Analyse

Spielerausfälle sorgen für Wende zum Guten beim HSV

Es gibt viele Sätze, die das beschreiben, was ich hier in den letzten Wochen schon mehrmals zum Kern eines Blogs gemacht hatte. „Der HSV wird erwachsen“ titelt heute das…

Spielerausfälle sorgen für Wende zum Guten beim HSV

Es gibt viele Sätze, die das beschreiben, was ich hier in den letzten Wochen schon mehrmals zum Kern eines Blogs gemacht hatte. „Der HSV wird erwachsen“ titelt heute das Hamburger Abendblatt. „Der HSV ist bereit für die Nervenschlacht“ lautet die Überschrift über dem HSV-Aufmacher der Mopo-Kollegen. Der Kicker nennt den HSV „Eisern und effektiv“, während die BILD-Kollegen dem HSV einen Einsatz nachsagen, der dem eines Aufsteigers würdig sei. Kurzum: Dieser HSV hat nicht nur mich überzeugt. Dieser HSV überzeugt inzwischen flächendeckend mit seiner Stabilität. Dass diese noch längst kein Garant für einen Aufstieg ist, logisch! Aber der HSV hat sich endlich ein Gerüst aufgebaut aus natürlichen Leadern, einem starken System – und einer Mannschaft, die mental stark zu sein scheint und die an sich glaubt.

Dieser HSV gibt zumindest kein Spiel mehr einfach so ab. Nicht einmal dann, wenn der Gegner besser spielt. Zu sehen war das am Sonnabend auch im Spiel gegen den starken 1. FC Heidenheim. Die Gäste spielten durchweg gut, waren auf Augenhöhe. Und sie hatten zu Beginn der zweiten Halbzeit sogar ein Übergewicht, das zur Führung hätte reichen können. Aber das tat es nicht. Zum einen, weil der HSV effektiver spielte und seine Chancen nutzte. Zum anderen aber auch, weil der HSV defensiv inzwischen so stabil ist, wie ich es zu Saisonbeginn immer wieder befürchtet hatte, dass er es nicht würde in dem System Walter. Zurecht, wie ich inzwischen sagen kann. Denn die kleinen, aber wesentlichen Nachjustierungen rund um die Ausfälle von Tim Leibold, Daniel Heuer Fernandes und Mario Vuskovic nach dem Pokalspiel beim 1. FC Nürnberg Ende Oktober waren letztlich entscheidend dafür, dass dieser HSV an Selbstsicherheit dazugewonnen hat und so auch mehr Spiele gewinnt als zuvor.

Walters erzwungene Nachjustierung als Wendepunkt

Er habe wegen der vielen neuen in der Defensive einen Schritt vorsichtiger agieren lassen müssen, hatte der HSV-Trainer damals sinngemäß formuliert. Was er nicht sagte, was aber offensichtlich ist: Tim Walter ist seitdem auch bei dieser nachjustierten Spielweise geblieben, weil sie einfach besser funktioniert. Das machen nicht viele Trainer. Oder anders formuliert: Walter hat seine Spielweise angepasst. Der Mann, dem man eine unzerstörbare Sturheit nachsagt, hat sich davon überzeugen lassen. Tim Walter war sich nicht zu fein und nicht zu stur, um zu erkennen, dass es so besser funktioniert. Auch er hat sich maßgeblich entwickelt. 

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Aus meiner Sicht war dieser Zeitpunkt in dieser Saison der Wendepunkt zu dem, was heute alle als „reifer“ und „erwachsener“ im HSV-Spiel erkennen. Die 13 Gegentore in den ersten elf Spielen dieser Saison waren schon ganz ordentlich – aber die seither in den nächsten elf Ligaspielen kassierten gerade einmal sieben Gegentore sind sensationell. „Am Anfang hatte ich zu kämpfen, weil es schon was ganz anderes ist, als ich es bisher gewohnt war“, sagte gestern nun auch Innenverteidiger und Abwehrchef Sebastian Schonlau, der zu Gast war beim „NDR Sportclub“. Schonlau deutlich: „Das, was wir unter Tim Walter spielen, ist einfach anders. Deswegen wusste ich die ersten zwei Wochen nicht, wo rechts und links ist, wenn ich ehrlich bin. “ Heute ist das anders.

