Analyse

Reis ist ein gutes Beispiel für das, was beim HSV jetzt besser funktioniert

„Ich will der Mannschaft mit meinen Qualitäten helfen, deswegen spreche ich häufig mit dem Trainerteam und arbeite an meinen Defiziten. Das Wichtigste sind aber immer die drei…

Reis ist ein gutes Beispiel für das, was beim HSV jetzt besser funktioniert

„Ich will der Mannschaft mit meinen Qualitäten helfen, deswegen spreche ich häufig mit dem Trainerteam und arbeite an meinen Defiziten. Das Wichtigste sind aber immer die drei Punkte, daher ist es mir auch egal, wer die Tore schießt. Ich bin noch jung und kann mich weiter verbessern.“ Das sind die Worte von dem Mann, der mir gestern gegen den FC Hansa Rostock so gut gefallen hat, wie in dieser Saison noch nie. Zumindest bis zu seiner präventiven Auswechslung in der 55. Minute, nachdem er zuvor nicht nur selbst getroffen, sondern auch seine erste Gelbe Karte der Saison gesehen hatte: Ludovit Reis. Denn der Niederländer macht endlich das, was ich ihm von Anfang an genauso zugetraut hatte wie die Verantwortungsträger beim HSV: Er spielt mutig nach vorn und hält seine defensive Rolle zu 100 Prozent ein.

Ludovit Reis‘ Spielweise ist ein Beispiel für das, was nicht nur ich erkannt haben will: Der HSV und das Walter‘sche System – das passt langsam. Aus der Not heraus, nach sechs und inzwischen sogar sieben Ausfällen in der Defensive, wird inzwischen hinten weniger riskant gespielt. Schonlau und Vuskovic finden nicht mehr annähernd so oft in der gegnerischen Hälfte statt, wie es David und Schonalu zuvor machen sollten. Und das Beste daran: Der Offensivdrang an sich leidet darunter nicht. Im Gegenteil: Die Stabilität gegen den Ball gewinnt dadurch maximal dazu.

Die Mischung stimmt: Mehr Tore erzielen, weniger kassieren

Mit 17 Gegentreffern stellt man inzwischen statistisch sogar die sicherste Abwehr, was maßgeblich an den letzten sechs Partien liegt. 12:4 Tore in diesen sechs Partien stehen 13 Gegentore bei 18 erzielten Treffern in den vorigen elf Partien gegenüber. Der HSV erzielt mehr und kassiert weniger Treffer. Damit will ich nicht sagen, dass es ohne die Ausfälle von Tim Leibold, Daniel Heuer Fernandes und später auch Jonas David nicht genauso gut hätte laufen können. Das geht mit ihnen auch. Aber erst ihre Ausfälle haben Trainer Tim Walter vorsichtiger denken und defensiv stabiler spielen lassen, wie er zuletzt selbst eingeräumt hatte.

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Begründet hatte es der Trainer damit, dass sich die neuen Spieler erst einmal an das System gewöhnen mussten. Jetzt hat sich das Walter-System auch ein Stück weit auf die Spieler zubeweget. Und das ist nicht nur eine salomonische Lösung des Ganzen – sondern auch einer der Hauptgründe, weswegen sich der HSV aktuell immer schneller und besser entwickelt. Gegen Rostock beispielsweise war es die eklige, harte Spielweise, die der HSV aufs Grün brachte, in der Walter den nächsten Entwicklungsschritt seiner Mannschaft sah. Und das stimmte. Denn der HSV nahm die Härte nicht nur an, sondern er hielt über die 90 Minuten mehr als nur dagegen.

Nächster Entwicklungsschritt ist genommen: Stabilität

54 Prozent der Zweikämpfe gewannen Reis und Co. – und der niederländische Torschütze selbst hatte seinen Anteil daran. Denn er verkörpert inzwischen genau das, was ich beim HSV so lobe: Er behielt defensiv alles im Blick und traute sich trotzdem immer wieder, sich mit in die Angriffe einzuschalten. „Wir sind in einer guten Phase. Es läuft. Wir haben einen guten Plan, der funktioniert“, sagte Reis heute, ehe er in der heuteigen Runde meinen Kollegen gegenüber ehrlich hinzufügte, woran es vorher gehapert hatte: „Es ist ein ganz anderes System. Viele Spieler haben es vorher noch nicht gespielt. Beispielsweise ich. Ich habe mich hier in dem System auch entwickelt.“

Und das ist okay. Wie ich es hier an dieser Stelle vor Saisonbeginn klar formuliert hatte: Der Weg ist das Ziel. Dieser HSV soll Spieler und vor allem sich als Mannschaft entwickeln. Das würde Zeit kosten, hatten wir hier vermutet – und es hat nicht nur eine ganze Weile gekostet, sondern ist noch immer ein fortlaufender Prozess. Allein die Richtung dieser Entwicklung stimmt. Nicht nur tabellarisch. Mit anderen Worten als sie Patrick Wasserziehr heute in der Mopo gewählt hat („Der HSV muss als Ziel klar den Aufstieg formulieren“), sage ich weiterhin: Dieser HSV muss die Entwicklung seiner Nachwuchsspieler und als Mannschaft an allererster Stelle haben – mit allen Chancen, die sich daraus ergeben.

Für den HSV ist alles drin - bald schon ohne Alidou?

Und wenn ich mir die erste Halbzeit der Saison einmal genauer anschaue, dann sehe ich nur ein Spiel, in dem der HSV eine längere Phase unterlegen war (aber selbst hier nicht über 90 Minuten): Und das war das 2:3 beim FC St. Pauli. Alle anderen Spiele hätte der HSV tendenziell eher gewinnen denn verlieren müssen. Mit anderen Worten: Für diesen HSV ist neben der Weiterentwicklung einzelner Spieler mit der aktuellen Stabilität in dieser Saison tatsächlich weiterhin alles drin.

Viele Leute rechnen dafür auch einen Spieler mit ein und diskutieren über dessen Abgang – oder ob man ihn auf jeden Fall mindestens bis Saisonende halten müsste. Faride Alidou. Aber über ihn werde ich mich an dieser Stelle erst morgen wieder äußern. Denn sein Abgang steht nahezu fest. Offen ist nur noch, wann es soweit ist. Und wohin es geht. Wenn meine Informationen stimmen, gibt es neben Eintracht Frankfurt inzwischen auch andere noch großkalibrigere Kandidaten, die sich sogar über einen Kauf schon im Winter Gedanken machen. Fakt ist, dass ich es Walter zutraue, auch diesen Abgang schnell zu kompensieren.

Aber wie gesagt: dazu morgen mehr. Schlusswort Ludovit Reis: „Es ist schön, dass wir zur Halbzeit der Saison auf Platz 3 stehen. Wir müssen aber weiter fokussiert bleiben, hart arbeiten und unseren Plan verfolgen. Dafür sind auch Details wichtig.“

Jo. Stimmt.

Apropos, für Eure Planung: Am Mittwoch wird es aller Voraussicht nach an dieser Stelle einen neuen Communitytalk gegen, für den Ihr ab sofort wieder Eure Fragen (per Email an [email protected] oder per Instagram ab morgen 11 Uhr stellen könnt).

Bis dahin!

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