Schalke und Werder zeigen, was der HSV endlich besser machen muss
Was soll ich jetzt hier großartig über den HSV schreiben, wenn das Thema allerorts nur der Abstieg von Nordrivale Werder Bremen ist? Ganz einfach: Genau darüber. Denn auch…

Was soll ich jetzt hier großartig über den HSV schreiben, wenn das Thema allerorts nur der Abstieg von Nordrivale Werder Bremen ist? Ganz einfach: Genau darüber. Denn auch diese Leidensverschiebungen sind es, die uns hier tatsächlich nicht weiterbringen. Für mich jedenfalls ist der Nichtaufstieg des HSV keinen Millimeter leichter zu nehmen, nur, weil jetzt Werder Bremen runterkommt. Im Gegenteil, wenn ich mir die Ansammlung von Traditionsklubs in der Zweiten Liga anschaue, untermauert das nur weiter die These, dass die alteingesessenen Klubs leider zu oft verstaubt arbeiten – und rechts überholt werden. Schalke, Werder, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, St. Pauli, Rostock, Dresden und der HSV – das könnte eine geile Erste Liga sein – ist aber zurecht nur die Zweite Liga.
Die Frage, die wir hier in Hamburg beantworten müssen, ist: Wo ist man falsch abgebogen – und wie bekommt man diesen Kurs korrigiert. Eine Frage, die mehr als einen Blog bedarf und die ich in den nächsten Wochen thematisieren werde. Bis dahin werde ich mich an dieser Stelle aber doch noch einmal mit dem aktuellen Zweitligageschehen beschäftigen. Denn so, wie ich von der Mannschaft erwarte, dass sie die Saison mit 100 Prozent abschließt, so muss und will ich da mitziehen.
Fangen wir personell an, denn da gibt es heute zig Fragezeichen, was die Startelf für das Spiel morgen gegen Braunschweig (15.30 Uhr, Volksparkstadion) betrifft. Beim Abschlusstraining sind Khaled Narey und Jan Gyamerah wieder mit der Mannschaft auf dem Platz gewesen. Gideon Jung und Josha Vagnoman trainierten nur individuell, während Amadou Onana erneut voll mittrainieren konnte. Und egal, wer morgen letztlich im Kader stehen wird, eines scheint klar: Hrubesch baut um. Zurecht! Er wird Spielern die Chancen bieten, die es sich durch Trainingsfleiß verdient haben. So wird es vermutet. So hat es Hrubesch angekündigt. Und ich frage mich: Sollte es nicht immer so sein? Vielleicht ist die jahrzehntelange Berücksichtigung von Namen und etwaigen Potenzialen vor Leistungen der entscheidende Fehler gewesen. Möglich ist es.
Sicher bin ich mir dabei, dass der HSV im Rahmen seiner Zweitligazugehörigkeit nie den Mut hatte, richtig konsequent auf einen Neuanfang zu setzen. Daniel Thioune als Trainer zu holen, war eine Maßnahme, die in diese Richtung ging. Und es begann auch verheißungsvoll. Und das, obwohl die Kaderzusammenstellung mehr auf maximale Absicherung des Aufstieges denn auf Entwicklung einer neuen Mannschaft ausgelegt war. Teroddes Einjahresvertrag, Gjasulas überschaubare Restlaufzeit, ebenso Leistner – vertretbare Verpflichtungen im Hinblick auf den sofortigen Aufstieg, ok. Zumindest vorher. Im Endergebnis aber muss man anerkennen, dass es eben nicht der richtige Weg war. Auch ich habe meine Worte, diese Mannschaft sei unter Thioune mit Typen wie Leistner und vor allem Terodde dieses Jahr stabil genug, um aufzusteigen, inzwischen gefressen. Dass es vermeidbar war – dabei bleibe ich trotzdem.
