Analyse

Mehr als ein Charaktertest - für jeden einzelnen beim HSV

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Mehr als ein Charaktertest - für jeden einzelnen beim HSV

Das passiert, wenn man leistungsmäßig an sich zweifeln lässt: Man wird nur noch halb so ernst genommen. „Die sind zu knacken, wir haben Respekt, aber keine Angst. Wir werden alles geben, um die kleine Überraschung zu schaffen. Wir brauchen die drei Punkte“, sagt Erzgebirge Aues Routinier Dimitrij Nazarov vor dem Auswärtsspiel der Sachsen am morgigen Dienstag (18.30 Uhr) im Volksparkstadion. „Wir wissen, wo die Schwächen sind, sie spielen sehr offensiv, das müssen wir ausnutzen“, betont Nazarov, während sein Trainer Pavel Dotchev vom HSV, für den er mal spielte, schwärmt: „Die beeindrucken mich schon mit ihrer Spielweise. Für mich eine Mannschaft, die den besten Fußball spielen lässt.“ Aber eben auch lange nicht den erfolgreichsten. Und das wiederum setzt den HSV vor dem Nachholspiel gegen die Erzgebirgler mächtig unter Druck. Gewinnen ist Pflicht, wenn man noch das kleine Wunder Aufstieg realistisch schaffen können will.

„Für den HSV ist es die allerletzte Chance, um oben noch mal ranzukommen“, sagt Nazarov und sein Coach will sein Team taktisch diesmal anders einstellen: „Es ist wie ein Pokalspiel für uns, wir spielen in einem tollen Stadion gegen den HSV. Wichtig ist, dass wir nicht nur reagieren, damit der HSV selbst am Ball arbeiten muss. Dann haben sie mehr Probleme, als wenn sie selbst am Ball sind.“ Allerdings erwartet der Aue-Coach nach der HSV-Schlappe gegen Paderborn (1:2), „dass sie eine Reaktion zeigen wollen, das macht die Aufgabe nicht leichter“. Wobei der HSV diese Reaktion schon gegen Paderborn gezeigt haben wollte. Und davor gegen Düsseldorf. Und davor gegen… 

Das Spiel gegen Aue ist schon mehr als ein Charaktertest

Ergebnis: Der HSV ist gegen Aue einem erneuten Charaktertest ausgesetzt sein. Wie steht die Defensive diesmal, wie zeigen sich die Kreativspieler beim HSV diesmal? Trifft Glatzel wieder und schafft Jatta es endlich mal wieder, eine der guten, aussichtsreichen Offensivaktionen auch gut (mit Flanke oder Torschuss) abzuschließen? Es wird ein Charaktertest, in dem der HSV um und für seine Perspektive spielt. Für die nahe Zukunft ebenso wie für die langfristige. Selbst der Trainer wird von außen angezählt – obwohl er von Vereinsseite öffentlichkeitswirksam jede nur denkbare Rückendeckung erhält. Er ist sehr mutig, er hat eine hohe Führungsqualität und er ist bereit, voranzugehen“, sagt Sportvorstand Jonas Boldt gestern im NDR-Sportclub, „wir haben die jüngste Mannschaft in dieser Liga. Und er stellt die Spieler trotzdem auf, auch wenn sie mal Fehler machen, und gibt ihnen Rückendeckung. Das ist wichtig.“ Es sei ein langfristiger Weg mit einem sehr jungen Kader, mit viel Talent und Wille, sich weiterzuentwickeln. Boldt: „Da gehören auch mal Dellen dazu, denn Entwicklung geht nicht immer nur nach oben.“

Taktische Aussagen, um Zeit zu gewinnen. Das sagen die einen. Konsequentes Festhalten am eigentlichen Plan – das sagen die anderen. Und normalerweise würde ich jetzt an dieser Stelle lang und breit auf dieses Thema eingehen. Aber dafür ist die Zeit zu knapp bis zum nächsten Spiel. Ich schiebe dieses Thema daher einfach auf nach dem Spiel gegen Aue. Und ohne hier irgendwelche Erwartungen in Richtung Aufstieg zu formulieren, faktisch gibt es weiter Möglichkeiten. „Wir sind Sportler. Es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Das wird noch eine spannende Schlussphase. Wir versuchen, da noch ein Wörtchen mitzureden“, ließ es sich Boldt im Sportclub nicht nehmen, auch den letzten Funken zu formulieren.

