Spielbericht

Stadtderby verloren - und aufgezeigt, dass noch (zu) viel fehlt

Zum ersten Mal seit sieben Jahren erlebten die Fans im Volksparkstadion wieder Bundesliga-Fußball – und gleich kam es zum brisanten Stadtderby gegen den FC St. Pauli. Doch aus…

Stadtderby verloren - und aufgezeigt, dass noch (zu) viel fehlt

Zum ersten Mal seit sieben Jahren erlebten die Fans im Volksparkstadion wieder Bundesliga-Fußball – und gleich kam es zum brisanten Stadtderby gegen den FC St. Pauli. Doch aus HSV-Sicht endete der Abend in einem herben Dämpfer: 0:2, verloren, entzaubert. Während die Kiezkicker ausgelassen feierten, schlichen die HSV-Profis mit hängenden Köpfen vom Platz. Dabei begann der HSV aggressiv und mit viel Willen, getragen von der elektrisierenden Atmosphäre der 57.000 Zuschauer. Doch nach wenigen Minuten war zu spüren, dass es an spielerischer Linie mangelte. Der Ball lief nur selten kontrolliert nach vorne, gefährliche Offensivaktionen blieben Mangelware. der HSV zeugte in diesem Spiel leider das auf, was alles fehlt. Und das ist (zu) viel.

St. Pauli brauchte seine erste klare Szene, um zuzuschlagen: Eine Eckballvariante brachte Adam Dzwigala in Position, der sich gegen Miro Muheim durchsetzte und zum 0:1 traf (19.). Das Tor war ein Wirkungstreffer – der HSV verlor an Stabilität und fand offensiv kaum Lösungen. Glück hatte der HSV, dass Andreas Hountondji nach einem Duell mit Jordan Torunarigha fälschlicherweise zurückgepfiffen wurde, sonst wäre er allein durch gewesen. Kurz vor der Pause vergab Pereira Lage sogar das mögliche 0:2. Der HSV dagegen? Ohne Abschluss, ohne Durchschlagskraft.

Nach dem Seitenwechsel flackerte kurz Hoffnung auf: Ein langer Ball von Gocholeishvili erreichte Königsdörffer, der den Ball ins Tor schob. Das Stadion explodierte – doch der VAR nahm den Treffer wegen hauchdünnem Abseits zurück (49.). Ein Nackenschlag, den die Hamburger nicht verkrafteten. Nur Minuten später legte St. Pauli nach: Fujita schickte Hountondji steil, HSV-Torwart Heuer Fernandes zögerte, Hountondji blieb eiskalt – 0:2 (60.).

Trainer Merlin Polzin versuchte zwar mit den Einwechslungen von Yussuf Poulsen und Jean-Luc Dompé neue Impulse zu setzen, doch wirkliche Gefahr entwickelte der HSV nicht. Stattdessen schwächte sich die Mannschaft zusätzlich: Gocholeishvili musste nach wiederholtem Foulspiel mit Gelb-Rot runter (77.). In Unterzahl brach der HSV auseinander und hatte Glück, dass Pauli mehrere Konter ungenutzt ließ.

Sportliche Analyse:
Der HSV zeigte, dass er kämpferisch mithalten will, aber spielerisch (noch) nicht mithalten kann. Während St. Pauli mit klarer Struktur, reiferem Passspiel und besserer Balance auftrat, wirkte der HSV fahrig und zu eindimensional. Defensiv fehlte die Konzentration bei Standards und im Eins-gegen-eins, vorne fehlte es an Kreativität und Wucht. Auffällig: Königsdörffer war meist auf sich allein gestellt, Unterstützung im Angriff blieb aus. Auch nach der Einwechslung von Poulsen fehlte es an Tempo und Präsenz im Strafraum.

Hinzu kommt: HSV-Trainer Merlin Polzin hatte mit seiner Startelf-Aufstellung und seinen Wechseln kein glückliches Händchen. Dompé nicht von Beginn an spielen zu lassen, war schon schwer zu argumentieren. Ihn zur Halbzeit nicht zu bringen, war dann einfach fahrlässig – zumal er dann nach zehn Minuten in der zweiten Halbzeit doch noch aufs Feld kam. Warum man ihm diese zehn Minuten mehr nicht auch noch gegeben hat, um am Ende vielleicht doch noch Wirkung auf das Spiel zu haben, weiß keiner. Ich jedenfalls verstehe es absolut nicht.

