Souverän hinten, fahrlässig vorn - Jubiläumssieg gegen Greuther Fürth
Es geht wieder auf den Platz. Und das ist auch gut so, denn Länderspielpausen – die nächste ist schon am 18. November – sind nicht die Spezialität des HSV, der oftmals behäbig…

Es geht wieder auf den Platz. Und das ist auch gut so, denn Länderspielpausen – die nächste ist schon am 18. November – sind nicht die Spezialität des HSV, der oftmals behäbig aus selbiger rauskam. Ob das gegen Greuther Fürth auch so sein würde, sollte Tim Walter auf der Pressekonferenz am Donnerstag beantworten. Und er antwortete diplomatisch, dass seine Mannschaft heiß darauf sei, wieder in den Spielbetrieb einzusteigen. Besonders zuhause. Und das sollte sich am heutigen, zehnten Spieltag, den der HSV vor 55.800 Zuschauern bei Hamburger Schmuddelwetter gegen Greuther Fürth mit 2:0 gewann, auch so bewahrheiten….
Und Walters Mannschaft begann genau so, wie es sein sollte: Aggressiv in den Zweikämpfen, laufstark, schnell im Umschalten und zweikampfstark. Eine Führung wäre verdient gewesen, ehe sich der HSV zweier früher Rückschläge erwehren musste, die es in sich hatten. Erst schied van der Brempt nach acht Minuten mit einer Knieverletzung aus, dann musste auch noch Mannschaftskapitän Ludovit Reis raus, nachdem er mit seiner jüngst operierten Schulter unglücklich (und von einem Fürther geschubst) auf eine leere Getränkekiste am Spielfeldrand gestürzt war. Zwei personell bittere Ausfälle, zumal gerade diese beiden in dieser Angangsphase auffällig aktiv waren.
Während Moritz Heyer für van der Brempt auf die rechte Außenverteidigerposition rückte, kam Immanuel Pherai für Reis – und Jonas Meffert übernahm dessen Kapitänsbinde. Ein Prozess, der dem Sechser guttat, denn er war es, der kurz nach Reis‘ Auswechslung zum 1:0 traf. Eine Scharfe Hereingabe (nach einer kurzen Ecke!) vom Top-Vorlagengeber Laszlo Benes (11. Torvorlage schon!) verlängerte Meffert per Kopf zum 1:0. Sein erstes Tor seit Februar 2022! Auffällig hierbei wie auch sonst bis hierhin: Der HSV suchte die Flanken in den Sechzehner, spielte schnell nach vorn und über die linke Seite war Jean Luc Dompé, dem Walter nach „überragenden Trainingsleistungen“ für Levin Öztunali in die Startelf gestellt hatte, das Eins-gegen-Eins, um so Räume zu schaffen.
Ebenfalls auffällig: Beide Einwechslungen hatten zunächst Probleme, sich zurechtzufinden. Heyer, der seit Ende letzter Saison in einem tiefen Leistungsloch festzuhängen scheint, sah eine „Kann-aber-mus-nicht“-Gelbe Karte, die ich nicht gegeben hätte. Und Pherai lief mehr hinterher, als er auf das Spiel direkt Zugriff hatte. Dafür stand der HSV defensiv bis auf eine Unaufmerksamkeit (Green scheitere an Heuer Fernandes, 17. Minute) gut. Und auch in dieser Szene war es der zuletzt ebenso wie heute wieder starke Guilherme Ramos, der wiederholt entscheidend verteidigte.
Großes Glück hatte der HSV in der 40. Minute, in der es Schiri Robert Schröder nach einem schmerzhaften Foul von Bakery Jatta bei der bereits gegebenen Gelben Karte beließ, obgleich der Kölner Keller ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, sich den üblen Tritt von Jatta auf den Knöchel des Fürthers Asta noch mal genauer anzusehen. Der mit Karten ansonsten eher locker hantierende Schröder aber entschied darauf, dass hier kein gewolltes Foul, sondern ein unglücklicher Tritt vorlag. Kann man so sehen – allerdings behaupte ich, dass ein Großteil der Schiedsrichter in den Bundesligen hier Rot gezückt hätten.
