Spielbericht

Remis in Unterzahl - Polzins Fehleinschätzungen kosten HSV zwei Punkte

Hoch gepokert – und verloren. So kann man das Spiel des HSV in Regensburg aus Sicht des Trainerteams zusammenfassen. Wobei der HSV nicht das ganze Spiel verliert, sehr wohl…

Remis in Unterzahl - Polzins Fehleinschätzungen kosten HSV zwei Punkte

Hoch gepokert – und verloren. So kann man das Spiel des HSV in Regensburg aus Sicht des Trainerteams zusammenfassen. Wobei der HSV nicht das ganze Spiel verliert, sehr wohl aber zwei mögliche und notwendige Punkte, um ganz oben zu stehen. „Ich bin enttäuscht über die Leistung, die wir gezeigt haben“, sagte Polzin nach Schlusspfiff und fügte hinzu: „Die Mannschaft ist heute in Unterzahl nochmal zurückgekommen. Aber leider konnten wir unsere Performance nicht auf den Platz bringen.“ Worte über seine Fehleinschätzungen bezüglich der Startelf gab es leider nicht.

Dass man im Aufstiegsrennen nach den letzten erfolgreichen Wochen den ersten Rückschlag durch ein 1:1 (0:1) ausgerechnet beim Tabellenletzten Jahn Regensburg erleidet, passt in das Bild des HSV der letzten Jahre. Zumindest verpasste der HSV am Sonntag die Rückkehr auf Platz eins. Die Punktverluste des Spitzenreiters 1. FC Köln und des nächsten Gegners 1. FC Kaiserslautern konnten die Hamburger somit nicht nutzen. Großer Nutznießer: Der 1. FC Magdeburg.

Elfadli zunächst nur auf der Bank - ein zu spät korrigierter Fehler

Ohne Elfadli, der nach abgesessener Gelbsperre wieder zur Verfügung stand, begann der HSV in der Viererkette mit Sebastian Schonlau neben Dennis Hadzikadunic und mit Jonas Meffert auf der Sechs. Vorn erhoffte sich Polzin mit Ransford Königsdörffer kurz hinter der Spitze Davie Selke noch mehr Offensivdruck. Und während man in den ersten Minuten tatsächlich viele frühe Ballgewinne bzw. Rückeroberungen der Bälle feiern durfte, reichte mal wieder ein Konter zum 0:1.  Sargis Adamyan traf in der 6. Minute, nachdem Schonlau den Konter nicht unterbinden konnte und Hadzikadunic ins Leere grätschte. Bitter – aber ein Gegentor, das wir in der Form schon viel zu oft gesehen haben.

Dass man im Winter keinen schnellen Innenverteidiger als Soforthilfe geholt hat, kann man nicht Polzin anlasten. Das ist nach zweieihalb Jahren Suche ein Armutszeugnis für die Scoutingabteilung des HSV. Dass man dann aber nicht anders spielt in dem Wissen, eben nicht über das Tempo defensiv zu verfügen, kann man Trainer und Mannschaft sehr wohl anheften.  

Der Tabellenletzte hielt nach einer sehr kämpferischen ersten Halbzeit auch in der zweiten Hälfte weiter leidenschaftlich dagegen. Und so ehrlich muss man heute sein: Dem drückenden HSV fiel in der Offensive nur wenig ein. Umso besser, dass man nach dem ersten von Selke verschossenen (und mehr als zweifelhaften!) Elfer noch einen zweiten Elfer bekam. Zur Überraschung vieler nahm sich ausgerechnet Selke, der den ersten Elfmeter schwach ge- und verschossen hatte, den Ball. „Ich habe immer gesagt, dass ich Verantwortung übernehmen will“, meinte Selke zu der Situation vor dem 1:1. Auch Ludovit Reis wollte den Elfmeter schießen. „Aber ich habe gesagt, dass ich die Überzeugung habe und dass ich ihn 'reinmachen werde.“

Selke verschießt und schnappt sich auch zweiten Elfer: „Ich wusste, dass ich ihn 'reinmache.“

