Analyse

Sechser-Backup? Poreba ist nicht wie Meffert

Ich hatte es Euch zugesagt, dass wir den letzten Neuen des HSV, Lukas Poreba, noch einmal genauer beleuchten. Und das haben wir mit Hilfe der Analysten von Createfootball.com…

Sechser-Backup? Poreba ist nicht wie Meffert

Tim Walter ist zufrieden. Nicht allein mit der Tabellensituation, sondern vielmehr auch mit der Aussicht auf den Rest der Saison. Der HSV-Coach zeigt sich zufrieden mit seinem Kader und lobte die Arbeit seiner sportlich Verantwortlichen. „Ich glaube, da haben die Jungs einen guten Job gemacht“, lobte der Chefcoach heute auf der Pressekonferenz die Scouting-Abteilung, Direktor Profifußball Claus Costa sowie Sportvorstand Jonas Boldt. „Wir sind sehr, sehr ausgewogen vom Kader her.“ Zudem habe man einen erkennbaren Qualitäts-Zugewinn in der Defensive, „in der wir viel stabiler sind.“

Zu diesen Neuen zählt auch Lukas Poreba, den wir wie versprochen heute noch einmal genauer beleuchten. Und das haben wir mit Hilfe der Analysten von Createfootball.com auch gemacht. Mit spannenden Erkenntnissen, wie ich finde. Zumindest hatte ich Poreba bis zur Verpflichtung des HSV immer als Achter gesehen. Und wenn ich die Analyse der Profis richtig deute, liegen die Stärken des jungen Polen definitiv im Passspiel und weniger im direkten Zweikampf. Der 23-Jährige scheint positionell eher eine Position vor Meffert zu liegen. Von einem direkten Ersatz kann also nicht die Rede sein.

Aber: Da auch Reis defensive Wurzeln hat, wäre das Duo Poreba/Reis zusammen mit einem offensiven Mittelfeldspieler aus meiner Sicht ein gangbarer Kompromiss. Wobei ich immer die Formation mit Meffert bevorzugen werde. Gegen Hansa Rostock kommt Porebas Einsatz wohl noch zu früh, nachdem er wegen muskulärer Probleme das Training vorzeitig beendet hatte. Ebenfalls noch offen ließ Trainer Tim Walter, ob Kapitän Sebastian Schonlau wieder in die Startelf rückt. Sein Kapitän müsse wie alle anderen erst einmal bei 100 Prozent sein. Zudem hätten Schonlaus Vertreter ihren Job zuletzt sehr gut gemacht. Möglich also, dass Stephan Ambrosius den gesperrten Ramos neben Denis Hadzikadunic ersetzt.

Aber jetzt erst einmal die versprochene, spannende und informative Transferanalyse zu Lukasz Poreba: 

Łukasz Poręba

Transferanalyse

Stärken

- Progressives Passspiel

- Schnelligkeit und Intensität

- Konterabsicherung

Schwächen

- Zweikampf

- Physis

- Pressingresistenz

Spielstil – Deep-Lying Playmaker

Der 23-jähriger Pole Lukasz Poreba, ging nach einer starken Spielzeit 2021/22 bei Zaglebie Lubin zum RC Lens, konnte sich dort in der vergangenen Saison jedoch nicht durchsetzen und kam so nur auf 291 Einsatzminuten. In Lubin schaffte er bereits mit 19 Jahren den Sprung zum Stammspieler im defensiven Mittelfeld, war beim polnischen Erstligisten aus dem Mittelfeld über drei Spielzeiten lang nicht wegzudenken. Sein Spiel zeichnet sich in erster Linie durch ein sehr starkes progressives Passspiel aus. In der Ekstraklasa-Saison 2021/22 spielte er mit 8.3 linienbrechenden Pässen pro 90 Minuten die fünftmeisten aller Mittelfeldspieler, starke 18% seiner insgesamten 45 Pässe spielt er über gegnerische Linien hinweg in offensive Feldzonen und sorgt dadurch für Stabilität und Raumgewinn im Übergangsspiel.

Seine Pässe zielen häufig direkt ins letzte Drittel, mit starken 78% Präzision erreicht er pro 90 Minuten ganze sechs Mal diese Zone, ein sehr guter Wert im polnischen Vergleich. Vertikale Läufe erreicht der zehnfache polnische U21-Nationalspieler sogar mit überragenden 92% seiner Zuspielversuche, wodurch seine Pässe häufig der Ausgangspunkt von qualitativ hochwertigen Torchancen sind. Durch sein mutiges Passspiel sorgt Poreba für viel Torgefahr aus der Tiefe heraus, auch wenn er sich selbst nur selten weitergehend in Angriffe einschaltet und diese bis an den Strafraum verfolgt. Er ist vielmehr der Spieler, der den Angriffen mit präzisen Pässen Takt verleiht und gleichzeitig als Absicherung gegen Konter im Mittelfeld verbleibt, ähnlich wie Jonas Meffert dies aktuell beim HSV tut.

Bei all seinen Qualitäten mit dem Ball besitzt Poreba jedoch erhebliche Schwächen gegen den Ball. Mit einer Größe von 1.79m und einem Körpergewicht von 76kg fehlt ihm die Robustheit, um gegen physische Spieler im Duell zu bestehen. Von seinen 5.8 Defensivduellen gewinnt er dadurch nur 56%, ein Wert der klar unter dem polnischen Ligaschnitt liegt und deutlich schwächer ist als der eines Meffert oder eines Daniel Elfadli, der ebenfalls im HSV-Visier stand. Dadurch ist sein Zweikampfvolumen mit 14.3 Duellen pro 90 Minuten überschaubar, ein Abräumer ist die Leihgabe aus Lens definitiv nicht.