Stefan Kuntz brachte es nach Abpfiff auf den Punkt: „Wir müssen noch viel lernen.“ Klar ist: Mit dieser Offensivschwäche wird es schwer, in der Bundesliga dauerhaft konkurrenzfähig zu sein. In zwei Spielen hat der HSV noch kein Tor erzielt – das ist bezeichnend.

Ausblick und Personalplanung:
Neun Zugänge hat der HSV in diesem Sommer bereits verpflichtet – doch fertig ist die Kaderplanung damit noch nicht. Bis zum Ende der Transferperiode am Montag (1. September, 18 Uhr) soll mindestens ein weiterer Spieler kommen. Sportvorstand Kuntz erklärte bei Sky offen, um welchen Spielertyp es sich handelt: „Einer, der das Spiel aus dem Mittelfeld ins vordere Drittel transportiert und selbst torgefährlich ist.“ TV-Experte und Ex-HSV-Stürmer Erik Meijer kommentierte trocken: „Das ist genau der, der heute gefehlt hat.“

Tatsächlich klafft im HSV-Kader eine Lücke hinter den Spitzen: Kreativ-Kopf Adam Karabec wurde nicht gehalten, Aufstiegsheld Ludovit Reis ist nach Brügge gewechselt. Die bisherigen Neuzugänge sind entweder defensiv orientiert oder klassische Angreifer. Immanuël Pherai wäre theoretisch ein Spielertyp für diese Rolle, fehlt aber nach einem Innenbandriss noch immer. Auch Trainer Polzin deutete an, dass er auf Verstärkung hofft: „Wir haben klare Vorstellungen, wie wir uns den Kader vorstellen. Die Tage werden wir zielführend nutzen.“ Kommt kein gestandener Nationalspieler, hätte ein Neuer zumindest in der Länderspielpause Zeit, sich einzufinden – und beim schweren Auswärtsspiel in München dabei zu sein.

Kommentar:
Der HSV hatte in den letzten Wochen und Monaten mehr als genug Zeit und Möglichkeiten, den Kader strukturiert und strategisch sinnvoll zusammenzustellen. Doch aktuell harmoniert noch kein Mannschaftsteil mit dem anderen. Es ist weder ein Team entstanden, das aus einer starken Defensive mit dem einen oder anderen Überraschungsmoment Punkte sammeln kann, noch eine spielerisch so starke Mannschaft, die ihr Heil in der Offensive sucht. Vielmehr ist es ein Stückwerk, das vor allem natürlich der hauptverantwortliche Stefan Kuntz samt seinem Kaderplaner Klaus Kroster zu verantworten hat.

Die Frage ist nur, wer letztlich die Verantwortung tragen wird, wenn sich in den nächsten Wochen der Erfolg nicht einstellt – und dieser ist zumindest im nächsten Spiel beim FC Bayern nicht zu erwarten, bevor es dann zu Hause gegen Heidenheim und auswärts zu Union Berlin geht. Was ich befürchte, könnt ihr im Blitzfazit mehr als deutlich hören.


DIE EINZELKRITIKEN:
Daniel Heuer Fernandes:
 Zögerte zu lange beim 0:2. Entweder er kommt raus, oder er lässt es. Den Ball dann nicht abzuwehren, war auch schwach. Da er auch beim ersten Gegentor nicht gut aussah, bleibt insgesamt trotz ein, zwei guten Paraden wenig bis nichts Gutes übrig. Note: 5,5

Giorgi Gocholeishvil: Seine erste Gelbe Karte war ein Witz. Ein bisschen Emotion muss erlaubt sein. Gerade in einem so hitzigen Spiel wie diesem Derby. Die zweite Gelbe war eher vertretbar – aber in Summe vom Platz zu fliegen, war nicht gerecht. Schwach von Schiri Dingert! Note: 5