Und das tat er dann auch. Stark von Selke, der sich auch auf die Gefahr eines Shitstorms der Verantwortung stellte und dem HSV so zumindest noch einen Punkt rettete. „Ich trainiere viele Elfmeter, aber manchmal hält der Torwart eben. Umso schöner war es, dass die Mannschaft mich beim zweiten Elfmeter so unterstützt hat. Jean-Luc hat mir den Ball hingelegt und gesagt: ‚Davie, mach das Ding rein.‘ Wir haben alles reingehauen, Charakter gezeigt und in Unterzahl den Ausgleich geschafft.“

Das Spiel selbst bewertete der 30 Jahre alte Torjäger dann allerding zurecht kritisch: „Wir haben es erzwungen am Ende - trotz einem Mann weniger. Wir haben es aber leider nicht geschafft, das Ding komplett zu drehen“, sagte Selke. „Jeder Punkt ist wichtig. Wir haben wieder Charakter gezeigt. Auch wenn die Leistung heute nicht überzeugend war, ist es das, was wir mitnehmen können.“

Stimmt. Also Mund abwischen, aus den eigenen Fehlern lernen – und es am kommenden Freitag besser machen. Und damit meine ich nicht allein die Mannschaft, sondern auch die Trainer.

DIE EINZELKRITIKEN:

Daniel Heuer-Fernandes: Machte nichts falsch, ließ sich trotz vieler unnötiger Rückspiele – auf diesem Holperacker ist sowas immer mal gefährlich – nicht aus der Rhe bringen. Das war absolut in Ordnung. Note: 3

Miro Muheim: Er kann es besser. Insgesamt war das heute zu verhalten. Er musste nach hinten so wenig machen, dass er sich viel mehr offensiv hätte einschalten müssen.  Er wirkte auf mich heute müde, nicht fit. So schwach war er lange nicht. Note: 4

Denis Hadzikadunic: Er zeigte zuletzt aufsteigende Tendenzen, aber heute auf diesem Rumpelacker hatte er seine Probleme. Technisch eh nicht der Beste, sollte er nicht derjenige sein, der die Bälle treibt, sondern Zweikämpfe gewinnen und den Ball schnell einem Fußballer zuspielen.  Note: 3

Sebastian Schonlau (bis 80.): Das Gegentor fällt nicht, wenn er schneller wäre und/oder wenn er nicht so fahrlässig hoch aufrücken würde. So gibt er all seinen vielen Kritikern Wind auf die Segel – und diese Kritik ist auch berechtigt. Er darf sich nicht beschweren, wenn er in den nächsten Wochen wieder nur von der Bank aus kommt. Die Konteranfälligkeit selbst gegen so wenig aktive Gegner wie Regensburg mit ihm ist eklatant. Note: 4,5

Daniel Elfadli (ab 80.): Kam viel zu spät, holte den zweiten Elfmeter raus und rettete seinen HSV. Er machte sofort Dampf. Das Beste daran: Er ließ absolut keinen Zweifel daran, dass Polzin mit seiner Startelf heute falsch lag. Gegen Kaiserslautern am kommenden Freitag MUSS er beginnen, sofern er nicht krank oder verletzt ist. Note: 2

Silvan Hefti (bis 58.): Er ackert, geht rustikal zur Sache, aber der einfache Pass misslingt zu oft. Für mich ist und bleibt es ein Rätsel, wie man für ihn mehr als 1,2 Millionen Euro bezahlen konnte. Note: 4

William Mikelbrencis (58.): Was genau sollte man von ihm erwarten, was dem Spiel heute hätte helfen können? Dementsprechend spielte er auch nur noch mit. Ohne große Wirkung, aber auch ohne Fehler. Note: 4

Jonas Meffert (bis 75.): Er wird immer wieder kritisiert, ist aber im Mittelfeld der Einzige, der defensiv absichert, weil er ein gutes Auge hat. Ein Grund, weshalb er immer unterschätzt wird, ist, dass 60 Prozent seines Spiels darauf basiert, die Fehler seiner Kollegen auszubügeln und die Räume der Gegner zuzulaufen. Das machte er heute wieder sehr ordentlich. Allerdings muss auch er als Mittelfeldorganisator darauf achten, dass sich der HSV nicht so häufig auskontern lässt.  Note: 3

