Sportdirektor Mutzel: „Es ist keine Krise“
Ich hatte es schon ein paarmal an dieser Stelle geschrieben: Michael Mutzel tut mir ein bisschen leid. Der HSV-Sportdirektor muss tatsächlich immer am Tag nach dem Spiel Rede…

Ich hatte es schon ein paarmal an dieser Stelle geschrieben: Michael Mutzel tut mir ein bisschen leid. Der HSV-Sportdirektor muss tatsächlich immer am Tag nach dem Spiel Rede und Antwort stehen – auch über Spiele, die so selbsterklärend wie das gestrige sind. Auch heute bemühte sich Mutzel, das Grauen aus Würzburg halbwegs in Wort zu packen. „Es ist keine Krise. Dafür haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten zu viel Gutes gezeigt, zu viele gute Spiele absolviert. Aber es war ein beschissenes Spiel, keine Frage. Es war von Anfang bis Ende nicht gut.“
Ohne hier irgendwas zu überhöhen, so muss der HSV dieses 2:3 in Würzburg als Warnschuss nehmen. Und zwar ernst nehmen, da es das für mich schwächste Spiel des HSV in dieser Saison war. Defensiv, im Mittelfeld, in der Offensive – und im Tor. Denn dort begann nach zehn Minuten und gefühlt 100 Prozent Ballbesitz für den HSV das Dilemma, als Sven Ulreich einen harmlosen Rückpass von Gideon Jung über den Spann rollen ließ und seinen Fehler gerade noch auf der Torlinie ausbügeln konnte. Eine erste Unsicherheit, die Würzburg zeigte, dass dieser HSV anfällig ist.
Der Zusammenbruch beginnt hinten bei Ulreich und Jung
Und von hieran entwickelten sich aus ungefährlichem Ballbesitz des HSV immer mehr gefährliche Ballverluste. So auch der vor dem 0:1, der dem gestrigen, wackeligen HSV schon in der 19. Minute früh das Spiel verlieren ließ. Denn der HSV erholte sich von diesem Rückstand nicht. Vor allem aber waren an diesem 0:1 alle Defensivspieler beteiligt. Erst war es Heyer, der wie zuletzt schon häufiger völlig unnötig ins Dribbling ging und den Ball kurz hinter der Mittelinie verliert. Den Gegenstoß kann der HSV klären, doch Gyamerahs Klärungsversuch landet wenige Sekunden später in der Magengrube von Heyer und der Abpraller landet bei Würzburgs Hasek. Der wiederum kann unter Begleitschutz von den unverständlich passiven Aaron Hunt und Gideon Jung bis zum Torabschluss ungehindert den Ball führen, ehe er unter gütiger Mithilfe von Ulreich, der diesen Ball hätte parieren müssen, trifft.
Mit anderen Worten: Heyer, Gymaerah, Heyer, Jung – und dann auch noch Ulreich machen eklatante Fehler. „Natürlich fehlen uns gerade Spieler, die eingespielt waren“, resümierte Mutzel heute, „gestern war es aber so, dass wir auch vorne im Mittelfeld nicht gut waren. Die letzte Kette und der Torwart müssen es immer ausbaden, aber es waren auch vorher schon viele Dinge, die die Abwehr in die Not gebracht haben. Wir hatten viele Ballverluste in Räumen, in denen wir die Bälle nicht verlieren dürfen. Das war total unnötig.“ Gestern patzte die komplette Defensive – und sie wurde aus dem Mittelfeld nicht unterstützt.
