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Niemand sollte sich zu wichtig nehmen

So ist das eben, wenn sich die Leute zu wichtig nehmen und jeglichen Realitätssinn verlieren. Auszubaden haben es letztlich dann die wenigen, die noch mitziehen. Wovon ich…

Niemand sollte sich zu wichtig nehmen

So ist das eben, wenn sich die Leute zu wichtig nehmen und jeglichen Realitätssinn verlieren. Auszubaden haben es letztlich dann die wenigen, die noch mitziehen. Wovon ich spreche? Vom deutschen Fußball an sich. Denn der hat offengelegt, wie verdorben er schon ist. Und Ehre hat in alledem nichts mehr zu suchen. Nicht einmal das größte Sportfest der Welt konnte Und so war das DFB-Team mit gerade einmal 18 statt der erlaubten 22 Spieler nach Japan zu den Olympischen Spielen gereist. Eine Reihe von Clubs gab angefragte Profis nicht frei, andere Spieler verzichteten selbst auf eine Teilnahme. „Es wäre schön, wenn künftig auch im Bereich des Fußballs die besondere Bedeutung der Olympischen Spiele mehr Anerkennung erfährt“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, Alfons Hörmann. Wissend, dass sich der Fußball auch weiterhin zu wichtig nehmen wird.

https://soundcloud.com/user-36211795/fr-30-07-2021-zwei-neue-fuer

Und während es hier im Blogforum immer noch einzelne gibt, die glauben, mir irgendwas vorschreiben zu können, dürfen sich die Klubverantwortlichen nicht darüber wundern, wenn sich Spieler genauso monetär ausrichten. Wer einen Spieler nicht für die Olympischen Spiele abstellt, weil er das Verletzungsrisiko scheut, darf auf der anderen Seite nicht an die Sportler-Ehre appellieren. Zumindest nicht, ohne im Anschluss daran als Heuchler zu gelten.

Der Fußball ist längst nur noch Showbusiness

Als ich vor nunmehr 21 Jahren als HSV-Reporter für das Hamburger Abendblatt meinen Dienst aufgenommen hatte, wusste ich noch nicht, dass ich binnen weniger Wochen einen großen Teil meiner Begeisterung für den HSV einbüßen würde. Als Amateurfußballer war es mir immer besonders wichtig, dass meine Mannschaften intern zusammenhielten. Und ich hatte damals tatsächlich den Gedanken, dass auch die Profifußballer die Gemeinschaft pflegen und fördern würden. Aber: Pustekuchen. Selbst damals bestand der HSV wie nahezu alle anderen Profimannschaften auch aus Ich-AGs.

Unter Trainer Frank Pagelsdorf waren es zwar noch vergleichsweise gute Charaktere wie Nico Hoogma, Martin Groth, Thomas Gravesen, Roy Präger, Tony Yeboah oder auch der heutige Schalke-Trainer Dimitrios Grammozis, um nur einige zu nennen, die nach außen ein geschlossenes Team demonstrierten. Aber der Profifußball hat in seiner Entwicklung schon damals die falsche Richtung eingeschlagen und ist mehr und mehr zur reinen Unterhaltung, zum Business mutiert.  Die wenigen Spieler, die sich wirklich mit einem Verein identifizieren, kann man auf dem obersten Niveau an einer Hand abzählen. Und wie das Olympia-Beispiel zeigt, gilt selbiges auch für die Klub-Oberen.

Also: Mein romantisches Bild von Fußballmannschaften war und ist nicht einmal im kleinsten Ansatz anzuwenden. Weder auf den HSV noch auf andere Profiklubs. Auch deshalb habe ich inzwischen den Reflex von Fans, abwandernde Spieler dafür zu verurteilen, dass sie wegen eines höheren Gehaltes woanders Fußball spielen, nicht mehr. Ich mag diese Mentalität nicht, zugegeben. Aber ich musste sie vor 20 Jahren schon hinnehmen und einfach als „normal“ akzeptieren. Anders hätte ich nämlich diesen Sport nicht weiter mit Leidenschaft verfolgen können.

HSV muss sich neu aufstellen - und neu ausrichten

Ich weiß, dass viele hier den HSV tief im Herzen tragen. Und der HSV an sich kann auch nichts für die Leute, die ihn geführt haben und führen werden. Der HSV an sich bleibt liebenswert. Ligaunabhängig, ergebnisunabhängig. Einfach immer. So ist es auch bei mir verankert. Aber ich kann nicht ernsthaft meinen Verein dafür feiern, dass er Spieler von anderen Vereinen mit Geld weglotst und andererseits Spieler verurteilen, die für ein größeres Gehalt vom HSV weggehen. Nein, ich kann es inzwischen einfach nicht mehr ernst nehmen, wenn Leute das Vereinswappen küssen. Weil ich es ihnen nicht abnehme. Vereine agieren wie Konzerne, Spieler sind Dienstleister, Fans sind zahlende Kunden. Und der Fußball ist eine große Show. Geworden. Auch, weil die Fans es zulassen.

