Meinung

Soll wirklich dieses eine Spiel entscheidend sein?

Tim Walter sah anders aus. Ein schmerzfreier Unfall beim Rasieren habe dazu geführt, dass er den Bart nicht nur stutzen, sondern ganz abrasieren musste. „Tim Walter rasiert“…

Soll wirklich dieses eine Spiel entscheidend sein?

Tim Walter sah anders aus. Ein schmerzfreier Unfall beim Rasieren habe dazu geführt, dass er den Bart nicht nur stutzen, sondern ganz abrasieren musste. „Tim Walter rasiert“ flachste daraufhin der BILD-Kollege und brachte Walter damit zum Lachen – obwohl der HSV-Trainer es ganz sicher nicht witzig findet, dass er gerade auf der Kippe zu stehen scheint. Alle Augen richten sich auf den 48-Jährigen – aber er selbst versucht Lockerheit zu versprühen und lenkt ab: „Es geht nicht um mich, sondern es geht rein um den HSV. Es geht nur um den Verein und sonst gar nichts.“

In der Tabelle steht der HSV nur noch auf dem dritten Tabellenrang, im Pokal ist man extrem unnötig ausgeschieden. Und zuletzt wurde auch zuhause das erste Mal verloren und der Rückstand auf die direkten Aufstiegsplätze (Pauli vor Kiel) beträgt schon vier Punkte im sechsten Anlauf zum Wiederaufstieg. Und auch den nannte Walter heute ganz explizit als klares Ziel Aber: Gegen Walter spricht unter anderem, dass er das große Ziel schon 2022 und 2023 immer wieder klar nannte und letztlich verfehlte.

Was Walter auf die Kritik entgegnen würde, dass sich die immer selben Fehler wiederholen würden? Auch in dieser Saison kosteten den HSV besonders die Duelle mit vermeintlich kleineren Clubs wertvolle Punkte. Gegen Aufsteiger SV Elversberg und Osnabrück wurde verloren, gegen Wehen Wiesbaden gab es nur ein 1:1. Viel zu wenig für große Ziele. Vor allem aber fehlt eine Entwicklung im HSV-Spiel, das noch immer defensiv zu anfällig ist.

Am Mittwochabend tagte die Hauptversammlung der HSV Fußball AG. Angeblich soll Anteilseigner Klaus-Michael Kühne mittlerweile einen Abgang Walters favorisieren. Auch darüber lächelte Walter heute hinweg: „Ich habe schon sehr häufig gesagt, dass Druck ein Privileg ist. Ich bin seit zweieinhalb Jahren da und ich weiß, was Sturm in Hamburg bedeutet.“ Kritik am Trainer sei er gewohnt, meinte Walter. „Wenn wir kein Spiel gewinnen oder wenn wir Heimspiele nicht gewinnen, dann ist die immer da und allgegenwärtig.“
Diese Kritik störe ihn aber nicht. „Bei unseren Ansprüchen ist das absolut in Ordnung. Wir wollen gewinnen und wir wollen aufsteigen!“ Was ein Sieg in Nürnberg bedeutet? Ich weiß es nicht. Es scheint, als würde die Vereinsführung in Persona Jonas Boldt alles daransetzen, in der Konstellation weiterzuarbeiten. Ob das nach einer weiteren Niederlage noch möglich ist? Es scheint zu befürchten. Denn klar ist auch, dass der HSV in den letzten Monaten das Zepter des Handelns weitgehend an die operativen Verantwortlichen abgegeben hat. Die Kontrolleure kontrollieren nichts mehr. Sie haben sich in eine personelle Abhängigkeit gegenüber Boldt begeben, die nur so lange gesund ist, wie es mit Boldt funktioniert. Einen umsetzbaren Notfallplan gibt es nicht.

Weshalb sich Boldt so stark an Walter bindet, erschließt sich mir dabei dennoch nicht. Loyalität zu zeigen ist das eine, aber hier driftet es längst in eine verfehlte Kontrolle des Trainers ab. Denn auch das zählt zu Boldts Jobbeschreibung. Parallel zu Boldt scheint auch die Mannschaft weiterhin zum Trainer zu stehen, was grundsätzlich gut ist. „Wir sitzen alle im gleichen Boot. Der Trainer ist eine wichtige Person in einem Verein. Doch den Druck kann der Trainer ab, das weiß ich. Und wir wollen schnellstmöglich wieder Siege einfahren“, betonte Torwart Daniel Heuer Fernandes. 

Sportlich spricht nicht viel für Walter, das hatten wir in den letzten Tagen sehr ausführlich hier besprochen. Fast schon lustig, dass Walter ausgerechnet in diesem für ihn so wichtigen (ich bleibe dabei: EIN Spiel darf nicht entscheidend sein) Spiel am Sonnabend taktisch umplanen muss. Nachdem auch Ignace van der Brempt laut Walter keine Option für die Startelf ist, fehlen bis auf Mikelbrencis und Oliveira alle etatmäßigen Außenverteidiger. „Wir können auch mit Dreierkette“, so Walter, der gleichzeitig darauf verwies, dass die DFB-Nationalelf 2014 mit vier gelernten Innenverteidigern agierte und Weltmeister wurde. Und: Innenverteidiger hat der HSV für Sonnabend mehr als notwendig. Jean Luc Dompé wird indes wohl auch in Nürnberg noch ausfallen.

In diesem Sinne, wir lesen/sehen/hören uns spätestens am Sonnabend nach dem Nürnberg-Spiel wieder. Bis dahin!

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