Seine fehlende Körperlichkeit probiert er mit Biss und Intensität in den Zweikämpfen auszugleichen, weshalb er sehr häufig den Gegner foult und 2021/22 zehn gelbe Karten sammelte. Im für Tim Walter elementar wichtigen Gegenpressing schneidet der Rechtsfuß ebenfalls nur durchschnittlich ab, liegt mit 2.5 erfolgreichen Pressingaktionen und 4.8 Balleroberungen im Gegenpressing ziemlich genau im Ligaschnitt – immerhin entstehen 58% seiner Ballgewinne unmittelbar nach Ballverlust seiner Mannschaft, häufig noch vor der Mittellinie, was gepaart mit seinem hohen Tempo und der Positionsintelligenz vorhandene Qualitäten in der Ballrückgewinnung belegt.

Durchschnittliche Positionierung von Lukasz Poreba Spielzeit 2021/22. Je rötlicher die Farbe, umso häufiger hielt er sich in diesem Bereich auf (Heatmap).

Seine Heatmap zeigt uns, dass Poreba eher selten bei Angriffen in die vorderste Linie zieht und dem Mittelfeld durch seine zentrale Positionierung Kompaktheit verleiht. Fast alle seiner Aktionen finden im Mitteldrittel statt, taktisch bedingt hauptsächlich im rechten Halbraum, beim HSV wird Poreba in der Meffert-Rolle als alleiniger Sechser und daher zentraler agieren. Poreba bringt eine gute Intensität im Laufspiel mit, spult mehr als 12km pro 60 Minuten Nettospielzeit ab, vieles davon in mittlerem bis hohem Tempo. Im Aufbau stimmt er sich mit seinen Partnern im Mittelfeld ab und lässt sich entweder etwas zurückfallen, um das Spiel aus der Tiefe anzutreiben oder schiebt auf die Achterposition hoch, um etwas vertikaler den Ball zu erhalten. Jedoch könnte er sich geschickter freilaufen, denn nur 29% seiner 21 Laufangebote werden letztendlich auch angespielt.

Benchmarking der relevanten Daten

    Poreba22/23Avg.2. Bundesliga DM 22/23 Meffert22/23
Zweikämpfe (% gewonnen)14.3 (46%)17.3 (52%)13.2 (55%)
Defensivzweikämpfe (% gewonnen)5.8 (56%)6.1 (61%)6.2 (63%)
Offensivzweikämpfe(% gewonnen)3.4 (39%)4.7 (46%)2.2 (45%)
Abgefangene Pässe4.24.35.3
Erfolgreiche Gegenpressingaktionen binnen 5 Sekunden nach Ballverlust4.84.46
Balleroberungen8.38.810
Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte3.82.74.6
Pässe (% angekommen)45.2 (81%)36.2 (79%)42.6 (89%)
Progressive Pässe (% angekommen)8.3 (78%)6.9 (70%)5.5 (70%)
Offensivaktionen1.94.62.2
Alle Daten pro 90 Minuten im Vergleich mit allen defensiven Mittelfeldspielern der 2. Bundesliga mit mind. 1000 Spielminuten in 22/23 (17 Spieler)

Wie gut passt Lukasz Poreba zum Hamburger SV?

Mit dem Ball am Fuß stellt Poreba eine klare Steigerung zu Jonas Meffert dar, verhält sich deutlich progressiver und spielt mehr vertikale Bälle, während Meffert das Spiel hauptsächlich lateral und mit wenig Raumgewinn gestaltet. In diesem Aspekt passt Poreba sehr gut in den offensiven Ballbesitzfußball von Tim Walter, allerdings ist er gegen den Ball bei weitem nicht so stark wie Jonas Meffert, sein Spiel ist weit weniger körperlich und besonders seine Zweikampfwerte befinden sich ziemlich deutlich unter dem Zweitligadurchschnitt.

Auch läuferisch wird sich Poreba beim HSV etwas einschränken müssen, um noch mehr wie Meffert einen Holding Midfielder zu verkörpern, der für die Balance zwischen Mittelfeld und Angriff sorgt. Sollte sich Poreba nach vorne orientieren, fehlt die Absicherung, da die Achter Benes, Pherai und Reis allesamt ihre Stärken in der Offensive haben und vor dem Ball agieren. Daher ist es umso wichtiger, dass Poreba ihnen den Rücken freihält. Ob ihm dies gelingt, ist aber fraglich, da ihm die Zweikampfhärte fehlt. Damit reiht er sich in eine lange Riege Hamburger Mittelfeldspieler ein, denen die Körperlichkeit und nötige Robustheit im Zweikampf fehlen, was Mefferts Präsenz auf dem Platz noch unverzichtbarer macht. Ein Problem, welches die Verpflichtung von Poreba nicht lösen wird.

In Sachen Ausdauer und Laufintensität ähnelt Poreba Ludovit Reis. Beide spielen außerdem vermehrt vertikale Bälle ins letzte Drittel, in diesem Aspekt kann Poreba ihn gut unterstützen, wodurch sich die vertikale Chancenkreation nicht allein auf den Niederländer konzentriert und das Hamburger Offensivspiel facettenreicher gestaltet. Allerdings fehlt einem Dreiermittelfeld aus Poreba, Reis und Pherai/Benes komplett die Körperlichkeit, wodurch besonders Reis mit seinem hohen Laufvolumen und seiner defensiven Zweikampfeffizienz den Polen dann gegen den Ball unterstützen muss, ansonsten ist der HSV in dieser Konstellation viel zu konteranfällig.

Die CREATEFOOTBALL GmbH ist eine Fußball-Consultancy, die national wie international Profivereine, Berateragenturen sowie Medienanstalten in den Themenfeldern Datenscouting und -analyse berät.

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