Taktik und Psychologie - Harmonie als Leistungskiller
ch war am Sonntag mal wieder im Stadion (danke, Michi fürs Mitnehmen). Das Spiel im Stadion zu erleben, ist - auch für den Psychologen - etwas anderes als es im TV zu sehen.…

Erste Runde im DFB-Pokal in Bayreuth. Das klingt irgendwie nach einem Spiel, über welches man in ein paar Jahren nicht allzu gern spricht. Zumal der HSV im Vorfeld mal wieder mit internen Querelen auffällt und ein Bild abgibt, das alles andere als erfolgversprechend ist. Allein sportlich hat der HSV das in den letzten Monaten besser hinbekommen. Auch, weil Trainer Tim Walter einen Umgang zu pflegen scheint, der die Mannschaft intern geschlossener wirken lässt, als in vielen Jahren zuvor. Dass das positiv ist, weiß jeder. Dass das allerdings auch ab einem gewissen Punkt leistungshemmend ist, ist sicherlich nicht jedem hier sofort ersichtlich. Unserem Blogfreund Dr. Olaf Ringelband ist das allerdings aufgefallen beim 0:1 gegen Hansa Rostock. Warum das so ist, erklärt er hier:
Ich war am letzten Sonntag mal wieder im Stadion (danke, Michi fürs Mitnehmen). Das Spiel des HSV im Stadion zu erleben, ist - auch für den Psychologen - etwas anderes als es im TV zu sehen. Ich finde, man bekommt ein besseres Gefühl für die Stimmung in der Mannschaft, wenn man sieht, wie abseits des Balls die Spieler miteinander reden, wie der Trainer reagiert und was in den Spielpausen passiert. Deshalb hier meine Eindrücke: der Zusammenhalt der Mannschaft scheint zu stimmen. Es wird miteinander geredet. Es wird versucht, Fehler der Mitspieler auszubügeln, man motiviert sich gegenseitig.
Vordergründig würde ich sagen, dass Walter für eine gewisse Harmonie im Team gesorgt hat - was die Basis für eine funktionierende Mannschaft ist. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass der HSV fußballerisch eine der besten Mannschaften der zweiten Liga hat (die Aussage bezieht sich nicht auf meine persönliche Einschätzung der Spieler, sondern darauf, dass der HSV den teuersten Kader hat - und ich davon überzeugt bin, dass der Marktwert der Spieler ziemlich gut die jeweiligen Qualitäten der Spieler widerspiegelt) fragt man sich, was die Ursache für das teilweise klägliche Spiel des HSV gegen eine schwache Rostocker Mannschaft ist.
Die Hauptgründe liegen sicherlich im taktischen Bereich - aber zu dem Thema bin ich nicht kompetent und höre gerne die Meinung von Scholle und den Kommentatoren hier im Blog. Aber psychologisch gibt es auch zwei Themen, die mir aufgefallen sind: Das eine ist das von mir leierkastenartig vorgebrachte Thema der „Hochleistungskultur”. Natürlich ist es schwierig, gegen eine defensive Mannschaft Torchancen zu erarbeiten (das Rostocker Spiel war übrigens ein kleiner Vorgeschmack auf das, was den HSV den Rest der Saison erwartet). Aber wenn man in der ersten Halbzeit es nur auf einen Torschuss bringt, dann ist das ein Armutszeugnis. Wie gesagt, über Taktik will ich hier nicht sprechen - aber darüber, dass keiner der Spieler mit der Leistung der Mannschaft offenbar unzufrieden war.
Ich kann nicht in die Köpfe der Spieler gucken, aber da schien so eine Haltung zu sein wie, „wir müssen nur geduldig den Ball am 16er hin- und herschieben, dann fällt irgendwann ein Tor“. Wenn das so ist, dann ist das aus meiner Sicht das Akzeptieren von Mittelmaß - und die Vergeudung des spielerischen Potenzials der Mannschaft. Ein unbedingtes Wollen konnte ich bei keinem der Spieler erkennen.
