Verrücktes Finale im Volksparkstadion - HSV holt Sieg für die Moral
Trainer Tim Walter hatte es angekündigt: Der HSV wird weiter seinen intensiven, spektakulören Offensivfußball spielen. Dass das zu kuriosen Spielverläufen führen kann, haben…

Trainer Tim Walter hatte es angekündigt: Der HSV wird weiter seinen intensiven, spektakulören Offensivfußball spielen. Dass das zu kuriosen Spielverläufen führen kann, haben wir bereits gesehen. Dass es am Ende aber ein so verrücktes Spiel wie das heutige wird – alle Achtung! Denn dieses Spiel hätte gefühlt 8:0 ausgehen müssen, stand aber bis tzur 96. Minute nur 1:1 – und wurde doch noch 2:1 gewonnen. Moritz Heyer traf in der Nachspielzeit, nachdem David Kinsombi den HSV per Foulelfer in Führung gebracht hatte. „Nach dem 1:0 haben wir gesehen, das die Köpfe angefangen haben zu rattern“, befand Kapitän Sebastian Schonlau nach dem Spiel, „das war nicht gut. Daran müssen wir dringend arbeiten. Aber man hat auch gesehen, wie sehr wir diesen Sieg wollten und wie viel uns dieser Sieg hier heute bedeutet.“ Ein hochverdienter Sieg übrigens…
Der Kapitän selbst hatte das muntere Scheibenschießen auch eingeläutet. Sein Pass wurde von Jonas Meffert auf Kinsombi verlängert, der wiederum den Ball direkt in den Lauf von Glatzel prallen ließ. Allerdings verzog der Angreifer dann doch recht deutlich drüber (6.). Kinsombi hatte auch zwei Minuten später wieder eine gute Idee, als er von rechts mit seinem schwächeren linken Fuß den Ball auf den zweiten Pfosten schlug, wo Moritz Heyer knapp am 1:0 vorbeirutschte (9.). Und um die bislang noch sehr ausbaufähige Quote beizubehalten vergab wiederum nur eine Minute später erneut eine gute Gelegenheit deutlich.
HSV dominiert von der ersten Sekunde an
Der HSV machte Tempo, und die Gäste? Die fielen durch Härte (Ritzmaier kassierte so schon nach zehn Minuten die erste Gelbe) und bei hohen Bällen auf, wo der HSV noch immer nicht so souverän wirkt, wie es Trainer Tim Walter fordert. Andererseits dürfte der Coach mit der Intensität seiner Mannschaft sehr zufrieden gewesen sein in dieser Anfangsphase, die erneut viel Ballbesitz – und weitere Torchancen besaß.
Wintzheimer, der heute den Vorzug vor Bakery Jatta erhalten hatte, machte über rechts Dampf und bereitete zunächst vor, ehe er in der 18. Minute selbst die erste große Chance hatte, den Ball aber nicht am Sandhäuser Keeper Drewes, der zuvor schon einmal stark gegen Leibold (12.) geklärt hatte, vorbei bekam. Gleiches Szenario in der 25. Minute, als Wintzheimer allein auf Drewes zulief. Diesmal ignorierte er den mitgelaufenen Sonny Kittel, ehe er aus kurzer Distanz an Drewes Reflex scheiterte. Spätestens diese Szene hätte das 1:0 sein MÜSSEN!
