Spielbericht

Trotz Überzahl nur 1:1 gegen Düsseldorf - dieser HSV ist noch nicht reif für die Spitze

Tim Walter fordert immer wieder Mut von seinen Spielern. Und er bewies ihn heute selbst. Ich fand‘s sogar gut. Zugegeben. Zwei Spitzen, Kittel dahinter – das fand ich zumindest…

Trotz Überzahl nur 1:1 gegen Düsseldorf - dieser HSV ist noch nicht reif für die Spitze

Tim Walter fordert immer wieder Mut von seinen Spielern. Und er bewies ihn heute selbst. Ich fand‘s sogar gut. Zugegeben. Zwei Spitzen, Kittel dahinter – das fand ich zumindest gut. Auch die Einwechslung von Ludovit Reis und Anssi Suhonen für die zuletzt schwächelnden David Kinsombi und Moritz Heyer waren okay. Wobei ich Heyer nicht runtergenommen hätte. Aber das war auch das Einzige, was ich vor diesem Spiel zu bemängeln hatte. Endlich mal mit zwei echten Spitzen antreten, das ist doch mal ein Fortschritt - dachte ich zumindest. Aber dann kam der Anpfiff und Robin Meißner fand sich plötzlich auf der rechten Außenbahn wieder. Schade eigentlich.

Trotzdem begann der HSV dieses Spiel wie jedes andere unter Trainer Tim Walter: mit Offensivpressing. Problem dabei: Düsseldorf löste sich jedes Mal schnell aus der eigenen Defensive. Vor allem, wenn der HSV in den Zweikämpfen mal einen Tick zu spät kam, ging es schnell und hätte schnell gefährlich werden können. Allein die Düsseldorfer wussten nicht, den Abschluss zu finden oder im letzten Moment kam doch noch ein HSV-Bein dazwischen. Und obwohl beide Teams sehr aggressiv zu Werke gingen, passierte nichts. Knapp 20 Minuten gab es bis auf einen ungefährlichen Fernschuss von Khaled Narey (8.) nichts Nennenswertes. Aber dann…

Robert Glatzel bringt HSV in Führung

Erst sah Sonny Kittel den im 16-Meter-Raum stehenden Robert Glatzel – der allerdings einen Gegenspieler im Rücken hatte. Dass Glatzel schon mit der Ballannahme (er legte sich den Ball mit links durch die Beine in den Lauf vor) seinen Gegenspieler ausspielte war dann ganz großes Tennis im Volksparkstadion! Der Abschluss (ebenfalls mit dem vermeintlich schwachen linken Fuß) zum 1:0 krönte diese starke Aktion. Eine Führung, die den HSV auch beflügelte, zumal sich die Düsseldorfer selbst noch schwächten.

Der erfahrene Edgar Prib kam gegen Leibold deutlich zu spät zum Ball und foulte diesen so übel, dass ich jetzt noch ne Gänsehaut bekomme. Dass Leibold trotzdem weiterspielte – ich hätte es nicht gedacht. Schiedsrichter Christian Dingert zog im ersten Moment zwar nur Gelb, wurde aber aus Köln (oder von seinem Assistenten) schnell darauf aufmerksam gemacht, noch diese Szene noch mal anzusehen. Nach wenigen Sequenzen war dann auch für Dingert klar: Rote Karte für Prib (25.). Und die war mehr als berechtigt. Dennoch blieb es bis zur Halbzeit beim 1:0, da der HSV seine Angriffe zu selten konsequent zuende spielte. Entweder verpasste man den Moment für den Abschluss, oder der letzte Pass saß nicht.

Fazit nach 45 Minuten: Die erste Hälfte war nach dem etwas wackeligem Start unter Kontrolle bekommen worden. Einzig Khaled Narey wusste immer wieder für den Hauch von Gefahr vorm HSV-Tor zu sorgen. So auch zu Beginn der zweiten Halbzeit, als der Ex-HSVer mit Tempoläufen über die linke HSV-Seite gefährlich wurde. Insgesamt, das muss man so sagen, machte das HSV-Geschenk an die Fortuna (Narey bekam sogar noch eine Abfindung mit auf den ablösefreien Weg nach Düsseldorf) ein richtig gutes Spiel und hätte zwingend den Ausgleich schießen müssen, als er in der 59. Minute allein auf Keeper Daniel Heuer Fernandes zulief und diesen nur noch hätte umkurven müssen. Er aber wählte den Querpass, den Meffert mit einer Grätsche zur Ecke lenken konnte und dafür von den 38.954 Zuschauern einen Szenenapplaus erntetet, der lauter war als der Torjubel beim 1:0. Aber: Verdientermaßen, zumal Meffert auch sonst ganz stark spielte.

Ebenfalls immer besser ins Spiel kam Robin Meißner, der erst eine Großchance für Glatzel einleitete  (52.), dieser den Ball zu zentral direkt auf Düsseldorfs Keeper Kastenmeier zielte. Keine drei Minuten später war es dann andersrum: Glatzel auf Meißner, der mit links per Direktabnahme knapp drüber (55.). Und obwohl Meißner gerade Fuß zu fassen schien, nahm Walter ihn für Faride Alidou raus. Warum auch immer. Vor allem aber war das nicht der einzige Wechsel, der den HSV eher aus dem Tritt brachte als noch einmal zu pushen vermochte. Auch der gute Suhonen (für ihn kam Heyer) musste runter. Ebenso Tim Leibold, für den Miro Muheim kam. 

