Analyse

Systemfrage, Kaderchaos, Fehlplanung: Dem HSV droht ein Fehlstart in die Saison

Der HSV steht eine Woche vor dem DFB-Pokalspiel in Pirmasens da wie eine Mannschaft, die im falschen Monat in die Saison startet. Die nackten Zahlen aus der Vorbereitung sind…

Systemfrage, Kaderchaos, Fehlplanung: Dem HSV droht ein Fehlstart in die Saison

Der HSV steht eine Woche vor dem DFB-Pokalspiel in Pirmasens da wie eine Mannschaft, die im falschen Monat in die Saison startet. Die nackten Zahlen aus der Vorbereitung sind ein Alarmsignal: fünf Härtetests, fünf Niederlagen, 2:14 Tore – und zuletzt quasi ohne eigenen Treffer. Wer sich das Spiel gegen Real Mallorca angesehen hat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Mannschaft auf dem Platz steht, deren Konzept auf dem Papier gut klingt, aber auf dem Rasen nicht funktioniert. Der Auftritt auf der Baleareninsel begann zwar geordnet: Das neue 3-4-3-System stand in den ersten Minuten, Ballgewinne sorgten für Umschaltmomente – doch schlampige Zuspiele ließen jede Chance im Nichts verpuffen. Mit dem frühen Rückstand durch Takuma Asano (13.) brach die Statik endgültig zusammen.

Die Dreierkette, die den Spielaufbau stemmen soll, wirkte lückenhaft und ideenlos, vorne fehlten Bewegung und Laufwege, um Räume zu schaffen. Das 0:2 in der 59. Minute war dann sinnbildlich für die gesamte Vorbereitung: Miro Muheim will einen Kopfball sicher zum Torwart legen, der Ball senkt sich als Bogenlampe ins eigene Netz. Kein Pech, sondern ein Symptom – denn die Abstimmung in diesem neu zusammengewürfelten Gerüst ist schlicht nicht vorhanden.

Polzin bleibt ruhig, wissend, dass man der Zeit (schon zu) weit hinterherhinkt

Trainer Merlin Polzin blieb nach außen betont entspannt. „Wir haben relativ viele Möglichkeiten, wo die Jungs mit den entsprechenden Qualitäten auch eingesetzt werden könnten“, sagte er über die Suche nach einem Kreativspieler, und deutete an, dass man Capaldo und Remberg als defensives Mittelfeldduo aufbrechen könnte. Aber zwischen den Zeilen war klar: Diese Mannschaft ist dem Zeitplan weit hinterher. Für die Dreierkette fehlen zentrale Puzzleteile - die Neuen trudelten tröpfchenweise ein, einige Schlüsselspieler sind noch gar nicht da.

Eingespielt ist hier nichts. Wie auch?

So überrascht das Gerücht kaum, dass sich Führungsspieler an Polzin gewandt haben sollen mit der Bitte, wieder auf das altbewährte System mit Viererkette umzustellen - was letztlich auch nur ein Gerücht ist. Nach Rücksprache weiß ich jetzt, dass dem mitnichten so war.!

Aber noch mal zurück und ganz ehrlich: Das hier ist kein Meutern, das ist gesunder Menschenverstand. Wer in einer Woche in einem Pflichtspiel bestehen muss, sollte nicht mit einer halbfertigen taktischen Baustelle auflaufen.

Die Transfersituation macht es nicht besser. Der HSV sucht zwar nach einem Spielmacher – Kandidaten wie Adam Karabec und Paul Wanner sind im Gespräch –, aber Priorität hat noch ein weiterer Innenverteidiger. Eine paradoxe Planung, wenn man bedenkt, dass das eigentliche Problem weder in der Zahl der Verteidiger noch in der Höhe der Grundordnung liegt, sondern in der fehlenden Verbindung zwischen Defensive und Offensive. 

Fazit:

Ich will, dass der HSV Erfolg hat - mehr als alles andere. Aber so wie die Mannschaft aktuell aufgestellt ist, kann das nicht funktionieren. Kein Offensivkonzept, eine Defensive, die unter Druck zerbricht, und eine Kaderplanung, die an den wahren Problemen vorbeigeht. Spieler wie Jordan Torunarigha, der gegen Mallorca mit einem völlig unnötigen Foul zu Recht Rot sah, sollten eigentlich Führung übernehmen - doch in seiner jetzigen Form droht ihm eher die Bank, wenn noch ein starker Innenverteidiger kommt. Und Torunarigha steht nur stellvertretend für ein größeres Puzzle, bei dem viele Teile noch nicht passen.

DFB-Pokal in Pirmasens wird zum nächsten Härtetest

In Pirmasens wartet jetzt ein Spiel, das alle gewinnen erwarten, bei dem es für den HSV aber kaum etwas zu gewinnen gibt – und sehr viel zu verlieren. Der Druck lastet auf Claus Costa und Stefan Kuntz, die zehn Neue geholt haben, von denen bisher keiner wirklich Verstärkung war/ist. Das kann sich noch ändern, und ich hoffe auch unverdrossen und inständig darauf. Aber der Status quo ist nun mal alarmierend. Und jetzt kommt bitte nicht mit "aber es hat auch einiges funktioniert", denn unabhängig davon reicht es in Summe so einfach NICHT.

Wer mir in den letzten Wochen „Pöbeln“ unterstellt hat, weil ich die Transfers bzw. das gesamte Transferverhalten des HSV offen kritisiert habe, sollte spätestens jetzt erkennen: Das ist kein Meckern, das ist ein realistischer Blick auf das, was hier passiert - fernab von Schönrederei. Fakt ist: Kuntz und Costa müssen sich daran messen lassen, wie sie diesen Kader zusammenstellen. Im Winter wurden fünf Millionen Euro verbrannt, die heute dringend gebraucht würden. Der Trainerposten wurde nicht planvoll, sondern mangels Alternative besetzt. Man wurde hier zum Glück gezwungen, während die Neuen bisher zwar dabei sind - aber den HSV nicht ausreichend besser machen. Kuntz' und Costas Glück: Ein Aufsichtsrat gesellt, der sportliche Kompetenz einbringt und die Verantwortlichen entsprechend kontrollieren bzw. zur Rechenschaft ziehen kann, existiert beim HSV nicht.

So landet der Druck absehbar beim Trainerteam, das aus dieser unfertigen und unbalancierten Mannschaft trotzdem etwas Wettbewerbsfähiges formen muss. Ob man in dieser Lage mit einem neuen, noch unausgereiften Spielsystem weitermacht oder lieber zur vertrauten Viererkette zurückkehrt, ist keine Frage von Mut, sondern von Vernunft. Polzin und Co. scheinen diesen Rückschritt noch nicht einzugestehen - doch aktuell passt es nicht, und nicht viel deutet auf schnelle Besserung hin.

Realismus statt Schönrederei JETZT - sonst wird das nichts!

Das ist kein „Miesmachen“. Das ist der Versuch, ehrlich zu sein, um nicht selbst Teil des Problems zu werden. Denn wer jetzt schweigt, macht sich mitschuldig, wenn dieser Saisonstart in den Sand gesetzt wird. Ich will, dass der HSV erfolgreich ist - aber dafür müssen Kuntz, Costa, das Trainerteam, die Mannschaft und der Aufsichtsrat in den nächsten zwei Wochen eine 180-Grad-Wende hinbekommen. Sonst reden wir bald wieder darüber, wie wir es nur so weit kommen lassen konnten…

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