Meinung

Sprecht endlich Tacheles - bevor es zu spät ist!

Im Rahmen der Vorbereitung hatte ich es das erste Mal an dieser Stelle betont: Dem HSV würde es helfen, wenn er früh und klar seine Saisonziele benennt. Damir würde man gleich…

Sprecht endlich Tacheles - bevor es zu spät ist!

Im Rahmen der Vorbereitung hatte ich es das erste Mal an dieser Stelle betont: Dem HSV würde es helfen, wenn er früh und klar seine Saisonziele benennt. Damir würde man gleich zu Beginn falschen Druck und vor allem unrealistischen Erwartungen vorbeugen. Und damals habe ich das nicht nur so geschrieben, sondern auch den HSV-Verantwortlichen gegenüber so argumentiert. Deren Reaktion war immer dieselbe: Man wolle einen Umbruch, ohne den Aufstieg auszuschließen. Alles andere könne man nicht verkaufen. Und ich frage mich, wem nicht? Den Fans hätte man das sagen können, sie wären sicher weiter ins Stadion gekommen. Tun sie ja selbst jetzt, wo nicht mal mehr in der Zweiten Liga die Heimspiele gewonnen werden…

Also können damit lediglich die Sponsoren gemeint sein. Und auch das glaube ich nicht. Denn jeder Sponsor will als Helfer wahrgenommen werden. Und wo hilft man mehr? Bei einem Verein, der gerade von unten wieder nach oben will – oder bei einem Klub, der als Anspruch nur das Maximum formuliert und es nicht erreicht? Nein, das Argument „alles andere als Aufstieg kann man in Hamburg nicht verkaufen“ ist Quatsch. Und dass trotzdem nicht den Mut hatte, realistische Einschätzungen abzugeben war und ist kontraproduktiv. Im Ergebnis sehen wir heute: Der HSV ist nach dem achten Remis in Folge Tabellensiebter und nach der Kritik am Spielsystem wird nun auch Kritik am Vorstand und allen anderen verantwortlichen Personen lauter. Berechtigt – aber auch komplett unnötig, behaupte ich. Und das begründe ich Euch auch gern:

Jahrelang hat man in Hamburg die unrealistischen Erwartungshaltungen und den daraus resultierenden Druck als Gründe dafür angeführt, weshalb die Mannschaften in aller Regelmäßigkeit ihre Ziele am Ende verpassten. Darauf hat wirklich kein einziger HSVer mehr Bock. Und das Schlimmste daran, der HSV hatte diese Erwartungshaltung selbst geschürt – zumindest hat man ihr nie eindeutig widersprochen. Es fehlte bislang noch allen Vorständen, Sportdirektoren und Trainern der Mut, mal klar zu sagen: Nicht der Aufstieg ist das Ziel, sondern die Entwicklung einer Mannschaft, die sich aus günstigen, aber hochtalentierten Spielern zusammensetzt, die auf Sicht den Aufstieg realistisch anpeilen. Alles andere führt nur dazu, dass wir in den nächsten Wochen die nächste Trainerdiskussion, eine daraus resultierende Führungskrise im Vorstand – und am Ende eine Unruhe haben, die diesem HSV in dieser Saison maximal schadet. Denn selbst die zarten Pflanzen, die man gerade erst gesät hat, würden so gleich wieder niederwalzt.

Aber: Die Chance, das alles zu vermeiden, ist trotz aller Versäumnisse noch immer da!

Die einzige heute noch zulässige Frage ist: MUSS der HSV aufsteigen? Agieren die Verantwortlichen deshalb so unklar in ihren Saison-Erwartungen? Auf der einen Seite Entwicklung betonen und das junge Durchschnittsalter des Kaders betonen – auf der anderen Seite aber den Aufstieg als erstes Ziel ausgeben – das passt nicht. Allerdings bietet der aktuell stattfindende Umbau auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene auch die Chance, dass die Neuen sagen, was ihre Vorgänger sich nicht trauten. 

https://soundcloud.com/user-36211795/di091121-hsv-boss-boldt-ist-zufrieden-mattuschka-tadelt-youngster-kampfen-und-gyamerah-ist-ausen-vor?si=b99d261280bf4b97aa77b73dccb2ece0

Allerdings funktioniert das alles auch nur dann, wenn die Verantwortlichen von ihrem hohen Ross absteigen und anerkennen, dass dieser HSV von heute zwar über das Potenzial verfügt, nach oben hin zu überraschen. Das wiederum beinhaltet die Erkenntnis, dass dieser Kader nicht ausreicht, um den Aufstieg als klares Ziel zu formulieren. Etwas, was sich in den letzten Wochen bewiesen hat. Immer wieder wurde von fehlender Belohnung gesprochen – das KSC-Spiel mal ausgenommen. Aber diese Belohnung ist auch eine Form von Qualität, die dieser Kader nicht (mehr) hat. 

