Ausnahmezustand beim HSV - schafft Thioune die Wende?
Vorweg: Ich würde einen Trainerwechsel nicht gut finden. Im Gegenteil! Aber ich sehe die große Gefahr, dass es unumgänglich wird, weil man nach dem letzten Strohhalm greift.…

Vorweg: Ich würde einen Trainerwechsel nicht gut finden. Im Gegenteil! Aber ich sehe die große Gefahr, dass es unumgänglich wird, weil man nach dem letzten Strohhalm greift. Und das, obwohl man damit die Wahrscheinlichkeit, den Aufstieg und einen sehr guten Trainer zu verlieren, vergrößert. Klingt kompliziert – isses aber nicht. Wie ich das meine? Hier:
Morgen wird es nominell noch schwieriger. Denn Jahn Regensburg ist kämpferisch mindestens genauso stark wie der SV Sandhausen, dafür aber spielerisch noch ein ganzes Stück besser. Aber vor allem muss der HSV mit der Hypothek der Leistung aus dem Sandhausen-Spiel starten. Die Erwartung bei den Fans wurde dort jedenfalls auf ein Minimum heruntergefahren. Und um diese wieder zurückzugewinnen bedarf es schon mehr als einem guten Spiel – es bedarf des Aufstieges, behaupte ich. Was ich vor ein paar Wochen noch als falsche Arroganz bezeichnet hätte, ist heute als Antrieb notwendig. Wie schon gesagt, besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Auch umdenken. Und ich behaupte: Bescheidenheit ist im Saisonendspurt kontraproduktiv für diese Mannschaft.
Denn was vor Wochen noch richtig war, ist inzwischen nicht mehr sinnvoll. Heute muss die Mannschaft nicht vorgeführt bekommen, dass sie ein normaler Zweitligist ist, sondern dass sie den Anspruch an sich selbst haben muss, eben kein Zweitligist zu bleiben. Unter allen Umständen. Der HSV muss die Erwartungen parallel zum Anspruch an sich selbst maximal hochfahren. Thiounes eloquente, sachlich-ruhige Art ist gut. Aber die Schlussphase einer Saison ist eben anders. Jetzt kann man in nahezu jedem Spiel alles verspielen. Und das muss endlich allen klar werden. Denn es könnte sogar dazu führen, dass der HSV neben dem Aufstieg auch einen sehr guten Trainer verliert, obgleich man HSV-intern ebenso von ihm überzeugt ist, wie ich es bin.
Und das alles nur, weil man zu langsam umdenkt? Bitte nicht!!
Authentizität ist gut, aber auch sie muss den Umständen gerecht werden. Und diese ruhig-sachliche Art von Thioune war bis vor kurzem super – und sie wird es auch mit Saisonbeginn 2021/22 wieder sein. Der Trainer hat der Mannschaft im Laufe der Saison mit seiner Art Stabilität verliehen, indem er Normalität in jeder Phase vorgelebt hat. Aber jetzt, also vom Regensburg-Spiel bis zum 34. Spieltag gegen Braunschweig, muss auch Thioune hochfahren. Der Trainer lebt der Mannschaft vor, worum es geht. Und Ruhe war bislang gut, reicht aber seit ein paar Wochen allein nicht mehr aus. Thioune darf sich selbst auch ein Stück weit Entwicklung zugestehen und muss Abweichungen im eigenen Verhalten nicht als Schwäche werten. Im Gegenteil: Wie seine Mannschaft auf dem Platz muss auch er auf Veränderungen reagieren können.
Vor allem aber hoffe ich, dass er in den nächsten Wochen allen deutlich macht, dass eben nichts normal ist. Es ist die Zeit der Superlative. Diese fünf letzten Saisonspiele sind nichts für Ästheten, aber sehr wohl für alle, die alles geben. Es ist der sportliche Ausnahmezustand und ALLE Spiele MÜSSEN gewonnen werden! Zumindest müssen ALLE Spieler IMMER mit dieser Einstellung auf den Platz gehen. ALLES wird dem Ziel untergeordnet und alles unter 100 Prozent reicht eben nicht mehr. Siehe Darmstadt, siehe Sandhausen… Jetzt müssen in jeder Sekunde wirklich alle bereit sein, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Auch der Trainer. Eben so, wie es die Gegner machen.
Aber wie gesagt, den psychologischen Part kann niemand besser analysieren als unser Blogfreund Dr. Olaf Ringelband, der mir gestern schon Folgendes zugeschickt hatte:
Thioune ist überfordert
Eigentlich wollte ich meinem Blogfreund Scholle schon vor dem Sandhausen-Spiel eine E-Mail schicken, hatte dann aber zu viel zu tun. Ich habe ihm dann in der Halbzeit sinngemäß geschrieben, dass „heute und Sonntag der Nicht-Aufstieg endgültig klargemacht wird“. Gleichzeitig schrieb ich ihm, dass die Gründe für den Nicht-Aufstieg wie üblich im Verein liegen – und dass das schon vor Monaten deutlich war.