Aber, und da war ich vor der Saison, und da bin ich auch jetzt wieder vor der nächsten Saison: Der HSV muss endlich einen Weg einschlagen, der auf mehr als eine Saison ausgerichtet ist. Dass dabei auch an der einen oder anderen Stelle ein Schritt rückwärts gegangen werden muss, ist für mich klar. Ich weiß, dass der HSV intern an einer Mannschaft feilt, die aufsteigen soll. Und dieses Ziel ist auch das, was ich mir als Verantwortlicher setzen würde. Aber ich würde es nicht als primäres Ziel für die Saison 2021/22 ausgeben. Weder öffentlich noch hinter vorgehaltener Hand. Denn daran wird der HSV wieder scheitern.
Nun weiß ich, dass beispielsweise ein Jonas Boldt ganz sicher nicht in eine Saison geht, in der der HSV nicht wieder als einer der Favoriten für den Aufstieg gilt – aber ich hoffe, dass man sich den Weg noch mal überlegt. Zweimal scheitern muss ausreichen, um zu erkennen, dass die Zeit reif ist, einen neuen Weg zu gehen, der so etwas wie Aufbau und Konzeption einer neuen Mannschaft und damit einer eigenen Philosophie beinhaltet.
Ich habe mir heute tatsächlich das gesamte Programm von Dritt- und Erstliga-Konferenz angetan. Und es tat weh, zu sehen, wie in der Dritten Liga Fußball gespielt wird. Ebenso, was die schwachen Erstligateams wie Werder, Schalke und in weiten Teilen auch Köln heute gespielt haben. Alles Teams, die seit Jahren auf dem Weg nach unten sind. So, wie es der HSV seit 2010 fast durchgehend bis zum Abstieg war, so hat es Werder dem HSV in den letzten Jahren gleichgemacht. Schalke noch schlimmer – weil die dort noch mehr Geld verbrannt haben als man es hier beim HSV „geschafft“ hat. Und wenn ich das aktuelle Transferverhalten der Knappen einordnen müsste, dann machen sie das, was oft der erste Reflex von Erstligaabsteigern war: Sie kaufen teuer ein. Sie gehen gleich „all-in“, um den Absturz mit enormem (finanziellen) Aufwand sofort wieder zu korrigieren. Das kann auch funktionieren – oder eben wie beim HSV laufen…
Die Parallelen der Scheiternden sind wirklich brutal. Stuttgart hat die Kurve bekommen, weil sie einen innovativen, mutigen Trainer (und einen krachend selbstzerstörerischen HSV in deren Aufstiegsjahr) haben bzw. hatten. Bielefeld hält in dieser Saison die Klasse mit Geschlossenheit und ohne große Namen im Team. Wobei: Stefan Ortega hat zusammen mit einer sehr funktionalen Defensive den Grundstein gelegt für diesen Klassenerhalt, über den ich mich persönlich echt freue. Vor allem für meinen Freund Jürgen Linnenbrügger! Aber eben auch dafür, dass die mannschaftliche Geschlossenheit belohnt wird. „Wer besser sein will, der muss mehr trainieren“ hat Hrubesch gestern gesagt. Und ich bin mir sicher, dass er damit nicht meint, dass es eine immer funktionierende Gleichung sein kann „je mehr Trainingsstunden, desto mehr Leistungsvermögen“. Vielmehr geht es Hrubesch völlig zurecht um Einstellung. Denn nur wer bereit ist, mehr zu geben, wird auch mehr erreichen. Dafür kann man eine Stunde mehr am Tag trainieren. Oder die eigentliche Einheit einfach noch konsequenter und noch intensiver angehen. Von sich aus wohlgemerkt!
Soll heißen: Holt endlich die Spieler, die ihren Durchbruch greifbar vor sich haben und entwickelt sie genau dahin. Gebt den Spielern den Schlüssel für ihre Karriere in die Hand und führt sie dahin, die Tür selbst aufzustoßen. Damit entwickelt man nämlich neben dem Einzelnen auch die Gesamtleistungsfähigkeit. Und man dürfte das erste Mal seit vielen Jahren wieder das Gefühl haben, hier mit Arbeit das erreicht zu haben, was man sonst über teure Einkäufe versucht hatte, zu regeln. Man darf endlich wieder stolz sein! Denn man hätte endlich wieder etwas selbst geleistet und erreicht.
Wäre das nicht schön?
