Saisonanalyse: Tim Walter macht den HSV stärker
Wie angekündigt werden wir uns hier nicht nur oberflächlich dem Pro und Contra bei Tim Walter widmen, sondern werden es faktisch von unseren Analysten-Freunden von…

Wie angekündigt werden wir uns hier nicht nur oberflächlich dem Pro und Contra bei Tim Walter widmen, sondern werden es faktisch von unseren Analysten-Freunden von Createfootball.com. beleuchten. Und zwar von allen Seiten. Und das auch unabhängig davon, ob der HSV am Ende direkt aufsteigt, über die Relegation aufsteigt, über die Relegation scheitert oder einfach nur Tabellenvierter wird.
Eine Teamanalyse für die Saison 2021/2022
Beendet der HSV die Saison 2021-22 mit dem Minimalziel Relegation oder schaffen die Hamburger sogar den direkten Aufstieg? Wieso die Mannschaft von Tim Walter einen Spieltag vor Schluss den Aufstieg noch in der eigenen Hand hat, möchten wir im folgenden Text genauer beleuchten.
Allgemeine Statistiken Thioune/Walter
| Stats | Thioune | Walter |
| Punkte | 1.63 | 1.69 |
| Tore | 1.94 | 1.94 |
| xG | 1.77 | 2.18 |
| Ballbesitz | 58.2% | 64.0% |
| Durchschnittliche Ballbesitzdauer | 16 Minuten | 18 Minuten |
| Schüsse | 11.7 | 14.5 |
| Passquote, % | 83.5% | 85.5% |
| Erfolgreiche Pässe | 381 | 458 |
| Zweikampfquote, % | 50.2% | 48.9% |
| Gewonnene Zweikämpfe | 113 | 110 |
| PPDA | 9.97 | 6.95 |
Alle Daten sind auf 90 Minuten gerechnet.
Vergleicht man die relevanten Teamstats aus der vergangenen Saison 2020/2021 bis zu seiner Entlassung unter Thioune (32 Spiele) mit denen unter Walter in dieser Saison, ist besonders die höhere Ballbesitzdominanz sowie das aggressivere Pressing auffällig. Das Team hält den Ball deutlich länger in den eigenen Reihen (16 vs. 18 Minuten) und hat dadurch längere Ballbesitzphasen mit mehr erfolgreichen Pässen (381 vs. 458 erfolgreiche Pässe). Zudem kommt die Mannschaft in dieser Saison zu mehr eigenen Chancen, da sich die Spieler in mehr Abschlusssituationen (11.7 vs. 14.5 Schüsse) in ähnlich gefährlichen Situationen bringen (unter beiden Trainern 0.15 xG pro Schuss).
| Stats | Gegen Top 6* | Gegen Rest |
| Punkte | 1.50 | 1.77 |
| Tore | 2.20 | 1.82 |
| xG | 2.36 | 2.11 |
| Gegentore | 1.50 | 0.73 |
| xGa | 1.83 | 1.02 |
| Ballbesitz | 62.5% | 64.7% |
| Schüsse | 12.6 | 15.4 |
| Schüsse des Gegners | 13.1 | 10.2 |
| Konter des Gegners | 14.7 | 15.0 |
| Schüsse des Gegners nach Kontern | 2.75 (18.7%) | 2.52 (16.7%) |
| Chancenverwertung | 15.3% | 19.0% |
| Chancenverwertung des Gegners | 18.7% | 16.7% |
Alle Daten sind auf 90 Minuten gerechnet.
*FC Schalke 04, SV Darmstadt, SV Werder Bremen, FC St. Pauli und 1.FC Nürnberg
Unterteilt man nun die Leistungen des HSV in zwei Kategorien (gegen die weiteren Top 5-Mannschaften und den Rest der Liga), zeigt sich, dass der HSV trotz weniger Dominanz (bzgl. Ballbesitz, Schüsse und Pässe) einen höheren Output (2.20 Tore pro Spiel) gegen die Top 5-Mannschaften der 2. Bundesliga generieren hat können. Allerdings hätten es noch mehr Tore sein müssen, wie sich anhand der Expected Goals zeigt. Die Differenz (-0.16) zwischen den tatsächlichen Toren und den Expected Goals begründet sich unter anderem in der schwachen Chancenverwertung (15.3%). Der HSV hat zudem gegen die qualitativ stärkeren Top 5-Mannschaften im Schnitt 3 Schüsse mehr pro Spiel zugelassen und doppelt so viele Gegentore (1.50 zu 0.73) kassiert wie gegen die restlichen Mannschaften der Liga. Ein weiterer Punkt ist, dass der HSV gegen die stärkeren Mannschaften trotz niedriger Ballbesitzanteile mehr Abschlüsse (2.75 zu 2.52) nach Kontern (bspw. durch Ballverlusten im Spielaufbau) zugelassen hat.
Schlussendlich konnte die Mannschaft von Tin Walter nur vier von zehn Top-Spielen trotz Chancenplus und Spieldominanz für sich entscheiden, während die Gegner meist kaltschnäuziger vor dem Tor waren und so häufig in den direkten Duellen gegen Hamburg punkten konnten.
Allgemeine Statistiken bei Sieg oder Niederlage
| Stats | Sieg | Niederlage |
| Tore | 3.07 | 1.00 |
| xG | 2.66 | 1.65 |
| Ballbesitz | 62.8% | 67.4% |
| Schüsse | 16.7 | 12.0 |
| Passquote, % | 85.0% | 85.8% |
| Erfolgreiche Pässe | 439 | 501 |
| Flanken | 20.4 | 25.8 |
| PPDA | 7.51 | 6.47 |
| Gegnerische Konter | 14.21 | 14.67 |
Alle Daten sind auf 90 Minuten gerechnet.
Vergleicht man die eigenen Teamstats bei Sieg oder Niederlage, fällt deutlich ins Auge, das einige relevante Stats bei Niederlagen teilweise deutlich besser sind als bei Siegen. Dieser Aspekt lässt sich dadurch erklären, dass der HSV in Rückstand noch dominanter auftreten konnte, weil der Gegner sich nach eigener Führung weiter zurückgezogen hat. Dies führte zu deutlich höheren Ballbesitzanteilen, mehr Pässen, einem deutlichen Plus an Flanken und einem noch aggressiveren Pressing. Aber auch der Gefahr häufiger vom Gegner ausgekontert zu werden.

