Analyse

Schonlau will am Freitag den Michel lahmlegen

Ich habe die letzten Spiele der Paderborner gesehen. Das ist bei mir irgendwie immer so: Spielt der HSV nicht, schaue ich zuallererst, was der FC St. Pauli macht. Aktuell, weil…

Schonlau will am Freitag den Michel lahmlegen

Ich habe die letzten Spiele der Paderborner gesehen. Das ist bei mir irgendwie immer so: Spielt der HSV nicht, schaue ich zuallererst, was der FC St. Pauli macht. Aktuell, weil dort ein Cotrainer zusammen mit Timo Schultz am Wirken ist, den ich schon seit vielen Jahren intensiv verfolgt habe und für den ich mich riesig freue. Weil er sich diesen Erfolg hart erarbeitet hat. Über viele Jahre an der Basis beim ETV. Ich hatte sogar versucht, ihn mal zu uns nach Niendorf zu locken, um ihm hier eine übergeordnete Rolle in unserer Fußballabteilung zu geben. Aber er ist definitiv zu Höherem berufen – und deshalb sage ich hier auch voraus, dass wir Loic Favé in nicht allzu langer Zeit auch als Cheftrainer in der Bundesliga sehen werden.

Aber um Loic sollte es gar nicht gehen. Vielmehr geht es mir heute um die Mannschaft, die ich fußballerisch nach dem FC St. Pauli aktuell am spannendsten finde in dieser Zweiten Liga: den SC Paderborn. Den habe ich in der ersten Zweitligasaison des HSV irgendwie ins Herz geschlossen, weil dort unter Steffen Baumgart einfach ein richtig geiler, mutiger Offensivfußball gespielt wurde. Und das machen sie heute auch noch. „Sie machen das schon echt gut. Sie sind vorn brandgefährlich“, sagt HSV-Abwehrchef Sebastian Schonlau über seine Exkameraden und hebt einen ganz besonders hervor: „Der Svenni macht da vorn richtig viel Alarm.“

Gemeint ist Paderborns torgefährlichster Spieler Sven Michel, der über einen herausragenden Abschluss verfügt – und über jede Menge Tempo: „Für ihn läuft‘s. Und das freut mich riesig für ihn“, sagt Schonlau, der weiß, dass es für den HSV am Freitag defensiv ungleich schwerer wird als gegen die eigentlich recht harmlosen Düsseldorfer am Sonnabend. Acht Tore und drei Vorlagen in zehn Spielen – das ist Michels bisherige Saisonbilanz. Dennoch geht Schonlau fest davon aus, dass der HSV das Ding am Freitag schaukeln wird. Vor allem seinen Freund Michel werde er in den Griff bekommen, frohlockt der HSV-Kapitän scherzend: „Es freut mich, dass es für ihn läuft. Aber am Freitag hat er Pause – danach kann‘s gern weitergehen für ihn.“

https://open.spotify.com/episode/1khCleVzMOKvB5R9nJrC4s?si=7c64be280731475e

Schonlau wirkt dabei alles andere als überheblich – was ich nur für diejenigen hier sage, die dessen eher im Scherz (aber auch in der Hoffnung) getätigten Zitate auf die Goldwaage legen wollen. Es würde Schonlau absolut nicht gerecht, da gerade der HSV-Kapitän immer sehr realistisch ist. Er ist das Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft und war auch heute wieder in einem engen Austausch mit dem Trainer nach Trainingsende.  Alles endete in einer Umarmung und mein Sky-Kollege wollte wissen, was denn da los war: „Wir quatschen relativ viel“, antwortete Schonlau, „der Trainer ist ja auch ein kommunikativer Typ. Wir reden aber auch sonst viel.“

Aktuell dürfte das auch nötig sein, nachdem man mit bislang nur 15 Punkten auf Tabellenplatz acht steht, obgleich man erst ein Spiel verloren hat. Zu viele Unentschieden wie das am Sonnabend gegen Fortuna Düsseldorf verhinderten bislang eine bessere Platzierung. „Wir sind nicht zufrieden mit den 15 Punkten. Aber für uns verändert es nichts, wir müssen uns weiter verbessern. Und das machen wir jeden Tag. Wir sind davon überzeugt, dass es funktioniert“, so der HSV-Kapitän zur aktuellen Ausbeute, „zufrieden sind wir generell nie. Wenn ich sagen würde, wir wären zufrieden, würde ich wahrscheinlich vom Trainer einen auf die Mütze bekommen.“ Stattdessen sei man intern sehr wohl kritisch untereinander: „haben die Düsseldorf-Sachen aufgearbeitet, wollen uns weiterentwickeln. Dafür müssen wir uns auch kritisieren. Da gehört Kritik einfach dazu. Selbstkritik kann ja auch positiv sein“, so der HSV-Kapitän, der nicht zu lang nach hinten schauen will. „Das haben wir gemacht – jetzt geht es wieder los.“

https://soundcloud.com/user-36211795/mo201021-paderborn-macht-sich-fur-walter-stark-kaufmann-verliert-schonlau-kehrt-zuruck?si=15aab6295d2e4fb8b404f4da0ebdbeb5

