Analyse

Pokalhighlight! SC Freiburg kommt mit Demut nach Hamburg

Jonas Boldt hatte sich schon vor dem 3:0 gegen den Karlsruher SC festgelegt. „Wir bleiben nicht nur bei uns“, sagte der Sportvorstand des HSV bei Sport1 in Anspielung auf den…

Pokalhighlight! SC Freiburg kommt mit Demut nach Hamburg

Jonas Boldt hatte sich schon vor dem 3:0 gegen den Karlsruher SC festgelegt. „Wir bleiben nicht nur bei uns“, sagte der Sportvorstand des HSV bei Sport1 in Anspielung auf den Lieblingsspruch von Trainer Tim Walter, „sondern er bleibt auch bei uns.“ Dass man die Rückkehr in die Eliteliga nunmehr zum vierten Mal in Serie und zum dritten Mal mit Boldt zu verpassen droht, wird zu keinerlei Veränderungen in der Ausrichtung des Vereins führen. Völlig unabhängig davon, wie dieses Spieljahr ausgeht, scheint Trainer Tim Walter unangefochten zu bleiben. Logisch, dass sich der HSV-Coach darüber freut. „Es ist ein tolles Gefühl, Teil dieses Vereins zu sein“, sagte er vor dem DFB-Pokalhalbfinale am Dienstag (Anpfiff 20.45 Uhr im Volksparkstadion) gegen den starken Erstligisten SC Freiburg.

Als langfristiges Ziel bestehe aber selbstverständlich der Aufstieg. „Auf jeden Fall“, versicherte der Boldt, „dass wir dahin wollen, steht außer Frage. Aber man kann es nicht herbeizaubern.“ Er selber habe es jetzt schon zweimal mit unterschiedlichen Herangehensweisen erlebt, dass es eben keine Garantie für die Bundesliga-Rückkehr gebe. Deshalb sieht Boldt im Aufbau einer langfristigen Strategie mit einigen Anpassungen den einzigen Weg. „Dann bin ich überzeugt, dass es mittel- oder langfristig funktionieren wird“, sagte der 40 Jahre alte Manager, dem viele eine Art „Try-and-error“-Prinzip als Handlungsgrundlage unterstellen. „Das hat mit den Voraussetzungen zu tun, die wir hier zur Verfügung haben“, erläuterte Boldt den Kurs der Verjüngung. „Punktemäßig ist es das bisher vielleicht schlechteste Jahr in der 2. Liga. Aber die Art und Weise, wie wir spielen, hat aber viele Menschen begeistert.“

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Walter erhält Job-Garantie und will ins Finale

Eine vertretbare, aber sicher auch diskutable These. Trotzdem soll es im Pokal so weitergehen. Vielleicht sogar weiter bis ins Finale? „Der Gegner spielt eine Liga höher und ist auf dem Weg in die Champions League, wir sind nominell der Herausforderer“, sagte Walter heute. „Wir haben Bock auf dieses schöne Spiel und eine hervorragende Plattform mit einem ausverkauften Haus. Da ist es für jeden Gegner schwer, vor 57.000 Fans zu bestehen.“ Die Herangehensweise sei für sein Team immer gleich: „Wir wollen jedes Spiel gewinnen“, so Walter, der mit dem Finaleinzug den größten Erfolg des HSV seit dem Pokalsieg 1987 in Berlin perfekt machen kann. „Jetzt geht's erst erstmal darum, dieses Spiel zu gewinnen, um zumindest eine Hand am Pott zu halten.“ 

Personell kann er nahezu aus dem Vollen schöpfen. Neben dem Langzeitverletzten Tim Leibold fehlt nur Maximilian Rohr wegen eines Muskelfaserrisses. Der gegen den Karlsruher SC gesperrte Mittelfeldakteur Ludovit Reis ist wieder eine Option für die Startelf und dürfte beginnen – sofern Walter nicht erneut auf zwei Spitzen setzt. Das hatte er zuletzt mit Mikkel Kaufmann neben Robert Glatzel getan – oder war das nur die Präsentation seines Plan B? Wollte Walter seinen Kritikern demonstrieren, dass er sehr wohl einen Plan B hat? Ich weiß es nicht.

Ich glaube aber, dass der HSV-Trainer gut beraten wäre, gegen Freiburg seine lauf- und zweikampfstärksten Spieler aufzubieten. Denn das, was ich am Sonnabend von den Breisgauern gegen Bochum gesehen habe, war schon saustark! Onetouch-Fußball, Tempo, Zweikämpfe und eine Ballsicherheit, die beeindrucken. Da steckt weder im Umfeld noch sportlich irgendwas vom einst kleinen SCF drin. Im Gegenteil Dieser SC Freiburg wächst sich Woche für Woche weiter weg vom HSV. Aber: Sollte der HSV es schaffen, die Gäste defensiv zu fordern und mit dem seinerseits sehr laufintensiven Spiel unter Druck zu setzen, dann hat er eine Chance, die Mannschaft von Cheftrainer Christian Streich zu ärgern. Lässt man die Freiburger aber spielen, wird das nichts. Dann wird auch die so oft betont „beste Abwehr der Zweiten Liga“ überfordert sein.

