Polzin bleibt bis zur Winterpausen sicher HSV-Chefcoach - und er will noch mehr
Also, um das ehrlich zu sagen: Hätte ich vor der Saison die Wahl gehabt, Merlin Polzin oder einen Mann, der schon in der ersten Reihe stand, zum HSV-Coach zu machen – ich hätte…

Also, um das ehrlich zu sagen: Hätte ich vor der Saison die Wahl gehabt, Merlin Polzin oder einen Mann, der schon in der ersten Reihe stand, zum HSV-Coach zu machen – ich hätte letztere Variante gewählt. Die „Reaktionen innerhalb der Mannschaft, innerhalb des Vereins, innerhalb der Fanszene“ sowie die Arbeit auf dem Trainingsplatz und die neue offensive Ausrichtung des HSV hätten dazu geführt, dass Kuntz heute seinem Jungtrainer Polzin bis zur Winterpause eine Jobgarantie als Chefcoach aussprach. Kuntz heute: „Dieses Vertrauen kommt voller Überzeugung!“
Und obgleich ich weiß, dass er das in seiner Situation so sagen muss, halte ich die von Kuntz getroffene Wahl für aktuell zielführend. Polzin und den frisch gebackenen Uefa-Lizenz-Inhaber Loic Favé (Glückwunsch dazu!) zum Trainergespann zu machen, dass bis zur Winterpause den HSV führt, rührt aus einer schwachen Vorbereitung - hat aber angesichts dieser Umstände mehr Vor- als Nachteile.
Was ich meine: Nach Darmstadt hat der HSV noch zwei Spiele bis zur kurzen Winterpause. Eine insgesamt überschaubare Zahl, die die beiden Jungtrainer zu bewältigen haben. Der Auftakt hierfür war am vergangenen Wochenende erfolgreich mit einem 3:1-Auswärtssieg beim KSC. Klar ist: Erst die nächsten Spiele werden zeigen, inwieweit Polzin und Favé ausreichend Wirkung auf die Mannschaft haben. Aber Fakt ist eben auch, dass ich beide mit erfolgreichen Spielen für eine Weiterbeschäftigung qualifizieren können. Zumindest aber können Sie es dem Sportdirektor schwer machen, einen neuen Trainer zu argumentieren. Für die beiden Youngster ist das zum einen eine große Chance und ein nicht minder großes Risiko (für Kuntz) zugleich. Denn sollten die beiden Jungtrainer nicht funktionieren, dürfte es fortan schwierig werden, sie im Trainerstab zu behalten.
Und wie bereits erwähnt, würde ich einen neuen Trainer zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nur dann begrüßen, wenn es ein Kandidat wäre, bei dem an die Fantasie haben darf, dass er auch die nächsten Jahre hier in Hamburg Cheftrainer ist und erfolgreich arbeitet. Diese Variante hat der HSV bislang nicht finden können, daher verschafft man sich mit dieser bislang erfolgreichen Interimslösung Zeit. Zeit, wie man sinnvoll nutzen muss, indem man die Abläufe rund um das junge Trainerteam ebenso detailliert beobachtet, wie den aktuellen Trainermarkt. Der frühere HSV-Profi Raphael Wicky (zuletzt Young Boys Bern) und der Schwede Henrik Rydström (Malmö FF) gelten im Hintergrund immer noch als Kandidaten. Kuntz schloss am Freitag aber auch ausdrücklich nicht aus, „dass ich mich weiter mit anderen Trainerkandidaten treffe“.