Aber: Was soll er auch sonst sagen? Abschenken? Nein! Rein rechnerisch kann es noch funktionieren. Schon zum Wochenende könnte der HSV (vorausgesetzt sind Siege gegen Aue und in Kiel) bis auf vier Punkte an die Aufstiegsränge ranrücken. Rechnung: Schalke gewinnt nicht gegen Heidenheim, während Pauli gegen Werder und Nürnberg gegen Darmstadt unentschieden spielen.  Dann wäre der HSV mit dann 48 Punkten fünf Punkte hinter Tabellenführer Werder und vier hinter Pauli sowie Darmstadt und evtl. Schalke auf Rang fünf. Und Darmstadt spielt nach Nürnberg am Wochenende danach gegen Schalke und den FC St. Pauli. Schalke spielt in den letzte sechs Spielen gegen Heidenheim, Darmstadt, Werder, Sandhausen, Pauli und Nürnberg. Und so weiter, und so weiter…

Rechnerisch geht noch viel - wenn der HSV selbst funktioniert

Ich weiß, es ist schon fantastisch, was hier gerechnet wird, da vor allem der HSV in letzter Zeit seine Hausaufgaben nicht zu machen wusste. Trotzdem hoffe ich, dass die Mannschaft in einen „Jetzt-erst-recht“-Modus umschaltet und wieder Spaß am Spiel entwickelt, wo eh niemand mehr an sie glaubt. Denn dann kann es auch wieder erfolgreich werden. Womit ich explizit nicht nur auf einen funktionierenden Sonny Kittel anspreche – denn damit darf man seit dem Paderborn-Spiel nicht mehr rechnen. Denn wer sich in einem so wichtigen Spiel (selbst in dem Wissen, besonders beobachtet zu werden) so verweigert, dem fehlt etwas essenzielles zum Führungsspieler. Allerdings muss das nicht auch bedeuten, dass Kittel in den letzten Spielen nicht noch mal funktioniert. Dem Offensivspiel des HSV jedenfalls würde das guttun. Und über das zuletzt ineffektive, harmlose eigene Offensivspiel wird sich Walter sicher mit am meisten Gedanken gemacht haben seit Paderborn.

Geht man nach den Eindrücken vom Sonnabend, dann müsste Walter seine linke Seite komplett wechseln. Muheim und Alidou waren Totalausfälle. Ebenso Kittel, bei dem ich aber glaube, dass Walter an ihm festhält. Aber anstelle des Duos Muheim/Alidou könnte Walter auch Vagnoman und Chakvetadze bringen. Oder Jan Gyamerah, der auch wieder einsetzbar wäre. Normalerweise hatte Walter immer im Auge, nicht zu viel umbauen zu müssen. Aber gilt das auch jetzt noch? Oder könnte ein aufwendigeres Wechselspiel in der Startelf vielleicht einen positiven Impuls setzen? Meine Startelf sähe so aus: Heuer Fernandes – Heyer, Schonlau, Vuskovic, Vagnoman – Meffert – Reis, Kittel – Jatta, Glatzel, Chakvetadze. Oder was meint Ihr? Wie würdet Ihr aufstellen?

Auf jeden Fall gehe ich morgen ins Stadion mit einer klaren Erwartung: Vollgasfußball. Nicht aktionistisch, wie es in den letzten Jahren oft wurde, wenn es nicht lief. Aber ich erwarte eine Reaktion von den Spielern – und vom Trainer. Denn auch er hat am Wochenende personell daneben gelegen und damit das Spiel beeinflusst. Auch bei ihm wird in den nächsten Wochen genau zu beobachten sein, wie er die eigene Entwicklung zusammen mit der Mannschaft vorantreiben kann. Denn egal wie oft man auch intern den Zusammenhalt predigen mag, letztlich ist Fußball immer auch stark von Emotionen getrieben. Und so mies wie die Stimmung nach dem Paderborn-Spiel war, will ich gar nicht wissen, wie schlecht es würde, wenn der HSV weiter so spielt. Denn dann dreht sich schnell die Stimmung. Vielleicht erst im Umfeld – auf Dauer dann aber ganz sicher auch intern. 

In diesem Sinne, bis morgen. Dann in einem Spiel, das keine Kompromisse, keine falschen Pausen und keinen Zentimeter Luft lässt. Wer jetzt nicht wenigstens versucht, alles herauszuholen, der gehört aussortiert. Völlig egal, ob dieser Spieler Kittel, Rohr oder Alidou heißt. Denn auch von Vereinsseite muss klargemacht werden, dass hier nur die bleiben dürfen, die mehr als zwei Drittel der Saison durchziehen. Alles auch im Hinblick auf die neue Saison. Denn die kommt. Das ist sicher.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder aus dem Stadion mit Blitzfazit und Spielbewertung. Bis dahin!

Scholle

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