Mit Anlaufschwierigkeiten: Der neue Weg des HSV beginnt
Zur jüngsten Kritik von Investor Klaus-Michael Kühne an der Transferpolitik des Fußball-Zweitligisten Hamburger SV mochte sich Tim Walter nicht äußern. „Ich habe das nicht…

Zur jüngsten Kritik von Investor Klaus-Michael Kühne an der Transferpolitik des Fußball-Zweitligisten Hamburger SV mochte sich Tim Walter nicht äußern. „Ich habe das nicht gelesen, weil ich mich auf meine Mannschaft konzentriere“, wich der 45-Jährige heute wenig glaubwürdig ab und verwies stattdessen auf Sportdirektor Michael Mutzel. „Es ist schon alles dazu gesagt.“ Letzteres stimmt natürlich. Und Mutzel hatte auf die Ausführungen von Kühne (84), dass beim HSV „herumgewurstelt“ werde, gelassen reagiert: „Ich bin sehr zufrieden mit unseren Transfers»“, sagte er. Was soll er auch sagen? Etwa: „Es lief nicht optimal, aber wir hoffen darauf, dass uns die Jungs trotzdem positiv überraschen“?
Nein. Die Kritik von Kühne stammt aus der Sicht eines Fans, der sich mehr erhofft hatte. Kühne hatte nie das, was jetzt immer wieder propagiert wird: Geduld. Im Gegenteil: Klaus Michael Kühne wollte immer alle sofort. Und er tat einiges dafür, zahlte dem HSV viele, viele Millionen Euro, auf deren Rückzahlung er sogar in großen Teilen verzichtete bzw. sich dafür Anteile erwarb. Dementsprechend gelassen wertete man diese Aussagen auch auf HSV-Seiten. Kühne dürfe seine Meinung sagen, sagte Mutzel. Doch: „Uns hilft so eine Meinung von außen nicht weiter. Wir wissen intern, wie die Möglichkeiten sind und was wir machen konnten. Wir haben eine total spannende, junge, entwicklungsfähige und trotzdem auch schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt.“ Ja. So kann man es formulieren. Oder man sagt: Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten gearbeitet.
Egal wie, Walter ist in jedem Fall mit seinem Kader zufrieden. Sagt er. Auch von den jüngsten Neuzugängen Mario Vuskovic und Tommy Doyle ist er überzeugt, und mahnt zugleich völlig zurecht zu Geduld. „Ich glaube, dass der wichtigste Prozess das Kennenlernen ist“, sagte er. Er nannte als Punkte unter anderen das Adaptieren der Abläufe und der Prinzipien und das Wissen darum, was der Mitspieler macht. „Das dauert noch“, so Walter über seine beiden neuen Talente.
„Das ist nicht so, dass sie hierher kommen und gleich dementsprechend loslegen.“ Die beiden 19-Jährigen, die heute erstmals beide auf dem Trainingsplatz standen, seien „voller Eifer und entwicklungsfähig, haben viel Potenzial“. Wann sie eine Option sind, könne er nicht sagen. Der Trainer ließ offen, ob einer von beiden schon am Sonnabend gegen den SV Sandhausen (20.30 Uhr, Volksparkstadion) in den Kader rutschen kann. Walter warb noch einmal für die neue Richtung beim HSV, mit jungen Leuten den Weg zum Erfolg zu suchen, und hofft auf Geduld.
„Natürlich haben wir trotzdem den Ehrgeiz, jedes Spiel zu gewinnen“, betonte er, während Mutzel den neuen Weg nicht als „neu“ durchgehen lassen will. Der Sportdirektor sagt heute, dass man diesen Weg schon lange gehen würde und in diesem Sommer nur „einige Korrekturen“ vornehmen musste. Warum der HSV sich so schwer tut, einzugestehen, dass man aktuell einen neuen Weg konsequent gehen muss, erschließt sich mir nicht. Die Befürchtung, dafür Kritik zu kassieren, dass man sich selbst Fehler eingesteht scheint einfach größer zu sein als die Hoffnung und der Glaube daran, die Anhänger auf einem neuen Weg mitnehmen zu können. Leider.
