Nur Worte, keine Konsequenzen: Der HSV läuft Gefahr, in alte Zeiten zu verfallen
Ich hatte mich eigentlich zu heute mit einem Blog-Kompagnon aus Köln zu einem gemeinsamen Talk verabredet, in dem wir die aktuellen Geschehnisse rund um das Spitzenspiel gegen…

Ich hatte mich eigentlich zu heute mit einem Blog-Kompagnon aus Köln zu einem gemeinsamen Talk verabredet, in dem wir die aktuellen Geschehnisse rund um das Spitzenspiel gegen Köln am Sonnabend einordnen wollten. Leider ist der Kollege aus privaten Gründen verhindert (von dieser Stelle hierfür noch mal alles Gute!!), daher werde ich das allein aus meiner Sicht machen. Wobei: Nicht ganz. Selbstverständlich werde ich die Reaktionen der Verantwortlichen mit einbeziehen. Auf diese musste man entweder sehr lange warten - oder sie stehen noch immer aus.
Reagiert hat beispielsweise Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD). Der hat die brutalen Attacken von HSV-Anhängern auf Fans des 1. FC Köln verurteilt und Fanvertretungen kritisiert. „Es zeigt wieder einmal, dass der Fußball ein Gewaltproblem hat“, sagte der Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Und selbst wenn man dem inhaltlich gar nicht widersprechen kann, macht Grote, was Politiker so machen: Er instrumentalisiert diesen Vorfall, um andere Themen zu seinen Bedürfnissen zu pushen: „Dass die Fanvertretungen, die sich letzte Woche noch lautstark über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Kostenbeteiligung der Vereine bei Hochrisikospielen beklagt haben, jetzt kein Wort der Distanzierung oder der Kritik äußern, zeigt außerdem, dass diese Gewalt offenbar toleriert wird“, bemängelte Grote die zögerliche Reaktion des HSV, der einen ganzen Tag brauchte, um am Montagnachmittag über Fanvertreter Cornelius Göbel die dann aus meiner Sicht richtigen Worte zu finden.
Späte HSV-Reaktion: Richtige Wortwahl, aber folgen auch Konsequenzen?
Der Direktor Fans des HSV hatte sich am Montagnachmittag über die eigene Homepage zitieren lassen. Unter anderem mit den Worten: „Das alles, selbst wenn es womöglich Angriffe auf HSV-Anhänger gab, rechtfertigt aber niemals ein solch brutales Vorgehen, wie es auf den diversen Videos zu sehen ist. Hier sind viele Grenzen überschritten worden.“ Zudem kündigte er an, dass sich der Verein mit den ermittelnden Behörden ebenso wie mit der eigenen Fanszene austauschen. „Wir pflegen seit mehreren Jahren einen guten und konstruktiven Austausch mit unserer aktiven Fanszene. Das ist mit Vertrauen, aber auch mit Verantwortungsübernahme verbunden. Entsprechend werden wir nun auch sehr kritisch in den internen Austausch gehen. Diese Bilder… haben Schaden angerichtet – zunächst schlimmen körperlichen und psychischen bei den Opfern dieser Gewaltattacken. Aber auch Schaden für den HSV, dessen organisierte Fanszene nun landesweit mit solchen Aktionen in Verbindung gebracht wird, was natürlich auf die Raute abstrahlt.“
Grote lobte indes die Reaktion von HSV-Sportvorstand Stefan Kuntz. „Ich bin froh, dass sich der Sportvorstand des Hamburger SV entschuldigt und die richtigen Worte gefunden hat, allerdings müssen diesen Worten jetzt auch Taten folgen“, forderte er. Und mahnte gleichzeitig an, die Strafen für die Täter konsequent umzusetzen: „Es liegt in der Verantwortung der Vereine, diese Stadionverbote dann auch umsetzen. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall und das muss sich ändern.“
Ich habe es heute morgen als Talkgast in einem anderen Podcast auch schon gesagt: Wer die Entwicklung der HSV-Fanszene seit den späten Achtzigern im alten Volksparkstadion bis heute miterlebt hat, wird sich um Lichtjahre zurückgeworfen fühlen. Dieses Bild in der Westkurve, wo immer wieder neo-faschistische Äußerungen zu hören und zu sehen waren hatte den HSV bzw. seine Anhänger – ich vermeide in diesem Zusammenhang bewusst den Begriff „Fans“ - in ein schlechtes Licht gerückt. Auch wenn es immer nur ein paar wenige Idioten waren, es kam immer wieder vor und blieb ohne Konsequenzen. Jahrelang. Und hätte sich die Fanszene nicht in sich stark verändert, wir hätten hier vielleicht ähnliche Probleme wie andere Klubs.
Die HSV-Fanszene hat sich schon einmal selbst reguliert
Wobei: Jetzt haben wir wieder eines. Diesmal ist es kein Neo-Faschismus, sondern eine unkontrollierte Gewaltbereitschaft. Dieser Überfall auf dem Kiez wird dem HSV lange anhängen, wenn es hier wieder keine Konsequenzen gibt. Und ob es diese geben kann, ist schwer zu sagen. Denn Fans untereinander werden sich nicht verpfeifen. Und von HSV-Seite ist dieses Thema höchst politisch, da man sich die Unterstützung der eigenen Anhänger – in diesem Fall sind es offenbar etliche Impulsgeber aus der Kurve gewesen, die auf dem Kiez dabei waren – nicht gefährden will.
Was bleibt also? Antwort: Offenbar nur die Hoffnung auf eine Wiederholung dessen, was sich zwischen Ende der Neunziger und Anfang der 2000er abgespielt hatte: Ein Selbstreinigungsprozess, aus der Fan-Mitte entstehend. Dass sich die HSV-Fans mit diesem Verhalten einiger Hooligans nicht anfreunden können, ist klar. Aber wirkliche Empörung, wie sie bei Polizeiübergriffen oder anderen Ärgernissen blitzschnell in epischen Längen per Textform veröffentlicht wurden, gab es bislang nicht. Warum nicht, liebe HSV-Ultras? Wo bleibt diesmal die Empörung? Sollte das so bleiben, darf sich die HSV-Fanszene nicht darüber wundern, wenn ihnen künftig als gefährlicher eingestuft wird und dementsprechend weniger Vertrauen seitens der Polizei und anderen Verantwortungsträgern entgegengebracht wird. Und ich könnte wetten: Dann wird die Empörung blitzschnell groß und laut sein. Anders als jetzt…
Aber: Auch beim HSV hat man (zu) lang gebraucht, um dann aber wenigstens die richtigen Worte zu finden, vielleicht kommen die HSV-Ultras und anderen Fan-Gruppierungen ja auch noch auf den Trichter, hier entsprechend zu reagieren und dieses Verhalten ihrerseits zu verurteilen und derartige Fangruppierungen künftig auszugrenzen. Denn entscheidend ist, dass man es diesmal nicht nur bei Worten belassen darf. dass die HSV-Fans das können, haben sie schon einmal bewiesen.
In diesem Sinne, Euch allen eine gute Nacht. Ich gebe die Hoffnung auf Vernunft nicht auf. Auch wenn sie in der aktuell sehr aufgeregten, immer aggressiver werdenden Zeit schwerfällt. Oder anders. Gerade in dieser Zeit sollte der Sport der Ort sein, an dem man sich ablenken und die Zeit genießen kann...
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