Spielbericht

Pokal-Aus gegen Kiel: HSV rotiert sich ins Aus – Offensivproblem als Warnsignal vor dem Nordderby

Das war eine missglückte Generalprobe für das Nordderby gegen Werder – und mehr noch: Der HSV hat heute ein eigentlich sicheres Viertelfinale leichtfertig und selbstverschuldet…

Pokal-Aus gegen Kiel: HSV rotiert sich ins Aus – Offensivproblem als Warnsignal vor dem Nordderby

Das war eine missglückte Generalprobe für das Nordderby gegen Werder – und mehr noch: Der HSV hat heute ein eigentlich sicheres Viertelfinale leichtfertig und selbstverschuldet verschenkt, weil er schlicht zu wenig investiert, zu wenig riskiert und offensichtlich auch ein wenig zu viel rotiert hat. Einige Entscheidungen, die man nach diesem Auftritt hinterfragen muss, trugen wesentlich dazu bei, dass der HSV gegen Holstein Kiel mit 2:4 im Elfmeterschießen ausschied (1:1 n. V., 0:0 n. 90).

Denn neben der fehlenden Zielstrebigkeit war vor allem eines auffällig: Die Startelf wurde deutlich umgebaut. Ein riskantes Experiment, dass sich als zu riskant erwies. Denn es schadete dem Spielfluss, der defensiven Stabilität und am Ende dem gesamten Auftritt des Teams. In einem K.o.-Spiel um ein mögliches Viertelfinale war diese Form der Rotation fragwürdig.

Gleichzeitig wurde erneut sichtbar, dass der HSV ein strukturelles Offensivproblem hat. Ohne klaren Mittelstürmer fehlte es über 120 Minuten an Strafraumpräsenz, Durchschlagskraft und zwingenden Aktionen. Gegen einen so tiefstehenden Gegner wie Kiel hätte der HSV offensiver spielen können – wenn nicht sogar müssen. Stattdessen blieb das Spiel über weite Strecken zahnlos. Und so kam es, wie es kommen musste: Kiel war zwar spielerisch unterlegen, hatte aber die deutlich besseren Torchancen – und am Ende den verdienten Sieg.

Kiel mit den besseren Möglichkeiten – der HSV wirkt planlos


Die 57.000 Zuschauer im ausverkauften Volksparkstadion sahen einen HSV, der sich vom ersten Moment an schwertat. Kiel profitierte von Abstimmungsproblemen und Leichtsinn in der neu formierten Hamburger Mannschaft. Adrian Kapralik vergab allein drei klare Chancen, Phil Harres scheiterte frei vor Daniel Peretz. Dass ein kriselnder Zweitligist in Hamburg derart viele Hochkaräter bekommt, ist Ausdruck der heute fehlenden Balance im HSV-Spiel – und der mutlosen Spielanlage.

Auch nach der Pause nichts Neues: Ohne echten Neuner versandeten Hereingaben, es fehlte die Tiefe, es fehlte ein echter Zielpunkt. Weder Philippe noch Vieira konnten die wenigen Momente nutzen, in denen der HSV gefährlich wurde.

Das späte Tor, die späte Strafe

Als Bakery Jatta in der 107. Minute den vermeintlichen Siegtreffer erzielte, schien der HSV sich doch noch in Richtung Viertelfinale zu retten. Doch dieser Abend stand sinnbildlich für die aktuelle Situation: Zu spät aufgewacht, zu spät investiert, zu wenig Konsequenz. Und Kiels Antwort kam mit Wucht: Phil Harres’ Freistoß in der 118. Minute war ebenso spektakulär wie vorher vermeidbar. Guilherme Ramos verstolperte eine Ballannahme und verursachte einen Freistoß, der die leider nicht unverdiente Quittung für einen HSV mit sich brachte, der das Spiel kontrollierte, aber nicht zu dominieren verstand. Im Elfmeterschießen blieben die Gäste abgeklärt, während der HSV den Abend komplett aus der Hand gab.

