Spielbericht

Nicht schön, nur effektiv - HSV holt Punkt gegen direkten Verfolger Köln

Der HSV spielt aktuell ganz sicher nicht seinen besten Fußball. Die Leichtigkeit der vergangenen Wochen scheint ein wenig verloren gegangen zu sein, das Offensivspiel wirkt…

Nicht schön, nur effektiv - HSV holt Punkt gegen direkten Verfolger Köln

Der HSV spielt aktuell ganz sicher nicht seinen besten Fußball. Die Leichtigkeit der vergangenen Wochen scheint ein wenig verloren gegangen zu sein, das Offensivspiel wirkt phasenweise zäh, ideenarm, manchmal fast müde. Aber: Der HSV punktet. Und solange das der Fall ist, ist im Abstiegskampf erst einmal alles in Ordnung. Dieses 1:1 gegen den 1. FC Köln am Sonnabend im ausverkauften Volksparkstadion war so ein Spiel, das niemand in ein Best-of-Album dieser Saison aufnehmen wird. Aber es war eben auch eines dieser Spiele, die am Ende über eine Saison entscheiden können. Spiele, in denen es nicht um Schönheit geht, sondern darum, etwas mitzunehmen. Und genau das hat der HSV getan.

Der HSV lebt gerade von etwas, das im Fußball oft unterschätzt wird: Pragmatismus.

Man hatte über weite Strecken das Gefühl, dass die Mannschaft gerade ein wenig Tribut zollt für die intensive Spielweise der vergangenen Monate. Das aggressive Pressing, die hohe Laufbereitschaft, die vielen Zweikämpfe – all das hat Kraft gekostet. Vielleicht mehr, als man es im Moment auf den ersten Blick wahrnimmt. Was auf dem Platz zu sehen war, hatte deshalb weniger mit Spielfreude zu tun als mit Arbeit.

Torhüter Daniel Heuer Fernandes brachte es nach dem Spiel ziemlich nüchtern auf den Punkt:
„Das Ergebnis ist okay. Es war inhaltlich nicht unsere beste Leistung, aber es ist wieder ein Punktgewinn, den wir so mitnehmen. Wir können im Hinblick auf das Passtempo und die Positionierung ein paar Sachen besser machen. Letztlich halten wir den Gegner aber auf Abstand. Es war von beiden Seiten ein sehr kontrolliertes Spiel, viel Kampf auf beiden Seiten, keiner wollte das letzte Risiko gehen.“

Genau so fühlte sich dieser Abend auch an.

Die Partie begann zäh. Viel Mittelfeld, viele Zweikämpfe, wenig Spielfluss. Über eine halbe Stunde lang passierte offensiv praktisch nichts. Dann kam plötzlich dieser Moment, der den Fußball manchmal so besonders macht. Ein einziger Augenblick reicht – und ein ganzes Stadion steht Kopf.

Nach einem Pass von William Mikelbrencis nahm Fabio Vieira den Ball auf, erkannte, dass Kölns Torhüter Marvin Schwäbe einen Schritt zu weit vor seinem Tor stand, und lupfte den Ball mit dem Außenrist ins lange Eck. Ein Traumtor, ein Geniestreich in einem ansonsten eher zähen Spiel.

Vieira selbst konnte nach der Partie kaum verbergen, wie viel ihm dieser Treffer bedeutet:
„Es war ein tolles Tor. Sobald ich Augenkontakt mit Willi aufgenommen hatte, wusste ich, wohin er den Ball spielen würde. Ich hatte zugleich gesehen, dass der Keeper etwas vorn steht und habe ihn ins Netz gemacht. Es ist sicherlich unter den Top 3 meiner schönsten Tore. Ich bin glücklich darüber. Aktuell bekomme ich mehr und mehr Selbstvertrauen, werde langsam wieder der alte Fabio. Es war ein wichtiger Schritt für mich, nach Hamburg zu kommen, um wieder zu meinem vollen Potential zu kommen.“

Vieira wird Spieler des Spiels – und gibt Versprechen ab

Dass Vieira später zum Spieler des Spiels gewählt wurde, war keine Überraschung. In einer Partie, in der vieles Stückwerk blieb, war sein Moment der einzige echte Glanzpunkt.

