Same procedure as every year, HSV...?
Ich habe es bis heute eigentlich alle Vorstände und Verantwortliche gefragt. Und allesamt – allein Wüstefeld habe ich das noch nicht gefragt – antworteten fast identisch, dass…

Ich habe es bis heute eigentlich alle Vorstände und Verantwortliche gefragt. Und allesamt – allein Wüstefeld habe ich das noch nicht gefragt – antworteten fast identisch, dass es ihnen nicht darum ging, dem Vorgänger noch Schmutz hinterherzuwerfen. Vielmehr hätten sie das Amt antreten wollen, um Dinge zu verbessern. Aber: die meisten von ihnen scheiterten an diesem Versuch. Seit Bernd Hoffmann 2011 entlassen wurde, schreibt der HSV keine schwarzen Zahlen mehr. Das begann schon im letzten Hoffmann-Jahr als Vorstand und zieht sich seither über Carl Edgar Jarchow, Dietmar Beiersdorfer, Heribert Bruchhagen, wieder Hoffmann, Wettstein/Boldt bis jetzt mit dem Duo Wüstefeld/Boldt durchgehend. Allein Dr. Thomas Wüstefeld sagte jetzt ganz deutlich, was er vorgefunden hat: Dramatische Zahlen. „Das Geld, das im Juli 2021 überwiesen wurde, steht in der Form nicht mehr zur Verfügung, weil die Kollegen vor mir es für den operativen Geschäftsbetrieb ausgegeben haben», wurde Wüstefeld zitiert, der damit auch den früheren Finanzvorstand Frank Wettstein in die Mitverantwortung nahm. Denn Fakt ist, dass von den 23,5 Millionen Euro, die der HSV von der Stadt für den Verkauf des Stadiongrundstücks bekommen hat, nichts mehr übrig ist.
Es ist tatsächlich genau so, wie ich es beim mehr oder weniger freiwilligen Abgang Von Frank Wettstein vermutet hatte: Er geht auch, weil er keine Chancen mehr sieht, die Verluste in Grenzen zu halten. Inzwischen offenbart sich, dass der HSV unter der finanziellen Führung Wettsteins. Keine Anleihe, kein Kühne, kein Tafelsilber mehr, dass zum Bilanzauffrischen noch verkauft werden konnte. Mehr noch: die zweckgebundenen 23,5 Millionen Euro aus dem Stadiongrundstücksverkauf waren schon aufgebraucht, bevor Wüstefeld sein Amt antrat. Mit anderen Worten: Die Verbindlichkeiten des HSV wurden immer nur notdürftig geflickt – und wie in diesem Fall auch mal mit dem Verkauf künftiger Einnahmen.
EM droht für HSV zu finanziellem Desaster zu werden
Die Spiele der Fußball-EM 2024 im Hamburger Volksparkstadion drohen inzwischen zu einem finanziellen Desaster zu werden. Das berichtete Wüstefeld bei der Anhörung am Montag im Sportausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft. „Die EM ist aus wirtschaftlicher Sicht ein Minusgeschäft für den HSV“, so Wüstefeld. Zur Erinnerung: Im Stadion sollen insgesamt fünf EM-Spiele stattfinden. Dafür muss es umfangreiche Renovierungsarbeiten geben, die teilweise von der UEFA vorgeschrieben, aber noch nicht vertraglich fixiert sind. Aber auch generell besteht Handlungsbedarf. „Der Volkspark ist in die Jahre gekommen“, sagte Wüstefeld. Auf der Liste stehen unter anderem das Flutlicht, die Dachmembran, Rollstuhlplätze und die Sanitäranlagen. Wie teuer die Angelegenheit wird, vermochte Wüstefeld nicht zu sagen: „Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen.“ Aber Schätzungen gehen hier schon von bis zu zehn Millionen Euro aus.
Erst vor wenigen Tagen hatte Wüstefeld sich mit Vertretern der EURO 2024 GmbH getroffen, um über die Sanierungsmaßnahmen zu sprechen. „Die UEFA EURO 2024 wird auf jeden Fall in Hamburg stattfinden“, hieß es damals in einer gemeinsamen Erklärung. Der „konstruktive Austausch“ solle zeitnah fortgesetzt werden. Als sicher gilt, dass von der Stadt keine Hilfe zu erwarten ist. „Es gibt keinen Cent obendrauf“, hatte Sportstaatsrat Christoph Holstein zuletzt zu NDR 90,3 gesagt. Mit anderen Worten: Der HSV arbeitet seinen finanziellen Ausgaben einmal mehr hinterher.
Dass man parallel dazu in der Lage ist, gerade Millionenbeträge in neue Spieler zu investieren – es erscheint ebenso schwer zu verstehen, wie es notwendig ist, wenn man sportlich seine Ziele nach nunmehr vier Fehlversuchen im fünften Anlauf realisieren will. Und das wiederum ist auch einer der Punkte, die intern für Diskussionen gesorgt hatten. Denn obgleich Wüstefeld immer betont hatte, den sportlichen Bereich von seinen angekündigten Sparmaßnahmen verschonen zu wollen, fühlte sich Boldt in seinem Wirkungsbereich eingeschränkt. Allerdings soll sich das inzwischen gelegt haben.
