Analyse

Merlin Polzin und der HSV: Zwischen Fehlern, Fortschritt und einer echten Chance auf Wachstum

Natürlich, und das muss man gar nicht schönreden: Merlin Polzin ist noch kein erfahrener Trainer. Punkt. Aber genau darin liegt ja auch die spannende Geschichte, die sich…

Merlin Polzin und der HSV: Zwischen Fehlern, Fortschritt und einer echten Chance auf Wachstum

Ich werde gar nicht erst anfangen, hier etwas schönzureden: Natürlich ist Merlin Polzin noch kein erfahrener Trainer. Punkt. Aber genau darin liegt ja auch die spannende Geschichte, die sich gerade beim HSV entwickelt. Denn trotz dieser fehlenden Erfahrung hat er in bemerkenswert kurzer Zeit genau das geschafft, was man von ihm verlangt hat – zweimal hintereinander. Im ersten Schritt führte er den HSV zurück in die Bundesliga. Kein Selbstläufer, wie wir alle wissen. Im zweiten Schritt hielt er die Klasse. Und das nicht irgendwie auf den letzten Drücker mit komplettem Chaos, sondern über weite Strecken der Saison hinweg mit einer Mannschaft, die sich erst finden musste. Das sind zwei Maximalziele – und beide hat er erreicht. Punkt.

Dass auf dem Weg dahin Fehler passiert sind, steht außer Frage! Aber mal ehrlich: Wann passieren die nicht? Und vor allem: Passieren sie nur bei jungen Trainern? Fragt doch mal in Heidenheim nach. Fragt in Wolfsburg. Fragt beim FC St. Pauli. Oder bei nahezu jedem anderen Bundesligisten. Überall gibt es Diskussionen über Aufstellungen, über Wechsel, über einzelne Spieler. Überall gibt es diese Momente, in denen 90 Prozent der Fans im Stadion die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Und genau da sind wir beim nächsten Punkt: Jeder Verein hat „seine“ Spieler, bei denen die Emotionen hochkochen. Beim HSV sind es dann vielleicht ein Mikelbrencis oder ein Bakery Jatta, über die man sich regelmäßig echauffiert. Aber diese Spieler stehen nicht zufällig auf dem Platz. Sie haben eine Funktion. Dass diese Funktion für uns von außen nicht immer sofort erkennbar ist, heißt nicht automatisch, dass die Entscheidung falsch ist. Im Gegenteil: Fußball ist ein Ergebnissport. Und das Ergebnis gibt Merlin Polzin und seinem Trainerteam recht. Zum zweiten Mal. Das muss auch ich einsehen.

Polzin und sein Team haben zweimal in Folge das Maximalziel erreicht

Was man diesem Trainerteam ganz klar zugutehalten muss: Sie entwickeln Spieler. Und sie entwickeln eine Mannschaft. Ein Torunarigha ist dafür ein perfektes Beispiel. Schlimme Vorbereitung, extrem schwieriger Saisonstart – und trotzdem hat man an ihm festgehalten. Weiter gearbeitet, weiter aufgebaut. Und am Ende? Hat sich genau das ausgezahlt. Gleiches gilt für Geschichten wie die von Albert Grönbaek, der nach langer Verletzung vom Trainerteam immer wieder aufgebaut wurde – und dann ausgerechnet im entscheidenden Spiel in Frankfurt liefert. Das ist kein Zufall. Das ist Arbeit.

Und man darf auch eines nicht vergessen: Die Ausgangslage beim HSV war alles andere als ideal. Eine holprige Vorbereitung, ein Kader, der sich Stück für Stück erst spät zusammengefunden hat. Spieler wie Vuskovic, Lokonga oder Vieira – allesamt Unterschiedsspieler – kamen spät oder sehr spät dazu. Einzig Remberg, der konstant stark performt hat, war schon früh da. Diese Achse hat sich aber nicht in der Vorbereitung gefunden, sondern erst im laufenden Betrieb. Und trotzdem stand der HSV zwei Spieltage vor Schluss über dem Strich. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Ja, auch mich hat es geärgert, dass sich der HSV mit den letzten entscheidenden Punkten so viel Zeit gelassen hat. Aber so eine Formdelle hat ein Aufsteiger mal, zumal mit derart vielen Ausfällen. Und wenn man ehrlich auf die gesamte Saison schaut, bleibt festzuhalten: Die Leistung war gut. Wer als Aufsteiger die Klasse hält, hat sein Ziel erreicht. Und dem kann man im Ergebnis erst einmal wenig vorwerfen.

Auch Polzin muss sich - wie in den letzten Monaten auch - weiterentwickeln

Heißt das, jetzt ist alles perfekt? Natürlich nicht. Der nächste Schritt muss kommen. Das ist sicher. Aber dieser Schritt bedeutet längst nicht, dass der HSV plötzlich die Liga dominiert und jeden Gegner spielerisch an die Wand drückt. Der nächste Schritt muss den aktuellen Gegebenheiten angepasst sein und ist viel grundlegender: Dr bedeutet, Stabilität beizubehalten. Das Gute sichern, die Schwankungen reduzieren, die Fehler minimieren. Oder anders formuliert: Entwicklung.

Niemand wird erfolgreich, weil er fehlerfrei arbeitet. Erfolgreich wird, wer am Ende mehr richtige als falsche Entscheidungen trifft.

Und genau hier lohnt sich ein Blick zurück: Seit gut 20 Jahren spricht man in Hamburg immer wieder von Langfristigkeit. Immer wieder wird gefordert, endlich einmal eine kontinuierliche Entwicklung zuzulassen, nicht bei der ersten Delle alles wieder über den Haufen zu werfen. Und genau diese Chance liegt jetzt auf dem Tisch. Dieses Trainerteam und diese Mannschaft haben in den vergangenen beiden Jahren nachhaltig gezeigt, dass sie gemeinsam wachsen können. Dass sie sich entwickeln. Dass sie Ziele erreichen.