Der langsame, unaufhaltsame Abstieg in die Mittelmäßigkeit
Ich habe das Gefühl, dass ich mich wiederhole, meine älteren Beiträge über die fehlende „Hochleistungskultur“ im Verein könnte ich Wort für Wort heute genauso schreiben, denn es hat sich nichts geändert. In den Zeiten der ersten Liga wurde der Niedergang eines ehemaligen europäischen Top-Vereins (die Älteren werden sich erinnern!) tatenlos von den Verantwortlichen begleitet. Zu keiner Zeit kam so etwas wie ein „sense of urgency“ auf, es wurde eher beschwichtigt, auf die glorreiche Vergangenheit des Vereins verwiesen und die Erwartungen in kleinen Schritten immer weiter heruntergeschraubt: „man muss nicht jedes Jahr europäisch spielen, der HSV steht so gut da, dass er auch mal 1-2 Jahre ohne UEFA-Pokal aushält“, „ein Platz im gesicherten Mittelfeld ist gut, der HSV ist als einziges Gründungsmitglied noch nie abgestiegen“, „selbst wenn man mal auf den Abstiegsrängen steht – die anderen Mannschaften verlieren auch noch Spiele“, „spätestens in der Relegation wird man sich gegen einen Zweitligisten durchsetzen“, „ein Abstieg in die zweite Liga ist keine Katastrophe, der HSV wird als stärkste Mannschaft der zweiten Liga sofort wieder aufsteigen“ – und so weiter. Jetzt, nachdem sich der HSV in der zweiten Liga etabliert hat, wird das gleiche Lied mit anderen Vorzeichen angestimmt: als die Punkteausbeute in der Rückrunde immer schwächer wurde, blieb alles ruhig im Verein, es wurde darauf verwiesen, dass man einfach weiterarbeiten wolle, die anderen Mannschaften an der Spitze würden auch noch Punkte lassen, es kämen ja noch viele Spiele…
Das Spiel gegen Sandhausen war der vorläufige Kulminationspunkt einer Entwicklung, die zeigt, dass sich der Verein im Mittelmaß eingerichtet hat. Auf die Spieler oder den Trainer zu schimpfen, greift aber zu kurz, der Fehler liegt im System, das heißt im Verein. Man kann von außen natürlich nicht erkennen, was intern im Verein passiert – aber die Interviews mit den Verantwortlichen geben mir wenig Hoffnung, dass intern etwas anderes kommuniziert wird als nach außen, nämlich demonstrative Hilflosigkeit, fehlendes Engagement und platte Durchhalteparolen.
Druck von allen Seiten
Thioune tut mir wirklich leid, denn offensichtlich ist er total überfordert – und das nicht, weil er kein guter Trainer oder kein guter Motivator wäre. Ohne ihn persönlich zu kennen, halte ich viel von ihm, fachlich wie menschlich. Aber er ist überfordert, weil sich alle Augen auf ihn richten, alle von ihm erwarten, dass er das Ruder herumreißt. Die Spieler erwarten zu Recht von ihm Orientierung und Führung. Aber auch im Verein ist niemand erkennbar, der Thioune zur Seite steht, der gegen die Mittelmäßigkeitskultur ankämpft, der den gesamten Verein umkrempeln will, der Strukturen schafft, damit der Trainer sich in dem Umfeld einer leistungsfördernden Kultur darauf konzentrieren kann, der Mannschaft zum Erfolg zu verhelfen. Im Gegenteil, vom Trainer wird erwartet, dass er für den Erfolg sorgt, damit alles wieder so wird wie früher – ohne dass man etwas ändern muss. Thioune ist also in der Situation, dass er sowohl von den Spielern als auch vom Verein Druck erhält, sowohl von oben wie von unten – und das kann nicht gut gehen. Thioune wurde unter anderem verpflichtet, weil man von ihm wusste, dass er taktisch flexibel auf Veränderungen reagiert, doch davon ist heute kaum noch etwas zu spüren. Wenn man sieht, wie hilflos Thioune an der Seitenlinie reagiert (bzw. nicht reagiert) und wie unglücklich er nach den Spielen vor der Kamera steht, dann sieht man, dass er dringend Unterstützung braucht. Der Verein, wie gesagt, tut wenig, um ihm den Rücken frei zu halten, es ist bequemer irgendwann den Trainer auszuwechseln, als die Kultur einer Organisation zu verändern. Aus meiner Sicht braucht Thioune Unterstützung, und wenn nicht durch den Verein, dann durch einen Coach (und hallo, wenn jemand vom HSV mitliest: ich würde es machen!), der ihm hilft, sich Entlastung zu verschaffen um sich wieder auf seine Stärken zu konzentrieren. Was für viele Führungskräfte in der Wirtschaft gilt, gilt auch im Fußball: auch ein Trainer braucht einen Coach, der ihm hilft, besser zu werden.