In Kürze will sich der DFB an seiner Spitze neu aufstellen. Eventuell mit einer Frau. Neben der bekannten Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb. Auch Ex-HSV-Vorstandsfrau Katja Kraus gilt als Kandidatin. Und ich würde mich freuen, wenn aus einer Neuaufstellung im DFB eine Neuausrichtung wird. Denn der DFB samt Nationalmannschaft ist der Vater aller Wichtigtuer, Egomanen und Geldgeiern. Der DFB ignoriert inzwischen schon ganz ungeniert die Wünsche derer, die ihn ausmachen. Und er wird scheitern, wenn er so weitermacht. Ebenso wie der HSV an seiner Ignoranz gescheitert ist und scheitern wird, wenn er nicht endlich alte Fesseln löst und sich neu ausrichtet.

Dass man für die Mitgliederversammlung im August nur einen Präsidentschaftskandidaten zugelassen hat ist dramatisch schlecht. Zumal es geeignete Kandidaten nachweislich gegeben hat. Und ich hoffe, dass die Mitglieder auf der Mitgliederversammlung ein Zeichen dafür setzen, dass sie nicht mehr gewillt sind, jede Show mitzugehen. Ich kann nur hoffen, dass Sven Freese und sein Team das umsetzen, was sie zuletzt angekündigt haben und den HSV-Beirat nicht nur verbal angehen, sondern Lösungswege vorschlagen, um das zu verändern.

Die Basis ist gefragt, Veränderungen zu schaffen

„Mit solch einem Vorgehen vergrault man viele Mitglieder, die ansonsten bereit wären, ihre Fähigkeiten, ihr Engagement und ihre Zeit für unseren Verein zu opfern. Das ist für uns inakzeptabel“, hatten Freese und Co in einem Statement über den Beirat gesagt. Jetzt gilt es, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und neue Wege zu gehen. Aber dafür muss die Basis aufstehen und aktiv werden. Ansonsten bleibt alles so, wie es ist: Eine Show, die früher oder später scheitern wird.

Sportlich indes hat Trainer Tim Walter heute gute Nachrichten erhalten. Zumindest konnten bis auf Amadou Onana, dessen Wechsel zum OSC Lille offenbar kurz bevorsteht, heute alle wieder mit der Mannschaft trainieren. Auch Jeremy Dudziak und Josha Vagnoman mischten wieder mit, sollen aber beide für das Spiel am Sonntag gegen Aufsteiger Dresden noch nicht in Frage kommen. Und über das Wiedersehen mit deren Sport-Geschäftsführer Ralf Becker freue ich mich sehr. Denn Ralf Becker war eines von vielen Opfern der HSV-Großkopferten. Er war inhaltlich lange nicht gescheitert, sondern einfach nur zu naiv. Aber dazu demnächst mehr…

Ihr werdet es bemerkt haben, heute musste ich einfach mal was loswerden. Weil mich die Hilfsbereitschaft vieler Bloguser/innen hier tierisch gefreut hat. Denn im Gegensatz zur Meinung einiger weniger hier, hat es durchaus Sinn gemacht, hier um Hilfe zu bitten. Und die wenigen, die meinen, mir hier vorschreiben zu können, was in diesem Blog geschrieben werden darf und was nicht: Nehmt Euch nicht zu wichtig. Denn dieser Blog ist an keine Grenze gebunden. Hier darf passieren, was wir passieren lassen wollen. Wobei die Betonung auf „WIR“ liegt. Dass das zu 99,9 Prozent mit den Geschehnissen beim HSV einhergeht – logisch. Diesen gemeinsamen Nenner haben wir hier eben alle. Und das ist auch gut so! Aber ich werde mir hier immer wieder die Freiheit rausnehmen, abseitige Themen zu beleuchten, um Hilfe zu bitten - und natürlich auch: um selbst zu helfen. 

In diesem Sinne, bis morgen! Dann übrigens auch wieder um 7.30 Uhr mit einem neuen MorningCall sowie der Pressekonferenz am Nachmittag. Bis dahin viel Spaß auch mit dem neuen FIFA-Orakel meiner Freunde und Mitstreiter Flo und Joscha!

Scholle

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