So kann der HSV seine Spielerauswahl professionalisieren - kommt Dursun doch?
Gestern hatte ich es bereits angekündigt, heute ist der Text da. Und es lohnt sich (wie immer!), dieser Expertise Aufmerksamkeit zu schenken. Mich hat sie jedenfalls schlauer…

Gestern hatte ich es bereits angekündigt, heute ist der Text da. Und es lohnt sich (wie immer!), dieser Expertise Aufmerksamkeit zu schenken. Mich hat sie jedenfalls schlauer gemacht. Vor allem aber weiß ich jetzt auch wieder, woher das Zitat von Mehmet Scholl stammt, das ich gestern in meinem Blog genutzt habe: Olaf hatte es aufgegriffen und mir vor einigen Tagen bereits zugeschickt. Das Zitat war so prägnant, dass ich es im Kopf behalten habe – aber nicht mit Absender. Daher habe ich es gestern noch mal gesucht und im Netz gefunden, um es Euch zu zeigen.
Neben dieser Doppelung werdet Ihr in den folgen Zeilen von Olaf aber einige sehr spannende, neue Erklärungen für das Phänomen finden, das ich sehr pauschal unter „Charakterschwäche“ im Blitzfazit kritisiert hatte. Aber was ich einfach mal so raushaue, kann Olaf nach nunmehr als 25 Jahren, in denen er sich mit der Diagnostik von Führungskräften und Top-Management, beschäftigt, natürlich exponentiell fundierter erklären. Unser Glück: Was sich ansonsten große Firmen einiges kosten lassen, bekommen wir hier als Bonus – der gemeinsamen Leidenschaft für den HSV sei Dank. Aber lest selbst, was Olaf über das „Charakterproblem“ beim HSV schreibt:
Nicht-Aufstieg – eine Frage des „Charakters“
Wie Scholle und alle anderen hier in der Community war ich vom Osnabrück-Spiel extrem gefrustet. Selten hat Scholle mir so aus der Seele gesprochen wie in seinem Blitzfazit nach dem Spiel. Zu Recht hat er (und viele hier im Blog) vom fehlenden Charakter der Spieler gesprochen. Nachdem ich mich einigermaßen von dem Frust am Sonntag erholte habe, fühle ich mich jetzt aufgefordert etwas dazu zu sagen, denn „Charakter“ ist ja wohl ein Thema für einen Psychologen.
Es wird viele erstaunen, dass der Begriff „Charakter“ in der Psychologie heute eher selten verwendet wird (früher gab es sogar eine psychologische Disziplin mit dem Namen „Charakterpsychologie“). Dennoch bietet die psychologische Sichtweise einige Ansatzpunkte dafür, die Fragen zu beantworten, die uns HSV-Fans beschäftigen: Wie kann es sein, dass Fußballprofis dermaßen lustlos die Chance auf den Aufstieg verspielen? Wieso verweigern hochbezahlte Arbeitnehmer dem Arbeitgeber die Leistung? Wieso endet die Mannschaft mit dem höchsten Etat der Liga am Ende auf dem fünften Platz? Warum lassen die Spieler die HSV-Ikone Horst Hrubesch so im Stich?
Leistung ist Können mal Wollen
Eine einfache psychologische Grundformel lautet, dass Leistung das Produkt aus „Können“ und „Wollen“ ist. Betrachten wir einmal das „Können“ angesichts des Marktwerts der Mannschaft als gegeben (wobei ich bei einigen Spielern schon Bedenken hinsichtlich deren technischer, taktischer oder intellektueller Fähigkeiten hätte) und richten den Fokus auf das „Wollen“. Dieses setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der Situation bzw. dem Umfeld und der Persönlichkeit eines Menschen. Beides – das Umfeld und die Persönlichkeit – beeinflussen sich gegenseitig, mal ist das eine stärker, mal das andere. Zum Beispiel wird ein ängstlicher Mensch mitunter mutig, wenn die Situation ihm keine andere Wahl lässt. Oder ein eher schüchterner Mensch kann im Stadion, wenn er/sie in der Kurve steht, plötzlich aus sich herauskommen.
Dass das Umfeld beim HSV aus meiner Sicht nicht unbedingt leistungsförderlich ist, habe ich hier hinlänglich erläutert und ich will die Community nicht mit erneuten Ausführungen über die fehlende „Hochleistungskultur“ beim HSV langweilen. Heute möchte ich etwas über die andere Seite sagen, die Persönlichkeit.