Umso ärgerlicher aus Hamburger Sicht, dass Köln kurz vor der Pause ausgleichen konnte. Eine Ecke, ein kurzer Moment der Unordnung im Strafraum - und Said El Mala köpfte zum 1:1 ein. Danach entwickelte sich eine zweite Halbzeit, die genau das bestätigte, was viele schon zur Pause vermuteten: Heute würde hier nicht mehr viel passieren.

„Man hat gespürt, dass beide das Unentschieden halten wollten“, sagte HSV-Trainer Merlin Polzin später. „Es gab viele Zweikämpfe, viele Unterbrechungen und viele Unsauberkeiten. Mit dem Ball hat mir das weniger gefallen – da hatten wir schon bessere Leistungen. Das Tor war toll herausgespielt und wunderschön abgeschlossen. Ärgerlich war dann, dass wir kurz vor der Pause den Ausgleich kassieren. In der zweiten Hälfte war relativ wenig los. Wir nehmen den Punkt gerne mit, weil wir Woche für Woche punkten und die Saison stabil zu Ende spielen wollen.“

Tatsächlich war die zweite Hälfte über weite Strecken ein Spiel der Vorsicht. Köln hatte phasenweise etwas mehr Ballbesitz, der HSV lauerte auf Umschaltmomente. Wirklich gefährlich wurde es allerdings selten.

Mittelfeldspieler Nicolai Remberg analysierte das nach dem Abpfiff ziemlich treffend:
„Unterm Strich ist das Unentschieden ein gerechtes Ergebnis. Bis auf die Ecke haben wir gut verteidigt. Wir haben uns jedoch mehr erhofft. Die Gegner stellen sich mehr darauf ein, dass wir durch die Mitte gut Fußball spielen können, deshalb wollten wir heute vor allem über Konter und lange Bälle in die Tiefe kommen. Das hat ein, zwei Mal funktioniert, aber insgesamt eher zu selten.“

Der HSV ist offensiv zahnlos – Downs wieder unterirdisch

Der HSV blieb insgesamt offensiv erstaunlich harmlos. Besonders in der Spitze fehlte es an Durchschlagskraft – und auch an Präzision im letzten Drittel. Dass die Gastgeber kurz vor Schluss durch einen Kopfball von Daniel Elfadli noch einmal beinahe den Siegtreffer erzielt hätten, hätte dem Spielverlauf eigentlich nicht ganz entsprochen.

Auch Miro Muheim sprach nach dem Spiel ungewöhnlich offen über die Schwächen an diesem Abend:
„Nach dem Spielverlauf können wir mit einem Punkt gut leben. Heute war es sicherlich nicht unsere beste Leistung. Mit dem Ball waren wir nicht aktiv genug, hatten kaum Bewegung im Spiel und waren zu statisch. Auch gegen den Ball war es zu wenig von uns. Es lag nicht an unserer taktischen Ausrichtung, sondern daran, dass wir nicht ins Pressing gekommen sind. Wir waren in den Zweikämpfen nicht bissig genug. So wird es schwer, das eigene Spiel aufzuziehen.“

Und vielleicht beschreibt genau das die aktuelle Phase des HSV am besten. Die Mannschaft spielt gerade nicht brillant. Sie dominiert ihre Gegner nicht. Sie wirkt manchmal sogar ein wenig müde. Aber sie punktet. Und genau das ist im Moment entscheidend. Denn der Blick auf die Tabelle zeigt: Jeder Zähler zählt. Gerade in Spielen gegen direkte Konkurrenten ist es wichtig, zumindest nicht zu verlieren.

Punkt geholt, Köln auf Distanz gehalten – das ist okay

Der HSV hat Köln auf Distanz gehalten. Mehr war an diesem Abend vermutlich auch nicht drin. Schön ist das nicht. Aber manchmal ist Fußball eben genau so: ein bisschen zäh, ein bisschen dreckig, ein bisschen Arbeit. Und wenn am Ende ein Punkt dabei herausspringt, kann genau dieser Punkt irgendwann der sein, der eine ganze Saison entscheidet.

