Spielbericht

Mentalitäts-Sieg im Volkspark: HSV beißt sich gegen Union zu drei Big Points

Der HSV kontrollierte lange das Spiel, ließ sich vom rustikalen Stil der Gäste aber immer wieder in intensive Duelle ziehen. Als dann auch noch ein umstrittener Elfmeter zur…

Mentalitäts-Sieg im Volkspark: HSV beißt sich gegen Union zu drei Big Points

Der HSV kontrollierte lange das Spiel, ließ sich vom rustikalen Stil der Gäste aber immer wieder in intensive Duelle ziehen. Als dann auch noch ein umstrittener Elfmeter zur Berliner Führung führte, drohte die Partie in genau die Richtung zu kippen, vor der viele Fans Respekt hatten. Doch diese Mannschaft wirkt inzwischen stabiler - Rückschläge bringen sie nicht mehr aus dem Konzept.

Die Antwort kam schnell und entschlossen. Ein sauber vorgetragener Angriff, ein eiskalter Abschluss, und plötzlich war das Stadion wieder da. Kurz vor der Pause drehte der HSV die Partie sogar komplett, in einer dieser wilden Fußballminuten, in denen Glück, Mentalität und Effizienz zusammenkommen müssen.

Nicolas Capaldo brachte es später treffend auf den Punkt: Man habe gewusst, dass Union über lange Bälle, Wucht und Physis kommen würde. „Wir mussten etwas leiden“, sagte er – aber genau das habe diese Mannschaft inzwischen gelernt. Entscheidend sei der Heimsieg gewesen, nicht sein eigenes erstes Tor. Besonders freute ihn, dass Königsdörffer sich mit seinen Treffern belohnte: Im Team habe nie jemand an ihm gezweifelt.

Und genau dieser Königsdörffer wurde zum Gesicht dieses Nachmittags. Nach Wochen mit Kritik meldete er sich endgültig zurück - mit einem Doppelpack, Emotionen pur und der Vorentscheidung zum 3:1. Robert Glatzel, der nach Verletzungspause wieder in der Startelf stand, beschrieb das Spiel fast liebevoll als „Championship-Fußball“ - viel Kampf, viele langen Bälle, wenig Schönheit. Doch der HSV habe den Matchplan überragend umgesetzt und sich in jeden Zweikampf geworfen. Für ihn war klar: Königsdörffer war der Matchwinner - und es sei typisch für Stürmer, dass nach dem ersten Tor plötzlich alles leichter falle.

Nach der Pause wurde es kurz brenzlig. Union traf die Latte, der Druck nahm zu, doch der HSV hielt stand. Nicolai Remberg sprach später von genau dem Momentum, das man braucht, um solche Spiele zu ziehen: erst die letzte Rettung in der Defensive, dann direkt das eigene Tor im Gegenzug. Am Ende habe jeder gekämpft, jeder sich reingeworfen, besonders nach dem späten Anschlusstreffer. Solche Partien müsse man einfach gewinnen.

Auch Luka Vuskovic hob die Mentalität hervor: viele gewonnene Duelle, viele zweite Bälle, kein Nachlassen nach dem Rückstand. Und Daniel Heuer Fernandes ergänzte, dass es für die Mannschaft spreche, wie sie die schwierige Phase angenommen habe - mutig geblieben sei und weiter Fußball gespielt habe, obwohl der Gegner extrem intensiv auftrat.

Trainer Merlin Polzin sah es ähnlich. Union habe große Herausforderungen gestellt, doch nach dem Gegentor habe man gesehen, wofür diese Mannschaft steht. Der Ausgleich sei hervorragend herausgespielt gewesen, danach habe man das Spiel mit Mut und Qualität gedreht – auch wenn es hinten raus noch unnötig spannend wurde. Wichtig sei am Ende der nächste Heimsieg gewesen – und das passend zum besonderen Jubiläumsspiel.

Selbst Unions Trainer Steffen Baumgart erkannte offen an, dass seine Mannschaft durch eigene Fehler dem HSV in die Karten gespielt habe und man am Ende verdient verloren habe.