Und so sollte es auch bleiben. Die Würzburger mussten sich offensiv nicht anstrengen, sondern nur warten, bis der HSV ihnen die Tore auflegt. Beim zweiten Tor war es Gideon Jung, der den Flankenball von Hägele falsch einschätzt und ihn passieren lässt, anstatt ihn zu klären. Am Ende landet der Ball bei Kickers-Innenverteidiger Douglas, der sein erstes Tor überhaupt für die Gastgeber erzielen konnte (30.). „Würzburg hat aus ganz wenig viel gemacht. Sie haben durch die Tore, die sie in den vergangenen Wochen nicht gemacht haben, natürlich ein paar Flügel gekriegt. Und wir sind dann ein bisschen kleiner geworden und zu spät wieder aufgestanden. Würzburg hat eine Chance gerochen und nach den unglücklichen Wochen einen Gang hochgeschaltet. Dagegen sind wir gestern nicht angekommen, das muss man ganz klar sagen“, fasste es Mutzel heute zusammen.
Wobei sich die Frage stellt, warum man nicht gegenangekommen ist. Eine Mannschaft, die vorn den mit Abstand besten Torjäger der Liga herumlaufen hat und mit 48 erzielten Toren immer noch den Topwert hält, die darf sich eigentlich auf die eigene Offensive stützen. Die darf mit breiter Brust von sich behaupten, immer treffen zu können. „Man hat nicht das Gefühl gehabt, dass wir etwas holen können. Wir haben es klar angesprochen, damit uns so etwas nicht noch einmal passiert“, sagte Mutzel heute ehrlich – und versucht im nächsten Satz die daraus abzuleitende Unruhe, die sich in Hamburg nach zuvor schon zwei sieglosen Spielen angedeutet hatte, dezent herunterzuspielen: „Ich kann es grundsätzlich nicht verstehen, weil wir immer gucken, was in der aktuellen Saison passiert. Vor allem wie die Mannschaft nach innen und außen auftritt. Ich habe das Gefühl, dass hier in Hamburg immer ein bisschen schneller Unruhe vorhanden ist. Das haben wir die vergangenen Jahre gesehen. Nach innen haben wir diese Unruhe aber nicht. Ich sehe nach einem verlorenen Spiel auch keinen Grund, warum wir unruhig werden sollten.“
Unruhe bringt nichts. Aber weggucken darf auch niemand!
Muss man auch nicht. Unruhe ist meistens destruktiv. Wie die gestern getätigte Aussage von Kapitän Tim Leibold, der davon sprach, dass die Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute nicht die richtige Einstellung gehabt habe, muss man richtig einordnen. Es ist immer auch ein ganz schmaler Grat zwischen Unruhe vermeiden und zu ruhig bleiben. „Das Wort Einstellung finde ich ein bisschen schwierig. Er hat vielleicht gemeint, dass wir in den entscheidenden Momenten zu wenig dagegengehalten haben. Eine Einstellung geht aber auch schon vor dem Spiel los. Es war definitiv nicht der Fall, dass wir im Vorfeld dachten, es ginge schon mit etwas weniger Einsatz. Wir haben eher während des Spiels, als es enger wurde, ein paar Prozent zu wenig gemacht. Das hat Tim glaube ich mit Einstellung gemeint, denn in dieser Phase ist das Spiel zugunsten der Würzburger gekippt. Wir haben Würzburg ganz sicher nicht zu leicht genommen.“ Sagt Mutzel.
Und ich möchte ihm glauben. Ich kenne es selbst von früher, dass man Spiele verliert und dabei quasi zusieht. Eine Art Schockstarre. Ein grundsätzliches Problem in Sachen Einstellung sieht Mutzel jedenfalls nicht: „Nein, das steckt nicht im Kader drin. Das wäre ja auch bescheuert von uns, wenn wir über Monate einen guten Job machen, die Jungs tollen Fußball spielen, wir auch in der Art und Weise total mitgehen können, dann aber nach einem Spiel sagen, es ist alles vergessen und verloren. Wir müssen die Lehren ziehen und haben jetzt geile Spiele vor der Brust.“
Aber okay, was soll er auch sagen?
