Mutzel: „Wir sind wirtschaftlich ein normaler Zweitligist“
„Der Abstand zu etablierten Zweitliga-Teams ist längst nicht mehr gegeben. Das mag für viele überraschend und wenig glaubhaft klingen, es ist aber die Wahrheit.“ Das sagt…

„Der Abstand zu etablierten Zweitliga-Teams ist längst nicht mehr gegeben. Das mag für viele überraschend und wenig glaubhaft klingen, es ist aber die Wahrheit.“ Das sagt Sportchef Michael Mutzel. Heute in einem Interview mit dem „Kicker“. Und er betont: „Wir sind wirtschaftlich ein normaler Zweitligist, emotional und in der öffentlichen Wahrnehmung sind wir es nicht.“ Mutzel nennt den dritten Tabellenplatz derzeit sogar „durchaus beachtlich“, was vielen hier sicher ganz übel aufstoßen wird. Mich aber verwundert es nicht. Es ist nun mal die Wahrheit. Eine traurige – aber eben wahr. Und bis hierhin hatte mich der Sportdirektor auch noch.
Denn der HSV liegt nach 18 Saisonspielen hinter dem Stadtrivalen FC St. Pauli (36 Punkte) und dem SV Darmstadt 98 (35) mit 30 Zählern auf Platz drei vor den punktgleichen Teams Schalke 04, 1. FC Nürnberg und 1. FC Heidenheim (je 30). Mutzel sieht den HSV auch daher nicht mal mehr in der Favoritenrolle – und auch hier würde ich in Teilen noch mitgehen. Dann aber kommt der teil, den man so nicht unkommentiert stehen lassen kann. Mutzel sagt in dem Interview: „Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Ich finde es fast unfair, dass wir immer noch in diese Rolle gedrängt werden. Denn wir sind dies auch in finanzieller Hinsicht nicht mehr. Aber die Außendarstellung ist bei der Vergangenheit und Größe des Clubs nicht steuerbar.“
Mutzel mach Öffentlichkeit für falsche Wahrnehmung verantwortlich
Und das halte ich für nicht ganz korrekt. Mutzel selbst würde ich bei der ganzen Entwicklung dieses HSV noch die vergleichsweise geringste Schuld zuschreiben. Aber ansonsten hat sich dieser HSV seinen Ruf durch fortlaufend hochtrabende Aussagen sehr wohl selbst erarbeitet. Die wenigen, die noch immer einen „großen HSV“ wähnen, wurden mit Aussagen der Vorstände und Sportchefs der letzten Jahre zu den Saisonstarts stets in ihrer Haltung bestärkt. Und im Laufe der jeweiligen Saisons wurden sie stets bitter enttäuscht. Fehlentscheidungen und -investitionen in Serie über mehr als ein Jahrzehnt haben den HSV dahin gebracht, wo er wirtschaftlich und sportlich heute steht. Nichts anderes.
Logischerweise sind hierzu auch die letzten drei Jahre zu nennen. Zwei davon mit Mutzel als Sportchef bzw. später als Sportdirektor. Insgesamt aber drei Jahre, in denen der HSV jedes Mal den Wiederaufstieg als fast schon logisches Ziel selbst ausgab – ohne dazu von irgendwem gezwungen zu werden. Im Gegenteil: Zuletzt wurde mir immer wieder widersprochen, wenn ich behauptet habe, dass das HSV-Umfeld eine klare Einordnung des HSV brauche. „Alles andere als einen Aufstieg kannst Du in Hamburg nicht verkaufen“ hieß es immer wieder von oberster Stelle. Allein schon aus Marketingsicht müsse der HSV immer die höchsten Ansprüche stellen, um interessant zu bleiben – hat mir nicht nur ein Vorstandsboss mal so versucht zu erklären.
Wie falsch das war und wo das hingeführt hat - das gibt Mutzel jetzt selbst in diesem Interview zu. Mutzel nannte als Gründe für die bescheidenere Rolle des HSV neben den coronabedingt geringeren Einnahmen die Reduzierung der Kaderkosten in der Saison 2019/20 um 30 Prozent. Stattdessen hat der Verein auf eine Verjüngung und Entwicklung des Aufgebots gesetzt. Alles nicht neu. Weshalb man es vor dieser Saison allerdings wieder verpasste, den Fans reinen Wein einzuschenken – es erschließt sich mir nicht. Denn nur so hat man - auch hier im Blog - bei vielen den Irrdanken leben lassen, dass dieser HSV eine große Nummer ist. Dabei tut sich der HSV selbst einen Gefallen, wenn er seine eigene Rolle annimmt und endlich zusieht, diese zu verbessern.
