Reif? Das muss der HSV erst noch beweisen
Auswärts läuft es beim HSV. Drei Spiele, drei Siege - das kann keine andere Mannschaft in der Zweiten Liga bieten. Das 2:0 beim 1. FC Nürnberg am Samstagabend brachte Trainer…

Auswärts läuft es beim HSV. Drei Spiele, drei Siege - das kann keine andere Mannschaft in der Zweiten Liga bieten. Das 2:0 beim 1. FC Nürnberg am Samstagabend brachte Trainer Tim Walter und seine Mannen, die heute trainingsfrei hatten, bis auf einen Punkt an die Aufstiegsplätze heran. „Wir sind sehr souverän aufgetreten. Ich glaube, dass wir reif gespielt haben und abgezockt, was uns in den letzten Wochen vielleicht gefehlt hat.“ Nun bin ich wahrlich kein Schwarzmaler. Aber Reife und Abgezocktheit implizieren für mich tatsächlich den Wiederholungsfall. Und diese Art Auftritt gab es in den bisherigen Spielen nur ansatzweise in Bielefeld – nie aber über zwei, drei oder mehr Wochen hinweg. Zuhause sogar noch gar nicht.
Fakt ist: Auch mir hat die Art und Weise am Sonnabend sehr gefallen. So, wie der HSV hier aufgetreten ist, dürfte er sich hohe Ziele setzen. Wie gesagt: Wenn man diese Art konservieren und zumindest über den allergrößten Teil der Saison so auf den Platz bekommt. Wobei das auswärts vielleicht schon gelten darf. Saison- und wettbewerbsübergreifend sind es nämlich schon acht Pflichtspielsiege auf fremden Plätzen nacheinander, die Walter und Co. vorweisen können. Aber: Die Kehrseite der Medaille sind die Heimspiele. Von drei Heimspielen in dieser Saison gingen schon zwei verloren. „Wir gewinnen daheim auch gern“, sagte Walter, um dann zu schlussfolgern: „Mir ist letztlich egal, wo wir gewinnen, Hauptsache wir gewinnen.“
Bekommt der HSV sein Manko behoben?
Klar. Aber dafür muss der HSV sein Spiel eben genau an der Stelle verbessern, an der es seit ewigen Zeiten – vor allem seit der Zugehörigkeit zur Zweiten Liga – hakt: Im Spiel gegen tief stehende und auf Konter ausgelegte Gegner. Dabei helfen soll und half in Nürnberg bereits Neuzugang Jean-Luc Dompé das erste Mal von Beginn an. „Das Eins-gegen-Eins ist definitiv eine Stärke von mir. Der Trainer möchte auf dem Flügel kreative Spieler, die Lösungen in solchen Situationen finden. Genau dafür hat man mich geholt“, hatte Dompé vorher gesagt und dieses immer wieder auch umzusetzen versucht.
Noch mit bescheidenem Erfolg (nur 38% gewonnene Zweikämpfe). Aber ansonsten war Dompé statistisch schon viel von dem, was sich die Verantwortlichen wünschen. Er suchte das Eins-gegen-eins und das immer in möglichst hohem Tempo. Nur Bakery Jatta legte mehr Sprints im Spiel hin – und der ist weder von den eigenen Kollegen noch anderen Zweitligaspielern in dieser Statistik einzuholen. Dennoch war Walter mit der eigenen Offensive in einem Punkt unzufrieden: „Die Kontermöglichkeiten haben wir nicht gut genug ausgespielt“, monierte der HSV-Trainer, der auch die Flanken vor das gegnerische Tor ansprach. Denn auch hier fehlte es beiden offensiven Außenbahnen auffällig an Präzision. Auf Jattas rechter Seite noch mehr als bei Dompé über links.
Apropos links: Dort feierte auch Tim Leibold nach zehn Monaten Verletzungspause sein Comeback. Ausgerechnet bei seinem Ex-Klub, gegen den ihm am 26. Oktober 2021 das Kreuzband gerissen war. „Für mich war es ein besonderer Moment, exakt an Ort und Stelle zehn Monate nach meiner schweren Verletzung zurückzukommen und erstmals wieder in der Startelf zu stehen. So spielt manchmal das Leben“, sagte Leibold. Zudem war der 28-Jährige vier Jahre für die Nürnberger aktiv und hatte in deren Trikot die bislang meisten Partien absolviert. „Eine Vorsehung“, nannte Walter das Comeback an jenem Ort. Den Gänsehautmoment unter Flutlicht wird Leibold wohl nicht vergessen.