Jordan Torunarigha: Nach knappen 5 Minuten setzte er zur Grätsche an, gewann den Ball und wurde von den Fans gefeiert, als hätte er gerade den Siegtreffer geschossen. Alles etwas übertrieben – aber schon ein sehr geiler Auftakt im ersten Spiel für den Sommerzugang vor eigenem Publikum. Jetzt weiß er, was ihn erwartet, wenn er immer ordentlich durchzieht. Und es motivierte ihn sichtlich. Er schmiss sich immer wieder in alles rein. Das Problem hierbei: Grätschen und Flugkopfbälle sind immer auch sehr riskant! Er muss damit den Ball klären – sonst ist der Gegner komplett frei durch, wie in der Nachspielzeit der ersten Hälfte! Da rempelt  er Hountondji und fällt selbst zum wiederholten Mal auf die Schnauze! Unfassbar! Nein, er bleibt ein Gefahrenherd und man muss hoffen, dass der HSV mit Luka Vuskovic auf Sicht einen stärkeren IV gefunden hat, damit dieser Torunarigha schnellstmöglich ablöst. Torunariga ist einfach nicht gut, um es nett zu formulieren… Note: 6

Daniel Elfadli (bis 75.): Extrem motiviert, zweikampfstark und der Leader in der Defensive. Das war okay. Aber es führte auch dazu, dass die Abwehr in der zweiten Hälfte zu hoch und zu offen stand. Note: 4,5

Rayan Philippe (ab 75.): Er kam spät, war wieder viel zu wenig im Spiel, was auch an ihm und seinen Laufwegen liegt. Irgendwie läuft alles an ihm vorbei, Zweikämpfe werden nicht angenommen, Torabschlüsse und/oder Flanken zu solchen kommen nicht. So ist er (noch) kein Faktor für den HSV. Note: 5

Warmed Omari: Ich mag seine ruhige, souveräne Art! Er ist ein vernünftiger Einkauf, der mit etwas mehr Spielzeit sicher noch souveräner wird. Note: 3,5

Miro Muheim: Pennte beim 0:1 – zusammen mit Lelesiit, der als Mann vorn abgestellt war aber bei der kurz ausgeführten Ecke überhaupt nicht wusste, was er machen sollte. Dzwigala war es egal, er drückte aus acht Metern ein zum 0:1. Auffällig ist auch, dass die Abstimmung mit Lelesiit nicht gut ist. Deutlich schlechter zumindest als mit Dompé, der für mich sehr überraschend zu Beginn nur auf der Bank saß. Ich bin gespannt, ob Muheim sich noch auf Erstliganiveau steigert. Note: 5

Nicolas Capaldo (bis 75.): Nicht schlecht, nicht gut – aber zu oft zu langsam am Ball. Er muss schneller spielen, sich deutlich mehr einbringen, wenn er führen will. So ist das auch bei ihm viel zu wenig. Note: 4,5

Otto Stange (ab 75.): Fand überhaupt nicht ins Spiel. Note: 5

Nicolai Remberg: Robust – ja! Aber spielerisch ist das nichts. Nur Ball gewinnen ist okay, wenn der Ball dann an einen Kreativen übergeben wird. Aber den hat der HSV nicht. Remberg macht, was man sich von ihm erwarten durfte! Ihm selbst kann ich eigentlich gar nicht allzu viel vorwerfen. Außer, dass er so noch kein Erstliganiveau hat. Note: 5

Alexander Røssing Lelesiit (bis 56.): Er ist schnell, technisch stark und talentiert – aber eben auch dünn, sehr leicht und jung. Ihn im Derby starten zu lassen war mutig – aber er haut sich rein und wird selbst mutiger. Wenn er jetzt die Offensivzweikämpfe noch gewinnt und zum Abschluss (bringt, kann das interessant werden. Er bekommt bei mir noch Welpenschutz, daher Note: 4,5

Emir Sahiti (bis 56.): Zu hippelig am Ball. Er kann was, er hat das Eins-gegen-Eins drauf – aber er muss es auch zeigen. Und dazu gehört einfach mehr Konstanz und Konzentration. So ist das absolut brotlos. Schlimmer noch: Sein Ballverlust in der 41. War fahrlässig und hätte das sichere 0:2 bedeuten müssen (Lage schoss frei vor Heuer Fernandes am Tor vorbei). Schwach. Note: 5,5