Aber: Der HSV spielte stark – es fehlte eben „nur“ das Tor. Oder besser gesagt: die Tore, die hier definitiv möglich gewesen wären. Die heute überraschend gebrachten Kinsombi (für Reis) und noch deutlicher der starke Wintzheimer (statt Jatta) rechtfertigten ihre Aufstellungen zweifellos. Der HSV lieferte eine erste Halbzeit, die ein wenig an die erste Hälfte gegen Dresden erinnerte. Ein Dauerfeuerwerk – allerdings ohne den erhofften Erfolg, weil Glatzels Ballablage Kittel so überraschte, dass er gar nicht erst reagierte (31.). Bitter, denn den hätte Kittel mit Sicherheit gemacht…
Erst in der 34. Minute hatte Sandhausen seine erste gute Chance, als Ajdini aus zentraler Position einfach mal abzieht und Heuer Fernandes zur Seite abwehren kann. Dass Sandhausen hier nicht das Spiel machen würde, war klar. Aber so passiv hätte ich sie nicht erwartet. Herausgespielte Torchancen hatte der Gast keine - allein Fehler im Aufbau des HSV sorgten für den Hauch von Gefahr. Das 0:0 zur Halbzeit aber war mehr als schmeichelhaft für den Diekmeier-Klub aus Baden Württemberg.
12:3 Torschüsse und 68 Prozent Ballbesitz bei einer starken Passquote von 85 Prozent standen nach 45. Minuten zu Buche. Und ich muss zugeben, dass ich angesichts der Fülle ausgelassener Gelegenheiten normalerweise den Nackenschlag befürchte. Dieses Gefühl hatte ich gegen Dresden beispielsweise – aber heute nicht. Zumal die zweite Halbzeit genauso weiterlief. In der 49. Minute hätte Meffert einen Abpraller nach Glatzel-Kopfball verwerten können. Aber: Es schlichen sich immer wieder kleine und größere Fehler im Aufbauspiel ein, die eine richtig gute Mannschaft wahrscheinlich besser genutzt hätte, als Sandhausens Keita-Ruel zu Beginn. Der zweiten Hälfte, als er sich von Schonlau abgrätschen ließ.
Kinsombi bringt HSV in Führung - der Beginn der verrückten Phase
Die erste schwache Szene des HSV kam in der 61. Minute – und zwar vom Trainer. Denn der nahm den bis hierhin besten HSVer, Manuel Wintzheimer vom Platz und brachte dafür Bakery Jatta. Für mich komplett unverständlich, da Wintzheimer alles andere als müde wirkte. Und: Sein Gesichtsausdruck ließ erahnen, dass auch Wintzheimer selbst gern weitergemacht hätte... Allerdings war auch Jatta sofort mitten im Geschehen und machte seinerseits nicht weniger Druck als sein Vorgänger.
Aber es bedurfte dann doch der Hilfe der Gäste, dass der HSV in Führung gehen konnte. Zenga foulte Sonny Kittel stumpf mit einem Tritt an den Kopf (71.) – und David Kinsombi verwandelte den Elfmeter sicher zum 1:0 (74.), nachdem es zuvor sogar noch eine Gelbrote Karte für Sandhausens Ritzmaier gegeben hatte. Der hatte den Elfmeterpunkt mit dem Fuß bearbeitet – aber der heute gute Schiedsrichter Bastian Dankert hatte die unsportliche Szene mitbekommen. Doppelte Strafe also für Sandhausen, wo im Anschluss Dennis Diekmeier eingewechselt wurde.