Unterm Strich bleibt ein Spiel, das man nicht in Highlight-Videos feiern wird – das aber enormen Wert besitzt. Der HSV hat gezeigt, dass er auch die dreckigen Partien kann. Dass er kämpfen kann. Dass er Ruhe bewahrt, wenn es unbequem wird. Und genau solche Siege bauen Tabellenpolster, Selbstvertrauen und Stabilität auf.

Fazit: Es ging nicht um schönen Fußball - es ging um erfolgreichen Fußball. Und diesen Job hat der HSV ordentlich erledigt. Mit sieben Punkten aus drei Spielen und einer immer reiferen Spielanlage gehen die Rothosen nun in das wichtige Auswärtsspiel in Mainz - mit einer hervorragenden Ausgangssituation und wachsendem Selbstbewusstsein.


DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: Hatte einen kapitalen Bock im Spiel, der in 99 von 100 Fällen zum Gegentor führt. Heute nicht. Zum Glück. Ansonsten war er wie zuletzt auch immer Herr der Dinge. Note: 3

Bakery Jatta (bis 74.): Hätte gleich zu Beginn das 1:0 machen müssen, zögerte aber mal wieder zu lang. Er ist der Spieler, den man bringt, wenn man tendenziell nach hinten absichern muss. Nach vorn ist das normalerweise zu wenig – aber heute versuchte er viel. Manchmal etwas zu viel von dem, was ihn nicht auszeichnet. Note: 3

Giorgi Gocholeishvili (ab 75.): Seine Intensität ist beeindruckend, heute wirkte es auch nicht übertrieben, sondern wichtig in einem eh sehr körperlichen Spiel. Auch wenn es nicht für eine Note reicht, das war sehr ordentlich.

Nicolas Capaldo (bis 86.): Seine Aggressivität, sei Wille, seine Bereitschaft – alles grundsätzlich Note 1. Aber: er ist einfach zu oft zu wild. Und das rächt sich manchmal, wie heute beim Elfer, den ich trotzdem höchst diskutabel finde. Aber: Sein Einsatz überragt – immer wieder. Ihn runterzunehmen war falsch und brachte Unruhe.  Note: 2,5

William Mikelbrencis (ab 87.): Kam rein, legte das 2:3 für Berlin auf, spielte einen Fehlpass, verdaddelte einen einfachen Ball – und dann war das Spiel zum Glück vorbei. Er wird sicher nicht zufrieden sein mit diesem Nachmittag…

Luka Vuskovic: Das schwächste Spiel von ihm für den HSV. Wenn das allerdings immer noch okay ist, zeigt es, was er für diesen HSV an Wert hat. Holte sich seine fünfte Gelbe Karte und fehlt in Mainz. Vielleicht nicht der schlechteste Zeitpunkt… Note: 3

Jordan Torunarigha: Mit Pech bekommt er den Kopf-Zusammenstoß in der 21. Minute als Elfer gegen sich ausgelegt. Ansonsten war das wieder stabil. In der Nachspielzeit rettet er zudem einmal stark. Note: 2,5

Miro Muheim: Verschleppte in den ersten Minuten das Tempo, wenn er am Ball war, kam dann offensiv besser ins Spiel – war aber defensiv heute die anfälligere Seite. Insgesamt okay.  Note: 3,5

Philip Otele (bis 71.): Unauffällig und leider noch nicht mutig genug im Eins gegen Eins. Aber er weiß, wie man sich Respekt in. Der Mannschaft verschafft und kam über den Kampf auch zu guten Szenen.  Note: 3,5

Jean-Luc Dompé (ab 72.): Wirkungslos, fast schon teilnahmslos. Ich an seiner Stelle hätte mich komplett zerrissen heute. Aber so ein Typ ist er nicht. Er mag das schöne offensive Spiel, wo er mit Geistesblitzen glänzen kann – aber arbeiten für das Team ist nicht drin. Ich weiß, dass das wenige hören wollen, aber für mich ist er ein Spieler, auf den ich nicht setzen würde, wenn er sich nicht endlich angewöhnt, auch mal für das Team nach hinten zu arbeiten. Eine Note erspare ich ihm.

