Analyse

Talentförderung beim HSV: Der Fall Karim Coulibaly zeigt alte Muster

der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Nordderbys. Zum einen treten heute aufs Neue die Frauen des HSV bei Werder Bremen an. Dabei sind ca. 30 000 Fans im Weser-Stadion…

Talentförderung beim HSV: Der Fall Karim Coulibaly zeigt alte Muster

Moin zusammen,

der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Nordderbys. Zum einen treten heute aufs Neue die Frauen des HSV bei Werder Bremen an. Dabei sind ca. 30 000 Fans im Weser-Stadion dabei. Da finde ich eine tolle Sache. Zum einen zeigt es die Stärke und Anziehungskraft der beiden Vereine, zum anderen stärkt so ein Spiel und so eine Atmosphäre das Image des Frauenfußballs.

Eine Sache, die in Hamburg mittlerweile wahrscheinlich nicht mehr als ganz so positiv angesehen wird, ist der ablösefreie Wechsel von Karim Coulibaly aus der U19 des HSV hin zur U19 des SV Werder Bremen im Jahr 2024. Nun ist Coulibaly eines der aufstrebenden Talente der Bundesliga und soll angeblich auf der Liste einiger europäischer Clubs stehen.

Geringe Perspektive beim HSV, bei Bremen zum Profi

Karim Coulibaly wechselte 2018 in die Jugend des HSV und spielte dort bis zur U19. Beim HSV sei man zum Zeitpunkt des Wechsels noch nicht überzeugt gewesen, dass Coulibaly bereit für die Profis sei. Werder Bremen zeigte Coulibaly ihren klaren Plan und überzeugte den damals 16-Jährigen so, an die Weser zu wechseln. Coulibaly wird wie folgt in der Bild-Zeitung zitiert: „Sie {Werder Bremen} haben mir einen Weg aufgezeigt, bei dem ich mir sicher bin, dass ich die nächsten Schritte in meiner Entwicklung machen kann.“ Anhand dieser Aussage lässt sich interpretieren, dass man beim HSV keine guten Argumente lieferte, um Coulibaly zu überzeugen, beim HSV zu bleiben.

Mittlerweile, 1,5 Jahre später, spielt Coulibaly bei den Profis des SV Werder Bremen und stand bis auf das erste Spiel in Frankfurt immer in der Startelf. Mittlerweile hat der in Oldenburg geborene Innenverteidiger einen Marktwert von 1 Million Euro. Bei seinem jungen Alter dürfte eine Ablöse im zweistelligen Millionenbereich definitiv möglich sein. Laut der Bild-Zeitung sind mehrere Vereine aus Italien, England und Portugal an dem 18-Jährigen interessiert. Ein Club soll dabei wohl sogar bereit sein, 15–20 Millionen Euro zu bezahlen. Bei einem solchen Transfer würde sich Bremen höchstwahrscheinlich noch eine Weiterverkaufsbeteiligung sichern und sollten die genannten Beträge wirklich Realität werden, würde man in Bremen mit Coulibaly sicherlich 18–25 Millionen Euro einnehmen.

Der Coulibaly-Tranfer ist kein Einzelfall

Dieser Transfer beschreibt in wesentlicher Weise das Handeln des HSV bei Talenten. Entweder verliert man Talente, weil man nicht von ihnen überzeugt ist, wie im Fall von Coulibaly, oder man gibt sie einfach für günstiges Geld ab. Für den zweiten Fall könnte ich jetzt ziemlich viele Spieler nennen. Als Beispiel gebe ich hier einfach mal die prominentesten Namen in Kerem Demirbay und Jonathan Tah. Demirbay verkaufte man für 4,7 Millionen Euro, weil man nicht von ihm überzeugt war. 3 Jahre später spielte Demirbay in der Nationalmannschaft und wechselte für 32 Millionen Euro von Hoffenheim nach Leverkusen. Auch Jonathan Tah galt als großes Talent beim HSV. Trotz eines Marktwertes von 6 Millionen Euro bei einem Alter von 19 Jahren verkaufte man Tah für lediglich 9 Millionen Euro nach Leverkusen. Immerhin verankerte man hier eine Klausel im Vertrag, dass der HSV bei jeder einzelnen Champions-League-Teilnahme von Leverkusen einen Bonus bekommt. Tah entwickelte sich bei Bayer Leverkusen zu einem der besten Innenverteidiger der Bundesliga, spielt seitdem in der Nationalmannschaft und wechselte in diesem Sommer nach München zum Rekordmeister. Hier muss man natürlich noch anmerken, dass Tah damals weg wollte. Aber auch hier hat man keinen Weg gefunden Tah vom Verbleib zu überzeugen. Auch Son, Calhanoglu und Vagnoman könnte man hier noch nennen.

