Tim Walters Geduld könnte sich jetzt bezahlt machen
Der HSV hat das Derby im Weserstadion gewonnen. Und das nach einem wirklich packenden Spiel. „Tore, Platzverweise, Emotionen und ein Regel-Blackout - nach einem tristen…

Der HSV hat das Derby im Weserstadion gewonnen. Und das nach einem wirklich packenden Spiel. „Tore, Platzverweise, Emotionen und ein Regel-Blackout - nach einem tristen Erstliga-Nachmittag sorgte das erste Nordderby zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV in der 2. Liga für einen packenden Fußball-Abend und die nicht ganz neue Erkenntnis, dass es im Unterhaus in dieser Saison oftmals brisanter zugeht als im Oberhaus“ schrieb beispielsweise die Deutsche Presse-Agentur - und ich finde, sie hat damit Recht. Ebenfalls völlig okay war und ist, dass die HSV-Fans diesen Moment einmal auskosten – schließlich haben sie allesamt viel lange darauf warten müssen, mal wieder ein solches Spiel zu gewinnen. Aber spätestens heute, zwei Tage nach diesem Derbysieg, stellt sich dann wieder die Frage: Wo steht der HSV heute?
Und damit meine ich nicht die ablesbare Tabelle der zweiten Liga, sondern den Stand der Mannschaft. Nichts ist ätzender, als nach so einem Erfolg im nächsten Step zu patzen. Denn dann kommen wieder die Stimmen auf, dass man Erfolge nicht richtig einordnen könne oder auch, dass es alles nur eine Momentaufnahme war. Letzteres zu widerlegen, das muss die Kernaufgabe für das Team sein, das am Sonnabend in Bremen ein gutes Spiel gemacht hat – zumindest knappe 60 Minuten lang. Denn danach wurde man entweder zu passiv – oder es waren tatsächlich die Kräfte, die nach dem Aufwand der ersten 45 bis 60 Minuten schwanden.
Wäre letzteres der Fall, was die Statistiken der Analysten zweifellos zeigen würden, müsste Trainer Tim Walter gegensteuern. Denn dann läuft der HSV weiterhin die große Gefahr, selbst gut begonnene Spiele wie in Bremen ob seiner Abschlussschwäche (siehe zweite Halbzeit Bakery Jatta) immer wieder zu gefährden und sogar noch abzugeben. Sollte es „nur“ die Abschlussschwäche sein, dann muss man machen, was man seit Wichen macht: an diesem Problem tagtäglich arbeiten. Oder zumindest fast tagtäglich, denn heute war frei.
Womit ich zu einem Punkt komme, den Marinus Bester (seinerzeit selbst HSV- und Werder-Stürmer) schon am Sonnabend nach dem Spiel auf der Couch ansprach: Warum kommen die Spieler des HSV nicht mal selbst auf die Idee, den physiologisch durchaus sinnvollen Erholungstag zu kassieren und dem Trainer vorzuschlagen, dass man diesen Tag für derartige Sondereinheiten nutzt. Das birgt physiologisch sicher einen Nachteil. Aber sicher keinen, den man mit intensiverer Behandlung seitens der medizinischen Abteilung genauso sicher kompensieren ließe. Psychologisch hätte es obendrein den Vorteil, dass alle wüssten, auch nach so einem wichtigen Sieg nicht weniger sondern mehr gearbeitet zu haben. Ich weiß zumindest aus eigener Erfahrung, dass mir und meinen Mannschaften sowas immer gutgetan hat. Und damit meine ich nur die interne Wirkung. Die positive Außenwirkung für diese HSV-Mannschaft bei einer solchen Maßnahme lasse ich an dieser Stelle noch komplett unbeachtet.
Aber, um das an dieser Stelle auch einmal ganz klar zu sagen: Das ist eine „Kann“- und keine „Muss“-Aktion. Denn diesen freien Tag erlauben sich fast alle Profiteams fast jede Woche. Aus Gründen, die wissenschaftlich bewiesen sind. Wer sich schon einmal intensiver mit Trainingslehre beschäftigt hat, der weiß, dass der zweite Tag nach der Höchstbelastung der ist, an dem der Körper am meisten Regenerationsbedarf hat. Und der Trainer wird mithilfe seiner medizinischen Abteilung am besten abschätzen können, was die Mannschaft gerade braucht.