Nicolai Remberg: Das war ein Spiel, wie er es mag. Mit vielen Zweikämpfen, einer insgesamt robusten Gangart. Und er ging als Gewinner vom Platz.  Note: 2,5

Ransford Königsdörffer (bis 86.): Er fühlte sich als zweite Spitze bzw. hinter Glatzel wohler als sonst, behaupte ich. So ist er zumindest aus der Verantwortung, anzulaufen wie ein Irrer UND der vorderste Mann für den Abschluss zu sein, raus. Nicht umsonst war er heute der torgefährlichste Spieler des HSV. Dass er zwei Treffer beisteuerte und zurecht– mich freut es riesig für ihn, weil er oft zu Unrecht an die Backen bekommen hat! Die Standing Ovations bei seiner Auswechslung werden ihm sehr, sehr guttun…!  Note: 1,5

Daniel Elfadli (ab 87.): Noch dabei.
Robert Glatzel (bis 71.): 
Endlich durfte er mal wieder ran. Und es war klar, dass sehr viel Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet sein würde. Und er brauchte eine ganze Weile, um sich zurechtzufinden. Aber dann behielt er die Übersicht und legte auf Königsdörffer auf, der von Glatzel nicht nur hier sehr profitiert. Insgesamt eine eher durchwachsene Partie, die viel an ihm vorbeilief. Note: 4

Yussuf Poulsen  (ab 72.): Schön, dass er wieder spielen kann. Auch wenn er diesmal nicht mehr viel bewirkte.

Fabio Vieira: Er sucht den Ballkontakt – und genau so muss es auch sein. Dass e5 selbst in einem derart körperlichen, wenig fußballerischen Spiel seine Aktionen hatte, spricht für ihn. Ich persönlich hoffe, dass er seine Aktionen jetzt auch noch besser abschließt in Form von Torvoralgen und/oder eigenen Treffern.  Note: 2,5


DIE STIMMEN ZUM SPIEL:

Nicolas Capaldo: Es fühlt sich immer gut an, sein erstes Tor für ein neues Team erzielt zu haben. Viel wichtiger ist aber, dass wir heute den Heimsieg eingefahren haben – ein toller Erfolg für die ganze Mannschaft. Wir wussten, dass wir auf eine sehr kämpferische Mannschaft treffen, die viel über lange Bälle spielt und über physisch starke Stürmer verfügt. Letztlich haben wir etwas leiden müssen, konnten das Spiel aber erfolgreich drehen. Jeder ist froh über die Tore von Ransi. Wir haben nie an ihm gezweifelt und wissen um seine Qualitäten. Umso schöner ist es, dass er das zeigen und sich jetzt mit Treffern belohnen konnte.

Robert Glatzel: Ich habe mich riesig darüber gefreut, wieder von Beginn an dabei sein zu dürfen. Die Verletzungspause war am Ende doch etwas länger. Es war ein super Tag mit dem Heimsieg. Ich wusste, was mich heute gegen Union Berlin erwartet – das war etwas Championship-Fußball (zweite englische Liga, Anm. d. Red.), der mich sehr an meine Zeit in England erinnert hat. Wir haben das Spiel und den Matchplan dazu als Team überragend umgesetzt, uns in jeden langen Ball reingehauen und mit allem verteidigt. Ransi hat sich toll entwickelt und war heute unser Matchwinner in einem Bundesliga-Spiel. Ich freue mich für ihn persönlich. Es waren sicherlich keine einfachen Wochen für ihn, und dann ist es irgendwie typisch Stürmer: Er hat letzte Woche bereits getroffen und auch heute der Mannschaft mit seinen Treffern geholfen.