Fazit: Vorweg möchte ich den Kielern gratulieren, dass sie die ihnen vom HSV angebotene Chance genutzt haben. Das ist bitte unbedingt nicht despektierlich, sondern eher als Vorwurf in Richtung HSV zu verstehen. Ein verschenktes Viertelfinale – und ein Warnsignal. Und am Ende steht nicht nur ein unnötiges Pokal-Aus, sondern ein abendfüllendes Warnsignal:

  • Fragwürdige Rotation in einem K.o.-Spiel
  • Zu viele Spieler ohne Rhythmus in entscheidenden Rollen
  • Keine offensive Durchschlagskraft - ohne Mittelstürmer
  • Zu wenig Mut, gegen einen passiven Gegner Druck aufzubauen
  • Ein verdienter Sieg des klar spielschwächeren Teams

Der HSV hat dieses Viertelfinale selbst verschenkt – sportlich, taktisch und atmosphärisch. Und vor dem Nordderby gegen Werder dürfte dieser Auftritt noch einmal ein klares Warnsignal gewesen sein.

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Peretz: Er wurde in der ersten Hälfte genau einmal richtig gefordert – und war voll da. Gleiches in der zweiten Hälfte. Ein Torwartproblem hat der HSV qualitativ nicht. Bei dem Gegentor in der Verlängerung war er machtlos. Note: 2

Giorgi Gocholeishvili (bis 82.): Der Wirbler legte gut los. Aber: Seine Aktionen muss er einfach ruhiger bzw. mit mehr Überblick abschließen. So bleiben gute Aktionen trotz überbordenden Einsatzes zu oft noch wirkungslos. Schade, dass er kurz vor seiner Auswechslung nur den Pfosten traf Note: 4

Jean-Luc Dompé (ab 83.): Er sollte geschont werden für Sonntag gegen Werder Bremen – musste dann aber doch ran, weil die anderen es einfach nicht gebacken bekamen. Konnte so spät nichts mehr daran ändern. Note: 4

Guilherme Ramos: Diese Nominierung hatte er sich absolut verdient. War auch heute wieder von Beginn an maximal giftig – siehe Abwehraktion 10 Meter in der gegnerischen Hälfte mit maximal gestrecktem Bein und vollem Risko von hinten…. Aber, und so ehrlich muss man auch sein, seine Qualitäten beschränken sich auf Kopfball und Einsatz. Da hatte er Philippe schon mal einiges voraus. Aufbauspiel darf man allerdings keines erwarten. Kam auch nicht. Das mit dem Ball am Fuß ist eben nicht so sein Ding – verschuldete mit seinem Verstolperer den Freistoß zum 1:1 (obwohl es für mich nicht zwingend ein Foul war). Vorher war es eine 4 – so eine Note: 5

Luka Vuskovic: Gewohnt sicher in der ersten Hälfte, schwacher Beginn in der zweiten Halbzeit.  Aber er fing sich schnell wieder. Aber: Wenn eine Defensive so viele klare Torchancen zulässt, hat er als Orchestrator seinen Job auch nicht hundertprozentig erfüllt.  Note: 4

Jordan Torunarigha (bis 98.): Er wird immer mutiger. Die letzten Spiele waren schon in Ordnung, und dieses Selbstvertrauen strahlt er aus. Mischte heute von der ersten Minute an sogar offensiv mit und war hinten meistens Zweikampfsieger. Note: 4

Aboubaka Soumahoro (ab 99.): Machte nichts falsch. Bis zum Elfmeterschießen, wo ihm die Nerven versagten. Völlig unverständlich für mich, einen jungen Spieler mit so wenig Spielzeit als einen der ersten fünf Schützen schießen zu lassen. Ich erspare dem Junge, den man vor dem Elfer hätte schützen müssen, jetzt die Note.

