Meinung

Unter Walter wird es beim HSV nie langweilig

Fußball ist kein allzu kompliziertes Spiel. Es sei denn, man versucht, es zusätzlich kompliziert zu machen. So, wie HSV-Trainer Tim Walter, der damit versucht, bei den Gegnern…

Unter Walter wird es beim HSV nie langweilig

Fußball ist kein allzu kompliziertes Spiel. Es sei denn, man versucht, es zusätzlich kompliziert zu machen. So, wie HSV-Trainer Tim Walter, der damit versucht, bei den Gegnern Chaos zu entfachen. „Am ersten Tag habe ich mich noch gefragt, wie das alles funktionieren soll“, hatte Moritz Heyer zu Beginn der Vorbereitung in einem Interview mit der eigenen Presseabteilung über das System Walters gesagt und hinzugefügt: „Im Endeffekt ist es dann aber doch recht simpel. Man spielt den Ball und macht sich danach wieder anspielbar. Bis dato komme ich damit sehr gut klar, zumal mir in diesem Fall entgegenkommt, dass ich viele Positionen spielen kann.“ Gegen Schalke traf er so sogar – aber darum geht es mir nicht.

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Mir geht es vielmehr darum, zu erkennen, ob Walters System zu wild ist, oder ob es so ist, wie Ralf Becker es dem Abendblatt-Kollegen gerade sagte. „Tims Fußball sieht vielleicht wild aus, aber er ist nicht beliebig. Dahinter steckt ja eine Systematik. Ich weiß nicht, ob es im Fußball noch einen Trainer gibt, der das so konsequent spielen lässt wie der Tim“, so der Sportgeschäftsführer von Dynamo Dresden. Der ehemalige HSV-Sportvorstand (2018 bis 2019) hatte Walter einst als Coach zu Holstein Kiel geholt. „Tim Walter ist unberechenbar. Er ist ein sehr guter Trainer mit einer klaren Idee.“ Und wenn Becker, den ich für einen herausragenden Fachmann halte, das sagt, dann maße ich mir nicht an, dem zu widersprechen.

Das System Walter: Organisiertes Chaos?

Zumal mich eine Sache bei Walter bislang begeistert: Er redet nicht nur davon, sondern er arbeitete und arbeitet weiter sehr hart mit seinen Spielern. Heute ließ er nach zwei freien Tagen im Anschluss an das intensive Training auf dem Platz noch einen Kraftzirkel trainieren. Hart für die Spieler – aber auf dem Platz notwendig, um in der entscheidenden Phase mehr Körner zu haben als der jeweilige Gegner. Walter setzt insgesamt auf praxisnahes Training. Er lässt sehr viel Eins-gegen-eins trainieren. Und damit die Mannschaft seine mutigen Abläufe verinnerlicht, lässt der Coach in intensiven Spiel- und Wettkampfformen arbeiten und fordert dabei mutige Entscheidungen seiner Spieler lautstark ein. Oder anders formuliert: Man sieht im Training, was Walter will.

Vor allem sieht man im Spiel, was Walter trainieren lässt. Auf Schalke führte das Risiko zum frühen 0:1. Aber es führte eben auch dazu, dass die Mannschaft nicht in sich zusammenbrach wie in den letzten Jahren immer wieder. Vielmehr stand der HSV sofort wieder auf und drückte Schalke in die eigene Hälfte. Ein Ballbesitz von 73:27 Prozent sagt hierzu eine Menge aus. Ebenso wie die Phase nach dem Ausgleichstreffer von Robert Glatzel. Denn hier hatte der HSV das Visier sehr weit offen. Nach vorn führte das letztlich zu zwei Treffer und damit zum verdienten Sieg – allerdings hätte man vorher auch schon  zwei oder mehr Gegentore kriegen können. Und genau DAS ist das Riskante im System Walter: Er will immer nach vorn spielen und das Spiel bestimmen. Aktion steht bei dem HSV-Trainer weit vor Reaktion. Im Grunde ist er so etwas wie das Gegenstück zu Dimitrios Grammozis…

Walter lässt die Spieler im Training leiden

Ob das am Ende reicht, um aufzusteigen – ich mag es nicht vorhersagen. Aber ich bin mir sicher, dass die Mannschaft am Saisonende zu den fittesten HSV-Teams der letzten Jahre gehören wird - weil eine Mannschaft im Walter-System immer mehr laufen können muss als der Gegner. Auch das lässt Walter trainieren. Auf Schalke waren es am Ende rund 117 Kilometer auf HSV-Seite – 115 Kilometer auf Schalker Seite. Und das, obwohl man selbst dreimal so oft/lange den Ball in den eigenen Reihen hatte. Eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Und ein ebenso unerwartetes wie aus HSV-Sicht erfreuliches Ergebnis. Passend dazu: Die heutige Trainingseinheit betitelten die BILD-Kollegen vor Ort als „Quäl-Einheit“ – was mich sehr freut. Denn mehr laufen zu können, höher springen und härter in die Zweikämpfe gehen zu können als der Gegner – das wird nie falsch sein. So einfach ist der Fußball dann eben doch wieder. Auch für Walter.

Alles andere als einfach wird es gegen Dynamo Dresden am Sonntag. In dem Spiel gegen den Aufsteiger wird es spannend zu sehen sein, wie der HSV gegen tieferstehende Teams agiert. Insgesamt wird es spannend werden, inwieweit sich Walters System auf verschiedene Gegner anwenden lässt. Vor allem, nachdem es am vergangenen Freitag schon das erste Mal so gut funktioniert hat. Und eines ist nahezu sicher: Langweilig wird es unter Walter nicht…

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder um 7.30 Uhr. Mit dem MorningCall sowie mit dem tagesaktuellen Blog und dem Communitytalk am Abend.

Bis dahin!

Scholle 

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