Rassismus-Skandal überschattet schwachen HSV-Auftritt
Der Sportdirektor des HSV wusste, dass er heute nicht viel Positives erzählen konnte. Dennoch stellte sich Michael Mutzel wie fast immer nach den Spielen auch heute wieder der…

Der Sportdirektor des HSV wusste, dass er heute nicht viel Positives erzählen konnte. Dennoch stellte sich Michael Mutzel wie fast immer nach den Spielen auch heute wieder der Journalistenrunde: „Wir haben zu viele Punkte verschenkt, das Spiel gestern war sinnbildlich für die ersten zehn Spieltage. Wir hatten ganz oft das Gefühl, dass mehr gegangen wäre. Das war gestern genau so. Daher ist das Tabellenbild nach zehn Spieltagen schon aussagekräftig. Positiv aus unserer Sicht ist, dass wir ein Stück weit selbst schuld daran sind. Wir waren zumeist feldüberlegen und haben einfach zu wenig daraus gemacht. Genau wie gestern.“
Stimmt. Alles! Aber wenn man so etwas inzwischen fast zehn Spieltage in Folge sagt, dann ist es eben nicht mehr zufällig. Vielmehr hat man dann einen Fehler im System. Dass Michael Mutzel heute in der Journalistenrunde versuchte, das Thema rein sachlich zu analysieren, logisch. Der Sportdirektor des HSV traf dabei immer wieder sogar den Punkt: „Es fehlt der entscheidende Tick. Es sind kleine Fehler mit großer Auswirkung. Offensiv wurde deutlich - das haben wir in der Auswertung gesehen -, dass da mehr daraus werden kann. Wir entscheiden uns häufig falsch. Deshalb gibt es zu wenig Ertrag. Es ist ein Riesenaufwand den die Jungs betreiben, aber es kommt zu wenig dabei raus.“ Abgesehen von Frust und einem unnötig schlechten Tabellenplatz.
Dennoch weiß auch Mutzel, dass der HSV mit nunmehr sieben Punkten Rückstand auf Tabellenführer FC St. Pauli nicht noch mal zehn Spieltage so herschenken darf, wenn man sportlich Ziele hat. Das Kernthema bei allem bleibt dabei das Walter‘sche System. Im Spiel gegen Düsseldorf offenbarte allein der vom HSV mit Abfindung on top hergeschenkte Khaled Narey schonungslos die Schwachstellen des HSV auf. Schnelle Gegenstöße nach unnötigen Ballverlusten oder schlechten Torabschlüssen werden einfach zu schnell zum Boomerang für den HSV. Auch wenn Mutzel das zu relativieren versucht: „„Es ist eher so, dass wir lange marschieren können. Mein größter Vorwurf war, dass Düsseldorf nach der Roten gewackelt hat. Da hatte ich das Gefühl, dass wir sie killen, das Spiel entscheiden können. Es lag einfach an uns, wir hatten das Spiel in Griff. Das müssen wir der Mannschaft vorwerfen. Wir waren in der entscheidenden Phase nicht zielstrebig genug und haben Düsseldorf mit vielen Fehlpässen wieder ins Leben geholt.“ Weil man zu offen steht? Mutzel widerspricht: „Die Absicherung steht. Es passiert wenig, aber daraus resultieren zu oft gleich Großchancen. Es ist von der Logik her klar, dass man viel bekommt, wenn man viel anläuft. Düsseldorf hatte nur drei Chancen, davon aber zwei große.“
Klar! Weil die Absicherung beim HSV eben doch nicht steht…!!
Die Spiele gegen den HSV sind für die Gegner defensiv zweifellos unangenehm – dafür aber leben die gegnerischen Angreifer jedesmal ihren Traum. Sie haben immer wieder Räume, die sie sonst nicht geboten bekommen, sie sind nicht selten sogar Mann gegen Mann. Wer sich gegen Düsseldorf mal angesehen hat, wie der HSV bei eigenen Ecken absichert, der weiß, was ich kritisiere. Dennoch versucht Mutzel auch hier, den Trainer bzw. die vom Trainer vorgegebene Grundordnung auf dem Platz zu verteidigen: „Das Tor fangen wir aber nicht aus einem Konter, das darf so nicht passieren. Wenn ein Spieler dann so einen krassen Fehler macht, dann ist es schwer so zu stehen, dass nichts passieren kann, wenn man mutig nach vorn spielen will.“
Allein den krassen Fehler – gemeint war der vorangegangene Ballverlust - habe ich hier nicht als verantwortlich gesehen. Vielmehr verteidigt der HSV diese Szene im weiteren Verlauf einfach nur schlecht. Mit neun Feldspielern zuzüglich Keeper Daniel Heuer Fernandes gelingt es nicht, fünf Düsseldorfer so zuzuzstellen, dass sie nicht zum Abschluss kommen. Ergo: Das war definitiv vermeidbar und einfach nur schlecht verteidigt – das lag noch nicht einmal am Walter’schen System. Sowas kann immer passieren – neben all den guten Kontergelegenheiten, die gute Offensivteams wie beispielsweise der nächste HSV-Gegner, der SC Paderborn, sicher nicht so leichtfertig herschenken.