Adam Karabec (ab 76.): Dass er mal auf der Bank sitzt, war völlig okay. Aber dass er dann erst so spät kommt, nicht. Konnte in der Kürze der Einsatzzeit nicht allzu viel bewegen. Er zeigte aber, dass es mit ihm besser hätte laufen können. Note: 3,5

Marco Richter (bis 58.): Da war er wieder, der Marco Richter, der alles macht – aber nichts richtig. Zumindest war nichts davon gut fürs HSV-Spiel. Schwache erste Halbzeit – und dann ein besserer Beginn in die zweite Hälfte, bis er runter musste. Note: 4,5

Ludovit Reis (ab 58.): Er will, das sieht man. Aber dass er so überhaupt gar keine Wirkung auf das eigene Spiel hinbekommt, macht das Ganze noch schlimmer. Es ist auf jeden Fall hart, wie wenig von dem alten Ludovit Reis bislang zum Vorschein kommt. 

Jean-Luc Dompé: Hatte in der ersten Halbzeit mehr Probleme mit seinem Gegenspieler, als ihm recht war. Ein bisschen Aggressivität und nah dran sein reicht bei ihm offenbar, damit er bei jedem direkten Zweikampf zusammenzuckt. Er holte zwar den ersten, für mich sehr zweifelhaften Elfer raus, aber ansonsten war das alles heute zu unentschlossen und vor allem halbherzig im Abschluss. dass er den Ball vor dem zweiten Elfer schnappte und auf Selke zuging, ihm den Ball in die Hand drückte und Mut machte, zeugt von viel Spielintelligenz und Empathie. Auch sowas gilt es zu bewerten. Daher trotz schwächerer Leistung mit Ball die Note: 3

Emir Sahiti: Wild, aber nach vorn immer wieder durchsetzungsfähig. Wenn er jetzt noch die Jatta-Flanken ablegen und seine Vorstöße und Dribblings mit Torabschlüssen oder gefährlichen Flanken garnieren würde, wäre das richtig gut. Die Tendenz gefällt mir bei ihm - fußballerisch. Sich dann aber so selten dämlich nach der (harten) ersten Gelben die zweite Gelbe innerhalb von drei Minuten zu holen und vom Platz zu fliegen - das macht alle positiven Ansätze für heute zunichte.  Note: 5,5

Ransford Yeboah Königsdörffer (bis 75.): Alter Ghanaer, was bitte schön war denn das für ein Spiel? Seine Körperlichkeit ist in solch heiß umkämpften Spielen sicher vorteilhaft – aber seine Ballverarbeitungen (insbesondere vor einem möglichen Torabschluss) waren unter aller Sau. In der zweiten Halbzeit war er überhaupt nicht mehr zu sehen. Note: 5

Otto Stange (ab 75.): Weil ich seine unbekümmerte Art so gut finde, gibt es heute eine Note, obwohl er nicht mehr viel bewegen konnte. Note: 3

Davie Selke: War zu oft da, wo er nicht sein sollte – außerhalb des Sechzehners. Statt gefährliche Flanken per Kopf im Sechzehner zum Abschluss zu bringen, war er derjenige, der flankte. Er hatte per Elfmeter die Chance, das Spiel erneut zu drehen – er vergab aber mit einem schwach geschossenen Elfer. Dass er sich den zweiten Elfer nimmt und trifft, spricht für sein Selbstvertrauen und seinen Willen, in dieser Mannschaft voranzugehen.  Note: 2

Trainer Merlin Polzin: Er ließ Schonlau beginnen und Elfadli draußen, weil es so am wenigsten Sabbelei intern geben würde. Das kann man so machen, zumal Schonlau wider viele Meinungen hier im Blog allemal die Qualität eines guten Zweitliga-Innenverteidigers hat - wenn er sich richtig einschätzt. Da es heute aber nicht aufging, muss sich Polzin die Frage gefallen lassen: Warum wechselte er zur Pause nicht? Richter, Königsdörffer, und eben Schonlau – Optionen hatte er mehr als genug, um das Spiel mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sofort zu verbessern. Dass er erst so spät reagierte, war ein Fehler. Dieses Spiel bzw. die zwei Punktverluste hat auch er maßgeblich zu verantworten. Note: 5