„Persönlichkeit“ als Konstanten im Leben
Natürlich ist jeder Mensch anders und jeder verhält sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich. Wie man an obigen Beispielen sieht, kann sich auch der Introvertierte mitunter extrovertiert verhalten oder der Ängstliche mutig. Aber: es gibt für jeden Menschen so etwas wie Konstanten, die sich durch sein Leben ziehen. Das kann man übrigens schon bei Babys sehen: manche sind neugierig, andere eher ängstlich, manche suchen Kontakt, andere vermeiden ihn eher. Einen großen Teil der Charakterzüge, die ein Mensch als Baby bzw. Kleinkind zeigt, entdeckt man noch im hohen Erwachsenenalter, auch wenn sie natürlich durch Erziehung (die Werte, die jemandem vermittelt werden) und Erfahrungen weiter ausgeformt werden. Das ist jedoch weniger gruselig als es klingt, da „Persönlichkeit“ kein Schicksal ist, man kann sich immer entscheiden, ob man seinen spontanen Impulsen folgt oder sein Verhalten bewusst steuert.
Dennoch – diese Konstanten im Verhalten machen es uns möglich, uns selbst und andere zu verstehen und Verhalten anderer Menschen vorherzusagen. Genau das, nämlich vorherzusehen, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten werden, ist übrigens mein Job. In dem Beratungsunternehmen, in dem ich arbeite, untersuchen wir relativ hochrangige Manager:innen, die eingestellt oder befördert werden sollen, mit allen Mitteln, die die Psychologie zu bieten hat, darauf hin, ob sie für einen konkreten Job geeignet sind (das nennt man übrigens nicht „Personalberatung“, denn der/die Personalberater:in betreibt „Headhunting“, also Personalsuche, sondern „Management-Diagnostik“).
Bei den Manager:innen, mit denen wir es zu tun haben, ist es ähnlich wie bei Fußballprofis: auch hier gilt: Leistung ist Können mal Wollen. Und die Könnenseite ist zumeist nicht das Problem, die meisten unserer Kandidat:innen sind intelligent, gut ausgebildet, sozial kompetent und erfahren. Der kritische Punkt ist häufig die Motivation, also das Wollen: passt die individuelle Motivation eines Menschen, sein Wollen und seine Persönlichkeit zu dem, was gefordert ist?
Unternehmen wissen, dass sie diesen Punkt aus eigener Kraft nur aus dem Bauch heraus beurteilen könnten, deshalb beauftragen sie uns, sie dabei zu unterstützen und teure Fehlbesetzungen wichtiger Positionen zu vermeiden.
Falsche Spielerauswahl
Wenn man sich also die Leistungen der Mannschaft in den letzten Jahren anguckt, dann behaupte ich, dass es nicht nur am System HSV, der Taktik oder dem jeweiligen Trainer lag, sondern dass man teilweise auch bei der Auswahl der Spieler Fehler gemacht hat – und zwar indem man zu wenig darauf geachtet hat, wie die Spieler „ticken“. Was treibt sie an? Wie reagieren sie in schwierigen Situationen? Motivieren sie andere oder müssen sie motiviert werden? Warum wollen sie überhaupt zum HSV?
Vermutlich werden jetzt einige Kommentatoren sagen, „jaaa, man kann aber Fußballspieler nicht mit Manager:innen vergleichen“. Doch genau die Charakterfrage, die jetzt viele stellen, ist etwas, das man gut untersuchen und vorhersagen kann, auch bei Fußballspielern. Wie wichtig dieses Thema im Profifußball ist, haben schon bei weitem kompetentere Experten als ich thematisiert. Mehmet Scholl hat zum Beispiel anlässlich einer Frage zu seinem Sohn Lucas (der m.W. Profi in Österreich ist) dargelegt, worauf es bei Fußballprofis ankommt:
„Zunächst schaue ich mir an: Was kann er technisch, taktisch, wie stoppt er, wie passt er, wie dribbelt er, wie verhält er sich? Da ist Lucas bei 100 Prozent. Der zweite Bereich ist körperlich: Wie ist die Athletik, wie ist die Physis, wie ist die Ausdauer? Da ist er bei 60 Prozent. Und der wichtigste Bereich: Wie ist der Charakter? Wie reagiert ein Spieler, wenn's eng wird? Wird er besser, lehnt er sich auf, legt er 'ne Schippe drauf oder bricht er weg? Und da ist Lucas bei 30 Prozent.”
Also: Technik, Physis und Charakter. Während man die ersten beiden Punkte gut messen (und übrigens auch durch gezieltes Training verbessern) kann, wird die Charakterfrage zumeist ignoriert bzw. aus dem Bauch heraus beantwortet.
