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Rochade auf Chefsesseln hinterlässt Geschmäckle: Wettstein geht - Wüstefeld und Jansen rücken nach

Die Youngster des HSV haben bislang in dieser Saison noch die schönsten Geschichten geschrieben. Erst zum Ende der abgelaufenen Saison war es Robin Meißner, dann in dieser…

Rochade auf Chefsesseln hinterlässt Geschmäckle: Wettstein geht - Wüstefeld und Jansen rücken nach

Die Youngster des HSV haben bislang in dieser Saison noch die schönsten Geschichten geschrieben. Erst zum Ende der abgelaufenen Saison war es Robin Meißner, dann in dieser Saison Jonas David, Anssi Suhonen und natürlich zuletzt am auffälligsten auch Faride Alidou – die allesamt sehr ordentlich performten. Sehr gut sogar. Dazu kam noch die Aussicht auf die ebenso jungen wie hochkarätigen Rückkehrer Josha Vagnoman und Stephan Ambrosius, die im Trainingslager wieder zur Mannschaft stoßen sollten. Ebenso die vielversprechenden Youngster wie Peschke, Krahn und Andresen. Aber Stand heute standen neben Krahn und Andresen nur noch Meißner, Ambrosius und David auf dem Platz. Suhonen und Peschke haben das Trainingslager verletzungsbedingt bereits beenden müssen und dürften somit auch für das erste Spiel gegen Dresden am 14. Januar noch kein Thema sein, während Alidous Zukunft insgesamt noch gänzlich offen ist.

Klar ist inzwischen, dass der HSV einen neuen Vorstand hat. Interimistisch. Denn wie der Klub heute Nachmittag mitteilte, wurde der Vertrag mit Finanzvorstand Frank Wettstein vorzeitig aufgelöst. Für ihn rückt der gerade frisch zum Aufsichtsratsvorsitzenden bestimmte Hamburger Unternehmer Dr. Thomas Wüstefeld vorübergehend in den Vorstand auf und legt sein dortiges Mandat bis auf Weiteres nieder. Wobei jetzt der fast noch interessantere Teil kommt: Denn ratet mal, wer der neue (alte) Aufsichtsratsvorsitzenden wird? Richtig: Es ist Marcell Jansen, der gerade erst seinen Posten für Wüstefeld freigemacht hatte. Die Pressemitteilung im Wortlaut:

AUFSICHTSRAT UND FRANK WETTSTEIN LÖSEN VERTRAG AUF

VORSTAND BEENDET SEINE AMTSZEIT VORZEITIG – DR. THOMAS WÜSTEFELD WIRD KOMMISSARISCHER VORSTAND UND LÄSST SEIN AUFSICHTSRATSAMT RUHEN.

Der HSV stellt seine Weichen für die Zukunft. Vorstand Frank Wettstein, der seinen Abschied zum Saisonende bereits vor einigen Wochen verkündet hatte, löst seinen Vertrag nun vorzeitig auf. Dieser Schritt geschieht auf Wunsch des Aufsichtsrates, um die anstehenden Planungen für die kommende Saison voranzutreiben. Dr. Thomas Wüstefeld, bislang Aufsichtsratsvorsitzender der HSV Fußball AG, wird den Vorstand in kommissarischer Funktion ergänzen. Seine Ratskollegen entsenden den 53-Jährigen ins operative Führungsgremium zu Jonas Boldt. Wüstefeld übernimmt die neuen Verantwortungsbereiche ab Donnerstag für ein Jahr. In dieser Zeit lässt er sein Aufsichtsratsmandat ruhen. Vereinspräsident Marcell Jansen wird für diesen Zeitraum erneut die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden übernehmen.

„Uns ist bewusst, dass wir aufgrund der aktuellen Corona-Welle und ihrer Folgen erneut vor einer großen Herausforderung stehen. Die Konsequenzen werden weit in die Zukunft Auswirkungen haben, darum wollen und müssen wir den Club über den Sommer hinaus stabilisieren und die nächsten Entwicklungsstufen anpeilen“, sagt Dr. Thomas Wüstefeld.

Frank Wettstein verlässt den HSV mit dankenden Worten: „Es war großartig, diesen Verein über sieben Jahre gestalten und mitverantworten zu dürfen. Es war mir eine Ehre.“ 

Pressemitteilung des HSV von heute

Das kann natürlich alles das Ergebnis von verschiedenen, schwer vorhersehbaren und nicht zu steuernden Entwicklungen sein. So werden es die Protagonisten, die allesamt heute nicht zu erreichen waren, jetzt sicher auch darstellen. Aber da Wettstein selbst bei seiner Ankündigung, zu gehen, deutlich gesagt hatte, dass die Vereinsführung und der Aufsichtsrat schon länger Bescheid wussten, kann man das wohl eher ausschließen. Zuminde3st musste sich der Aufsichtsrat schon früh im Laufe dieser Saison damit beschäftigen, wie der Vorstand aussehen würde. Zumal mit der Verkündung des Wettstein-Ausstieges auch klar war, dass Wettstein nicht bis zum Ende seines Vertrages in alle Prozesse mit einbezogen werden konnte. Üblicherweise werden derartig hochrangige Mitglieder von AG-Unternehmen sogar per sofort freigestellt, wenn deren Ausscheiden feststeht.

War der Jansen-Rücktritt als AR-Boss nur inszeniert?