Nicolai Remberg: Es ist ein wichtiger und auch verdienter Dreier, mit dem wir Union Berlin jetzt überholen konnten. Es war ein toller Fight beider Mannschaften. Die Szene zum 2:1 ist typisch Fußball: Jordan stört Ilic noch im letzten Moment, sodass er danebenschießt, und kurz danach fällt das Tor für uns. Solch ein Momentum brauchst du, um das Spiel zu gewinnen. Am Ende haben wir mit jedem Mann gekämpft, jeder hat sich in der Nachspielzeit reingehauen, nachdem wir zuvor noch einmal den Anschlusstreffer kassiert hatten. Du musst solch ein Spiel einfach ziehen, weil es das gewohnte Kampfspiel war. Ich bin enorm stolz auf die Mannschaft. 

Luka Vuskovic: Wir haben viele unserer Duelle gewonnen und viele zweite Bälle geholt. Unsere Mentalität war heute einfach unglaublich. Wir sind in Rückstand geraten und haben uns danach noch mehr gepusht und ins Spiel zurückgekämpft. Die drei Punkte sind am Ende der verdiente Lohn.

Daniel Heuer Fernandes: Es ist ein verdienter Sieg für uns, weil wir die bessere Mannschaft waren. Wir haben in der ersten Halbzeit gut Fußball gespielt und sind dann in Rückstand geraten, aber es spricht für uns, wie wir diese Situation angenommen haben und zurückgekommen sind. Wir waren weiter mutig. Wir haben gegen einen intensiven Gegner gespielt und unsere Leistung hat gestimmt. Ich bin glücklich über die Art und Weise, wie wir heute das Spiel gewonnen haben.

Merlin Polzin: Wir sind gut ins Spiel gestartet, aber Union Berlin hat uns vor große Herausforderungen gestellt und das haben wir zu spüren bekommen. Nach dem Gegentor haben wir gesehen, wofür unsere Mannschaft steht. Das 1:1 ist astrein herausgespielt. Danach hätten wir eigentlich in Rückstand geraten müssen, aber wir können das Spiel sogar drehen. Mit dem 3:1 haben wir uns ein Stück weit zu sicher gefühlt und zu spüren bekommen, dass die Qualität von Union als Mannschaft und der Spieler sehr hoch ist. Deshalb wurde es zum Ende spannender, als wir es uns erhofft hatten. Wir wollten dieses Spiel anlässlich des Jubiläums zum 1887. Bundesliga-Spiel zu etwas Besonderem machen und gewinnen. Letztlich wurde es der nächste Heimsieg und darüber bin ich sehr froh. 

Steffen Baumgart: Es war ein Spiel, das dem HSV durch unsere Fehler in die Karten gespielt hat. Wir gehen mit 1:0 in Führung und kassieren im Anschluss nach zwei Umschaltsituationen Gegentreffer. Wir hatten mehr als einmal die Möglichkeit zum 2:2, aber geraten 1:3 in Rückstand. Wir sind drangeblieben und haben alles versucht, das Spiel zu drehen, aber wir treffen zu spät zum Anschluss. Am Ende sind wir nach dem Spielverlauf als verdienter Verlierer vom Platz gegangen.

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes – Capaldo (87. Elfadli) , L. Vuskovic, Torunarigha – Jatta (74. Gocholeishvili), Vieira, Remberg, Muheim – Königsdörffer (87. Mikelbrencis), Glatzel (72. Poulsen), Otele (72. Dompe)

1. FC Union Berlin: Rönnow – Trimmel, Doekhi, Querfeld, N’Soki (83. Burke), Köhn – Khedira (75. Kral), Kemlein (83. Schäfer) – Jeong (61. Burcu) – Ilic, Ansah (61. Skarke)

Tore: 1:0 Querfeld (28./FE), 1:1 Königsdörffer (35.), 2:1 Capaldo (45.+2), 3:1 Königsdörffer (82.), 3:2 Ilic (89.)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)       

Schiedsrichter: Florian Badstübner (Windsbach)

Gelbe Karten: Vuskovic, Mikelbrencis /  -

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