Entscheidend für mich in meiner Bewertung des aktuellen HSV-Konstrukts ist und bleibt, wie sich dieser HSV entwickelt. Für mich ist der HSV von Anfang an kein Topfavorit gewesen, wie ihr wisst. Aber das ändert nichts daran, dass ich diese Situation als große Chance für den HSV erachte, der in den letzten Jahren durch seine schweren Portemonnaies zunehmend träge im Handeln wurde. Man kaufte lieber teuer aus dem obersten, allen bekannten Regal, als fleißig zu scouten und günstig einzukaufen. Entwickeln wurde beim HSV zum nebensächlichen Übel. Schneller Erfolg war das Stichwort – und das war von Hauptgeldgeber Klaus Michael Kühne durchaus auch so gewollt. Aber nicht nur Kühne zieht sich immer mehr zurück, sondern auch der HSV entfernt sich zusehends von der Erstklassigkeit. Oder? Ich behaupte: Nein! Das muss nicht so sein. Wenn der HSV endlich ehrlich ist und sein Umfeld mitnimmt!

https://open.spotify.com/episode/5XAsURN92DfvTVEGiA5yat?si=2a1e89bf19144f65

Denn so lange eine Entwicklung nach vorn erkennbar ist, gehe ich diesen Weg sogar gern mit. Und ich bin da sicher nicht allein! So wäre Geduld für mich selbstverständlich. Wohlgemerkt: Alles nur, solange eine Entwicklung zu erkennen ist. Stockt diese, muss man das kritisch anmerken. Kritik, offenlegende Analysen etc. sind jetzt fast noch wichtiger als vorher. Denn diese Mannschaft hat das Potenzial, um oben mitzuspielen – aber das heißt noch lange nicht, dass er auch die Qualität dafür hat. Sollte die Entwicklung der Jungen und der günstigeren Spieler irgendwann stoppen, wie es mein Kollege vom „kicker“ heute in seinem Artikel schon ausgemacht haben will, dann wäre dieser HSV am Ende. Dann müsste der Aufsichtsrat wieder handeln und personelle Veränderungen anschieben, um den HSV-Weg fortzuführen. Was das für die Konstanz in all diesen Themen bedeutet, wissen wir alle…

Soll heißen: Dieser HSV legt sich seine Fallstricke mal wieder selbst. Und das alles mal wieder nur aus falscher Eitelkeit? Schwer vorstellbar für mich, dass es so profan ist. Möglich wäre, dass der finanzielle Druck beim HSV so groß ist, dass diesem nur mit einem Aufstieg (und damit verbundenen Mehr-Einnahmen durch die TV-Gelder und Sponsoren) schnell begegnet werden kann. Wie ich letzte Woche schon schrieb, der freiwillige Abgang von Finanzvorstand Frank Wettstein in zeitlicher Nähe zu Klaus Michael Kühnes Rückzug mag zufällig gewesen sein. Aber ich glaube nicht an Zufälle. Vielmehr spricht auch vieles dafür, dass die Verantwortlichen hier nicht daran glauben, die HSV-Situation stemmen zu können. Oder im Fall von Kühne, der das ja auch klar formuliert hat, dass er es gar nicht mehr stemmen möchte. Dass jetzt auch noch die Finanzausschussmitglieder im Aufsichtsrat gehen – es könnte plausibel hinzuaddiert werden.

Allerdings waren diese beiden Abgänge schon längere Zeit hinter vorgehaltener Hand gemunkelt worden. Also noch vor Wettsteins Abgang und Kühnes Anteilsverkäufe. Denn der Aufsichtsrat unter der Führung von e.V.-Präsident Marcell Jansen will sich neu aufstellen. Jansens Wunsch, Bankier Peters ebenso ins Kontrollgremium rücken zu lassen wie den bereits nominierten Finanzfachmann Michael Papenfuß. Das wiederum ist jetzt, wo nach Felix Goedhardt auch Michael Krall seinen Aufsichtsratsposten räumt, möglich. Von der ursprünglichen Besetzung des Aufsichtsrates nach der Ausgliederung ist jedenfalls niemand mehr im Amt…

Und das ist DIE Chance, nach außen neu aufzutreten. Denn Fakt ist, dass es beim HSV bis auf Weiteres nur darum gehen kann, die Entwicklung von Spielern und seinem Scoutingsystem zu forcieren. Setzt man hier den Hebel richtig an, wird aus Potenzial auch irgendwann Qualität. Und hat man irgendwann Qualität, stellen sich nicht nur Erfolge ein, sondern die Preise der Spieler steigen. Also: Kaufen bzw. verpflichten, ausbilden, verkaufen – und wieder von vorn. Diesen Kreislauf wird man brauchen, wenn man irgendwann wieder sportlich und wirtschaftlich halbwegs erfolgreich dastehen will. Aber all dem ist immer vorausgesetzt, dass man sich als Verein realistisch einschätzt. Nach innen - und wie beim HSV notwendig - eben endlich auch nach außen. Alles andere wird zum Boomerang und verhindert eine gesunde Entwicklung, bei der man Fans wie Sponsoren auf seine Seite zieht. Was daraus für eine Kraft entstehen könnte…!! 

Von daher: Habt endlich den Mut, klar zu sagen, wo dieser HSV steht! Wissen tun es eh schon (fast) alle…!!

In diesem Sinne, an dieser Stelle noch schnell ein paar Glückwünsche in Richtung Tim Walter, der heute Geburtstag hat. Noch ein wenig mehr Erfolg in den nächsten Wochen, viele neue Talente im Kader und vor allem Gesundheit wünschen wir Ihnen vom gesamten MoinVolkspark-Team! Und vor allem: Bleiben Sie gesund. Bleibt alle gesund!

Scholle

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