Dennoch bleibt die Gretchenfrage für den HSV: Wie lang ist lang genug? „Schwierig!“, weiß auch Mutzel. „Wir wissen, dass Geduld ein schwieriges Wort ist. Ich bin stolz, wenn so viele junge Spieler aus der Akademie auf dem Platz stehen. Da darf an nach so einem Unentschieden, das man gewinnen muss, nicht gleich alles zusammenhauen.“ Mutzel betonte, dass sich Mannschaft und Trainer finden müssen. „Ich sage es ja immer, ein Trainer sammelt auch seine Erfahrungen. Wir haben viele neue Spieler und zehn Spiele hinter uns. Er lernt sie alle kennen. Er weiß mit der Zeit sicher auch jetzt auch, auf wen er mehr und auf wen er weniger setzen kann in bestimmten Situationen. Deshalb werden auch Mannschaften erfolgreich, die etwas länger an Trainern festhalten. Da spielen dann die Erfahrungen eine große Rolle, die der Trainer schon Erfahrungen mit den Spielern gesammelt hat. Und unser Trainer sammelt diese Erfahrungen immer noch.“
Mutzel spricht von Eingewöhnungsphase für Trainer Walter
Oha. Dafür sind zehn Spieltag schon sehr lang. Zu lang? Die HSV-Verantwortlichen sehen das anders. „Wir haben eine Mannschaft zusammengestellt, die Fußball spielen will. Wir müssen den richtigen Mix finden. Wir dürfen dem Gegner nicht so viel anbieten. Wir müssen unsere Fehler abstellen, vorn effizienter werden. Wir dürfen auch Tore schießen. Wenn wir vorn nachlegen, halten wir Düsseldorf auch nicht am Leben“, erklärt Mutzel, was dieser Mannschaft auf dem Platz derzeit fehlt. Ob die vielen Unentschieden nerven? „Absolut. Gerade wenn man die Spielverläufe sieht. Manchmal ist man auch zufrieden mit einem Unentschieden. Wir hocken aber eigentlich am nächsten Tag immer da und denken: ‚Scheiße, da war wieder mehr drin.‘ So auch nach diesem Spiel wieder.“
Allein Besserung ist für mich nicht in Sicht. Immer wiederdarauf zu hoffen, mindestens zwei (wenn das denn überhaupt reicht…) Tore zu schießen, um wenigstens einen Treffer mehr als der Gegner zu haben, das ist zu anstrengend für diesen HSV. Das funktioniert bei Ausnahmemannschaften – aber die ist der HSV nicht. Mutzel sagt zwar „Ich bin grundsätzlich zufrieden, wie wir spielen. Es fehlen immer nur Kleinigkeiten und es ist auch nicht negativ, wenn man ein Spiel bestimmt. Wir haben jetzt auch keine Panik, weil die Art gut ist.“
Aber auch Mutzel schiebt heute auch noch einmal hinter, wie es um seine Gemütslage bestellt ist: Wir haben alle keinen Bock mehr auf diese Unentschieden. Das nervt!“ Stimmt. Ebenso wie die nächsten zwei Punkte, von denen der Erste sportlicher Natur ist. Denn auch gegen Düsseldorf gab es wieder eine Szene, die ich auf der Tribüne schon meinte, erkannt zu haben, die sich mir aber in der Wiederholung jetzt noch deutlicher darstellt. Auch Mutzel war heute mächtig angepisst ob dieser heutzutage zwingend vermeidbaren Fehlentscheidung. Denn der Kölner Keller hat gefühlte 1000 Kameras und schafft es trotzdem, solche Fehlentscheidungen zu treffen. Hintergrund: Trotz Überprüfung bekam der HSV gestern nach einem klaren Foul an Anssi Suhonen einen Elfmeter nicht.