Miro Muheim: Er pennte kurz vor der Halbzeit wieder einmal bei einem hohen Ball und hatte Glück, dass die Kieler das nicht freistehend aus fünf Metern bestraften. Er hatte nicht zu viele Zweikämpfe zu bestreiten, aber von den wenigen verlor er zu viele. Als sein Buddy Dompé auf den Platz kam, wurde er sofort besser. Verschoss seinen Elfmeter. Note: 4

Fabio Vieira: Er ist zweifelsohne fußballerisch der Beste. Und er kann Standards. Normalerweise. Heute kamen sie nicht. Er versuchte auch sonst viel – aber es gelang wenig. Zum einen, weil Anspielpunkte ganz vorn fehlten, zum anderen, weil Ideen fehlten. Übernahm im Elfmeterschießen Verantwortung, und hatte Glück. Insgesamt eine Fleiß-Note: 3

Nicolai Remberg (bis 64.): Er hat einfach kein Erbarmen. Auch nicht mit seinen Ex-Kollegen, die sich immer wieder über seine Härte beschwerten. Deren Glück: Remberg bekam zu früh schon Gelb und musste aufpassen. Aber: Selbst so reichte es zu einem ordentlichen Spiel. Note: 3

Jonas Meffert (ab 64.): Bei ihm weiß man, was man bekommt. Aber eben auch, was man nicht erwarten darf. Note: 4

Alexander Rössing-Lelesit (bis 64.): Bei ihm muss man in der Bewertung ganz klar zwischen dem unterscheiden, was ihm schon gelingt, was er an Potenzial in sich trägt, was er versucht – und eben auch, was man schon erwarten kann. Da er 18 Jahre jung und körperlich noch nicht ausreichend robust ist, ist letzteres überschaubar. Aber: Er versucht immer alles. Selbst das, was vermeintlich aussichtslos ist. Und er versucht durchweg, seine Qualitäten einzubringen in Form von Sprints und Dribblings. Entscheidenden Einfluss hatte das nicht, was eine gute Note ausschließt. Sein Spiel lässt hoffen, dass da in absehbarer Zeit richtig was bei rumkommt. Aber Probleme hatten die Kieler mit ihm keine. Note: 4

Emir Sahiti (ab 64.): Seine ersten Minuten seit Ewigkeiten. Es wirkte ein wenig wie Lelesit. Zwar etwas robuster und reifer – aber genauso wirkungslos. Note: 4

Ransford Königsdörffer (bis 98.): 
Dass er viel läuft und viel arbeitet, weiß man. Als hängende Spitze oder über außen wäre das für mich auch okay. Aber seine nominelle Position füllt er damit einfach nicht aus. Das liegt zum einen an seiner Spielweise, zum anderen am Trainer, der ihn immer wieder dort vorn bringt. Note: 5

Bakery Jatta (ab 99.): Es musste so kommen! Mein werter Kollege Wolfgang Stephan neben hatte es mir vor dessen Einwechslung schon prophezeit. Und es freut mich für den Mann, der bisher überhaupt noch nicht in Erscheinung treten konnte/durfte.  Eine Note erspare ich mir hierfür. Ohne Note.

Rayan Philippe: Ihm gelingt nicht viel. Und das liegt fatalerweise daran, dass er zu wenig investiert, nichts versucht. Enttäuschend. Auf allen Ebenen. Ebenso enttäuschend ist für mich, dass er selbst dann nicht mal als zentraler Stürmer probiert wird, wenn auf der Position so wenig gezeigt wird, wie heute. Dort könnte er auf den entscheidenden Moment „lauern“, wie er auch heute zwischendurch andeutete, während er über außen einfach mehr arbeiten muss – was er einfach nicht tat. Und das mag er offensichtlich nicht. Was man selbst will, sollte einem Teamplayer eigentlich egal sein – ist es bei ihm aber leider nicht. Man könnte meinen, er will den Trainern demonstrieren, dass er nicht nach außen gehört. Dass er in der Verlängerung im Zentrum plötzlich aktiver wurde, spricht zumindest dafür. Note: 5

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