Schiedsrichter Lars Erbst (Gerlingen): Schwach. Ohne jede Linie, Karten verteilte er sehr willkürlich. Er wirkte mit einem alles andere als schwierigen Spiel völlig überfordert. Note: 6

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

SSV Jahn Regensburg: Gebhardt - Wurm, Bulic, Breunig - Kühlwetter, Ernst, Pröger (75. Ganaus), Suhonen (63. Viet), Hein (89. Handwerker) - Hottmann (75. Ananou), Adamyan (89. Huth)

HSV: Heuer Fernandes - Hefti (58. Mikelbrencis), Hadzikadunic, Schonlau, Muheim - Meffert (75. Karabec), Königsdörffer (75. Stange), Richter (58. Reis) - Sahiti, Selke, Dompe

Tore: 1:0 Adamyan (6.), 1:1 Selke (83., FE)

Zuschauer: 15.210                  

Schiedsrichter: Lars Erbst (Gerlingen)

Gelbe Karten: Suhonen / Richter, Reis, Elfadli

Gelb-Rote Karten: - / Sahiti (76.)

DIE STIMMEN ZUM SPIEL:

Jonas Meffert: „Trotz Unterzahl haben wir an uns geglaubt, den Elfmeter herausgeholt und souverän verwandelt. Das war enorm wichtig für unsere Serie, dass wir heute nicht verloren haben. Natürlich reisen wir immer mit dem Ziel an, drei Punkte mitzunehmen – egal, gegen wen es geht. Insgesamt hätten wir den Sieg gerne eingefahren, aber wenn man das Spiel betrachtet: Wir sind nicht gut reingekommen, haben dann aber in Unterzahl Moral bewiesen und die ungeschlagene Serie gehalten. Ein Punkt ist besser als keiner – insgesamt ist die Gefühlslage also gemischt.“

Daniel Heuer Fernandes: „Wir haben heute gegen alle Widerstände angekämpft – der verschossene Elfmeter, die Unterzahl nach dem Platzverweis – wir sind gut mit den Widerständen umgegangen. Spielerisch war es sicher nicht unser bestes Spiel, aber wir haben gekämpft, alles reingeworfen und uns den Punkt verdient. Vielleicht waren wir nicht zwingend genug und konnten unser Spiel nicht komplett durchziehen, aber was möglich war, haben wir versucht. Wir bleiben bei uns und freuen uns jetzt auf die nächste Woche!“

Merlin Polzin: „Wir waren darauf vorbereitet, was uns hier erwarten wird: viel Intensität, viel Kampf, wenig Spielfluss. Genauso ist es dann auch gekommen. Dennoch haben wir uns mehr von uns erwartet, mit der Leistung sind wir nicht zufrieden. Es gab nach unserem guten Beginn durch die Spieldynamik einige Dinge, die uns nicht so gut gefallen haben. Dadurch konnten wir nicht so zwingend werden wie erhofft. Aber: Wir haben als Mannschaft zusammengehalten, haben gut auf die Ereignisse des Spiels reagiert, haben uns gewehrt und nehmen diesen einen Punkt mit. Denn wenn das Spiel mal nicht so läuft, dann muss man zumindest dafür sorgen, dass man es nicht verliert.“

Andreas Patz (Trainer SSV Jahn Regensburg): „Für uns ist in diesem Spiel vieles so gelaufen, wie wir uns das erwünscht haben. Wir wollten unangenehm sein, wollten viele Zweikämpfe führen und uns gegen die Qualität des HSV wehren. Umso ärgerlicher ist es, dass wir uns bei den beiden Elfmetersituationen nicht besser anstellen, dann hätten wir auch die drei Punkte hierbehalten können, nehmen gegen einen starken Gegner wie den HSV aber gern diesen einen Punkt mit.“

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