Fehlende Professionalität im Fußball
Es ist nicht einfach, Organisationen zu verändern und eine Hochleistungskultur zu erzeugen. Damit tun sich schon kleine Organisationen schwer, umso schwerer ist es bei hochkomplexen Gebilden wie Fußballvereinen. Wenn man sich die Struktur eines Vereins mit der Mischung aus nicht-kommerziellen (der e.V.) und kommerziellen Teilorganisationen, die unterschiedlichen daran beteiligten Stakeholder (z.B. Supporters, Stadt Hamburg, Fans und Zuschauer, Banken) und die erzeugten Millionenumsätze anschaut, kann einem angesichts dieser Komplexität schon schwindelig werden. Aber: es gibt genügend Beispiele, dass es nur weniger Menschen bedarf, um ein Unternehmen umzukrempeln und auf einen neuen Kurs zu bringen – aber das geht fast immer nur von oben nach unten, top-down. Die Apathie, mit der der große Dampfer HSV immer weiter vom Ufer wegtreibt, ist ein Beispiel für die fehlende Professionalität im Fußball generell. Es ist für den HSV nur ein schwacher Trost, dass er mit diesem Mangel an Professionalität nicht alleine dasteht, selbst der FC Bayern, einer der erfolgreichsten Vereine der Welt, wirkt im Moment eher wie ein Bauerntheater als wie ein professionell geführtes Unternehmen. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass sich das momentane Verhalten des Top-Managements der Bayern früher oder später auf die Leistung und die Ergebnisse der Mannschaft auswirken wird – denn das Verhalten der Führung prägt die Kultur einer Organisation, und die Kultur erzeugt die Leistung.
Ich habe es schon häufiger geschrieben: kaum ein Verein hat so viel ungenutztes Potenzial wie der HSV. Ich glaube nicht einmal, dass man eine neue Vereinsführung braucht, um das Potenzial zu nutzen, auch die vorhandene Führung kann, wenn sie an einem Strang zieht, die Kultur des Vereins verändern – wenn sie denn will und den unbequemen Weg der Veränderung zu gehen bereit ist.
Dr. Olaf Ringelband
Morgen kann der Trainer in Regensburg personell aus dem Vollen schöpfen. Und ich hoffe, dass er umstellt. Ich will elf Spieler auf dem Platz sehen, denen alles andere als das Ergebnis komplett egal ist. Eine Mannschaft, die unter allen Umständen gewinnen will. Die elf besten Wintzheimers sozusagen. Merke: Erst wenn die HSV-Profis mit dem jeweiligen Gegner auf dem Platz auf Ebene des Einsatzes und der Laufbereitschaft mindestens gleichziehen, kann die spielerische, individuelle Qualität den Ausschlag für den HSV geben. Das Spiel morgen in Regensburg wird uns vor allem eines zeigen: die Mentalität dieser Mannschaft. Es wird zeigen, ob diese Mannschaft überhaupt die Qualität hat, aufzusteigen. Und Thiounes Reaktion auf die jüngst gemachten Fehler wird zeigen, ob auch Thioune die Reife hat, sich selbst zu hinterfragen.
Ich spreche selten von einem Endspiel, wenn es nicht faktisch eines ist. Aber in diesem Fall darf man dem Auswärtsspiel beim Jahn diese Bedeutung beimessen - auf vielen Ebenen. Denn das Spiel in Regensburg wird auch zeigen, ob Thioune seine Maßnahmen den Umständen anzupassen vermag, oder ob man ihn opfern muss, nur um sich mit dem plumpen, kurzweiligen Effekt eines Trainerwechsels die letzten Aufstiegshoffnungen zu erhalten. Und ich hoffe, dass der HSV gewinnt und auf den letzten Metern doch noch die Kurve bekommt. Auch, weil ich davon überzeugt bin, dass Thioune auf lange Sicht eine sehr gute Wahl für den HSV ist.
Meine Idee für morgen: Ulreich – Vagnoman, Leistner, Ambrosius, Leibold – Heyer – Wintzheimer, Hunt, Dudziak, Kittel – Terodde.
Oder? Wie würdet Ihr aufstellen?
In diesem Sinne, morgen zählt nur der Sieg! Bis dahin!
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