Nimmt der HSV den Schwung der letzten Wochen mit nach Darmstadt?
Ich bin immer wieder froh und gespannt, wenn sich unser Blogfreund Dr. Olaf Ringelband bei mir meldet. Fast immer bringt er spannende Gedankenansätze mit, die einem entweder…

Ich bin immer wieder froh und gespannt, wenn sich unser Blogfreund Dr. Olaf Ringelband bei mir meldet. Fast immer bringt er spannende Gedankenansätze mit, die einem entweder neue Perspektiven aufzeigen, oder die eigene Meinung noch einmal wissenschaftlich untermauern (oder widerlegen). So auch diesmal. Anfang der Woche schrieb mir Olaf folgende Mail:
„Die letzten beiden Siege (Köln und St.Pauli) waren wichtig weil sie wahrscheinlich ein positives Mindset in der Mannschaft erzeugt haben. Ich habe in der Vergangenheit schon häufiger in deinem Blog darüber geschrieben, wie bestimmte (zumeist unbewusste) Glaubenssätze die Leistung einer Mannschaft negativ beeinflussen können. Viele dieser „Leistungsbremsen“ kann man nur Top-Down in einer Organisation ändern, über das Thema „Hochleistungskultur“ habe ich mich bereits ausführlich ausgelassen.
Aber es gibt auch förderliche wie hemmende Glaubenssätze, die aus den Erfahrungen in Training und Spiel erwachsen. Ein Beispiel für einen solchen negativen Glaubenssatz konnte man in der letzten Saison beobachten, als in den Köpfen viele Spieler die Angst vor einem späten Gegentor und damit dem Punktverlust kursierte. Dadurch, dass genau das dann häufiger passierte, wurde die Angst vor dem späten Gegentreffer eine „sich-selbst-erfüllende Prophezeiung“.
Die letzten beiden Spiele des HSV können durchaus eine positive und leistungsfördernde Überzeugung bei den Spielern gefestigt haben: nämlich die, dass gute Leistung letztendlich belohnt wird. In beiden Spielen hat die Mannschaft teilweise sehr überzeugend gespielt und ist etwas unverdient in Rückstand geraten (St.Pauli), bzw. den Ausgleich kassiert (Köln). Auch wenn das Zustandekommen des Siegs in Köln sicherlich sehr glücklich war, kann das Erfolgserlebnis die Spieler darin bekräftigt haben, selbstbewusst und dominant aufzutreten und damit am Ende erfolgreich sein zu können. Das ist sozusagen der positive Gegenentwurf zu der von mir häufig kritisierten Haltung, „wir sind der große HSV, wir gehören nicht in die 2. Liga“.
Dr. Olaf Ringelband
Von daher sähe er dem Spiel am Sonntag recht optimistisch entgegen. Und so oder so ähnlich geht es mir schon sehr lang. Deshalb hatte ich vor der Saison darauf gesetzt, dass Trainer Tim Walter der Mannschaft die Überheblichkeit nimmt, die viele hier mit standesgemäßem „Anspruchsdenken“ betiteln. Denn dieser „wir sind der große HSV“-Gedanke ist keine Hochleistungskultur, sondern hinderlich – weil falsch. Dieser HSV ist nicht mehr an der Spitze sondern auf Augenhöhe mit knapp der halben Zweiten Liga. Nicht groß, aber dabei, wieder zu wachsen. So sehe ich den HSV heute.
Walter ist die stärkste Konstante beim HSV
Und so scheint es auch Trainer Tim Walter der Mannschaft eingeimpft zu haben. Zumindest lesen sich Interviews und hören sich Gespräche heute nicht mehr so nach „wir allein entscheiden, ob wir aufsteigen“ an. Stattdessen wird immer wieder betont, dass man wisse, wie stark die Konkurrenz sei. Aber eben auch, dass man selbst stark genug sei, alle zu schlagen. Wenn man an seine Grenzen geht. Und das wiederum schafft dieser HSV unter Walter deutlich häufiger als in den letzten Jahren unter Hecking, Wolf und Co., wie ich finde.