Aber zurück zum Status Quo des HSV: Erneut stellt der HSV die abwehrstärkste Mannschaft der Liga. Lediglich drei Gegentore hat sie nach sechs Spielen auf dem Konto. Im kompletten Spieljahr davor waren es 35, acht Gegentore weniger als der Zweitbeste Bremen. Der Umstand ist schon bemerkenswert angesichts der offensiven Spielweise der Hamburger mit weit aufgerückter Formation, die zu Kontern einlädt. Wenn selbst Torjäger Robert Glatzel bekennt, seine Mannschaft habe „super verteidigt und von der ersten bis zur letzten Minute wenig zugelassen“, muss was dran sein. Glatzel: „Das ist die Basis.“
Der HSV ist defensiv schon das Maß der Dinge
Und auch bei Torschütze Mario Vuskovic, der im Hauptjob aktuell der vielleicht beste Innenverteidiger des HSV ist, löst die breite Konkurrenz im Aufstiegsrennen ebenfalls kein Unbehagen aus. „Die 2. Liga ist sehr intensiv und interessant, weil jeder jeden schlagen kann. Das macht es unberechenbar und wild. Wir kennen diese Situation bereits aus der vergangenen Saison und fühlen uns gut gewappnet“, sagte der Innenverteidiger, und man ist gewillt, ihm zu glauben. Denn gerade mit Blick auf die Defensive, die bis auf das Ausnahmespiel gegen Darmstadt bestens funktioniert hatte, hat der HSV die Qualität, die einen Aufsteiger ausmacht. Behaupte ich.
Wobei auch hier ein kleines Aber einzustreuen ist, denn noch immer fehlt auf der rechten Viererkettenseite ein Backup für Moritz Heyer, der mir in Nürnberg wieder deutlich besser gefallen hat. Zumindest muss der HSV für einen etwaigen Ausfall Heyers gewappnet sein – und das ist er nach den Abgängen von Jan Gyamerah und vor allem Josha Vagnoman nicht mehr. Aber hier soll der HSV weiterhin in Verhandlungen mit dem FC Metz in Bezug auf die Verpflichtung des französischen Rechtsverteidigers William Mikelbrencis sein. Und es ist nach meinen Informationen auch stark davon auszugehen, dass sich dieser Transfer am Ende realisieren lässt. Offen ist nur noch, zu welchem Preis.
Rechtsverteidiger soll weiterhin kommen
Mit anderen Worten: Der HSV hat sich - bis auf ein Glatzel-Backup – kadertechnisch nicht nur für viel Geld, sondern qualitativ auch nominell sehr gut aufgestellt. Die Rolle des Aufstiegsfavoriten hatte man schon vorher angenommen. Und geht es nach Glatzel, auch weiterhin zurecht. „Ich habe einfach ein unglaublich gutes Gefühl bei dem Verein, das habe ich davor nie gehabt. Ich habe das Gefühl, dass wenn man hier was Großes schafft, das viel mehr bedeutet als bei einem anderen Verein“, sagte der Torjäger NDR-„Sportclub“. Selbst die vereinsinternen Querelen würden die Mannschaft nicht davon abbringen. „Es wäre eine richtig schöne Geschichte, wenn wir es hier gemeinsam schaffen, den Aufstieg zu feiern. Wir sind eine super Truppe, ein eingeschworener Haufen. Es kommt nichts dazwischen, das lassen wir an uns nicht ran.“
Womit Glatzel übertrieben hat. Aber was soll er auch sonst sagen. Anstatt sich inhaltlich zu einem Thema zu äußern, bei dem er nur Ärger bekommen könnte, hatte er einen Rat für die Streithähne in der Chefetage. „Es wäre natürlich besser, wenn alle in dieselbe Richtung gehen, wenn jeder seine eigenen Interessen hintanstellt und nur für den Verein handelt. Aber das können wir nicht ändern. Wir können nur das Beste daraus machen“, meinte er. Stimmt. Und es wäre notwendig, damit nach den Spielen in Bielefeld und Nürnberg auch im eigenen Stadion endlich zu beginnen. Am besten schon am Sonnabend im Heimspiel gegen den Karlsruher SC. Wäre doch geil, wenn wir dann ja auch hier in den nächsten Wochen von Abgezocktheit und Reife sprechen können…
In diesem Sinne! Morgen wird um 14 Uhr trainiert. Am Mittwoch geht es um 10.30 und um 15 Uhr.
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