Hat Walter einen Plan B? Kittel und Reis wieder dabei

Walter selbst will die restlichen vier Saisonspiele sowie das Pokalduell und den DFB-Pokal in Gänze gewinnen. Sein Siegeswille ist bekanntlich extrem. Und diesen Ehrgeiz versucht er auf seine Mannschaft zu übertragen. Mit Blick auf die Ergebnisse sei ihm das nicht immer gelungen, räumte er ein. Jedoch „von der Art und Weise, dem Elan, dem Engagement und dem Willen auf jeden Fall immer“. Und genau darum wird es in den letzten Wochen weiterhin gehen. Walter, seine Cotrainer und Assistenten sowie vor allem natürlich seine Mannschaft müssen beweisen, dass man immer weiter wächst und sich sportlich nach vorn entwickelt. Auch taktisch. Und genau dafür wird der Freiburg-Kick ein echter, ein harter Gratmesser.

Personell ist der HSV bestens gerüstet. „Die Sensation ist möglich“, sagte Robert Glatzel. „Das wird ein unfassbar geiles Spiel. Ich kann es kaum erwarten, endlich vor einer vollen Hütte zu spielen.“ Das nämlich kennt er nicht. Genauso wenig wie der halbe Kader und Tim Walter selbst. Letztmals war die Arena im Februar 2020 voll bis unters Dach. Freiburgs Kapitän Christian Günter schwant nichts Gutes. „Es ist mit eines der lautesten Stadien, an die ich mich erinnern kann“, sagte er respektvoll.

Vor 35 Jahren holte der HSV letztmals den Pott. Dreimal gelang ihnen das in der Vereinshistorie. Ein solches Hochgefühl wollen die Freiburger auch kennenlernen. Noch nie gewannen sie den Pokal, einmal standen sie im Halbfinale (2012/13). „Ich bin nicht für's Träumen da. Ich habe etwas zu erfüllen mit meinen Arbeitskollegen, damit vielleicht ein Traum in Erfüllung geht. Es geht darum, dass wir mit Demut nach Hamburg fahren“, sagt Freiburgs Trainer Christian Streich, für den die Reise an die Elbe ein Aufleben alter Erinnerungen ist. „Ich habe immer wahnsinnig gerne gegen den HSV gespielt, weil das ein großer, großer Verein ist für mich aus meiner Kindheit und meiner Jugendzeit. Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen an Spiele bei St. Pauli und dem HSV. Es ist immer etwas Besonderes, in Hamburg zu sein. Ich habe mich gefreut bei der Auslosung.“

Freiburg-Ära unter Streich als HSV-Vorbild

Und auch Walter lobte die Freiburger. Mit Streich seien sie dabei, eine Ära zu prägen. „Der Verein steht für Stabilität und Kontinuität. Das zeigt sich vor allem auf der Trainerposition“, sagte der HSV-Coach und fügte hinzu, dass man sich eine solche Ära auch in Hamburg wünsche. Und dafür kann er selbst am meisten Sorge tragen. Nicht wenige Bekannte unken schon: Das Spiel geht aus wie immer. Also, Verlängerung, Elfmeterschießen, und am Ende gewinnt der HSV. So war es in den vorangegangenen drei Runden. Gegen den KSC (3:2 i.E), 1. FC Köln (4:3 i.E.) und den 1. FC Nürnberg 4:2 (i.E.) musste die Entscheidung vom Punkt fallen. Und nicht nur Walter würde das sicher freuen.

Offen ist aber, wie der HSV-Coach dafür personell plant. Normalerweise verändert er selten eine zuvor siegreiche Startelf. Diesmal rückt aber sicher Reis wieder ins Team. Und auch Kittel dürfte unter Walter wieder für die Startelf vorgesehen sein. Dafür dürften Alidou und Kaufmann rausrotieren – und das HSV-System wieder zurückgebaut werden. Ich tippe auf folgende Startelf:

Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Vagnoman – Meffert – Jatta, Reis, Suhonen, Kittel – Glatzel.

Oder was glaubt Ihr?

Ich freue mich jedenfalls auf das Pokalhighlight morgen Abend und melde mich selbstverständlich nach dem Schlusspfiff wieder mit Blog und Blitzfazit bei Euch. Genießt den Rest-Montag, bleibt gesund und bis dahin!

Scholle

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