Setzen, Sechs!
Mann, was war das schön, gestern mal einfach über Fußball zu schreiben. Über guten Fußball zudem, denn der HSV spielt derzeit einen richtig guten Ball. Und damit das so bleibt,…

Mann, was war das schön, gestern mal einfach über Fußball zu schreiben. Über guten Fußball zudem, denn der HSV spielt derzeit einen richtig guten Ball. Und damit das so bleibt, durften die Stammspieler heute etwas kürzertreten, während die Reservisten auf den Platz gingen. Mit dabei: Jan Gyamerah. Der Defensivallrounder mischte voll mit, soll aber am Sonnabend in Braunschweig noch nicht zum Team gehören können. Zumindest nicht auf dem Platz. Aber dort hat der HSV auch sonst keine Personalnot. Einzig Klaus Gjasula wird noch ein paar Wochen ausfallen und selbst Rick van Drongelen ist im Training auf einem guten Weg zurück ins Team. Dennoch, obwohl man sportlich wirklich keine Nöte leidet, macht man sich vereinsintern wieder selbst Probleme.
Der Brief, der per digitale Post an alle Mitglieder am gestrigen Abend verschickt worden war, hatte deutlich gemacht, was sich viele seit einigen Monaten schon denken konnten: Im Präsidium des HSV e.V. knatscht es mächtig. Gestern nun der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, wie wir sie beim HSV nicht mehr so sehen wollen – aber doch wieder bekommen. Denn gestern ließ der Ehrenrat des HSV mitteilen, dass man einen Misstrauensantrag gegen Vizepräsident Thomas Schulz stellt und eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen wird. Dabei wurden wirklich harte Vorwürfe ungeschönt formuliert. Ein Beispiel: „Thomas Schulz lässt sich bei seinen Entscheidungen zu häufig von eigenen Zielen, statt dem Wohl des HSV leiten. Sein Verhalten ist mehr von Taktik und Manipulation geprägt, als von vereinskameradschaftlichem Austausch und Miteinander. Er bedient sich hierbei regelmäßig juristischen Beistands, um die für die Durchsetzung der eigenen Agenda für erforderlich gehaltenen „exotischen“ Lösungen zu begründen.“
Gremien fordern Schulz-Abwahl - der reagiert empört
Zur Erinnerung: Thomas Schulz war seit 2018 Mitglied des HSV-Präsidiums. Der inzwischen geschasste Bernd Hoffmann hatte ihn zusammen mit Moritz Schäfer dazu gewinnen können, für sein Präsidiumsteam anzutreten. Nachdem Hoffmann nur wenige Monate nach der Wahl zum Präsidenten zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg, wurde Marcell Jansen als neuer Präsident gewählt – und alles schien gut. Bis Hoffmann vom Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Jansen war und ist, entlassen wurde. Seither heißt es Jansen gegen Schäfer/Schulz – und das unterstreichen die letzten Tage deutlich. Grund genug für den Ehrenrat, Ermittlungen einzuleiten und den Status Quo zu überprüfen. Mit bekanntem Ergebnis. Auszug aus dem Brief an die Mitglieder: „Wir halten das Handeln des HSV-Vizepräsidenten Thomas Schulz für nicht länger tragbar. Er hat durch die Art und Weise seiner Amtsausübung das Vertrauen aller Gremien verloren. Versuche, diese Probleme intern zu klären, haben nicht zu der erhofften Änderung in der Zusammenarbeit geführt.“ Unterschrieben wurde der Brief von Ehrenrat, Beirat, Amateurvorstand, Seniorenrat und Abteilungsleitung Fördernde Mitglieder und Rechnungsprüfer. Bis auf das untersuchte Präsidium sind das also alle Gremien.
Okay, nun können die natürlich alle einem Irrtum unterliegen oder alle korrupt, unfähig und/oder falsch beeinflusst worden sein. Zumindest meldete sich heute auch Schulz selbst zu Wort, nachdem vor gut einer Woche Marcell Jansen mit Aussagen in den Medien die Missstände beschrieben hatte und Moritz Schäfer sich per Facebookpost am Wochenende an die Mitglieder gerichtet hatte. Schulz wehrte sich gegen die Vorwürfe und bezeichnete sie in seinem Statement als „substanzlos“. Schulz: „Zu dem Schreiben des Ehrenrates an Mitglieder und Präsidium ist folgendes anzumerken: Die in dem Schreiben an die Mitglieder enthaltenen Vorwürfe, die in der Behauptung gipfeln, meine Entscheidungen nicht zum Wohle des HSV zu treffen, sind substanzlos. Fakten, die diese Behauptung auch nur ansatzweise belegen könnten, werden in dem Schreiben an die Mitglieder bezeichnenderweise nicht benannt. Die im Präsidium in den vergangenen Wochen getroffenen Entscheidungen dienen sehr wohl den Interessen des HSV. Der Umstand, dass einzelne Präsidiumsmitglieder mit der einen oder anderen Entscheidung nicht einverstanden sind, ist jedoch Konsequenz eines demokratischen Prozesses innerhalb eines aus mehreren Mitgliedern bestehenden Präsidiums. Daran haben sich alle Präsidiumsmitglieder zu halten.“
Schulz vs. Jansen - darum get's!