Beobachtet man den Trend in Bezug auf die Ballbesitzanteile und Pässe lässt sich feststellen, dass die Passanzahl deutlicher angestiegen ist als der Ballbesitzanteil. Daraus lässt sich schließen, dass die Mannschaft von Tim Walter im Laufe der Saison nicht nur dominanter geworden ist, sondern auch, dass der Ball schneller weitergespielt wurde, beziehungsweise die Passstafetten im eigenen Ballbesitz deutlich flüssiger gespielt wurden. Dieser Aspekt wird auch noch einmal durch das Match Tempo (die Anzahl der pro Minute in Ballbesitz gespielten Pässe) unterstrichen. Hier lässt sich ein leicht positiver Trend im Saisonverlauf erkennen.


In Bezug auf das aggressive Pressing unter Walter, kann man feststellen, dass es im Laufe der Saison einen leicht negativen Trend gibt, dass die Mannschaft den Gegner also nicht mehr ganz so hoch angelaufen ist wie noch zum Anfang der Saison. Nichts destotrotz schwankte das Anlaufverhalten der Hamburger im Saisonverlauf stark. Gegen die Aufstiegskonkurrenten Bremen und Darmstadt stand man auswärts vergleichsweise tiefer als gewöhnlich, gegen die Abstiegskandidaten Aue und Sandhausen dafür presste man sehr hoch. Bemerkenswert ist zudem, dass die Hamburger Paderborn in beiden Spielen nicht so früh im Spielaufbau störten, wie sie es gegen andere Mannschaften tun würden.

Bei den Zweikämpfen bzw. der Zweikampfquote verhält es sich ähnlich wie beim Ballbesitz und den Pässen. Zwar gibt es einen negativen Trend bezüglich der Zweikampfanzahl, allerdings hat die Erfolgsquote in Zweikämpfen im Laufe der Saison zugenommen, sodass die Anzahl der erfolgreich geführten Zweikämpfe im Laufe der Saison immer bei etwa 110 erfolgreichen Zweikämpfe lag.

Am Anfang der Saison hat der HSV seine Expected Goals (xG) noch häufiger unterperformt. Im Laufe der Saison ist allerdings deutlich zu erkennen, dass die Expected Goals immer häufiger getroffen oder überperformt wurden. Diese Entwicklung steht stark in Verbindung mit der Anzahl an herausgespielten Chancen und der Verwertung dieser Chancen. Hier lässt sich ein nahezu identischer Trend erkennen.

Ein starkes Anzeichen für das Greifen von Automatismen ist auch die Chancenverwertung. Während sich das Team von Tim Walter über die Saison gesehen durchschnittlich acht Chancen pro Spiel herausspielen konnte, stieg die Chancenverwertung von anfangs noch etwa 20% auf am Ende der Saison 30% an. Das Team spielte sich über die gesamte Saison gleichbleibend viele Chancen (ähnlich wie xG) heraus. Allerdings ist die Qualität der Abschlüsse (Chancenverwertung) gestiegen und damit der Output (von anfangs 1.5 Toren pro Spiel auf am Ende etwa 2.2 Tore pro Spiel).