Ich bleibe auch dabei, Spiele nicht nach dem Äußeren zu bewerten. Spiele müssen nicht schön sein, um gut zu sein. Manchmal – und in genau dieser Phase steckt dieser HSV aktuell – geht es nur darum, zweckmäßig zu spielen. Und was bitte soll Polzin machen, wenn er im Angriff tatsächlich nur Underperformer zur Verfügung hat. Richtig: Er muss Mängelverwaltung betreiben. Dass Glatzel dabei so gar keine Rolle spielt - das ist unverständlich. Dass Downs immer wieder Spielzeit bekommt - das ist noch unverständlicher und würde mich an Glatzels Stelle zutiefst beleidigen. Aber, und damit runde ich diese Diskussion ab: Der HSV lebt gerade von etwas, das im Fußball oft unterschätzt wird: Pragmatismus. Und solange das funktioniert und der HSV sich mit letzten Kräften über die Ziellinie zum Klassenerhalt quält, soll es mir recht sein.

Und deshalb bin ich zwar etwas gelangweilt – aber nicht unzufrieden heute Abend. Ich hoffe, Euch geht es ähnlich…

In diesem Sinne, Euch allen noch ein schönes Wochenende!

Scholle

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: War da, als er gebraucht wurde. Beim Tor war er chancenlos. Note: 3

William Mikelbrencis (bis 79.): Sensationeller Pass zum 1:0! Seine Qualitäten liegen in der Offensive. In der Defensive hat er einfach noch zu viele Themen. Note: 3

Fabio Baldé (ab 80.): Hatte noch zwei, drei gute Aktionen.

Luka Vuskovic: Er hat extrem viele sehr gute Szenen – und dann verliert er das Kopfballduell vor dem 1:1-Ausgleich.  Note:

Warmed Omari: Besser als zuletzt. Ich hoffe sehr, dass er im Laufe der Rückrunde noch mal an seine Vor-Verletzungs-Leistungsstärke kommt. Denn die braucht der HSV. Note: 3

Jordan Torunarigha (bis 79.): Unauffällig – aber das ist völlig okay so. Dazu ein paar wichtige Blocks Machte nichts falsch und erledigte seinen Job unaufgeregt. Note: 3

Daniel Elfadli (ab 80.): Hatte den Sieg auf dem Kopf, verpasste knapp. Schade.

Miro Muheim: Solide bis gut. Hinten ließ er nicht viel zu, nach vorn wurde er im Verlauf der zweiten Halbzeit besser.Note:

Albert-Sambi Lokonga: Das war sicher nicht sein bestes Spiel für den HSV – aber seine Ballsicherheit, seine Präsenz in den Räumen ist wichtig für den HSV.  Note:

Nicolai Remberg: Der Mann fürs Grobe machte seinem Spitznamen („Rambo“) wieder alle Ehre. So einen braucht jede Mannschaft.  Note: 3

Fabio Vieira (bis 90.): Der Feinfuß zeigte nach einer sehr durchwachsenen Anfangsphase, was Ballgefühl ist. Mit dem ersten Kontakt so zielgenau zu lupfen – Respekt!! Allerdings w3ar das ansonsten sehr übersichtlich. Note: 3

Philipp Otele (ab 90.) : Darf sich über die Punktprämie freuen.
Damion Downs (bis 66.): 
Die personifizierte Unterzahl. Unfassbar schwach. In allem. Weniger Torjäger als er, das geht kaum. Auch das immer wieder angepriesene Laufverhalten ist bei ihm hochgradig sinnfrei. Für mich bleibt er ein Rätsel. Wobei: Bei Mikelbrencis habe ich auch zweieinhalb Jahre dasselbe geschrieben, bis er endlich gute Spiele zeigt. Mal sehen… Note: 6

Otto Stange (ab 66.) : Wirkungslos. Note: 4

Ransford Königsdörffer (bis 66.): Sehr physischer Auftritt, der am Ende aber unbelohnt blieb. Aktionen hatte er wieder kaum welche. Besser als Downs war er aber. Wie alle anderen im Stadion auch. Note: 4

Jean-Luc Dompé (ab 67.): Machte keine Werbung für sich. Und das ist noch sehr, sehr nett formuliert. Machte Fehler, die gefährlich wurden. Bitterer Kurzauftritt! Note: 5

DIE STIMMEN ZUM SPIEL:

Daniel Heuer Fernandes: Das Ergebnis ist okay. Es war inhaltlich nicht unsere beste Leistung, aber es ist wieder ein Punktgewinn, den wir so mitnehmen. Wir können im Hinblick auf das Passtempo und die Positionierung ein paar Sachen besser machen. Letztlich halten wir den Gegner aber auf Abstand. Es war von beiden Seiten ein sehr kontrolliertes Spiel, viel Kampf auf beiden Seiten, keiner wollte das letzte Risiko gehen. 

