Selbst wenn der HSV in Nürnberg mit 15:0 gewinnt...
Die Kollegen der Tageszeitungen sowie den TV- und Radiostationen schwenken um. Aus vorsichtiger Kritik wurde ein genereller Zweifel bis hin zu klaren Kommentaren wie dem des…

Die Kollegen der Tageszeitungen sowie den TV- und Radiostationen schwenken um. Aus vorsichtiger Kritik wurde ein genereller Zweifel bis hin zu klaren Kommentaren wie dem des NDR und des Abendblattes, die den aktuellen HSV-Trainer mit seinem Spielstil als gescheitert bezeichnen. So, wie ich auch. Dass das nicht dazu führt, dass sich Tim Walter nett zum Kaffee verabreden will, völlig nachvollziehbar. Er ist von seinem Fußball überzeigt, und genau das hat diesen Fußball immer auch funktionieren lassen. Nur leider nie über die gesamte Strecke.
Dennoch, niemand liest gern über sich, dass er der Falsche ist, dass man ihm nicht mehr vertraut. Und klar ist auch: Fußball ist eine Ansichtssache. Walter sieht es so – andere sehen es anders. Recht hat am Ende immer der, der Erfolg hat. So einfach machen es sich viele im Fußball. Und auch der Begriff „Erfolg“ ist dabei noch mal Interpretationssache. Zumindest betrachtet sich Walter beim HSV im selben Moment als erfolgreich, in dem ihn andere als gescheitert bezeichnen.
Walter braucht kein Mitleid
Aber: Mitleid ist hier fehl am Platze. Mitleid mit Walter muss niemand haben. Er weiß genau, was er macht. Er nimmt von außen wenig bis gar keine Kritik so an, dass er dauerhaft etwas verändert. Ein-, zweimal musste er umbauen und sah, dass es etwas defensiver ausgerichtet auch geht. Aber wirklich daran festgehalten und Schritte in die richtige Richtung genommen hat er trotzdem nicht, wie die jüngsten Spiele verdeutlichen. Fast wirkt es so, als würde er Veränderungen von außen als persönliche Niederlage werten. Wobei: Mit dieser Eigenschaft sind tatsächlich sehr viele Trainer ausgestattet…
Im Ergebnis steht eine „Entwicklung ins Nichts“, wie es der Kicker nennt. Und damit scheint das Aus des Trainers nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Weshalb jetzt wirklich noch irgendjemand das Nürnberg-Spiel abwarten will, bevor er entscheidet – es erschließt sich mir nicht. Ehrlich gesagt habe ich noch nie dieses „Endspiel“ verstanden. Denn für mich gibt es sowas nicht. Entscheidend ist eine ganzheitliche Entscheidung – auch unabhängig vom Ausgang des nächsten Spiels. Chancen genug, seinen in vielen Teilen begeisternden Fußballstil nachzujustieren hat Walter mehr als genug gehabt. Zweieinhalb Jahre lang, um genau zu sein. Er wollte es nicht, weil er nicht daran glaubt. Oder weil er einfach zu stur ist, wie es ihm bei seinen vorherigen Trainerstationen nachgesagt wird. Aber im Ergebnis kann auch Walter nicht zufrieden sein. Weder mit den vergangenen Spielzeiten noch mit der aktuellen Entwicklung, die den HSV seit zehn Spielen auf einem absteigenden Ast sieht.
Immer wieder wird davon gesprochen, dass der Trainer ja nichts für derartige Ausrutscher und individuelle Fehler könne, wie von Denis Hadzikadunic am Sonnabend. Aber das ist zu einfach. Denn der Fehler im System ist nicht allein der Ausrutscher gewesen, sondern die Tatsache, dass der HSV in der Situation fünf Meter hinter der Mittellinie schon eins gegen eins ohne Absicherung spielt. Ein Sebastian Schonlau, der am Ball viel Gutes machte, aber taktisch für mich am Sonnabend extrem schwach, weil unclever agierte, war tief in der gegnerischen Hälfte, anstatt abzusichern. Den Sprint zurück verweigerte er dann einfach mal gänzlich.
Hilflosigkeit auf und neben dem Platz wird offensichtlich
Jetzt zudem die Karte „Ausfälle“ zu ziehen, zeigt nur, in welcher Bedrängnis sich auch Walter selbst schon sieht. Weshalb er davon überzeugt sei, dass er das Ruder rumreißen kann? „Weil es immer so war“, so Walters Hilflosigkeit demonstrierende Antwort: Denn mehr als Emotion, Zusammenhalt und Zweckoptimismus ist momentan nicht zu sehen. Auf dem Platz schon länger nicht mehr. Und auch drumherum kommen immer mehr kritische Stimmen zum gezeigten Fußball. Sogar aus den eigenen Reihen der Spieler.
Ich glaube nicht, dass die Mannschaft nicht mehr auf Walter hört. Aber ich glaube, dass sie nicht mehr hundertprozentig überzeugt auftritt. Und das muss sie, wenn sie ein derartig riskantes Spiel spielen will. Ehemalige Stützen wie Heyer fallen hinten über, Neuzugänge wie Pherai und Öztunali enttäuschen bislang, Stürmer wie Königsdörffer und Nemeth finden keine Konstanz in ihrem eigenen Spiel, und selbst ein anfänglich stärker werdender Benes oder der Topstürmer Glatzel stagnieren inzwischen, während Daniel Heuer Fernandes sogar anfängt, Ungewohnte Fehler zu machen. Wenn man alles zusammenzieht, kann man die berechtigte These aufstellen, dass diese Mannschaft definitiv will – aber aktuell nicht befreit aufspielen kann. Sie glaubt nicht mehr an das, was sie auf den Platz bringt. Und läuferisch ist man inzwischen sogar schon Vorletzter in der Zweiten Liga. Tabellenführer hier: der FC St. Pauli.
Nein, mein Eindruck, den ich mir komplett ohne statistische Zuziehung gemacht hatte, wird von Statistiken gestützt. Und von Ergebnissen. In Summe glaube ich nicht mehr an die Kehrtwende mit Tim Walter. Oder anders formuliert: Sollte man am Ende wider Erwarten in der aktuellen Konstellation Erfolg haben, dann nicht, „weil“ man Walter festgehalten hat, sondern „trotzdem“. Jeder, der sich jetzt für ein „wir bleiben bei uns“ und/oder „weiter so“ ausspricht, gefährdet die HSV-Ziele höchst fahrlässig. Und um das klarzustellen: Walter hat viele gute Ansätze wie Teamgeist bilden, taktisch den Gegner verwirren, Dominanz ausüben und einiges mehr – aber er hat es nie geschafft, den HSV über einen längeren Zeitraum sportliche Konstanz und Souveränität zu verleihen.
Fazit: Das Spiel beim ebenfalls kriselnden 1. FC Nürnberg am kommenden Sonnabend ist wichtig. Sportlich und tabellarisch. Aber für die Beurteilung von Walters Wirken im Ganzen zählen die vorigen 88 Spiele zusammen mehr. Selbst wenn der HSV 15:0 gewinnen sollte…
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