Analyse

Rathausbalkon und Binnenalster? Warum Maßhalten beim HSV-Aufstieg angebracht ist

Der HSV ist zurück in der Bundesliga. Nach sieben langen Jahren, vielen Enttäuschungen, zähen Neuanfängen und wechselnden Verantwortlichen ist dem Verein endlich wieder…

Rathausbalkon und Binnenalster? Warum Maßhalten beim HSV-Aufstieg angebracht ist

Der HSV ist zurück in der Bundesliga. Nach sieben langen Jahren, vielen Enttäuschungen, zähen Neuanfängen und wechselnden Verantwortlichen ist dem Verein endlich wieder gelungen, was lange überfällig schien. Und ja: Die Freude darüber ist groß. Sie ist ehrlich, sie ist mehr als deutlich spürbar – und sie ist auch absolut verdient. Ich will und werde an dieser Stelle auch kein Spaßverderber sein. Alle haben lange  genug darauf warten müssen, mal so richtig loszulassen. Aber: Eine Frage müssen sich alle Verantwortlichen stellen: Wie groß sollte diese Freude inszeniert werden?

Eine Aufstiegsfeier auf dem Rathausbalkon – ergänzt durch eine Auto-Parade rund um die Binnenalster – größer kann man nicht feiern. Und das wirft Fragen auf.

Denn: Der Aufstieg ist nicht der Gewinn eines deutschen Meistertitels oder des DFB-Pokals, wo man das letzte Mal auf dem Rathausbalkon stand. Er ist vielmehr die Korrektur eines tiefgreifenden, fahrlässig verursachten Fehlers in der Vergangenheit, dessen Ursprung maßgeblich mit Maßlosigkeit zu tun hatte. Denn als der HSV 2018 erstmals in seiner Vereinsgeschichte aus der Bundesliga abstieg, hielten viele das für einen Betriebsunfall. Rückblickend wissen wir: Es war kein Unfall, sondern eine logische Folge von jahrelanger Selbstüberschätzung und strukturellem Missmanagement.

Dass der HSV nun – sieben Jahre später – endlich wieder ins Oberhaus zurückkehrt, ist ein Erfolg. Dadurch, dass man es sechs Jahre in Folge trotz allerbester Voraussetzungen nicht geschafft hatte, wurde es, wie Sportvorstand Stefan Kuntz sagte: Es wirkte, als habe man eine Sektflasche sechs Jahre lang geschüttelt und sie jetzt geöffnet. Aber: Wer den HSV jahrelang als „in die Zweite Liga verunfallt“ und als gefühlten Erstligisten wähnt, für den ist dieser Aufstieg vor allem auch eine Rückkehr zur selbst gesetzten Normalität, nicht das Erreichen eines neuen sportlichen Höhepunkts. 

Pro: Emotionen zulassen, Fans danken

Trotzdem – oder gerade deswegen – gibt es gute Gründe für eine große Feier.
Die Treue der HSV-Fans war in den vergangenen Jahren außergewöhnlich und gehört in aller Ausführlichkeit und mit jeder Faser gewürdigt. Regelmäßig ausverkaufte Spiele in der 2. Liga, die unbedingte Reisebereitschaft bis in die letzte Ecke des Landes, und das über Jahre hinweg – oftmals ohne Erfolg, ohne Glamour. Genau diese Fans haben sich ein großes Fest verdient. Und genau deshalb wird eine solche Feier in dieser Größenordnung auch angesetzt.

Sollten die Fans tatsächlich den gesamten Rathausmarkt füllen – und vielleicht sogar die Binnenalster einmal komplett umrunden – dann wäre eine solche Inszenierung nicht Ausdruck von Überheblichkeit, sondern schlicht eine Antwort auf den Wunsch der Anhängerschaft. Und diesem Wunsch gerecht zu werden, ist absolut legitim.

Aber bitte: Relationen wahren – und die richtige Botschaft senden

Aber: Gerade in diesem Moment wäre Maßhalten auch ein Zeichen von Reife.
Der HSV hat in der Vergangenheit oft zu schnell zu groß gedacht – sportlich wie kommunikativ.
Jetzt – nach einem gelungenen, aber mühsam erarbeiteten Aufstieg – wäre der richtige Zeitpunkt, sich nicht größer zu machen, als man (noch) ist.
Die Bundesliga wartet mit anderen Kalibern. Die Realität der kommenden Saison wird rau, der Kader muss verstärkt, die Strukturen stabilisiert werden.

Eine allzu pompöse Feier könnte nach außen wie ein Triumphzug wirken – dabei beginnt die eigentliche Arbeit jetzt erst. Und gerade weil so viele Menschen diesen Verein lieben, ist es umso wichtiger, seriös und bodenständig aufzutreten.

Fazit: Feiern, ja – mit Haltung.

Ich freue mich über die Emotionen, die dieser Aufstieg ausgelöst hat. Und ich finde es richtig, dass der HSV diese Freude mit seinen Fans teilen will – nicht zuletzt, weil diese Fans über Jahre hinweg Großartiges geleistet haben.

Aber: Der Wiederaufstieg ist in erster Linie die Wiedergutmachung eines fahrlässigen Fehlers. Ein Erfolg der aktuellen Protagonisten - aber keine Heldentat. Selbstverständlich muss das Feiern erlaubt sein. Aber bitte in der richtigen Relation. Soll heißen: Ob mit Rathausbalkon, ob mit oder ohne Autokorso um die Binnenalster – es muss unbedingt klar bleiben, dass diese Rückkehr heute ein geiler Grund zum Feiern ist – aber ab morgen dazu führt, dass man noch härter arbeiten muss als vorher, um das Minimalziel Klassenerhalt zu erreichen.

JA, der HSV ist endlich, endlich wieder da! Aber der lange schwere Weg dorthin, wo man sich seit Jahren wähnt – der fängt jetzt erst an. Also lasst uns feiern – aber lasst uns dabei nicht vergessen, woher wir kommen. Und vor allem nicht, wohin wir noch müssen. Diesen Fehler haben andere vor uns schon gemacht und 2018 die logische Konsequenz erfahren. Umso wichtiger ist es, auch in der Minute des gefühlten Triumphes zu zeigen, dass der HSV von heute gelernt hat. 

Scholle

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