Weil man die Liga angenommen hat. Dieser recht ernüchternde Blick für viele hier im Blog ist nötig, um Anspruch und Wirklichkeit endlich in Einklang zu bekommen. Und das wiederum ist nötig, um ein realistisches Anspruchsdenken zu entwickeln. Komplett losgelöst von allen (schon sehr) alten Erfolgen. Dass an dieser Stelle der Aufschrei bei vielen hier laut sein wird, ist mir bewusst. Es stört mich auch nicht, weil es so sein muss. Auch die Anhänger müssen mitgenommen werden.
Und da der HSV das aus meiner Sicht noch zu wenig macht, dauert es noch immer an, trotz offensichtlichster Entwicklungen. Bislang wird die Wahrheit von Vereinsseite allerdings auch immer nur dann bemüht, wenn man etwaige Misserfolge relativieren will. Der Sportdirektor Michael Mutzel hatte das im Winter mal versucht, als er von einem „immer wieder zu hohen. Anspruch“ an den HSV sprach, der diesem zum einen nicht gerecht würde, und zum anderen den Druck zu groß werden ließe. Und das hat er heute in sehr ähnlicher Form im Interview mit der Mopo wiederholt.
Mutzel versucht, Status Quo des HSV zu erklären
Wirklich durchgehend gerade präsentieren sich in all dem Ganzen ausschließlich Trainer Tim Walter – und die Mannschaft selbst. Und deshalb bin ich auch weiterhin verhalten optimistisch, dass der HSV an die letzten Spiele anknüpfen und bis zum Schluss um den Aufstieg mitspielen kann. Ich bin dabei selbst ein wenig überrascht, denn vor Saisonbeginn war ich bei Walter wirklich extrem skeptisch. Ob seiner Spielweise zu Beginn sogar noch mehr. Inzwischen aber präsentiert sich der Coach als die einzige Konstante – und vor allem als Hoffnungsträger dafür, mit dieser schwierigen Situation gut umzugehen. Oder glaubt ernsthaft irgendjemand, dass ein Dieter Hecking beispielsweise so ruhig geblieben wäre, wenn er im Winter zwei Spieler abgegeben und nur einen dazubekommen hätte? Nein, sicher nicht…
Apropos, ich habe heute für den Communitytalk eine Email von Torsten erhalten, die ich an dieser Stelle gern hier reinstellen will, weil es wohltuend ist, so etwas mal von anderer Seite zu hören. Aber lest selbst:
Wie hältst Du das eigentlich aus?
Ich habe durch die Kommentare gescrollt und es wird nur gemeckert, oft auf unterstem Niveau. Leider ist diese Athmo sogar in der Nordkurve, insbesondere bei den Dauerkartenaussitzern zu spüren, die offensichtlich keinen weitere Perspektive haben.
Der HSV spielt mit der spannendsten, jüngsten Truppe der letzten Dekaden. Der Trainer ist in der Lage Typen (David, Johannsen, Vuskovic, Alidou) einzubauen, die sofort performen (check mal wann Keegan so weit war!). Warum schauen "wir"…
….Auf das eine Gegentor, dass wir oft kriegen? Obwohl wir die beste Abwehr haben?
…Auf den "schlechtesten" Sturm der Topmannschaften? Obwohl wir die meisten Großchancen haben? Die letzten Zentimeter werden leichter überbrückt werden als das Mittelfeld oder finden wir einen Trainer, der genau das besser hinkriegt?
….Auf den schlechtesten Tabellenplatz zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Liga? Obwohl der Etat auch kontinuierlich gesunken ist und obwohl der Trend positiv ist.
….Auf den Trainer und hacken auf ihm rum? Obwohl er gerade mal 20 Spiele leiten durfte und es nur eine Konstante für einen Aufstiegstrainer (eines Zweitligisten, NICHT BuLiAbsteiger) der letzten Jahre gab: Dass er schon letztes Jahr gecoacht sprich mehr als 40 Spiele hatte!
Ich verstehe, dass Du Alternativen aufzeigst, um eine Diskussion anzufachen, aber die Kommentare entbehren jeden Konstruktivismus und man fragt sich, warum der HSV solche Misanthropen anzieht?