Dass viele Außenstehende den HSV aktuell korrekt platziert sehen und die Leistungsfähigkeit dieses HSV mit „mittelmäßig“ beschreiben, stört den HSV-Verteidiger nicht: „Mittelmaß? Das können die gern sagen. Solange wir hier das nicht denken. Für uns ist entscheidend was wir hier machen. Wir tun gut daran, nicht zu sehr auf die Tabelle zu schauen, sondern uns auf den nächsten Gegner vorzubereiten und zu trainieren. Wenn die anderen das sagen wollen – dann können sie das gern tun. Dass wir mit der Punkteausbeute nicht zufrieden sind, das können wir ja auch ganz offen sagen. Trotzdem muss man immer differenzieren zwischen Leistungen und Ergebnissen. Und das tun wir.“

Soll heißen: Die Mannschaft glaubt weiter dran, dass es so noch funktionieren wird, wenn man sich endlich selbst belohnt. Dass man defensiv zu offen steht, lässt Schonlau nur bedingt gelten. „Konter können immer passieren. Bei uns wird einfach nur sehr viel darüber gesprochen. Aber wenn man sich mal die Zahlen anschaut, wie viele Tore wir über Konter bekommen haben, zeigt es das auch“, so der HSV-Kapitän, der die offensive Chancenverwertung gegen Düsseldorf als ausschlaggebend für das Nicht-Gewinnen benennt. Zurecht.

Allerdings muss auch allen klar sein, dass am Freitag Schwerstarbeit auf den HSV zukommt. So sehr Schonlau sich auch auf seine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte freut. Wobei ich heute auf Nachfrage meines BILD-Kollegen erfahren habe, dass diese Rückkehr sogar noch etwas emotionaler sein dürfte als andere. „Ich war viele Jahre in Paderborn, kenne noch viele Jungs aus der Mannschaft und drumherum. Da ist ja in der Regel weniger Fluktuation. Deswegen freue ich mich, alle wiederzusehen“, so Schonlau, der in der Jugend beim SC Paderborn als damaliger U16-Spieler mal aussortiert worden war. „Ich bin etwas später gewachsen als andere. Früher war es in Paderborn so, wer höher und breiter ist und weiter schießt, der bleibt.“

Letztlich aber wuchs Schonlau und fand über Umwege in Paderborn sein Glück.  „Die zahlreichen Aufstiege werde ich nie vergessen. Es war immer was los“, erinnert sich Schonlau, „und jetzt freue ich mich auf das Spiel am Freitag. Ich hatte eine bewegte Zeit in Paderborn. Ging immer auf und ab. Es gab auch den Zeitpunkt, wo es dort nicht so weitergehen sollte“, erinnert sich der HSV-Kapitän, der seinerzeit erneut aussortiert wurde. „Ich hatte nicht so schnell einen Verein gefunden und am Ende muss man ja sagen, hat Steffen Baumgart noch mal einen aus dem Hut gezaubert.“

Baumgart jedenfalls war es, der Schonlau zu dem Profi machte, der heute dem HSV in der Abwehr Stabilität verleihen soll. Nein: Muss. Denn so wird der HSV nicht über das Mittelmaß hinauskommen. Sage ich. Aber gut, ich bin zum Glück nicht das Maß der Dinge.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich um 7.30 Uhr mit dem MorningCall und werde am Nachmittag mit dem neuen Communitytalk bei Euch sein.

Bis dahin!

Scholle

P.S.: Der HSV will nach dem Heimspiel am 30. Oktober gegen Holstein Kiel über den Verkauf von Dauerkarten für den Rest der Saison entscheiden. „Nach dem Spiel gegen Holstein Kiel werden weitere Informationen dazu bekanntgegeben“, teilte der Club dazu auf seiner Homepage mit. Ursprünglich war dieser Schritt bereits vor dem Heimspiel am vergangenen Samstag gegen Fortuna Düsseldorf geplant. Unterdessen ist heute der freie Vorverkauf für die Partie gegen Kiel gestartet. Wie schon gegen Düsseldorf gilt die 2G-Regel (nur geimpfte und genesene Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre Zutritt). Karten können nur online erworben werden. 

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