Bei so einem Handeln frage ich mich immer wieder, wo der Fehler liegt. Sicherlich gibt es Spieler, die sich nach einem Transfer ohne Vorhersage auf einmal sehr schnell sehr gut entwickeln, aber das kann nicht bei allen Spielern, die hier aufgezählt wurden, sein. Warum sehen andere Vereine Potenzial in Spielern, welches man in Hamburg nicht sieht? Und selbst wenn man solche Spieler hat und das Talent sieht, warum kann man sie nicht halten?

Die Wende durch Stefan Kuntz?

Positiv ist, dass man seit dem Antritt von Stefan Kuntz wohl mehr auf die Jugend setzt. Schon beim ersten Gespräch mit dem ehemaligen Trainer Steffen Baumgart soll es ja um die Einbindung der Jugend gegangen sein. Und seither muss man sagen, dass die Jugend deutlich häufiger eingesetzt wird. Unabhängig vom Trainerwechsel. Otto Stange kam in der letzten Saison auf 14 Einsätze in der 2. Bundesliga, Balde stand sogar 22-mal auf dem Platz. Auch in der Vorbereitung durften ein paar Jugendspieler mit ins Trainingslager fahren. Einige trainieren auch regelmäßig bei den Profis mit. Vor allem Moritz Reimers und Collin Poppelbaum waren in der Vorbereitung immer wieder dabei. Das zeigt, dass sich das Handeln des HSV seit dem Antritt von Stefan Kuntz zumindest bis zum aktuellen Zeitpunkt enorm verbessert hat. Denn man schafft es auch, die Spieler zu halten. Balde hatte im Sommer angeblich Angebote und auch Otto Stange wird sicherlich auf der einen oder anderen Liste stehen. Vor allem der Umgang mit diesen beiden Spielern gefällt mir. Balde und Stange fanden letzte Saison den Weg aus der Jugend hin zu den Profis und sind ziemlich schnell ein fester Bestandteil der Profis geworden. Balde spielte in dieser Saison sogar schon 3 Spiele in der Bundesliga.Stange kam auf einen Einsatz.

Sicherlich hat auch Stange das Potenzial, Bundesliga zu spielen, doch bei einer Spitze und 3 Stürmern, die auf der Liste weiter oben stehen, macht die Leihe in die 2. Liga Sinn. Vor allem, weil man mit Elversberg den Verein gefunden hat, der in den letzten beiden Jahren dafür stand, junge Talente zu entwickeln. Beispiele sind Elias Baum, Muhammed Damar, Paul Wanner und natürlich allen voran Fisnik Asllani. Und auch bei Otto Stange sieht man sofort Auswirkungen. In 3 Spielen kommt der 18-jährige bis jetzt auf 4 Torbeteiligungen. Im Spiel gegen Bundesliga-Absteiger Holstein Kiel nahm er sich in der 90. Minute den entscheidenden Elfmeter und verwandelte ihn souverän ins Eck zum Heimsieg für die Saarländer.

Fazit

Coulibaly steht wieder einmal sinnbildlich für das unglückliche Handeln des HSV, was junge Spieler angeht. Wieder einmal steht ein junger Spieler, der aus Hamburg ablösefrei zu einem anderen Verein wechselte, im Fokus europäischer Vereine. Das ist ein Muster, welches sich seit Jahren beim HSV durchzieht. Jedoch scheint es seit der Leitung von Stefan Kuntz anders abzulaufen. Man setzt mehr auf junge Spieler und auch auf Eigengewächse. Natürlich hat man als Bundesligist nun auch mehr Argumente, Talente zu binden, jedoch scheint es mir so, als wenn man nun auch bewusst darauf setzt, während man das Ganze vorher eher vernachlässigt hat. Wie gut das am Ende funktioniert, werden wir erst in der Zukunft sehen, aber vor allem das Handeln in der Personalie von Stange und Balde scheint zu funktionieren. Es kann aber natürlich auch sein, dass wir in 3 Jahren hier sitzen und darüber diskutieren, warum man im Sommer z. B. Omar Silah und Luis Seifert abgegeben hat, aber immerhin scheint man zumindest die Durchlässigkeit von der Jugend hin zu den Profis besser zu gestalten.

Im Nachhinein ist man immer schlauer, aber Coulibaly wurde schon damals als Juwel betitelt. Dass man so einen Spieler ablösefrei abgibt, erschließt sich mir nicht. Ich hoffe, dass solche Spieler in Zukunft beim HSV bleiben und dann den Durchbruch in der Profi-Mannschaft schaffen. Denn es gab nun mal auch Spieler wie Amadou Onana, der den Durchbruch geschafft hat und dem HSV Ablöse plus weitere Zahlungen durch Klauseln eingebracht hat.

Tom

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