Aber um einmal deutlich zu machen, worum es hier geht: Schulz gilt als Vertrauter von Bernd Hoffmann und wirft Jansen vor, alles zu versuchen, um Klaus Michael Kühnes Macht beim HSV zu stärken. Zum anderen aber wirft er Jansen vor, Hoffmanns Demission in seiner Funktion als Aufsichtsratsboss initiiert zu haben. Auch deshalb ist Schulz einhergehend mit Hoffmanns Entlassung aus dem Aufsichtsrat, dem auch er angehörte, zurückgetreten. Seither, also seit März 2020, ist die Stimmung im e.V.-Präsidium nachhaltig gestört. Und das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt. Denn in den Worten des Ehrenrates klingt das deutlicher: „….Thomas Schulz (wurde) Ende 2020 vom Ehrenrat darüber informiert, dass die Gremien keine Basis für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihm sehen, und haben ihm zum Wohle des HSV einen Rücktritt nahegelegt. Dieser erfolgte ebenso wenig wie eine Rückmeldung auf diesen beispiellosen Vertrauensverlust eines Präsidiumsmitglieds. Der Appell hat auch nicht dazu geführt, dass Thomas Schulz sein Verhalten überdacht oder geändert hätte. Nicht lange im Anschluss an den Appell musste der Beirat feststellen, dass Thomas Schulz erneut versuchte, ihn und auch den Präsidenten des Vereins in einer wichtigen Entscheidung zu hintergehen.“
Mit anderen Worten, nichts geht mehr. Denn egal wie dieses ganze Thema ausgeht – es wird nicht mehr in diesem Präsidiums-Trio passieren. Und deshalb wäre ich persönlich froh, wenn sich dieses Thema schnell erledigt. Zum einen, weil ich keinen Bock mehr habe, Statements von HSV-Verantwortlichen zu lesen, die nicht das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben worden. Zum anderen nervt es mich, dass sich hier wieder Funktionäre in den Vordergrund spielen, die eigentlich das klare Ziel verfolgen sollten, dass ihr Wirken reibungslos und im Hintergrund abläuft. Und dieses haben sie mal gänzlich verfehlt. Zusammen - allesamt. Von daher: Setzen, Sechs!
Schaden hat der HSV in jedem Fall
Eigentlich wollte ich an dieser Stelle aufhören. Aber ich wurde heute gefragt, was passieren kann. Und das ist nicht wenig. Theoretisch könnte das Duo Schulz/Schäfer den Aufsichtsrat mächtig umbauen, da das Präsidium für die Abberufung der Kontrolleure verantwortlich zeichnet. Und wen n meine Informationen stimmen, hatten Schulz und Schäfer tatsächlich vor, den Aufsichtsrat umzubesetzen. Da dann wiederum der Aufsichtsrat für die Vorstandsbesetzung verantwortlich ist, könnten Schulz und Schäfer im Schulterschluss de facto die gesamte HSV-Führung einmal umkrempeln. Zumindest befürchten das offenbar die Gremien, die den Misstrauensantrag unterschrieben haben. Für eine Abberufung von Schulz wäre hierbei eine Zweidrittelmehrheit vonnöten – ebenso für mögliche Abwahlen anderer Präsidiumsmitglieder. Ob und wie diese außerordentliche Mitgliederversammlung allerdings in Zeiten der Corona-Beschränkungen stattfinden kann und soll - keine Ahnung. Ich stelle es mir bei einem Verein, der Briefwahl seit vielen Jahren ablehnt, eher schwierig vor. Von den technischen Voraussetzungen hierfür mal ganz zu schweigen…
Mehr will ich zu diesem Thema nicht sagen. Dieses Thema kotzt mich ehrlich gesagt nur noch an. Nicht ganz so sehr wie die Staatsanwaltschaft im Fall Jatta – aber schon recht ähnlich. Denn es setzt der 2014 so positiv prognostizierten Ausgliederung nach sechs misslungenen Jahren der Umsetzung im Grunde nur die Krone auf. Von daher: Bis morgen! Dann wieder mit mehr Fußball. Versprochen!
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