Und das führt mich zu dem zweiten Punkt: wenn meine (zugegeben oberflächliche) Beobachtung stimmt, dass die Mannschaft sehr harmonisch ist, dann ist das nicht unbedingt etwas Leistungsförderndes. Harmonie ist in jedem Team die Grundlage für Zusammenarbeit und gemeinsame Leistung. Aber an einem bestimmten Punkt ist Harmonie im Team auch ein Leistungskiller, nämlich dann, wenn man sich der Harmonie willen auf einem mittelmäßigen Leistungsniveau einpendelt, auf dem niemand etwas riskiert (Stichwort: eins-zu-eins Situationen, Fernschüsse). Dann macht niemand etwas falsch, niemand bekommt Konflikte mit anderen, alle sind auf einem ähnlichen Level. Das heißt: auch ein harmonisches Team braucht etwas Reibung, Provokation. Das kann ein einzelner Spieler sind, der bereit ist anzuecken, das kann auch der Trainer sein, der die Mannschaft aufrüttelt.
Dass die Mannschaft mehr kann, hat sie die letzten 10 Minuten gegen Rostock gezeigt (in der paradoxerweise dann das Gegentor fiel) - da war erkennbar, dass man sich mit einem 0:0 nicht zufriedengeben will, da wurde etwas riskiert. Ich glaube, dass deutlich mehr Potenzial in der Mannschaft steckt als man bisher gesehen hat - und die beiden großen Hebel, um das zu fördern, sind Taktik und Psychologie.
Spannend wie immer, vielen Dank, Olaf!!
In Bayreuth kommt auf den HSV sicherlich eine nicht minder defensiv agierende Mannschaft zu wie zuletzt mit Hansa. Schon deshalb wird es sehr spannend zu sehen sein, wie sich die Mannschaft diesmal aus dieser Situation zu befreien vermag. Mit Mario Vuskovic übrigens, der nach seiner Daumenverletzung spielen will und wird. Für den Kroaten hätte Jonas David ins Team rücken können. Auch, weil Stephan Ambrosius verletzt ausfallen wird. Für mich ist David aber eh eine echte Alternative - allerdings nicht für Sebastian Schonlau oder Mario Vuskovic - sondern MIT den beiden Stammkräften. Ich sehe eine große Möglichkeit für den HSV, hier eine starke Dreierkette zu installieren. Leider anders als Tim Walter, der diese Idee so gar nicht zu mögen scheint. Aber gut, er ist der Trainer und nicht wir sondern er wird an den Ergebnissen gemessen.
Kurzes Update zum Erstrunden-Gegner im DFB-Pokal, SpVgg Bayreuth:
Der Respekt des Fußball-Drittligisten vor dem HSV hält sich in Grenzen. „Man sieht schon, dass man ihnen weh tun kann, wenn man hinten gut steht und vorne mit guten Kontern reinsticht. Der Gegner ist zu schlagen, das ist klar“, sagte Bayreuth-Spieler Alexander Nollenberger dem „Kicker“. „Klar ist allerdings bei so einer Konstellation auch immer, dass wir einen sehr guten Tag brauchen und der Gegner einen schlechten.“ Der Bayreuther Plan für die Partie am Samstag (15.31 Uhr/Sky): „Es gilt, so lange wie möglich die Null zu halten - und dann das Ding zu ziehen. Taktisch sind wir komplett auf den HSV eingestellt“, sagte der 25 Jahre alte Offensivspieler.
Die wenig bis nicht überzeugenden HSV-Punktspiele bei Eintracht Braunschweig (2:0) und gegen Hansa Rostock (0:1) haben den Oberfranken ganz offensichtlich Mut gemacht. Dennoch, Übermut weist der Aufsteiger von sich. „Wir lassen uns da nicht blenden, sie sind Aufstiegsfavorit, wahrscheinlich sogar der größte in diesem Jahr. Der HSV hat unglaubliche Qualität“, sagte Nollenberger und meinte anerkennend: „Beim HSV sind Spieler drin, die verdienen wahrscheinlich so viel wie unsere ganze Mannschaft. Wir haben da schon einen großen Gegner vor uns, der im Sommer kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga stand.“
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HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
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