Mühe, als dass man es unerwähnt lassen kann.
Heute bekamen die Spieler schon den dritten Trainer innerhalb von nur vier Tagen vorgesetzt. Nach dem Rücktritt von Markus Anfang wurde nun der Interimscoach Danijel Zenkovic genau wie Mittelfeldspieler Nicolai Rapp positiv auf das Coronavirus getestet und sofort in häusliche Quarantäne geschickt. Die Leitung des Trainings übernahm vorerst der U19-Coach und ehemalige Werder-Profi Christian Brand, teilte der Bundesliga-Absteiger am Dienstag mit. Und mit Ole Werner steht der nächste Trainer schon vor der Tür, heißt es.
Übereinstimmenden Berichten (BILD, Deichstube) zufolge wollen die Bremer den 33-Jährigen noch in dieser Woche und damit vor dem Duell bei Werners langjährigem Club Holstein Kiel (Sonnabend, 20.30 Uhr/Sport1 und Sky) verpflichten. Allerdings ist der angeblich noch bis Sommer 2022 bei Holstein Kiel unter Vertrag – und Werder will keine Ablösesumme zahlen. Deshalb werden auch weiterhin der ehemalige HSV-Coach Daniel Thioune und der Österreicher Gerhard Struber von RB New York als Trainer-Kandidaten gehandelt.
Zur Erinnerung: Anfang war am Samstag zurückgetreten, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Der 47-Jährige soll einen gefälschten Impfpass benutzt haben, was er selbst jedoch in einer Mitteilung des Clubs bestritt. Alles sehr undurchsichtig und sicherlich nicht leistungsfördernd. Und es macht deutlich, was wir hier beim HSV eben nicht wieder brauchen. Manchmal tut ein solcher Blick über die Stadtgrenze tatsächlich auch mal gut und der HSV-Fan darf sich freuen, dass auch andere Probleme haben, deren Zustandekommen schwer nachzuvollziehen ist.
Versteht der HSV Walter - oder ist es andersrum?
Ein anderes Problem allerdings haben alle Bundesligisten mit allen Fans und Nicht-Fans gemeinsam: Die Coronakrise. Und allein deshalb verbietet sich hier schon die Schadenfreude. Zumal das Problem einzelner am Ende das Problem aller werden könnte, wenn bundesweit wieder vor leeren Rängen gespielt werden muss – oder die Saison sogar unter(wenn nicht sogar abge-)brochen werden muss.
Daher bleibe ich bei dem, was vor meiner Haustür passiert: Und das macht gerade mal wieder Spaß. Denn wir dürfen uns darüber freuen, dass der HSV zuletzt aufsteigende Form zeigte. Und das tue ich auch, wie ich an dieser Stelle betonen möchte. Ich werde aber nicht den Fehler machen, den HSV nach dem ersten richtig guten Spiel über die kompletten 90 Minuten als fertiges Spitzenteam zu sehen. Dass sich heute der langjährige Cotrainer, Freund und Tippgeber von HSV-Coach Tim Walter zu Wort meldete, finde ich gut. Wenn man genau hinhört, was er sagt: „Klar braucht man eine gewisse Zeit fürs Walter-System. Aber Hamburg hat gute, intelligente Spieler, die immer mehr die Philosophie des Trainers kapieren“, sagte Rainer Ulrich der „Bild“: „Gegen Regensburg hat mir auch die Verteidigung gut gefallen. Es war mehr Spielfluss zu sehen, viele Tor-Chancen – jetzt greifen die Rädchen immer mehr ineinander. Ich denke, in der Rückrunde wird der HSV noch stärker sein.“
Interessanterweise folgen bei den BILD-Kollegen heute noch Daten aus dem Regensburg-Spiel, die meinen Verdacht vom Sonntag bestätigen, dass der HSV sein Spiel gegen Regensburg modifiziert hat. Knapp 115 statt der ansonsten aufwendigen 120 (und meist noch mehr!) gelaufene Kilometer und nur 52 Prozent Ballbesitz reichten aus, um diese Partie mit drei oder vier Minuten Unterbrechung rund um das 1:1 so zu dominieren, wie der HSV noch kein anderes Spiel in dieser Saison zuvor dominiert hatte. Dazu der höchste Saisonsieg, weil man statt knapp elf Torschüssen diesmal nur drei für ein Tor brauchte.
Fällt Euch auch was auf?
Für mich bestätigt sich zum einen, dass der HSV besser fährt, wenn er nicht den bislang immer wieder praktizierten Kraft-Fußball spielt. Und zum anderen, dass der Trainer hier ein wenig umzudenken scheint. Wobei, nein: Ich halte es auch hier mit Ulrich, der das Spiel am Sonntag gegen Ingolstadt als Bestätigung der Regensburg-Form abwarten will. Die Partie gegen den neuen Klub von Ex-HSV-Sportchef und Vorstand Dietmar Beiersdorfer wird zeigen, ob Regensburg tatsächlich ein bewusster Schritt nach vorn war.
Apropos Schritt nach vorn: Den soll auch Jonas David noch im Laufe dieser Woche machen. Wenn alles glattläuft, wird der Innenverteidiger schon diese Woche wieder ins Training einsteigen. Für das Spiel am Sonntag wird es noch nicht reichen – aber das ist angesichts der zuletzt gezeigten Leistung von Mario Vuskovic aus meiner Sicht auch kein Problem.
Bis morgen! Dann auch wieder mit einem neuen Communitytalk, für den Ihr mir bis Mittwoch 10 Uhr noch Fragen via Email ([email protected]) und per Instagram schicken könnt! Ich freue mich darauf!
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