„Ein glasklarer Elfmeter“, echauffierte sich Mutzel heute. Und völlig unabhängig von den eigenen, hausgemachten Problemen, die den HSV nicht besser dastehen lassen, ist diese Fülle an Fehlentscheidungen schon auffällig. Mutzel sieht die gestrige sogar als spielentscheidend: „Ich bin mir sicher, dass es ein anderes Spiel wäre, wenn wir diesen Elfer kriegen. Eine klare Fehlentscheidung. Jeder, der was anderes sagt, hat keine Ahnung. Zwei Wochen vorher kriegen wir einen Elfer gegen uns , wo der Ball 50 Meter weg ist (Vuskovics klares Foul gegen Nürnberg). Gegen Pauli war es auch in einer wichtigen Phase eine solche Fehlentscheidung.“ Er habe dafür kein Verständnis, so Mutzel. Ich übrigens auch nicht. Mich kotzt es an, dass da in Köln Leute sitzen, die nur eine kleine Aufgabe haben und dafür mehr Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, als man braucht – und die es trotzdem nicht schaffen, solche Fouls wie im Stadtderby gegen Jatta und jetzt gegen Suhonen, zu erkennen. Diese Fehlentscheidungen sind für mich tausendfach schlimmer, als wenn ein Schiri auf dem Platz ohne jede Zeitlupe einen Fehler macht…
Skandal auf den Rängen: HSV-Fans bepöbeln Narey rassistisch
Ebenfalls schlimm war das Verhalten einiger HSV-Anhänger, die mit Gegenständen Richtung Schiri-Assistenten warfen. Aber am allerschlimmsten fand ich, wie ein kleiner Teil der HSV-Anhänger auf Khaled Narey reagierten. Dass man ihn auspfeift, anpöbelt – das halte ich schon für niveaulos und dumm. Aber das ist vielleicht noch Ansichtssache. Ganz anders gestaltet es sich da mit rassistischen Beleidigungen, die Narey ebenso wie einige Fans inzwischen bestätigten. Dass es heutzutage beim HSV immer noch vorkommt - das ist unverzeihlich und schlimm. Das ist schlimmer als jeder verpasste Aufstieg. Dass diese Arschlöcher zudem Spieler aus der eigenen Mannschaft rassistisch beleidigen unterstreicht nur noch einmal deren bemitleidenswertes Denkvermögen und ich frage mich, warum diese Arschlöcher nicht von den anderen Fans sofort isoliert und gemeldet werden...?! Hier ist Zivilcourage sicher angebracht!!
Diese Nachricht vom gestrigen Spiel ist für mich zumindest die niederschmetterndste. Ich halte sie für einen Skandal und hatte ehrlich gehofft, dass dieses Verhalten beim HSV nicht mehr vorkommt. Die Reaktion des HSV ließ glücklicherweise nicht lange auf sich warten:
„Uns haben mehrere Nachrichten erreicht, dass beim gestrigen Heimduell gegen Düsseldorf Spieler beider Mannschaften rassistisch beleidigt worden sein sollen. So sehr wir uns über die Rückkehr vieler Fans und die tolle Atmosphäre im Volksparkstadion gefreut haben, so enttäuscht und wütend machen uns solche inakzeptablen Vorkommnisse. Der HSV steht für Vielfalt. Rassismus hat sowohl im Volksparkstadion, aber auch in unserer Gesellschaft keinen Platz. Nicht nur verbale Entgleisungen, sondern auch die Würfe von Gegenständen in Richtung handelnder Akteure akzeptieren wir nicht. Wir stellen uns hinter die betroffenen Spieler und werden alles uns Mögliche unternehmen, um die Vorfälle aufzuklären und zu ahnden. Wir betonen unmissverständlich: So ein Fehlverhalten Einzelner steht nicht für die Werte unseres HSV.“
Hier könnt ihr Rassisten beim HSV melden:
Unsere Bitte von allen Mitarbeitern von Moinvolkspark: Wer auch immer solche Arschlöcher im Stadion rassistische Parolen sagen, singen oder schreien hört, der möge sich bitte umgehend bei den Ordnern vor Ort oder eben beim HSV unter [email protected] melden. In diesem Bereich ist Zivilcourage sicherlich mehr als angebracht!
Bis dahin wünsche ich Euch allen jetzt erst einmal einen schönen Sonntag! Und nein, dass Werder Bremen es sportlich nicht besser macht als der HSV, das ist für mich kein Trost. In keinster Weise.
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