Auch defensiv betrachtet, stand die Abwehr im Saisonverlauf immer stabiler. Die Defensive der Hamburger ließ anfangs etwa sieben Chancen des Gegners pro Spiel zu, zum Ende der Saison sind es gerade einmal vier Chancen pro Spiel. Bei den Gegentoren hat man in der zweiten Halbserie sechs Mal zu null gespielt (in der Hinrunde nur drei Mal). Der Negativtrend der Gegentore und Expected Goals against kann hier allerdings positiv vermerkt werden. Waren es Anfang der Saison noch über ein Gegentor pro Spiel, sind es Ende der Saison unter einem Gegentor pro Partie. Ein wichtiger Faktor hierfür ist auch Torwart Heuer Fernandes, der bis zum 17. Spieltag nur 0.17 Prevented Goals (verhinderte Tore auf Basis der Expected Goals against) aufzuweisen hatte. Einen Spieltag vor Schluss steht er bei insgesamt 3.28 Prevented Goals und konnte sich somit im Vergleich zur Hinrunde deutlich steigern.
Der HSV hatte in dieser Saison nach dem verkorksten Saisonstart einen zweiten Durchhänger vor allem zwischen den Spieltagen 23 und 27, als man insgesamt nur 2 Zähler holen konnte und es so schien als würde der „Dino“ ein weiteres Jahr in der 2. Bundesliga bleiben. Diese Phase hatte sich bereits angekündigt, denn wenn beide Grafiken (Gegentore/xGa und Gegnerische Chancen/Chancenverwertung) betrachtet werden, fällt auf, dass die Gegner des HSV zum Rückrundenstart zwischen den Spieltagen 18 und 22 bereits viel weniger Tore geschossen hatten als sie hätte sollen. Zwar holte der HSV in dieser Phase 11 von 15 möglichen Punkten und blieb ungeschlagen, allerdings lag es vor allem an der schlechten Chancenverwertung des Gegners, dass das Team von Tim Walter nicht weniger Punkte auf dem Tableau hatte.

Alles in allem lässt sich sagen, dass die Qualität der wichtigen Faktoren im Laufe der Saison immer besser wurden (Tore, Pässe, Zweikampfquote und Chancenverwertung). Die Spielidee von Walter (viel Ballbesitz, komplexe Passstafetten und hohes Pressing) sowie die Automatismen im Team haben im Saisonverlauf immer mehr gegriffen. Mit einem Sieg im letzten Saisonspiel würde der HSV mehr Punkte in der Rückrunde (31) als in der Hinrunde (29) geholten haben und würde sich zumindest die Relegation sichern.
Allerdings: Mit nur 15 von 30 möglichen Punkten gegen die direkte Konkurrenz – die durchaus auch schwache Phasen in dieser Saison hatten – kann sich der HSV glücklich schätzen, dass man einen Spieltag vor Schluss den Aufstieg, durch das deutlich bessere Torverhältnis, nahezu in der eigenen Hand hat. Gerade die zur Hinrunde starken Paulianer haben geschwächelt (nur 18 Punkte in der Rückrunde). Die hoch favorisierten Schalker und Bremer haben dafür die nicht so starke Hinrunde egalisiert und die Rückrunde bis hierhin stark aufgetrumpft (Rückrundentabellenplatz 2. und 1.). Der HSV bewahrt sich also auch aufgrund von zwei ähnlich starken Halbserien die Chance auf die Rückkehr in die Bundesliga.
Vielen Dank, Mats Beckmann und Team von Createfootball.com für diese ausführliche und sehr aussagekräftige Analyse, die zeigt, dass der Hsv sich sportlich auf dem richtigen Weg befindet. Vor allem auch weil Tim Walter seinen Spielstil im Laufe der letzten Wochen und Monate immer weiterentwickelt hat. Es ist sicherlich noch vieles ausbaufähig, was sich schon anhand der Punktebilanz nachvollziehen lässt. Aber es ist eben auch vieles besser geworden - oder anders formuliert: Wenn sich die HSV-Führung an ihren eigenen Worten und Vorgaben orientiert, dürfte der Arbeitsplatz von Tim Walter samt Trainerteam und Sportlich Verantwortlichen gesichert sein. Denn diese Mannschaft samt Trainerteam entwickeln sich in die richtige Richtung...!
Leider musste der HSV heute im Training allerdings eisenpersonellen Rückschlag hinnehmen. Anssi Suhonen musste mit einer Knöchelverletzung vorzeitig das Training abbrechen und wurde per Golfcart in die Kabine gefahren. Der junge Finne droht somit für das Spiel am Sonntag in Rostock auszufallen - was wir alle nicht hoffen. Auch deshalb noch einmal von dieser Stelle: Alles Gute, Anssi! Werde schnell wieder gesund...!

In diesem Sinne, bis morgen, liebe Leute! Genießt den Feierabend und bleibt gesund!
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