Nach Freistellung: Wie Mutzel sich selbst bezahlen könnte
Der HSV hat Sportdirektor Michael Mutzel freigestellt. Heute morgen offiziell, nachdem der Kicker gestern bereits davon berichtet hatte. Der 42-Jährige werde mit sofortiger…

Der HSV hat Sportdirektor Michael Mutzel freigestellt. Heute morgen offiziell, nachdem der Kicker gestern bereits davon berichtet hatte. Der 42-Jährige werde mit sofortiger Wirkung von all seinen Tätigkeiten entbunden, gab der HSV in einer knapp gehaltenen Pressemitteilung bekannt. Da der Vertrag des bisherigen Sportchefs aber noch bis zum 30. Juni 2023 gültig ist, dürfte der HSV dessen Auflösung anstreben – und dafür würde mal wieder eine Abfindung fällig. Zugegeben: Die Trennung von dem ehemaligen Profi, der 2019 vom Erstligisten 1899 Hoffenheim zum HSV gekommen war und dessen bester Transfer aus finanzieller Sicht Amadou Onanana war, bei dem alle Beteiligten bei einem Weiterverkauf auf weitere Millionen hoffen, hatte sich über Wochen angedeutet. Aber sie ist im Zusammenkommen dan n doch wieder etwas zu sehr HSV-like.
Der Gipfel der internen Eskalation: Schon vor dem Ende der vergangenen Spielzeit hatte Sportvorstand Jonas Boldt den Sportdirektor weitestgehend entmachtet. Mutzel durfte sich fortan nicht mehr in der Kabine aufhalten, er sollte sich lediglich weiterhin um die Abwicklung von Transfers kümmern und die Kaderplanung durchführen. „Michael funktioniert in der Führungsrolle rund um eine Mannschaft nicht“, hatte Boldt seinem Direktor öffentlich vorgeworfen. Völlig unabhängig davon, ob die Maßnahme nötig war oder nicht. Die Art und Weise, die Trennung öffentlich zu machen war der eine Schritt zu weit, behaupte ich. Zu weit, um nach außen eine gütliche Trennung zu simulieren.
Logische Folge: Mutzel war beleidigt und akzeptierte die ihm vorgeworfenen Dinge nicht. Und er machte alles richtig, um sich nichts weiter vorwerfen zu lassen. Mutzel äußerte sich nicht öffentlich und machte trotz der öffentlichen Kritik professionell seinen Job weiter. An den Verpflichtungen von Torhüter Matheo Raab sowie der Feldspieler Laszlo Benes, Ransford-Yeboah Königsdörffer und Filip Bilbija war er maßgeblich beteiligt. Allerdings durfte er weiterhin weder zum Team noch mit ins Österreich-Trainingslager reisen. Und jetzt, wo die Kaderplanung weitgehend abgeschlossen ist und der HSV vor seinem ersten Saisonspiel bei Eintracht Braunschweig steht, war für Boldt offenbar der Zeitpunkt reif für die Trennung. Als Mutzels Nachfolger ist wie schon zuvor der bisherige HSV-Chefscout Claus Costa im Gespräch. Ihn hatte Boldt 2019 bei seinem Wechsel von Bayer Leverkusen in die Hansestadt mitgebracht. Und nachdem der Aufsichtsrat, der sich in Teilen sehr kritisch gegenüber der Boldt-Maßnahme zeigte, klar gemacht hatte, dass es für einen neuen Sportdirektor keine zusätzlichen Mittel geben würde, war die interne Lösung eh unausweichlich.
Wer ist Costa? Der 38-Jährige hat früher selbst erfolgreich Fußball gespielt. Er gehörte 2009 Fortuna Düsseldorfs legendärer Aufstiegsmannschaft an, die die Rückkehr aus der 3. Liga in den Profibereich schaffte. Bei Fortuna habe er seine „mit Abstand schönste Zeit“ gehabt, sagte Costa mal im Interview. „Wir waren sportlich erfolgreich, hatten eine tolle Truppe, zudem habe ich in Düsseldorf meine Frau kennengelernt.“ Und nach Stationen beim VfL Osnabrück und Viktoria Köln, wo er kurzzeitig auch als Coach tätig war, übernahm er in Leverkusen einen Minijob im Scouting-Bereich. „Ich habe schnell gemerkt, wie sehr mich dieses Thema reizt“, berichtete Costa, der bei Bayer 04 schnell weiter aufstieg. Als Koordinator wurde er zum Bindeglied zwischen Abteilung, Chefscout und Sportdirektor. Letzterer Job winkt ihm nun beim HSV.
Ich weiß, dass an dieser Stelle alle eine klare Haltung meinerseits fordern. Und die würde ich auch gern abgeben. Allerdings bewegen sich die Schilderungen der Abläufe so weit auseinander, dass ich genau weil alle anderen, die nicht unmittelbar beteiligt waren, unseriös würde, wenn ich hier urteilen würde. Nur so viel: Sollte sich Mutzel im Laufe der Saison tatsächlich vom Trainer und dessen Fußball abgewendet haben, ist die Trennung ein logischer Schritt. Ebenfalls, diesen Schritt vor Saisonbeginn durchzuziehen wäre richtig. Inhaltlich habe auch ich ebenso direkt sowie über Dritte gehört, dass sowohl im Aufsichtsrat als auch im direkten Mannschaftsumfeld Zweifel am Walter/Boldt-Weg geäußert worden waren.
Aber: Mutzel leugnet das weiterhin vehement. Und dass Mutzel trotz allem so professionell weitergearbeitet hat, spricht für ihn. Denn so normal das für viele hier sein mag – im Fußballbusiness gibt es sowas eher selten. Die meisten hätten ihren Vertrag so lange ausgesessen, bis sie ausgezahlt worden wären. Zumal die Lage relativ eindeutig und ein positiver Ausgang für Mutzel erkennbar unrealistisch war. Spätestens nach Boldts öffentlicher Kritik, die den HSV teuer zu stehen kommen wird.
Ironischerweise könnte das alles von dem Geld bezahlt werden, das der HSV für Mutzels vielleicht besten Transfer erhalten wird, sollte Onana tatsächlich von Lille wechseln. Zuletzt war in französischen Medien eine Ablösesumme von 40 Millionen Euro als Forderung des OSC Lille genannt worden. Heute tauchte sogar die Summe von 50 Millionen Euro auf. Zur Erinnerung: Der HSV kassiert von jedem Euro oberhalb der einstigen Ablösesumme von 7 Millionen Euro 20 Prozent.

Personell bewegt sich der HSV ohne weitere Probleme auf das Spiel am Sonntag bei Eintracht Braunschweig zu. Und auch wir können aufatmen, da sich unser Neuzugang Louis heute wieder gesund zurückgemeldet hat. Er wird morgen also wie geplant zusammen mit mir seine Premiere feiern. Zuerst beim Training um 10.30 Uhr, danach um 14.30 Uhr bei der Pressekonferenz mit Trainer Tim Walter, die endlich wieder als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden kann. Am Abend wird Louis dann hier an dieser Stelle seine Premiere feiern. Womit? Lasst Euch überraschen!! Hauptsache für mich ist, dass wir uns morgen endlich wieder auf den Fußball konzentrieren könne - und werden!
In diesem Sinne, bis morgen! Habt einen schönen Abend und vor allem: Bleibt gesund!
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