Dass man Themen wie Motivation, Werte und Persönlichkeit professionell messen und beurteilen kann, zeigt der Blick in die Wirtschaft. Ohne zu sehr in die Details gehen zu wollen, kann man sagen, dass man diese wichtigen Bereiche mit sog. psychometrischen Verfahren (psychologische Tests und Fragebögen) und bestimmten Fragetechniken recht zielsicher einschätzen kann. Professionell geführte Vereine (ich weiß es mit Sicherheit von einigen Clubs in Dänemark, Italien und England) setzen diese Methoden in der Auswahl von Spielern ein. Wenn der HSV eine Lehre aus dem Osnabrück-Spiel ziehen will, dann sollte es die sein, dass er zukünftig bei der Auswahl von Spielern alle drei von Mehmet Scholl angesprochenen Bereiche genau betrachtet.
Dr. Olaf Ringelband
Personell gibt es heute wieder ein paar Neuigkeiten. Die Guten zuerst: Josha Vagnoman und Amadou Onana konnten heute schon wieder individuelles Training absolvieren, währed der Rest der Mannschaft auf dem Platz stand. Ob es bis zum Sonntag reicht, ist noch offen. Wibei ich mir sicher bin, dass Hrubesch beide nut zu gern spielen lassen würde. Denn jetzt, wo der HSV nichts mehr zu verlieren hat, wird der Horst Hrubesch, den ich kennen, nicht die nominell beste Mannschaft auf den Platz stellen, sondern ganz geau beobachten, wer sich wie präsentiert und wer bereit ist, am Sonntag alles zu geben. Er wird den „Charakter“ an erste Stelle setzen.
Apropos: Ganz oben auf der Einkaufsliste des HSV steht Serdar Dursun. Nach dem Abgang von Simon Terodde gen Schalke 04 gehört der Angreifer weiterhin zu den Top-Kandidaten. Nachdem es zuletzt eher ruhig um den möglichen Transfer geworden war, weil ihm angeblich andere, finanziell lukrativere Angebote unterbrietet worden sein sollten, heizt nun Dursun (29) selbst die Gerüchte wieder an. „In meiner Kindheit wollte damals jeder in Hamburg für den HSV oder den FC St. Pauli spielen. Es sind beides große Vereine. Wir werden sehen, was die nächsten Wochen bringen. Ich bin auf jeden Fall offen für alles“, bestätigte der Noch-Stürmer von Darmstadt 98 gegenüber „11Freunde“. Somit scheint auch ein Wechsel zurück in die Hansestadt, genauer gesagt in den Volkspark, noch nicht vom Tisch zu sein.
Allerdings haben auch die Erstligisten Union Berlin und Besiktas Istanbul Interesse am Stürmer. Dursun sagt in „11Freunde“ auch: „Bundesliga, Premier League, La Liga … Das würde mich alles reizen, das sind Ligen, von denen ich seit meiner Kindheit träume. Der Lebensstil in Istanbul gefällt mir sehr, das wäre super. Ich bin auf jeden Fall heiß, bin ein bisschen ein Spätzünder und habe daher noch einiges vor.“ Hoffentlich in Hamburg mit dem HSV. Denn vom Typ her gefällt mir der fleißige Ex-Spieler des SC Concordia sehr. Und dass er Tore schießen kann, beweist er gerade eindrucksvoll.
Aktuell liegt Dursun mit 25 Toren in der Torjägerliste der zweiten Liga sogar zwei Treffer vor HSV-Top-Torschütze Simon Terodde. Trotzdem schwärmt Dursun in dem aktuellen Interview von der Offensive des HSV: „Es ist ja so: Simon spielt beim HSV, da ist es vielleicht generell etwas leichter Tore zu schießen als in Darmstadt – ohne das Simon gegenüber despektierlich zu meinen oder seine Leistung schmälern zu wollen. Da kommen generell noch mehr Bälle nach vorne. Wir haben zwar auch in diesem Jahr als Verein sehr viele Tore geschossen, aber der HSV hat die beste Offensive der Liga. Wenn eine Mannschaft immer um den Aufstieg mitspielt, generell auf ein Tor spielt, dann kommen natürlich viele Bälle in den Sechzehner.“ Meine Antwort: Das kannste alles haben, Serdar!! Du musst nur den Vertrag unterschreiben...
In diesem Sinne, bis morgen! Dann auch mit Horst Hrubesch, der uns via Pressekonferenz am Nachmittag zugeschaltet sein wird. Bis dahin!
Scholle
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