Und es fiel der Ausgleich. Nicht wegen Muheim, sondern einfach, weil der HSV nach vorn zwar etliche Flanken in den Sechzehner schlug, aber insgesamt nicht zielstrebig genug agierte und somit zu wenig Druck aufbaute. „Dass wir das Gegentor kriegen, ärgert mich am meisten“, sagte Walter und kritisierte „zu wenig Zielstrebigkeit in Überzahl.“ Dass man zudem nach hinten trotz Überzahl konteranfällig blieb und das Spiel so nicht vorentschieden werden konnte, hielt die Düsseldorfer unnötig am Leben. Und die wiederum nutzten ihre Chance auf den Punktgewinn. Narey hatte geflankt, Düsseldorfs Klaus legte den Ball nach hinten ab, wo der einst vom HSV umworbene und gerade eingewechselte Robert Bozenik den Ball über die Linie stocherte (71.).

Viele Wechsel, keine Inspiration - und Düsseldorf trifft

Der HSV war jetzt raus aus dem Spiel. Zu viele Wechsel, zu wenig Druck und die fehlende defensive Stabilität sorgten dafür, dass der HSV einen leicht zu holenden Dreier verspielte. Da halfen auch die Einwechslungen von Bakery Jatta und Tommy Doyle (kamen 86. Minute für Reis und Gyamerah, der in der zweiten Hälfte ein Unsicherheitsfaktor war) nichts mehr. 123 gelaufene Kilometer zeugen zwar davon, dass die Mannschaft definitiv gewillt war und wieder sehr viel investiert hat. Aber es fehlen aus meiner Sicht einfach die Überraschungsmomente, auch taktisch mal etwas umzustellen und den Gegner nicht immer nur mit permanentem Anlaufen und Positionswechseln verwirren zu wollen. Die Zuschauer im Volksparkstadion jedenfalls waren genervt und quittierten das 1:1 nach Schlusspfiff mit Pfiffen.

Hier werden sich Walter und sein Trainerteam für die nächsten Wochen etwas einfallen lassen müssen. Denn so reicht es definitiv nicht. „Es ist schwierig in Worte zu fassen, was uns heute widerfahren ist. Wir sind sehr enttäuscht. Der Spielverlauf ist leider etwas symptomatisch für unsere aktuelle Situation, denn wir kreieren sehr viele Torchancen und belohnen uns einfach nicht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir bei einer 60-minütigen Überzahl noch zielstrebiger in die Box reingehen und die Abschlüsse suchen müssen. In diesem Bereich sterben wir zu oft in Schönheit und lassen den Gegner dadurch am Leben. Wir haben zwar alles investiert, haben die nötige Konsequenz aber vermissen lassen“, war Walter nach Schlusspfiff enttäuscht.

Fakt ist jedenfalls, dass der HSV nach zehn Spielen nur drei Siege einfahren konnte. Er hat zwar auch nur eine Partie verloren – aber sechs Unentschieden zeugen davon, dass man nicht in der Lage ist, den Sack zuzumachen, bevor der Gegner doch noch mal zuschlägt – aber so, wie das Spiel heute lief. „Heute können wir nicht zufrieden sein“, resümierte auch Daniel Heuer Fernandes, „im Ballbesitz waren wir unsauber und nicht konsequent nach vorne. Wir hatten zwar unsere Torchancen, aber auch da waren wir einfach nicht konsequent genug.“

Oder anders formuliert: So reicht das einfach nicht für oben! Zumal der HSV bereits mehrfach Überzahlsituationen nicht auszunutzen wusste. Walter selbst sprach zwar heute davon, dass es nicht an der Konzentration der Mannschaft liegen könne – aber er weiß auch, dass sein Team einfach nicht die Mittel findet, Spiele von Beginn bis zum Ende konsequent zu spielen. Und er konnte seinem Team bislang von außen auch zu selten Impulse geben, die das Spiel positiv veränderten. Gute Phasen gab es zwar in bislang fast jedem Spiel (Aue mal ausgenommen) – aber es gab eben noch kein einziges Spiel, das man souverän nach Hause geschaukelt hat. Und deshalb steht der HSV auch zurecht mit sieben Punkten Rückstand auf den Stadtrivalen FC St. Pauli auf Platz 6. Wobei er morgen noch weiter nach hinten zu fallen droht…

In diesem Sinne, ich muss ins Bett. Morgen gibt es dann mehr. Ausgeruht. Aber sicher auch dann nicht weniger enttäuscht als jetzt.

Scholle

DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah (86. Jatta), Schonlau, David, Leibold (71. Muheim) - Meffert - Suhonen (63. Heyer), Reis (86. Doyle) - Kittel - Meißner (63. Alidou), Glatzel

Fortuna Düsseldorf: Kastenmeier - Zimmermann, Klarer, Nedelcu, Hartherz - Sobottka (70. Tanaka), Prib, Bodzek (90.+4 Piotrowski) - Narey (90.+4 Shipnoski), Hennings (70. Bozenik), Peterson (70. Klaus) 

Tore: 1:0 Glatzel (19.), 1:1 Bozenik (72.)

Zuschauer: 38.954

Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)

Gelbe Karten: Leibold (40.+5), Glatzel (86.) / Hennings (41.), Co-Trainer Kleine (74.)

Gelb-Rote Karten: - / -

Rote Karten: - / Prib (25.)

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