Jetzt kann der HSV einen echten Neuanfang machen
Dabei hilft es, wenn man kleine Erfolge auch als solche wahrnimmt. Innen wie außen. Oder anders formuliert: Wie soll man eine Entwicklung erkennen, wenn der nach außen vorgegebene Status Quo schon deutlich höher angesetzt wurde, als er wirklich war/ist? Richtig: Das geht schlichtweg nicht.
Es gehe jetzt darum, die Realität zu akzeptieren, meinte Mutzel zurecht und stufte den HSV gleich mal ein: „Und das bedeutet, dass uns zum Beispiel die Mittelklasse der Bundesliga wirtschaftlich inzwischen enteilt ist. Augsburg, Mainz, vor allem aber auch Clubs wie Freiburg sind mittlerweile auf einem anderen Level. Wenn Spieler auf den Markt kommen, für die sich diese Clubs interessieren und wir in einen Wettbewerb treten wollen, dann haben wir rein wirtschaftlich keine Chance mehr.“
Und wieder: Bis hierhin alles erfrischend ehrlich und korrekt. Aber dann packte Mutzel auch hier eigenes Verschulden mal mit in den Pott: „Das haben wir jetzt auch beim Bemühen um eine Verlängerung mit Faride Alidou gemerkt. Vor drei Jahren war unsere Ausgangslage da noch eine andere.“ Hintergrund: Der Flügelstürmer wird den HSV spätestens im Sommer verlassen. Mit Eintracht Frankfurt ist sich der Youngster, der im Sommer beim HSV noch vergeblich um eine Vertragsverlängerung gebeten hatte, einig sein. Jetzt sagt Mutzel, dass man den Vertrag verlängern wollte. „Allerdings haben wir schnell gemerkt, dass Zahlen im Raum stehen, bei denen wir nicht mehr mitgehen konnten und wollten.“ Allein das „Warum“ wird hierbei einfach mal weggelassen. Denn im Sommer hatte man alle Trümpfe in der Hand, den Vertrag für vergleichsweise „kleines Geld“ (aktuell verdient Alidou 7000 Euro/Monat) zu verlängern. Aber nach interner Absprache lehnte der HSV ab.
Auch hier muss ich erwähnen, dass es Mutzel war, der in den letzten Jahren immer wieder den Namen Alidou bei den HSV-Trainern ins Gespräch brachte. Allerdings immer wieder erfolglos. Diesmal hätte man daher zwingend den Vertrag (man hätte sich mindestens die Option schriftlich sichern müssen!) verlängern müssen, bevor man Alidou ins Schaufenster stellt. So, wie man es jetzt bei den Youngstern Peschke (brach das Training heute mit Leistenproblemen ab), Krahn und Andresen richtig gemacht hat, die gerade mit im Trainingslager sind und in der Rückrunde sicher ihre Einsatzminuten bekommen. Hoffe ich zumindest.

v.l. Moritz Heyer, Jonas David Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Sportdirektor Michael Mutzel Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Trainer Tim Walter Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Jonas David Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
v.l. Trainer Tim Walter, Ludovit Reis Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Jonas Boldt (Vorstand Sport, HSV) Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Fans HSV Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
v.l. Jonas David, Bent Andresen, Miro Muheim Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
Stephan Ambrosius Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022 
v.l. Elijah Krahn, David Kinsombi Sotogrande, 03.01.2022, Fussball, Hamburger SV, Trainingslager in Sotogrande / Spanien 2022
Mein Fazit: Mutzel hat endlich den Mut, das zu sagen, was eigentlich alle schon wissen. Und ich glaube, dass das helfen wird, den HSV weiter zu entwickeln. Das ist gut. Und wenn es Mutzel darum geht, ehrlich zu sein, dann gehört es zwingend dazu, sich an erforderlicher Stelle selbst mit in die lange Fehlerkette einzureihen. Dann würde es sogar noch glaubwürdiger. Auch hier scheint aller Anfang schwer zu sein. Wichtig ist für mich in diesem Fall aber vor allem, dass man ihn endlich macht…
Apropos: Begonnen hat heute auch das Trainingslager so richtig. Ohne Bakery Jatta, der mit bestätigter Corona-Infektion in Hamburg in Quarantäne ist. Nach einem frühmorgendlichen Lauf standen im Training auf dem Platz vor allem spielerische Aspekte im Vordergrund. Josha Vagnoman und Maxi Rohr trainierten heute noch individuell, Sonny Kittel und Anssi Suhonen wurden geschont und Stephan Ambrosius machte erstmals Teile des Mannschaftstrainings mit, was mich für den Innenverteidiger nach mehr als sechs Monaten Zwangspause extrem freut! Der neue Vertrag für Daniel Heuer Fernandes ist dagegen ebenso wie eine Ablösesumme für Alidou noch nicht final ausgehandelt und dementsprechend auch noch nicht fix. In beiden Fällen wird aber sehr zeitnah mit einem Ergebnis gerechnet.
Das nur als Update für und von heute. Bis morgen!
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