Der 27-jährige HSV-Kapitän fühlt sich durch seinen Wechsel im Sommer vergangenen Jahres vom Ligarivalen SC Paderborn in die Hansestadt bestätigt. „Für mich war es der absolut richtige Schritt“, sagte er. Dazu gehört für ihn auch, ein Angebot des Bundesligisten 1. FC Köln ausgeschlagen zu haben. „Am Ende hat es einfach nicht so gepasst. Es war für mich einfach die beste Entscheidung, mal einen ganz anderen Weg zu gehen, frei von Steffen. Weiter weg von zu Hause, um auf meinen eigenen Beinen zu stehen“, sagte der HSV-Kapitän. Er habe Kölns Coach Steffen Baumgart aus der gemeinsamen Paderborner Zeit viel zu verdanken und stehe mit ihm weiterhin in Kontakt stehe, betonte Schonlau.

„Die Entwicklung hört niemals auf“

Über einen möglichen Aufstieg will der Abwehrspieler nicht spekulieren.  Und das ist auch gut so. Allemal besser als das „nur wir entscheiden, wer am Ende aufsteigt“-Gesabbel der letzten Jahre von Spielern, die glaubten, dass solche Aussagen gleichzusetzen seien mit dem „Vorwegmarschieren“ und dass man solche Aussagen von ihnen erwarte. Schonlau hat diesen Druck nicht. Oder besser gesagt:  Er lässt ihn gar nicht erst zu. „Was unser Ziel ist, ist doch völlig klar: dass wir so viele Spiele wie möglich gewinnen wollen. Wir tun gut daran, nicht so weit nach vorn zu gucken“, betonte der in Warburg/Nordrhein-Westfalen geborene und aufgewachsene Spieler und betonte: „Ich glaube, wir müssen noch gar nicht so viel auf die Tabelle gucken. Das hilft nicht. Es sind noch zwölf Spiele.“ Das aber sei ein noch sehr, sehr weiter Weg. Für alle. Auch für den HSV.

https://open.spotify.com/episode/7Kacf9D2bkV8MGMTXoNpV8?si=681352c836c74bc0

Genau diese mahnende, defensive Art vom Kapitän, auf die Komplimente des NDR-Moderators zu begegnen, passen zu dem Bild, das der HSV heute abgibt. Nämlich das von einem HSV, dem neben allen Experten inzwischen auch die größten Kritiker in dieser Saison alles zutrauen. Es ist endlich ein sympathisches Bild von einem realitätsnahen HSV, der sich gut entwickelt, ohne dabei auch nur den Ansatz von Zufriedenheit auszustrahlen. Im Gegenteil: Alle wissen endlich, wo sie wirklich stehen – und wie weit es noch bis zu dem Punkt ist, wo sie hinwollen. Oder wie sagt Trainer Tim Walter immer wieder? „Die Entwicklung hört niemals auf.“ Stimmt. Aber diesmal geht sie in die richtige Richtung…

In diesem Sinne, hoffen wir mal, dass das alles so bleibt und der HSV seine nächsten Steps nimmt. Ab morgen dann auch wieder mit Mannschaftstraining, nachdem heute frei war. Ich wünsche Euch allen bis dahin noch einen schönen Rest-Valentinstag!

Scholle

P.S.: Aus einer MoinVolkspark vorliegenden Beschlussvorlage der „Videoschaltkonferenz des Bundeskanzlers mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 16. Februar“ geht hervor, dass der HSV wohl schon sehr bald wieder mit 25.000 Zuschauern planen kann – allerdings erst im zweiten Lockerungsschritt ab dem 4. März, also eine Woche nach dem Nordderby gegen Werder Bremen. Dagegen versuchen die HSV-Verantwortlichen aktuell vorzugehen und sprechen mit der Stadt über Lockerungen schon für das Nordderby gegen Werder Bremen am 27. Februar. 

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