Immer, wenn ich frage, warum das so ist, kommt der Satz: „Im Fußball wird nur in Ergebnissen gemessen“. Und das mag grundsätzlich stimmen, wenn wir über gesunde Vereine sprechen, die Möglichkeiten haben, wie sie der HSV in den letzten Jahren hatte. Aber der heutige HSV hat diesen Weg längst verlassen. Und er muss sich endlich neu positionieren. Leider macht man das aber immer nur in Teilen. Man weicht stattdessen immer wieder aus, wenn es darum geht, nicht mehr so große Ansprüche haben zu können wie die letzten Jahre. Zudem schiebt man die Zielvorgabe Aufstieg der Öffentlichkeit zu, anstatt zu seinen internen Aussagen zu stehen. Warum das so ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich wie oben beschrieben! Wahrscheinlich ist es die Befürchtung, dass man ihnen als Entscheider der letzten Jahre diese Rückwärtsentwicklung anlastet, anstatt mit ihnen diesen neuen Weg gehen zu wollen.
Eitelkeit also. Mal wieder. Falsche obendrein. Anstatt hier endlich die Backen zusammenzukneifen und die eigenen Anhänger mit reinem Wein mit auf die lange Reise zu nehmen, tut man weiter so, als hätte man auch anders gekonnt. Dabei hat der HSV eben doch genau in der Größenordnung eingekauft, in der er sich bewegen kann, wie Mutzel heute im Abendblatt-Interview sogar sehr deutlich zugab, als er sagte, man habe ausgegeben, was man ausgeben konnte. Apropos Interview: Das war genau dieses „nichts Halbes und nichts Ganzes“, was ich meine, denn obgleich auch Mutzel den neuen Weg als neu leugnet, sagte er sehr wohl viele gute Dinge, die genau in diese Richtung gehen. Zum Beispiel diesen Satz: „Ich hoffe, dass wir es schaffen, mit einer jungen Mannschaft geilen Fußball zu spielen, damit dieser Weg auch akzeptiert wird.“
Aber: Das schafft ihr nur, liebe HSV-Verantwortliche, wenn Ihr diesen Weg beim Namen nennt und konsequent geht. Traut Euch! Ist viel leichter, als ihr glaubt…
Am Samstag soll dieser Weg gegen den SV Sandhausen beginnen bzw. weitergehen. Gegen einen Gegner, an den der HSV in jüngster Zeit keine besonders guten Erinnerungen hat. Seit vier Partien wartet man auf einen Sieg. „Der Gegner wird mit vielen langen Bällen operieren. Er versucht, uns teilweise zu pressen und will Nadelstiche setzen“, sagte Walter , der am Sonnabend leider auf den angeschlagenen Anssi Suhonen (Muskelverhärtung) verzichten muss, voraus.
Wichtiger als das aber wird sein, wie der HSV darauf reagiert und ob er wieder Offensiv-Harakiri spielt oder wie zuletzt zweite Halbzeit gegen Darmstadt und größtenteils in Heidenheim kontrollierte Offensive walten lässt. Trainer Walter weiß, dass hier noch Nachjustierungen vorgenommen werden müssen. Er ist sowieso einer der wenigen aktuell, der nach guten wie nach schwachen Spielen eigentlich immer klare Kante geht. Wohltuend ehrlich, wie ich finde. Und so einfach, oder…?
In diesem Sinne, bis morgen. Dann wie immer mit dem frühen Nachrichten-Block im MorningCall. Am Abend wird es dann den Blog geben, der Euch vor dem Spiel am Sonnabend noch mal die wichtigsten Fakten zusammenträgt.
Bis dahin!
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