Ich habe alle Heimspiele genossen, habe mir zusammen mit der „Loooge“ im Wechsel die Seele aus dem Leib geschrien, habe mich gefreut, dass wir dominanten Fußball spielen (auch wenn wir manchmal hinterherlaufen mussten)! Ich ärgere mich über "Fans" die Dauerkarten besetzen und ihren Verein nicht unterstützen, die verdiente (ehemalige) Spieler auspfeifen, auch dass die Ultras sich meiner Meinung nach ein wenig verrannt haben, auch wenn ich das zumindest respektiere.
Ich habe eine Frage: Glaubst Du dass ich alleine bin und wir unsere jungen Wilden nicht noch ein weiteres Jahr feiern dürfen? Oder werden die Meckerer überwiegen und "die Reißleine" ziehen, weil ja alles andere besser ist? Und keiner versteht die Ironie :-(
Torsten, per Email
Lieber Torsten, ich kann Dir versichern, Du bist damit nicht allein. Auch wenn ich Deine Sicht als etwas zu pauschal empfinde, denn ein gesundes Maß an Kritik ist immer gut, wenn man sie annimmt. Das größte Problem, und damit die Ursache aller Diskussionen, ist die unterschiedliche Wahrnehmung, wo der HSV aktuell steht. Der Status Quo ist nicht definiert. Das hat der HSV seit Saisonbeginn verpasst und er schafft es auch jetzt nicht, seine Kommunikation nach außen klar zu gestalten. Mutzel bricht inzwischen immer häufiger damit durch. Aber leider wirkt es noch zu oft wie eine Rechtfertigung oder eine vorauseilende Entschuldigung - und nicht wie eine ehrliche Erkenntnis. Auch deshalb ist Walter – egal welche Mängel er auch mitbringt - für alle Beteiligten für die aktuelle Phase des HSV ein Glücksfall. Weil er einfach macht. Er arbeitet mit dem, was er zur Verfügung hat. Und er jammert nicht. Nie.
Chakvetadze braucht noch Zeit - Kinsombi spielt
Morgen werden wir die Gelegenheit haben, den Trainer wieder zu fragen. Auf der Pressekonferenz. Eine Antwort meine ich aber bei ihm schon am Dienstag nach dem ersten Training deutlich herausgehört zu haben: Der Neue, Giorgi Chakvetadze, wird in Darmstadt unter normalen Umständen nicht beginnen. Nicht, weil er gestern einen Tag im Training gefehlt hat. Nein, er ist bei allen positiven Ansätzen, die ich meine erkannt zu haben, noch nicht weit genug. Und was ich einerseits für die richtige Entscheidung von Walter halte, lässt mich andererseits zweifeln.
Denn eigentlich gibt es für mich im Winter für Leihspieler nur zwei Optionen: Ohne Kaufoption müssen sie Soforthilfen darstellen. Sollten sie aber noch unabsehbar viel Zeit brauchen, um eine Verstärkung zu werden, macht es aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn ich ihn im Optimalfall im Anschluss auch kaufen kann. Und: Eine Kaufoption hat der HSV bei Chakvetadze nicht…
Was gab es heute noch? Der Däne Mikkel Kaufmann ist weiter erkältet und droht auszufallen, während HSV-Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld im Dialog mit der Stadt versucht, die bereits auf 10.000 Zuschauer hochgesetzte Corona-Beschränkung noch weiter auszudehnen. Bis zu 30.000 Zuschauer, so glaubt Wüstefeld, seien mit dem Sicherheitskonzept des HSV sicher im Stadion unterzubringen. Und angesichts der bevorstehenden Heimspiele gegen Heidenheim (12. Februar) und vor allem Werder Bremen hätte der HSV gute Chancen, auch mehr als 30.000 Tickets abzusetzen.
Bald sogar mehr als 10.000 Zuschauer im Volkspark?
In diesem Sinne, hoffen wir einfach mal, dass David Kinsombi am Sonntag zeigt, weshalb er mal der Königstransfer des HSV war. Und hoffen wir, dass sich Chakvetadze schnell an alle(s) gewöhnt und seine Fähigkeiten beim HSV ausschöpfen kann. Denn spannend ist der junge Georgier allemal.
Bis morgen!
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