Ergebnis nach den verletzungsbedingten Auswechslungen sehr zerfahrenen Partie: Es gab rekordverdächtige zehn Minuten Nachspielzeit. Und die nutzte der HSV. Immanuel Pherai bediente im Zentrum Robert Glatzel, der den Fuß hinhielt und zum 2:0 traf. Endlich wieder Glatzel, dem Walter zuletzt („Robert wird wieder treffen, da mache ich mir absolut keine Sorgen“) noch demonstrativ den Rücken gestärkt hatte. Und vorbereitet ausgerechnet von den beiden Einwechselspielern (Heyer schickte Pherai rechts im Sechzehner, der legte quer) vorbereitet, die bis dahin Schwierigkeiten hatten, ins Spiel zu finden.
Zur zweiten Halbzeit änderte sich nicht viel am Spiel. Ebenso wenig am Ergebnis, da die Fürther einen Elfer verschossen (Heuer Fernandes parierte gegen Hrgota) und der HSV wucherte mit seinen Chancen nur so herum, dass es fast schon wehtat. Dompé und Jatta hätten allein schon vier oder mehr Tore machen bzw. auflegen MÜSSEN!
Aber am Ende reichte es zu einem völlig verdienten 2:0-Sieg. Da in Paderborn Ex-HSVer Filip Bilbija noch zum 2:2 traf, ist der HSV punktetechnisch zum Tabellenführer FC St. Pauli aufgeschlossen. Übrigens: Wer sich mit der Zweiten Liga beschäftigt, sollte unbedingt den Namen Muslija im Kopf behalten. Der Paderborner ist aktuell so stark, dass ich als HSV unbedingt Kontakt aufnehmen würde…
Aber noch mal kurz zum HSV, der am kommenden Wochenende beim 1.FC Kaiserslautern antreten muss. Hier waren die Spieler nach der Partie kritisch – aber auch zufrieden. Daniel Heuer Fernandes sagte: „Wir sind mit viel Energie und Leidenschaft das Spiel über 90 Minuten angegangen. Die Chancenausbeute hätte ein Stück weit besser aussehen können. Dadurch hätten wir noch mehr Ruhe ins Spiel bekommen. Rundum war es aber ein sehr souveränes Spiel. Ich freue mich heute vor allem über die Art und Weise unseres Auftritts.“ Schlusswort Tim Walter: „Es macht immer Spaß, gegen Mannschaften von Alex (gemeint ist Fürths Trainer Alex Zorniger) zu spielen, weil er sehr intensiv spielen lässt und die Spiele offen werden. So war es heute auch. Das Spiel ging hin und her. Wir haben gut verteidigt und hatten zugleich auch eine gute Energie im Spiel mit dem Ball. Wir haben uns auch durch die zwei Ausfälle nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wir haben heute von Beginn an gezeigt, dass wir das Spiel gewinnen wollen. Das hat meine Mannschaft gegen eine immer gefährliche Fürther Mannschaft bravourös gemacht. Deshalb bin ich heute sehr zufrieden mit den Jungs.“
Und das darf er heute ganz sicher auch sein!
DIE SPIELERBEWERTUNGEN:
DANIEL HEUER FERNANDES: Am Ball heute mit einigen Ungenauigkeiten. Aber auf der Linie gewohnt sicher rettete er sogar gegen den Elfer von Hrgota. Note: 2
IGNACE VAN DER BREMPT (bis 8. Minute): Er versuchte, das Tempo hochzuhalten. Und das gelang ihm sehr gut, bis er nach zehn Minuten verletzt raus musste. Gute Besserung von dieser Stelle! Er wird dem HSV hoffentlich nicht zu lange fehlen.
