Schaffen Kuntz und Costa auf den letzten Metern der Transferphase die Kehrtwende?
Selten war ein Stadtderby so einseitig wie das jüngste Duell zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli. Das 0:2 im Volksparkstadion hat den Aufsteiger nicht nur sportlich…

Selten war ein Stadtderby so einseitig wie das jüngste Duell zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli. Das 0:2 im Volksparkstadion hat den Aufsteiger nicht nur sportlich zurückgeworfen, sondern auch schonungslos offengelegt, dass dieser HSV aktuell nicht die Qualität besitzt, um in der Bundesliga konkurrenzfähig zu sein. Während der Stadtrivale strukturiert, stabil und eingespielt auftrat, wirkte der HSV über weite Strecken harmlos, fehleranfällig und ideenlos. Der viel beschworene „Prozess“, von dem Trainer Merlin Polzin spricht, mag Zeit benötigen – doch im Hier und Jetzt zeigt sich, dass der Kader schlicht nicht die nötige Substanz hat.
Acht Neuzugänge wurden geholt, ein XXL-Umbruch wurde verkündet. Doch anstatt ein klares, stimmiges Bild abzugeben, ist eine Mannschaft entstanden, die ohne erkennbare Strategie zusammengestellt wirkt. Polzin mahnt Geduld an, Spieler wie Nicolai Remberg und Yussuf Poulsen betonen, dass „noch etwas fehlt“ – nur bleibt die Frage, warum die HSV-Führung es bis hierhin verpasst hat, genau das zu tun, was schon in den vergangenen Monaten offensichtlich war: Qualität und Kreativität ins Team zu holen.
Der FC St. Pauli macht es dem HSV vor
Das Derby zeigte die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so deutlich wie selten zuvor. Nur in den ersten Minuten jeder Halbzeit konnte der HSV mithalten, ansonsten dominierte St. Pauli fast nach Belieben. Während die Kiezkicker mit gezielten Verstärkungen wie Rekordneuzugang Martijn Kaars den nächsten Schritt gemacht haben, ringt der HSV weiter um eine Grundsubstanz, die ihn überhaupt erst wettbewerbsfähig machen würde.
Dabei möchte ich an dieser Stelle auch noch einmal festhalten, dass der FC St Pauli dem HSV eine ganze Bundesliga-Saison voraus ist. Das ist nicht wenig, zumindest dann nicht, wenn man diese gut und richtig nutzt. Und genau das hat der FC St. Pauli getan. In der vergangenen Saison hat man ein vermehrtes Augenmerk auf die Defensive gelegt, mit der man die Klasse letztlich sicherte. Zu dieser Saison hat man dann wiederum die Defensive, die sich eingespielt hat, zusammengehalten und sogar verstärkt. Parallel dazu wurde massiv an der Offensive gefeilt. Was ich damit sagen will: der FC St. Pauli macht genau das, was Vereine machen, die nicht über die finanziellen Mittel eines FC Bayern, Borussia Dortmund, oder RB Leipzigs verfügen: sie entwickeln sich Schritt für Schritt. Alles immer mit einem klaren Fokus darauf, dass die langfristige Entwicklung niemals die aktuelle Situation gefährdet
Noch bleiben dem HSV etwas mehr als 48 Stunden, um die Fehler der letzten Transfermonate zu korrigieren. Sportvorstand Stefan Kuntz kündigte an, dass man noch „zielführend nutzen“ wolle, was vom Transferfenster übrig ist. Ein offensiver Mittelfeldspieler, ein echter Taktgeber, steht im Fokus. Doch es wirkt auf mich alles weiterhin eher wie ein hektisches Nachsteuern als wie ein planvoller Aufbau. Wie in den letzten Wochen auch schon. Der HSV hat in seiner Kaderplanung versäumt, eine klare Linie zu finden – und das rächt sich nun, mitten im schmerzhaften Bundesliga-Start.
Die Ernüchterung droht zu dauerhaften Begleiter zu werden
Die Derby-Niederlage ist deshalb weit mehr als nur ein bitterer Rückschlag. Sie ist ein Fingerzeig darauf, dass der HSV noch nicht angekommen ist – weder in der Bundesliga noch in einer Phase, in der man von einem durchdachten, konkurrenzfähigen Kader sprechen könnte. Und wenn die Klubführung die verbleibenden Stunden bis Transferschluss nicht konsequent nutzt, droht die Ernüchterung dieser Tage zum dauerhaften Begleiter zu werden.
Dass das einige als Schwarzmalerei erachten – okay! Jeder darf sagen und denken, was er meint. Aber niemand sollte hier meinen, Dinge schöner zu reden hilft. Im Gegenteil: Wenn man das macht, passiert genau das, was gerade beim HSV passiert. Hier stehen Kuntz und Co. so dar, dass sie beurteilen, was sportlich zu beurteilen ist. Woche fü Woche werden Transfers angekündigt, die helfen sollen. Gekommen ist davon bislang wenig bis nichts. Wobei: Omari möchte ich an dieser Stelle einmal loben. Der junge Innenverteidiger macht seine Sache trotz der geringen Spielzeit aus der Vorsaison und der kurzen Eingewöhnung beim HSV sehr ordentlich. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er in München am nächsten Spieltag neben Elfadli und Neuzugang Luka Vuskovic aufläuft.
Aber okay, es ist noch ein wenig Zeit offen auf dem Transfermarkt. Aktuell braucht der HSV aus meiner Sicht einen dynamischen Sechser/Achter, der auch offensiv Qualitäten hat. Dazu oder zumindest stattdessen bedarf es zwingend einem kreativen Mittelfeldmann, der das Spiel lenken kann. Dazu braucht der HSV Spieler als Sofortstärkung mit ausreichend Erfahrung auf dem Platz – am besten hinten im Abwehrzentrum, damit Elfadli ins Mittelfeld vorgezogen werden kann und der HSV mit ihm eine echte Alternative hätte, wenn mal einer aus dem Abwehrverbund ausfällt.
Aber mir wäre ein Routinier auch sonst irgendwo auf der Mittelachse recht. Poulsen als On-/Off-Spieler kann das kaum sein. Sollte man also tatsächlich davon ausgehen müssen, dass der Däne nur einen Bruchteil der Spiele machen kann, muss man auch im Angriffszentrum ganz genau überlegen, ob die aktuelle Konstellation ausreichend ist. Das selbstverständlich ob der knappen Finanzen nachgelagert dem Defensivverbund. Und so unwahrscheinlich es auch erscheint, dass Kuntz und Costa den personellen Turnaround in der Kürze der Zeit noch hinbekommen, es gebührt der Fairness, sie diese zwei Tage noch werkeln zu lassen und dann abschließend zu bewerten.
Ich bin sehr gespannt. Ihr auch?
In diesem Sinne, Euch allen ein schönes Restwochenende. Genießt es und bleibt gesund, wo auch immer Ihr seid und was auch immer Ihr gerade macht!
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