Warum man in dieser Situation ernsthaft beginnt, einen Merlin Polzin infrage zu stellen, erschließt sich mir überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wer jetzt wieder anfängt, an dieser Stelle zu rütteln, stellt sich gegen genau die Kontinuität, die in Hamburg und auch hier im Blog seit Ewigkeiten einfordert. Das sind am Ende keine Mahner mehr, das sind Verhinderer von Entwicklung. Und all denen sei gesagt: Erfolg bedeutet nicht, fehlerfrei zu arbeiten – sondern am Ende mehr richtige als falsche Entscheidungen zu treffen. Und das machen Polzin, Fave und Co. definitiv!

Das Problem ist, dass alle Kontinuität fordern - sie aber gar nicht zulassen

Und trotzdem – oder gerade deshalb – sehe ich beim HSV aktuell etwas, das lange gefehlt hat: die Chance auf gemeinsames Wachstum. Ein Trainerteam, das noch nicht fertig ist, das Fehler macht, aber daraus lernt. Eine Mannschaft, die sich entwickelt. Ein Verein, der die Möglichkeit hat, diesen Weg mitzugehen, statt ihn ständig zu unterbrechen. Das ist vielleicht nicht der schnellste Weg zum Erfolg. Aber es ist der gesündeste. Und wenn der HSV es schafft, genau diese Geschichte weiterzuschreiben, dann kann aus diesem „noch nicht fertigen“ Trainerteam und diesem Verein etwas entstehen, das mehr ist als nur der nächste Klassenerhalt.

Dann entsteht etwas, das trägt. Aber das bedarf Geduld, das braucht Zeit. Unser großes Ziel hieß Aufstieg – Haken dran. Dann hieß es Klassenerhalt – auch hier gehört ein Haken dran. Jetzt folgt als Ziel die Weiterentwicklung zum stabilen, etablierten Erstligisten.  Und das ist erst einmal ein Weg, der gegangen werden muss. Es ist ein Weg, der Geduld braucht. Bei der ersten Delle sofort den Trainerkopf zu fordern, kann diese Entwicklung abrupt stoppen – weil jeder neue Trainer zwangsläufig erst einmal sein eigenes Wirken in den Vordergrund stellt. Und genau das war beim HSV in den vergangenen Jahren viel zu oft nicht der richtige Weg.

Eines muss deshalb allen klar sein, die jetzt nach einem neuen Trainer rufen: Ein Trainerwechsel bedeutet immer auch einen neuen Weg. Und dieser neue Weg führt nicht selten dazu, dass die bisherige Entwicklung in eine andere Richtung gelenkt wird – und wieder Zeit braucht. Jeder neue Trainer kann kurzfristig für einen Motivationsschub sorgen, ist aber fast immer auch ein Schritt zurück in der eigenen Entwicklung. Denn jeder Trainer bringt seine eigene Idee, seinen eigenen Spielstil und seine eigene Art mit, Dinge durchzusetzen. Genau das hat beim HSV über Jahre hinweg dazu geführt, dass hier nie wirklich etwas Konstantes entstehen konnte.

Der HSV ist längst kein etablierter Erstligist - aber auf einem guten Weg dahin

Umso unverständlicher ist es für mich, dass nach den vergangenen 18 Monaten, in denen dieses Trainerteam seine Entwicklung und seine Qualität bewiesen hat, tatsächlich Stimmen laut werden, die eine Ablösung fordern. Für mich ist genau das sogar ein Kernproblem des HSV, das man von außen leider immer noch beobachten kann: Es gibt immer noch zu viele, die glauben, der HSV sei automatisch ein etablierter Erstligist. Dabei ist er gerade erst wieder auf dem Weg dahin – und das auf einem sehr guten. 

Auch ich werde die Weiterentwicklung einfordern, Verbesserungen in nahezu allen Bereichen und Positionen sind vonnöten. Aber das hat der HSV nicht exklusiv, das ist bei jedem Fußballklub der Eigenanspruch, behaupte ich. Aber ich sage auch, dass ich dieses Vertrauen in das Trainerteam habe. Ich sehe es als große Chance und vor allem als die allen Umständen entsprechend passendste Lösung für diesen Moment, wenn alle Seiten realistisch bleiben, jetzt nicht aktionistisch sofort der eh noch bis 2027 laufende Vertrag verlängert wird, sondern gemeinsam aktiv und konsequenter als in der Kaderplanung der Vorsaison jetzt schon die neuen Ziele angegangen werden.

Nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten nah am HSV mit gefühlten 100 Trainern habe ich zusammen mit sehr vielen von Euch nahezu jede Facette dieses Vereins erlebt. Vom international hoch geschätzten Trainer über den toptalentierten Konzepttrainer bis hin zur internen Lösung mit einem Rookie! All die richtigen Entscheidungen, all die falschen, die immer wieder aufkommende Euphorie und die darauf folgenden harten Rückschläge. Aber genau daraus speist sich meine Überzeugung heute: Der HSV ist auf einem guten Weg. Nicht perfekt, längst nicht fertig – aber rein sportlich so stabil und klar ausgerichtet wie lange nicht.

Scholle

P.S.: Ich habe einen sehr emotionalen Leserbrief erhalten, auf den ich gern antworten würde. Leider fehlt mir von den Absendern aus Bielefeld die Adresse, um es per Brief zu senden. Vielleicht mögen sich die beiden Verfasser des Briefes ja aber melden und mir mitteilen, wie ich Ihnen antworten kann. In diesem Fall bitte gern eine kurze Nachricht unter: [email protected]

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