Analyse

Statistik schlägt Alarm - hat der HSV ein Fitnessproblem?

Merlin Polzin wollte nach der ersten Pflichtspiel-Niederlage als Trainer des HSV nicht über sich sprechen. Er mag das aber auch sonst nicht. „Mich nervt, dass wir ein Spiel…

Statistik schlägt Alarm - hat der HSV ein Fitnessproblem?

Merlin Polzin wollte nach der ersten Pflichtspiel-Niederlage als Trainer des HSV nicht über sich sprechen. Er mag das aber auch sonst nicht. „Mich nervt, dass wir ein Spiel verloren haben. Mich nervt vor allem, dass wir in der zweiten Halbzeit nicht das gezeigt haben, was uns auszeichnet“, sagte der Coach nach dem 0:2 beim Verfolger SC Paderborn. „Da ging es relativ wenig um meine Person“, fügte der 34-Jährige hinzu – womit er grundsätzlich recht hat. Andererseits ist er als Trainer ein wesentlicher Teil des HSV-Spiels, das diesmal von der ersten bis zur letzten Minute aus HSV-Sicht dahinplätscherte, ohne dass sich der HSV in irgendeiner Phase auf das Spiel des SCP hatte einstellen können. Im Gegenteil!

In diesem Spiel war der HSV zum ersten Mal unter der Regie von Polzin, Favé und Co. auch taktisch komplett unterlegen. Konnte man sonst immer wieder durch Einwechslungen reagieren, blieb das diesmal aus. Der SCP wusste den HSV mit seinem deutlich höheren Einsatz sowie dem Nutzen der wenigen Lücken am Ende souverän zu bezwingen. Und daran wollte auch Polzin nichts schönreden. Der Coach sprach von einem verdienten Heimsieg der Ostwestfalen. Er schränkte aber auch ein: „Uns wirft das nicht aus der Bahn.“

Polzin will nichts von März-Krise hören

Warum auch? Noch steht der Nordclub weiter auf dem ersten Tabellenrang – aber diese Position ist trügerisch. Die Niederlage jedenfalls verhinderte, dass Polzin und Co. sich erstmals einen kleinen Vorsprung an der Tabellenspitze erarbeiten konnten. Stattdessen lauern der punktgleiche 1. FC Kaiserslautern und die jeweils zwei Zähler entfernten Konkurrenten aus Magdeburg, Paderborn und Köln dahinter. Noch entscheidender als die Tabellensituation ist für mich aber, dass diese Mannschaft bislang keinen Anlass liefert, ihr eine grundsätzlich mangelnde Einstellung zu unterstellen.

Eher das Gegenteil ist der Fall. Während die einen ohne zu murren von der Bank aus das Team unterstützen und sich im Training über Leistung neu anzubieten versuchen, sind die anderen klar in der Bewertung solch schwacher Spiele wie des 0:2 in Paderborn. „Das war in der zweiten Hälfte nicht das Gesicht, das wir in den letzten Wochen gezeigt haben“, kritisierte Davie Selke. Er stellte auch die Frage in den Raum, ob ihm und seinen Teamkollegen möglicherweise die Energie gefehlt haben könnte. Daniel Elfadli stimmte dem zu: „Vielleicht waren wir nicht ganz so frisch wie in den anderen Spielen.“

Aussagen, die angesichts der 11,5 weniger gelaufenen Kilometer sehr gut passen – die Polzin aber nicht gelten lassen will. „Das Ganze jetzt im Detail nur auf die Laufwerte herunterzubrechen, das haben wir in erfolgreichen Spielen nicht getan, das machen wir in dem Fall jetzt auch nicht, wenn wir das Spielfeld mal nicht als Sieger verlassen“, stellte der Trainer klar. Problem hierbei: Gegen den 1. FC Kaiserslautern hatte man bislang am meisten überzeugt – und hier war man fünf Kilometer mehr gelaufen als der Gegner. Auch sonst widerspricht die Statistik Polzins Aussage: Bei fünf der sechs Siege unter Polzin lief der HSV mehr als der Gegner. Nur gegen Köln siegte man trotz zwei weniger gelaufener Kilometer. Ebenfalls auffällig: Von den anderen Spielen unter Polzin, die man nicht gewinnen konnte, war man vier von fünfmal läuferisch unterlegen.

Der HSV stand gegen Paderborn gefühlt mit einem Mann weniger auf dem Platz

Oder wie sagte es Stefan im heutigen Talk so treffend: 11,5 Kilometer Laufleistung entsprechen einem Mittelfeldspieler über 90 Minuten. Ergo: Paderborn hatte gefühlt einen Mann mehr auf dem Platz …

Fakt ist, dass sich das Trainerteam vor der Winterpause über den Fitnesszustand der eigenen Mannschaft Gedanken gemacht hatte. Erste Maßnahme: Der Athletiktrainer musste nach neun Jahren beim HSV seinen Hut nehmen. In den Einheiten wurde die Laufintensität deutlich hochgefahren – und die Mannschaft wurde fitter. Dachte auch ich. Wobei, nein, das ist falsch formuliert: Ich glaube weiterhin, dass die Mannschaft im Großen und Ganzen fitter ist als unter Steffen Baumgart. Fakt ist aber auch, dass sie es in Paderborn nicht auf den Platz bekommen hat – und das wiederum war der erste Schritt zur verdienten Niederlage.

„Du musst in der Zweiten Liga die Spiele mit Arbeit beginnen – und dann kannst du vielleicht auch schönen Fußball dazustellen“, sagt Stefan Schnoor, der selbst eher als rustikaler denn als filigraner Spieler galt. „Wenn du 11,5 Kilometer weniger läufst als eine spielerisch gleichwertige Mannschaft, dann ist das so, als würdest du mit einem Mann weniger auf dem Platz stehen. Dann darfst du dich gegen so starke Teams wie Paderborn nicht wundern, wenn du am Ende verdient verlierst.“

HSV muss mehr laufen - Düsseldorf ist das zweitlautstärkste Team der Liga...

Noch wichtiger als dieser Blick zurück ist aber der Blick nach vorn. Denn am kommenden Sonnabend wartet schon der nächste Brocken, wenn um 20:30 Uhr Fortuna Düsseldorf im Volksparkstadion zu Gast ist. Immerhin ist das Team von Ex-Trainer Daniel Thioune das mit 2822,8 Kilometern zweitlaufstärkste Team der gesamten Zweiten Liga.- hinter dem SC Paderborn (2879,5 gelaufene Kilometer)…

In diesem Sinne, euch allen noch einen schönen Abend!
Scholle

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