Dennoch würde ich eine solche Aktion dieser Mannschaft tatsächlich zutrauen. Und das meine ich als Kompliment. Denn durch eines besticht sie Woche für Woche immer wieder: durch Bereitschaft. Sie sind bereit, das laufintensive, anstrengende Spiel von Tim Walter zu spielen. Und das ohne rumzujammern. Weder offiziell noch inoffiziell habe ich bislang irgendwelche Vorbehalte vernommen – und das war in den letzten zehn Jahren fast jede Saison anders. Der Vorteil diesmal: Vorstand und Trainer geben eine Null-Toleranz-Haltung vor. Zudem gibt es die so genannten „Stars“ vergangener Spielzeiten auch gar nicht mehr, die sich wichtiger nehmen als das Ganze. Im Gegenteil: Die jungen Spieler sowie die, die aufstreben, sind beim HSV derzeit die Leistungsträger. Von Daniel Heuer Fernandes über Sebastian Schonlau, Moritz Heyer, Jonas Meffert und Robert Glatzel bis hin zu Jonas David, dem ich weiterhin ansteigende Form attestiere, obwohl ich weiß, dass viele das hier anders sehen. Dass er in Bremen der zweikampstärkste HSV-Spieler war ist dabei nur ein kleiner Punkt von vielen, die mich hoffen lassen, dass sich die Geduld von Trainer Tim Walter, an David festzuhalten, weiterhin auszahlt und irgendwann als Grundstock dafür gelten wird, weshalb David zum gestandenen Leistungsträger in der zweiten Liga wurde.
Vor allem aber ist mir trotz des schwerstmöglichen Ausfalls durch die Sperre für Sebastian Schonlau, den ich für das Gehirn des HSV-Teams halte, nicht bange für das Spiel am Sonntag gegen den 1. FC Nürnberg, wo der Trainer mit einem hoffentlich wieder vollständig gesunden Heyer und mit Mario Vuskovic zwei Alternativen für die Innenverteidigung hat. Neben David wohlgemerkt, der sich von Spiel zu Spiel weiterentwickelt. Und ich gebe zu, dass ich darauf hoffe, dass Walter auf den jungen Zugang Vuskovic setzen kann. Das klingt zwar in Kombination mit David noch etwas riskant – aber es könnte dank der Spielpraxis, die David inzwischen hat, gutgehen. Schon in diesem Fall würde sich auszahlen, dass der Trainer beharrlich geblieben ist.
Zumal der Trainer im Mittelfeld mit der Kombo Meffert/Kinsombi/Heyer endlich das Mittel gefunden zu haben scheint, seinem ebenso spektakulären wie riskanten Offensivfußball eine stabilere Defensivarbeit entgegenzustellen. Alle drei sind gelernt eher defensive Mittelfeldspieler, wobei Kinsombi und aktuell noch auffälliger auch Heyer durchaus auch Offensivqualitäten und Torgefahr besitzen. Selbiges unterstelle ich übrigens auch Ludovit Reis, wenn dieser sich denn endlich mal traut, nach vorn Risiko zu gehen. Defensiv darf der junge Niederländer gern weiter so hart ackern, wie er es eigentlich immer macht, wenn er auf dem Platz steht. Aber wie gesagt: Offensiv unterstelle ich ihm einfach mal die Fähigkeit, den finalen Pass zu spielen oder sogar selbst zum Abschluss zu kommen. Wenn er sich endlich mal traut…
Und: Wer am Sonnabend gesehen hat, wie sich alle Spieler – von der Nummer 1 bis zum letzten Bankspieler – nach Schlusspfiff wieder euphorisch jubelnd in den Armen lagen, der kann sich selbst ein Bild malen, wie intakt diese Truppe derzeit intern ist. Zudem scheint sich diese Truppe endlich im Klaren zu sein, dass Siege in dieser Zweiten Liga eben nichts Normales und nichts Erwartbares mehr sind, sondern immer 100 Prozent harte Arbeit voraussetzen. Denn die liefert der HSV. Immer mindestens 60 bis 70 Minuten.
Mit anderen Worten: Der Weg des HSV in dieser Saison wird steiniger noch als in den letzten Jahren. Die Konkurrenz hat aufgeholt, während der HSV an individueller Qualität etwas abgebaut haben mag – dafür aber hat man sich als Kollektiv verbessert. Es gibt spielerisch und taktisch sicher weiter Optimierungsbedarf. Und den muss, kann und darf man auch genau so benennen. Genauso, wie man aber endlich auch loben darf, was eben schon stimmt. Denn weder die Mannschaft und am wenigsten Walter scheinen zu früh zufrieden zu sein. Wer das nicht glaubt, der darf gern mal beim Training genauer zuschauen/hinhören oder sich mit den Spielern unterhalten.
In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch dann am Abend neben allem Neuen rund um den HSV noch über ein paar Dinge in eigener Sache informieren bzw. Eich um Eure Meinung zu verschiedenen Themen bitten.
Bis dahin!
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