Ich hatte es in vorangegangenen Blogs schon geschrieben, eine altbekannte Lösung, wie beispielsweise der zweifellos gute Trainer Bruno Labbadia eher einfallslos rüberkämen und nur schwer zu vermitteln wäre. Das wurde auch Kuntz in wiederkehrenden Gesprächen mit Mitarbeitern deutlich gesagt, wie er zugab. Und auch ich hätte - trotz aller Wertschätzung für Labbadia! - damit meine Probleme, weil ich von diesen Retorten nicht viel halte. Sie nehmen dem ganzen Neuanfang immer auch ein Stück weit Hoffnung, dass der HSV wirklich mal guten Zeiten entgegenläuft…
Ich glaube tatsächlich, dass es beim HSV nach dem Try&Error-Prinzip der letzten Jahre an der Zeit ist, einen mutigen Weg mit einem klaren Plan zu gehen. Rydström nenne ich immer wieder – und ich meine ihn stellvertretend für einen ganz eigenen Ansatz, der woanders schon funktioniert hat. Egal, ob es der Schwede oder sonst wer wird, es wäre ein Weg, bei dem klar ist, dass man ihm Zeit geben muss. Allerdings muss dieser Weg parallel dazu auch immer die Option innehaben, sofort aufzusteigen, wenn es funktioniert.
Ich bin sehr gespannt, wie sich Polzin und Favé, denen ich allen Erfolg dieser Welt gönne, schlagen werden. Beide werden wieder alles daransetzen, mit der Mannschaft so erfolgreich zu sein, dass ein Festhalten an ihm als Nummer 1 zu vertreten ist. Dass ihm hierfür Ausstrahlung fehlt, check! Allerdings weiß ich auch, dass Polzin in den letzten Jahren intern immer als der Trainer erachtet wurde, der ein gutes Gespür für die richtige Taktik hat. Dazu kommt mit Favé ein ebenso junger Mann, der den Fußballtrainerjob von der Pike auf gelernt hat und ihn jeden Tag mit jeder Faser seines Körpers lebt. Ich weiß, dass das abgedroschen klingt, aber so wissbegierig und fußballbesessen wie Favé sind tatsächlich nicht alle.
Aber trotzdem, um das auch ganz klar zu sagen: das sind natürlich keine Qualitätsmerkmale, die allein ausreichen um ein guter Trainer zu sein. Erst der Doppelpass mit einem erfolgreichen Auftreten der Mannschaft in der Liga kann ein Argument sein. Und ja, die Geschichte, dass aus der Not eine Tugend wird, haben wir immer wieder erlebt. In diesem Fall würde sie sogar eine sehr schöne Geschichte werden. Denn Polzin stand schon in der Jugendzeit regelmäßig auf der Nordtribüne des Volksparkstadions. An diesem Sonntag wird er sein Jugendstadion gegen Darmstadt 98 (13.30 Uhr, Volksparkstadion) zum ersten Mal als verantwortlicher Trainer des HSV betreten. Sich auch in den nächsten drei Spielen als mögliche Dauerlösung empfehlen zu können, treibt Polzin an.
„Das ist ein Antrieb, der noch mehr pusht für das Wochenende“, sagte der gebürtige Hamburger zu seiner großen Chance. „Ich habe Bock darauf, das Stadion wieder zu einer Festung zu machen gemeinsam mit der Mannschaft“, sagte Polzin. Dieses Pathos bedient er im Gegensatz zu Baumgart sehr gut. Seinen Aufstieg von der Fantribüne auf die Trainerbank blendet Polzin für dieses Ziel aus. „Der HSV ist für mich ein sehr besonderer Verein. Aber ich kann meine Rolle definitiv davon trennen“, sagte er. „Ich bin hier als Fußball-Trainer angestellt. Während der 90 Minuten habe ich keine Zeit, darüber nachzudenken, was früher einmal war.“
Hoffen wir mal, dass er am Sonntag nach dem Spiel weiter davon träumen darf, dauerhaft die Nummer eins beim HSV auf der Trainerbank zu sein. Immerhin: Ein Sieg gegen das sehr formstarke Team aus Darmstadt und der HSV würde bis auf einen Punkt an Spitzenreiter Paderborn ranrücken. Der SCP (2:4 gegen Schalke) unterlag heute ebenso wie der mit dem HSV punktgleiche FCK, der in Elversberg mit 1:2 verlor. Soll heißen: Ein Sieg würde den HSV wieder auf den zweiten Platz hieven – und Polzin weiter träumen lassen…
In diesem Sinne
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