Nicolai Remberg: Unterm Strich ist das Unentschieden ein gerechtes Ergebnis. Bis auf die Ecke haben wir gut verteidigt. Wir haben uns jedoch mehr erhofft. Die Gegner stellen sich mehr darauf ein, dass wir durch die Mitte gut Fußball spielen können, deshalb wollten wir heute vor allem über Konter und lange Bälle in die Tiefe kommen. Das hat ein, zwei Mal funktioniert, aber insgesamt eher zu selten. Auf beiden Seiten gab es immer mal wieder Konterchancen. Zudem hatte Elfadli am Ende eine gute Möglichkeit, aber fairerweise hatten wir bei ein, zwei Gegenangriffen das Glück auf unserer Seite.

Miro Muheim: Nach dem Spielverlauf können wir mit einem Punkt gut leben. Heute war es sicherlich nicht unsere beste Leistung. Mit dem Ball waren wir nicht aktiv genug, hatten kaum Bewegung im Spiel und waren zu statisch. Auch gegen den Ball war es zu wenig von uns. Es lag nicht an unserer taktischen Ausrichtung, sondern daran, dass wir nicht ins Pressing gekommen sind. Wir waren in den Zweikämpfen nicht bissig genug. So wird es schwer, das eigene Spiel aufzuziehen.

Fabio Vieira: Es war ein tolles Tor. Sobald ich Augenkontakt mit Willi aufgenommen hatte, wusste ich, wohin er den Ball spielen würde. Ich hatte zugleich gesehen, dass der Keeper etwas vorn steht und habe ihn ins Netz gemacht. Es ist sicherlich unter den Top 3 meiner schönsten Tore. Ich bin glücklich darüber. Aktuell bekomme ich mehr und mehr Selbstvertrauen, werde wieder der alte Fabio. Es war ein wichtiger Schritt für mich, nach Hamburg zu kommen, um wieder zu meinem vollen Potential zu kommen.

Merlin Polzin: Es gab viele Zweikämpfe, viele Unterbrechungen und viele Unsauberkeiten. Mit dem Ball hat mir das weniger gefallen – da hatten wir schon bessere Leistungen. Das Tor war toll herausgespielt und wunderschön abgeschlossen. Es lohnt sich definitiv, den Treffer noch mehrfach anzuschauen. Ärgerlich war dann, dass wir kurz vor der Pause den Ausgleich kassieren. In der zweiten Hälfte war relativ wenig los. Man hat gespürt, dass beide vor allem das Unentschieden halten wollten. Wir nehmen den Punkt gerne mit, weil wir Woche für Woche punkten und die Saison stabil zu Ende spielen wollen.

Lukas Kwasniok: Wir nehmen den Punkt mit, auch wenn es sich insgesamt so angefühlt hat, als hätten wir gewinnen können. Wir wollen aber nicht vermessen sein, zumal der Gegner sehr sehenswert in Führung geht – Vieira macht das weltklasse. Wie die Mannschaft darauf reagiert hat, war toll. Sie hat sich für den Aufwand bei Standardsituationen belohnt, auch nach der Ecke. In Summe haben wir keine klassischen Kopfballmonster auf dem Feld, aber wir arbeiten an dem Thema. In der zweiten Hälfte hatte ich das Gefühl, dass es ein Abnutzungskampf war. Richtig spannend wurde es eigentlich erst wieder in der Nachspielzeit, als zunächst Elfadli und dann wir durch Martel die Chance per Kopf auf den Sieg hatten.

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes - Omari, L. Vuskovic, Torunarigha (79. Elfadli) – Mikelbrencis (79. Balde), Sambi Lokonga, Remberg, Muheim – Vieira (90.+2 Otele), Downs (66. Stange), Königsdörffer (66. Dompe)

1. FC Köln: Schwäbe – Krauß (84. Chavez), van den Berg, Özkacar, Lund – Martel, Johannesson, Niang (46. Maina), Kaminski (90.+1 Kainz), S. El Mala (74. Bülter) – Ache (74. Sebulonsen)

Tore: 1:0 Vieira (39.), 1:1 El Mala (45), 

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)       

Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden)

Gelbe Karten: Remberg, Muheim / El Mala, Lund, Kaminski, Sebulonsen

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