Da ich es damals vorher, mittendrin und nach seiner Entlassung behauptet habe, bleibe ich auch heute noch bei der These, dass der HSV heute mit einem Christian Titz als Trainer weiter wäre. Denn Titz ist genau deshalb beim HSV rausgeflogen, weil er fast alles längerfristig anlegen und neu machen wollte. Der damalige Vorstandsboss Bernd Hoffmann konnte sich mit dem vergleichsweise riskanten Neuanfang nie anfreunden, weil er seine eigene Position dadurch gefährdet sah. Ralf Becker (Glückwunsch zum Aufstieg!!) folgte auf dem Fuße, weil auch er seine Postenerhaltung über die Vernunft stellte – aber das war auch vor Becker/Hoffmann schon so. Fakt ist: Titz stand intern schon auf der Abschussliste, bevor er selbst seinen Vertrag als Cheftrainer der ersten Mannschaft unterschrieben hatte. Mit anderen Worten: Es war gescheitert, bevor es losging. Seine Ideen wurden weniger als halbherzig umgesetzt.
Inhaltlich korrekt zu bewerten war dieser Pseudo-Neuanfang jedenfalls nie. Und diese Uneinigkeit der Verantwortlichen sorgte gleich im ersten Zweitligajahr für eine schlimme Disbalance in der Kaderzusammensetzung/Spielidee/Vereinsphilosophie. Wo es hinführte, wissen wir alle noch zu gut. Und nein, es muss jetzt nicht Christian Titz als Trainer zurückgeholt werden. Das sage ich damit nicht. Aber ich würde mich darüber nicht ärgern und hielte eine solche Entscheidung für richtig, wenn man intern zu 100 Prozent davon überzeugt wäre. Da wäre es mit tatsächlich auch scheißegal, ob ich dafür von den Fans, dem Aufsichtsrat oder medial einen an die Backen kriege. Denn der HSV braucht einen Trainer, der zusammen mit dem HSV einen Plan verfolgt, der auf dem Guten aus dieser Saison und auch über die kommende Saison hinaus aufbaut - komme es, wie es wolle.
Der Weg ist beim HSV das Ziel. Und das müssen endlich alle erkennen, bevor wir uns tatsächlich irgendwann über den Zweitligaklassenerhalt freuen müssen.
Ich wollte wirklich das letzte Saisonspiel von der Couch aus schauen. Ohne zu arbeiten, ein bisschen aus Protest. Zumindest war das meine Reaktion während und nach dem Osnabrück-Spiel. Mich nervt es bis heute, dass sich in dieser Mannschaft niemand mehr auflehnt. Nicht, weil es die Typen dafür nicht gibt – Leistner und Terodde allein könnten den ganzen Bums zusammenhalten. Nein, es ist einfach diese schleichende Designation, die am Ende hier beim HSV noch alle eingeholt hat. Auch Leistner – und selbst Terodde. Denn was alle immer mit „der HSV hat noch alle schlechter gemacht“ beschreiben, hat einen Grund: fehlenden Mut!
Es fehlt der Mut, anzuerkennen, dass man nicht mehr allein über seine vergleichsweise größere Qualität allein kommen kann, sondern dass man sich diese mühsam wieder zurückerarbeiten muss. Und das gilt für die wöchentlichen Auftritte auf dem Platz gleichermaßen wie bei der strategischen Planung der Vereinsoberen. Ich formuliere es mal etwas drastischer: Dieser HSV ist abgestürzt. Schon länger. Aber er hat bei diesem Fall auch stets alles aufgezeigt bekommen, was er nicht mehr machen darf. Oder wie Elvis es in seinem Song auch richtig anspricht!"
Mein Fazit: Lernt daraus. Werdet mutig und fangt weiter unten an, mit Veränderungen Verbesserungen zu erzeugen! Scheißt auf das, was die ahnungslosen Außenstehenden sagen und verfolgt konsequent einen Weg, wenn ihr von diesem überzeugt seid. Ich behaupte: Die nach einem Neuanfang hechelnden Fans werden folgen! Und im besten Fall entsteht ein Verbund, der den HSV über Jahre stark machen und tragen kann…
Entschuldigt, aber das musste mal raus! In diesem Sinne, bis morgen.
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