HSV gibt Geld aus, das er erst noch einnehmen muss
Angesichts von bislang etwas mehr als sieben Millionen Euro Ausgaben für neue Spieler und noch keinen Einnahmen auch zurecht. Und obwohl der HSV auch hier auf Einnahmen aus der Zukunft spekulierend investiert, erscheint es in diesem Bereich mehr als realistisch, dass man die ausgegebenen Gelder auch wieder reinholt. Josha Vagnoman (ist sich mit dem VfB Stuttgart einig) und Mario Vuskovic, an dem sowohl aus Deutschands als auch aus der englischen ersten Liga Teams interessiert sein sollen, gelten als mögliche Einnahmequellen. Zudem steht Ex-HSVer Amadou Onana vor einem Weiterverkauf vom OSC Lille, an dem der HSV mit 20 Prozent des Betrages über der damaligen Ablöse an den HSV (7 Millionen Euro) partizipieren würde. Angeblich sollen hier Beträge jenseits der 20-Millioen-Euro-Marke im Raum stehen. Schön wär’s für den HSV…
Dennoch beginnt die Saison 2022/23 genauso, wie alle anderen wenig erfolgreichen Spielzeiten der letzten elf Jahre: Mit finanziellen Sorgen. Und ja, ich weiß, dass der HSV nach der Pandemie mit diesen Problemen nicht allein ist. Es ist aber auch bekannt, dass wenige Klubs schon so viele Einnahmen aus der Zukunft bereits ausgegeben haben. Es ist ein Kreislauf, aus dem der HSV ausbrechen muss, wenn er irgendwann einmal gesund in eine Saison starten will.
Apropos starten: Am morgigen Mittwoch geht es wieder auf den Platz. Um 16 Uhr erwartet Trainer Tim Walter die Mannschaft zur ersten Trainingseinheit der Woche. Am Donnerstag und Freitag geht es jeweils um 10.30 Uhr weiter, ehe am Sonnabend der abschließende Test beim FC Basel auf dem Programm steht. Und an diesem Sonnabend will Walter seine vermeintliche Startelf für die am 17. Juli beginnende Zweitligasaison über den Großteil der 90 Minuten spielen lassen. Neun Positionen seien vergeben, hatte die BILD gestern getitelt. Und ich bin mir da nicht so sicher. Zumal mit Vagnoman und Vuskovic eben auch noch zwei Verkaufskandidaten längst nicht sicher beim HSV bleiben – und es auf der anderen Seite weiter Bewegung gibt.
Von den bisherigen Zugängen in der Startelf sehe ich tatsächlich keinen sicher. Filip Bilbija machte im Trainingslager einen sehr engagierten – oft aber auch sehr aktionistischen Eindruck. Sein Laufpensum verdient dabei allerhöchsten Respekt, ebenso sein Wille. „Du musst doch nicht zu jedem Ball hinlaufen“, raunzte ihn Walter beispielsweise in der Halbzeit gegen Thessaloniki zurecht an, weil Bilbija zu oft viel zu plump und unclever agierte. Aber: Bilbija hat das Zeug dazu, eine echte Verstärkung u werden, wenn er taktischer wird, wenn er schlauer seine Sprints setzt. Startelf-Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent.
Ebenfalls noch zu wenig Wirkung hatte Laszlo meiner Meinung nach Benes. Der Feinfuß aus Mönchengladbach hat zwar wirklich alles im (linken) Fuß, um für den HSV ein Leistungsträger werden zu können – aber wirklich angekommen scheint der 24-Jährige noch nicht. In beiden Testspielen wusste er zwar mit Standards zu gefallen, am Spielaufbau und am Kreieren von Torchancen aber war er zu selten beteiligt. Allerdings bin ich mir sicher, dass Trainer Tim Walter hier wieder einen der Spieler hat, denen er im Voraus extremes Vertrauen entgegenbringen wird, um diesem so zu alter Stärke zu führen. Startelf-Wahrscheinlichkeit: 70 Prozent.
Bleibt noch einer, der neu dabei ist: Ransford Yeboah Königsdörffer. Der junge Mann von Dynamo Dresden kam als Letzter, und überzeigte mich bislang am meisten. Gut, ich bin bei dem 20-Jährigen vielleicht etwas voreingenommen, da ich ihn schon im Laufe der Hinrunde als meinen Wunschspieler für den HSV ausgemacht hatte. Aber Königsdörffer bestätigte im Trainingslager alles das, was ich mir von ihm erhoffe. Robustheit in Zweikämpfen, direkten Zug zum Tor und ein Tempo, das dem HSV im Sturmzentrum oder auf den Außenbahnen helfen wird. Es ist zwar alles noch recht roh und muss erst noch taktisch und (beim ersten Kontakt) auch spielerisch in Form gegossen werden. Aber bei mir wäre der junge Offensivspieler von den Neuen der erste Kandidat auf einen Stammplatz. Ob Walter das anders sieht? Ich glaube nicht: Startelf-Wahrscheinlichkeit: 85 Prozent.
Meine Startelf (Stand heute) wäre:
Heuer Fernandes – Heyer, Schonlau, Vuskovic, Leibold – Vagnoman, Meffert, Reis, Kittel – Königsdörffer, Glatzel
Aber bei dieser Startelf gilt es natürlich noch einiges abzuwägen. Zum Beispiel, ob ein Verbleib von Vagnoman wahrscheinlich ist. Falls er (wie ich glaube) unwahrscheinlich ist, sollte man vielleicht von beginn an auf die Spieler setzen, mit denen man für die ganze Saison plant. Aber das wird Walter definitiv besser wissen als wir hier.
In diesem Sinne, bis morgen.
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