Aber auch der konnte das Spiel nicht verändern. Stattdessen ballerte der HSV weiter unter aufs Tor der Sandhäuser – und verfehlte wie Schonlau per Kopf (79.) und Jatta in der 80. Minute aus 15 Metern freistehend. Oder anderes formuliert: Der HSV blieb sein ärgster Gegner am heutigen Tag. Plötzlich kam wieder der Kopf ins Spiel, denn der HSV ließ Sandhausen noch einmal kommen. So, dass tatsächlich passierte, was nicht passieren durfte: Sandhausen traf. In Unterzahl. Sonny Kittel ließ sich vom Ex-St.-Pauli-Profi Conteh viel zu einfach wegschieben, der hatte Platz über außen und bediente in der Mitte den freistehenden Bachmann, der den Ball zum 1:1 einschieben konnte (88.). Bitter. Weil es die erste wirklich schlecht verteidigte Szene im HSV-Spiel war…
Brutales Finish - Heyer trifft zum Sieg
Abe der HSV gab nicht auf. Er fightete bis zur allerletzten Sekunde und verdiente sich diesen so wichtigen Sieg redlich. Der eingewechselte Reis flankte auf den zweiten Pfosten, wo Freund und Feind am Ball vorbeisprangen und Moritz Heyer an den Ball kommen ließen. Dieser nahm den Ball an, schaute kurz und schob ihn rein!! Das 2:1 in der sechsten Minute der Nachspielzeit – ein erlösender Treffer, der von den 20.000 Zuschauern zurecht frenetisch gefeiert wurde. Denn dieser Sieg war sowas von verdient, dass eine Punkteteilung schon eine zu harte Strafe gewesen wäre…
24:9 Torschüsse und 74 % (!!) Ballbesitz machen deutlich, wie einseitig diese Partie war. Und ich hoffe, dass der Ausgang dieses Spiels vor allem in seinem Zustandekommen der Mannschaft einen Schub gibt, den sie mit ins Nordderby am kommenden Sonnabend gegen Werder Bremen nimmt. Von mir jedenfalls gibt es heute neben dem Tadel für die vergebenen Torchancen nur Lob. Der Einsatz und die Laufbereitschaft waren eine glatte 1, hinten haben sie bis auf eine Szene stark verteidigt, im Mittelfeld haben sie gut gestanden und nach vorn mehr als genügend Torszenen erarbeitet. Wenn ich dann noch sehe, wie ein Mikkel Kaufmann nach Schlusspfiff jubelt, obwohl er wieder nur ein paar Minuten auf dem Platz stehen durfte – dann muss ich einfach sagen: Das hat gepasst!
„Es ist natürlich immer geil ein Spiel kurz vor Schluss zu gewinnen. Trotzdem müssen wir den Sack früher zumachen. Wir reden immer von Entwicklung, aber diese Entwicklung haben wir heute gesehen. Die Fans haben richtig Gas gegeben, so laut habe ich das Stadion noch nie gehört“, fasste Heyer bei „Sport1“ zusammen und fügte zum zwischenzeitlichen 1:1 an: „Grundsätzlich darf man so ein Tor nicht kassieren, aber wir wollen das Positive mitnehmen. Wir haben bis zum Ende an uns geglaubt. Die drei Punkte sind sehr wichtig. In der letzten Zeit ist viel auf uns eingeprasselt, aber wir haben an uns geglaubt.“ Das Schlusswort gebührt heute allerdings dem zuletzt viel gescholtenen Trainer Tim Walter: „Das hat die Mannschaft richtig gut gemacht. Wir freuen uns über den Sieg, weil er mehr als verdient war. Wir haben es immer probiert, auch in der Nachspielzeit. Wir haben vor dem Tor noch zwei Großchancen gehabt. Am Ende haben wir uns zurecht belohnt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Team. Wir sind hier der verdiente Sieger.“ Stimmt.
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend und bis Montag!
Scholle
Das Spiel im Stenogramm:
HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah (67. Reis) , David, Schonlau, Leibold - Meffert, D. Kinsombi, Heyer - Wintzheimer (61. Jatta), Glatzel (89. Kaufmann), Kittel (89. Muheim)
SV Darmstadt 98: Drewes - Ajdini (75. Diekmeier), Höhn, Zhirov, Okoroji (61. Soukou) - Zenga, Bachmann, Esswein (75. C. Kinsombi), Ritzmaier, Sicker - Keita-Ruel (75. Benschop)
Tore: 1:0 D. Kinsombi (74, FE), Bachmann (88.), 2:1 Heyer (90.+6.)
Zuschauer: 19.950 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock)
Gelbe Karten: - / Ritzmaier (11.), Esswein (69.), Zenga (71.)
Gelb-Rote Karten: - / Ritzmaier (72.)
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