MORITZ HEYER (ab 11. Minute): Hatte wie bei seinen letzten Einsätzen arge Probleme im Stellungsspiel. Er fand nicht in die Partie, sah früh Gelb – und bereitetet dann in der Nachspielzeit mit einem klugen Pass auf Pherai das 2:0 mit vor. In der zweiten Hälfte wurde er etwas stärker, weil etwas souveräner defensiv. Note: 3
DENNIS HADZIKADUNIC: Sehr unauffällig, was kein schlechtes Zeichen ist. Wenn er was zu tun hatte, löste er die Aufgabe. Also: Alles okay so! Note: 3
GUILHERME RAMOS: Machte wieder genau das, was er am besten kann: Rustikal Zweikämpfe im Infight gewinnen. Er war in fast allen gefährlichen Situation der entscheidende Mann auf HSV-Seite, weshalb der HSV zum vierten Mal in Folge im Volksparkstadion die Null hielt. Dass er auch derjenige war, der per Foulspiel den Elfer verursachte - geschenkt! Wer so viel macht, der darf auch Fehler machen! Und ich bleibe auch dabei: Die Mischung mit einem rein defensiv agierenden und defensiv denkenden Spieler in der Innenverteidigung bleibt die Konstellation, die der HSV beibehalten muss, wenn er aufsteigen will. Note: 2
MIRO MUHEIN: Auch wenn heute die Vorstöße nicht so zielgerichtet waren, die Tendenz bei dem Schweizer war und ist weiterhin absolut positiv. Note: 3
JONAS MEFFERT (bis 79.): Er musste das Mittelfeld in einer hart geführten Partie ordnen, und das schaffte er trotz der frühen Wechsel gut. Dass er dazu noch traf – es sei ihm gegönnt. Note: 3
JEAN-LUC DOMPÉ (bis 76.): Endlich suchte er die Eins-gegen-Eins-Situationen nicht nur, sondern gewann sie auch. Seine Flanken sind dabei oft noch zu ungenau. Er wurde zunehmend müder und vergab das sichere 3:0 – gleich mehrfach, was richtig schwach war. Aber: Die Tendenz bei ihm stimmt grundsätzlich wieder. Note: 3,5
RANSFORD KÖNIGSDRFFER (ab 76.): Hatte gleich einen Riesen auf dem Fuß, den er vergab.
LUDOVIT REIS (bis 15.): Seine Verletzung ist bitter, weil es wieder die bereits verletzte Schulter ist. Ich hoffe, dass es nicht zu schwerwiegend ist und er nicht operiert werden muss. Anstatt der Note: Gute Besserung, Ludovit!

IMMANUEL PHERAI (ab 16.): Er brauchte eine Weile Anlauf, um zumindest am Spiel teilzunehmen. Der Pass zum 2:0 gab ihm vielleicht den entscheidenden Impuls, denn in der zweiten Halbzeit wurde er agiler. Nicht gut, aber besser. Note: 3
LASZLO BENES: Auch wenn er selbst nicht traf, das war stark! Benes war der Antreiber im HSV-Spiel und übernahm kurzerhand und mit vielen klugen Pässen die Regie. Wäre die Offensive etwas effektiver, hätte Benes heute nicht nur seinen 11. Torassist gespielt, sondern die Torvorlagen Nummer 12, 13 und 14 gleich hinterher! Für mich war er dominanter Regisseur des HSV und der beste Mann auf dem Platz – mit und ohne Ball. Note: 1,5
BAKERY JATTA (bis 74.): Er macht immer viel – aber genau so viele gute Szenen finden ob seiner Abschlussschwäche ein jähes, enttäuschendes Ende. Unfassbar, was der Gambier heute allein mit dem Kopf vergab! Vor allem: DAS ebenso wie den Querpass an sich sind Dinge, die man trainieren kann. Er hat zwar Chancen, die andere nicht bekämen – aber er nutzt sie so wenig, dass es einfach nicht für eine gute Note reicht: Note: 4
ROBERT GLATZEL: Endlich trifft er wieder. Auch aus dem (extrem knappen!) Abseits blieb er saucool. Aber auch er war ein wesentlicher Teil der miserablen Chancenverwertung heute. Note: 3
TRAINER TIM WALTER: Er hat endlich erkannt, dass die Defensive entscheidend ist. Gar nicht auszudenken, wenn der HSV so offen wie letzte Saison bei einer solchen Chancenverwertung gespielt hätte... Von daher: Gut so! Endlich! Und vor allem: bitte unbedingt beibehalten!
DIE STATISTIK ZUM SPIEL:
HSV: Heuer Fernandes - van der Brempt (8. Heyer), Hadzikadunic, Ramos, Muheim - Meffert, Reis (15. Pherai), Benes - Jatta, Glatzel, Dompe (76. Königsdörffer)
SpVgg Greuther Fürth: Urbig - Dietz (46. Kiomourtzoglou), Michalski, Itter - Asta (67. Srbeny), Wagner (46. Petkov), Green, Haddadi (46. Meyerhöfer), Hrgota (78. Sieb) - Abiama, Lemperle
Tore: 1:0 Meffert (16.), 2:0 Glatzel (45.+4.)
Zuschauer: 55.800
Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover)
Gelbe Karten: Heyer, Jatta / Itter, Lemperle, Michalski, Abiama
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