Yussuf Poulsen (ab 56.): Der Teilzeitkapitän wollte viel, schaffte aber wenig bis nichts. Ihn in Kopfballduelle gegen Wahl zu schicken war sinnfrei. Ich bin gespannt, ob und wan der Däne für den HSV ein Faktor wird.Note: 5

Ransford Yeboah Königsdörffer (bis 82.): Er braucht Raum für seine Sprints – wie beim nicht gegebenen Ausgleich zum 1:1. Aber er versucht viel und war tatsächlich die einzige Portion Torgefahr heute beim HSV.Note: 4

William Mikelbrencis (ab 82.): Nur noch dabei. 

Trainer Merlin Polzin: Dass er Dompé und Poulsen erst spät brachte, war falsch. Wenn es nach Leistung gehen soll, müssen sie beginnen. Dann nach der Halbzeit noch mal 10 Minuten zu warten, war komplett sinnfrei! Dass in der Zeit zwei super Freistoßsituationen zustande kamen, die für Dompé prädestiniert waren – umso bitterer. Dieses Spiel hat der Coach vercoacht und damit maßgeblich mit verloren! Note: 6

Management: Was Stefan Kuntz und Claus Costa da zusammengestellt haben – angefangen mit den 5 Millionen im Winter! -, das ist in Worten nicht zu erklären. Diese Mannschaft wurde schlechter-gekauft. Hätte hier die Mannschaft aus dem Ulm-Spiel auf dem Platz gestanden, wäre es spannender geworden. Die Zweitliga-Elf war besser! Unfassbar, wie man so den Kader zusammenstellen kann.

Das Perfideste an der ganzen Nummer: Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Diskussion energischer wird und der Schuldige gesucht wird. Dass dann ausgerechnet der Hauptverantwortliche und damit aus meiner Sicht auch der Hauptschuldigen Stefan Kuntz weniger auf sich denn auf das Trainerteam zeigen wird – es ist schwer davon auszugehen! Ebenso, dass der Aufsichtsrat hier nicht einschreitet und dieser HSV-Führung ein Ende setzt. Denn das ist der logische Folgefehler des Bisherigen. Denn die Kontrolleure sind die einzigen, die noch schlechter performen, weil sie es sportlich auch einfach noch nie konnten und immer noch nicht können.

Ich weiß, dass ich mich damit nicht beliebt mache, aber ich bleibe bei dem, was ich seit der Rückrunde der letzten Saison sage: Die sportliche HSV-Führung Kuntz/Costa gehört nicht an die Spitze eines Erst(und- auch nicht Zweit-)ligisten. Ich würde beide sofort ersetzen, damit die neue sportliche Leitung wenigstens die Chance bekommt, bis zum Winter einen Teil des ganzen Chaos‘ wieder auszubügeln. Wenn es bis dahin nicht schon zu spät ist… Note: 7

Schiedsrichter Christian Dingert: Er verpasste es, Rot zu zeigen, gab einen potenziellen Elfer für den HSV nicht und hatte die Gelben Karten etwas zu locker sitzen wie bei Gocholeishvil. Eine klare Linie hatte sein Spiel genauso wenig, wie das des HSV.


DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

HSV: Heuer Fernandes - Omari, Elfadli (75.Philippe), Torunarigha – Gocholeishvili, Capaldo (75.Stange), Remberg, Muheim – Sahiti (56.Poulsen), Königsdörffer (82.Mikelbrencis), Rössing-Lelesiit (56. Dompe) 

FC St. Pauli: Vasilj - Wahl, Smith, Dzwigala (82.Ritzka) - Pyrka (59.Saliakas), Sands, Fujita, Oppie - Sinani - Hountondji (69. Kaars), Pereira Lage (82. Metcalfe)

Tore: 0:1 Dzwigala (19.), 0:2 Hountondij (60.)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)      

Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)

Gelbe Karten: Poulsen (64.) / Dzwigala (7.), Sinani (37.), Pyrka (54.)

Gelb-Rote Karten: Gocholeishvili  (77.)

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