Ich für meinen Teil sehe einen Zusammenhang aus Aufstellung und Spielverlauf. Hinten steht ein Torwart im Kasten, der mitspielen soll, dem aber fußballerisch jede Ruhe fehlt. Inzwischen wartet man nur auf seinen nächsten Bock, seinen Fehlpass – oder eben derartig verhunzte Ballannahmen wie gestern. Und so gut es Trainer Daniel Thioune meinte, als er Ulreichs fußballerischen Fähigkeiten lobte und ausdrücklich einforderte – man tut Ulreich damit auch keinen Gefallen. So sehr ich Thiounes Sinn für die Realität ansonsten schätze – hier würde man Ulreich helfen, wenn man ihn nicht zu viel ins Spiel einbindet.
Auch Mutzel wurde heute auf Ulreichs Patzer und Unsicherheiten angesprochen. Nicht nur auf die gegen Würzburg, eher allgemein. Und der Sportdirektor versuchte, diese Diskussion kleinzureden: „Ich tue mich schwer, einen Spieler herauszupicken. Wir müssen keine Torwartdiskussion aufmachen und denken auch nicht darüber nach.“ Fakt ist dennoch, dass der HSV-Torwart diskutiert wird. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis, hier im Form, überall. Mal mehr mal weniger - also HSV-intern vielleicht weniger als extern. Aber es gibt diese Diskussion. Und Ulreich macht auf mich nicht den Eindruck, als ließe ihn das kalt. Nein, diese Abwehrkonstellation hat zu viele Wackelfüße - das ist zu gefährlich. Nur gut, dass wenigstens Ambrosius nach seiner Gelbsperre wieder dabei ist.
Die nächsten Wochen bieten genauso Chancen wie Risiken
Auch wenn ich in Sachen Ulreich nicht ganz bei Mutzel bin, stimme ich ihm ansonsten in sehr vielen Punkten zu. Auch in diesem: „Wir wollen nach außen ruhig bleiben. Intern haben wir die Dinge schon klar angesprochen. Es gab genügend Ansätze von gestern, die wir in den nächsten Wochen verbessern müssen“, sagte der Sportdirektor heute und trifft es genau. Denn die nächsten Wochen bieten genau so viel Chancen wie Risiken. Der FC St. Pauli am kommenden Montag kann ein großer Brustlöser werden und für ungeahnten Auftrieb sorgen. Aber es wird auch sch…. schwer, da der Stadtrivale gerade einen gefestigten Eindruck macht und dem HSV sehr gefährlich werden kann. Mutzel: „Jeder will gewinnen. Sie haben gerade eine gute Phase, die hatten wir aber auch bis auf gestern. Ich sehe ganz und gar keinen Vorteil bei St. Pauli. Es wird ein geiles, ausgeglichenes Spiel. Wie das Spiel ausgeht, wird wieder an uns liegen. Das war bisher in jedem Spiel so. Wenn wir unsere beste Leistung abrufen, wird es schwierig für St. Pauli. Wenn wir das nicht machen, wird es schwierig für uns, ganz einfach.“
Stimmt. So einfach ist das. Und eben auch manchmal so schwer. Bleibt nur zu hoffen, dass der HSV schnellstmöglich wieder auf die zuletzt verletzten Spieler zurückgreifen kann. Die werden gerade hinten gebraucht. Aber dazu morgen mehr. Nur so viel vorweg: Aaron Hunt trainierte heute nur individuell, weil er leicht angeschlagen war. Rick van Drongelen soll diese Woche noch einmal voll mit der Mannschaft trainieren und soll ab März wieder zu einer „echten Option“ werden – vielleicht ja schon im Stadtderby. Denn das steigt ja bekanntermaßen am Montag, dem 1. März.
Das Schlusswort für heute hat – das gebührt die Höflichkeit - natürlich Mutzel: „Wir haken dieses scheiß Spiel jetzt ab und reiten nicht allzu lange darauf rum. So etwas passiert einfach im Fußball. Ich weigere mich, unruhig zu werden. Wir haben Bock auf die nächsten Spiele und schauen nach vorne.“ Ich auch.
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