Auch deshalb hat die ganze Aktion, die ich zu Beginn noch als „gutes Zeichen“ gelobt hatte, ein Geschmäckle. Zumindest die Rochade auf der Position des Aufsichtsratsvorsitzenden verliert den Charme, dass Jansen hier bewusst einen Schritt zurückgegangen ist, um sich um seine Kernaufgaben im HSV e.V. zu kümmern. „Bereits auf der Mitgliederversammlung habe ich betont, dass der HSV nur als Team funktionieren kann und niemals zur 'One-Man-Show' werden darf“, hatte Jansen bei dem überraschenden Wechsel an der Spitze der Kontrolleure noch gesagt und so den Eindruck vermittelt, dass man gegen das jahrzehntelange Machtgeschachere beim HSV ein Zeichen setzen wollte. Verzicht zum Wohle des HSV – es klang so schön…

Zu schön, wenn man sich anguckt, was aktuell beim HSV an Gerüchten rumort. Jens Meier, der mit Jansen gut kann, wurde ganz früh als Kandidat in den Ring geworfen. Dass über den Namen nachgedacht wurde, ist bestätigt. Mehr aber wohl auch nicht. Parallel dazu war immer jedenfalls immer wieder zu vernehmen, dass auch Marcell Jansen selbst den Posten des ersten Vorsitzenden anstreben würde und deshalb nicht den Posten des Aufsichtsratsbosses einnehmen wollte. Zumeist kamen diese Gerüchte allerdings von denen, die es nicht wirklich gut mit Jansen meinen, was mich zweifeln ließ.

Aber es kam eben auch nicht nur von der Jansen-Opposition. Allein Jansen selbst dementierte das zuletzt immer wieder. Oft ausweichend – aber schon so klar, dass seine Beförderung zum AG-Vorstand schnell zum Wortbruch und damit zum Boomerang für ihn würde. So wie jetzt aktuell hat Jansen zwar sein Wort gehalten, aber ich weiß jetzt schon, dass das für Jansen mächtig Kritik bringen und neue Verschwörungstheorien hervorrufen wird. Philipp Wenzel, aus dem Team von Marinus Besser, schrieb per Twitter über den Vorgang: „In der ersten Woche Investor, in der zweiten Aufsichtsrat und in der dritten dann Vorstand. Dieses Verantwortlichkeitshopping ist nicht notwendigerweise schlecht, aber mindestens skurril."

Weise Entscheidung oder Rückfall in alte Zeiten?

Und Skepsis ist zumindest erlaubt. Immerhin hat Jansen den Aufsichtsrat zuerst mit seinen Wunschkandidaten besetzt und sein freiwilliger Rücktritt als AR-Boss wurde heute deutlich relativiert. Im Vorstand sitzt mit Dr. Thomas Wüstefeld jetzt der Mann, den Jansen in den Aufsichtsrat gehievt und zum dortigen Vorsitzenden gemacht hatte. Zudem soll Jansen maßgeblich an dem Anteilskauf Wüstefelds, der Klaus Michael Kühne fünf Prozent seiner Anteile abgekauft hat, mitgewirkt haben. Wer bei Bernd Hoffmanns Postengeschachere immer wieder Machtsicherung als dessen Motivation angeprangert hat, der kann das in diesem Fall nicht unerwähnt lassen. Ich auch nicht.

Der gesamte Vorgang wirkt in seinem Zustandekommen auf mich wie ein Rückfall in alte Zeiten. Womit allerdings absolut gar nichts über die Fähigkeiten von Dr. Thomas Wüstefeld gesagt sein soll. Im Gegenteil. Alles, was ich bis jetzt über den Pharma-Unternehmer gehört habe, ist aus unternehmerischer Sicht mehr als beeindruckend. Aber dazu mehr, sobald ich die Gelegenheit hatte, mit Wüstefeld persönlich zu sprechen.

Schlechte Nachrichten gab es derweil für den HSV und alle Fans, die den HSV im neuen Jahr live verfolgen wollten, denn vorerst wurden wieder Geisterspiele angeordnet. Und während der HSV noch nicht offiziell reagiert hat, gab es vom Stadtrivalen bereits klare Worte des Protests.  Oke Göttlich, der Präsident des FC St. Pauli, hat die neuen coronabedingten Zuschauerbeschränkungen in Hamburg kritisiert. Man müsse fragen, „warum innerhalb von weniger als zwei Wochen Verordnungen auf den Weg gebracht werden, die mehr Fragen als Antworten liefern“, sagte der 46-Jährige am Dienstag.

Geisterspiele! HSV muss doch ohne Zuschauer spielen

Der Senat der Stadt Hamburg hatte am Dienstagmittag verkündet, dass von Montag an bei Sportveranstaltungen nur noch 200 Zuschauer im Innenbereich und 1000 Zuschauer im Freien zugelassen sind. Heimspiele des FC St. Pauli und des Liga-Rivalen Hamburger SV sollen aber nur noch als Geisterspiele ohne Publikum stattfinden. Bislang waren bei Veranstaltungen nach der 2G-Regel im Freien maximal 5000 und in Hallen höchsten 2500 Zuschauer zugelassen. Es könne schlichtweg nicht plausibel erklärt werden, dass zu Nicht-Profi-Sportveranstaltungen 1000 Zuschauer zugelassen werden, beklagte Göttlich. Der Pauli-Chef stellte zudem die Frage, ob das Stadtderby beim HSV  am 21. Januar „auch eine überregionale Veranstaltung“ sei, die der Senat nur zuschauerfrei sehen will.

Und bevor ich diesen Blog beende, noch der wöchentliche Hinweis, dass Ihr mir ab sofort wieder Fragen via Email ([email protected]) und per Instagram für den ersten Communitytalk des Jahres 2022 stellen könnt. Einige sind auch schon eingegangen. Den Communitytalk werde ich am Donnerstagvormittag aufzeichnen und am Nachmittag ausstrahlen. Passiert ist ja in Sotogrande ebenso wie hier in Hamburg schon wieder genug…

Scholle 

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