Analyse

Dynamo Dresden als Beispiel: Der HSV muss nachjustieren

Die wenigsten können das wirklich gut. Denn wenn man sich mit einer Mannschaft identifiziert – ob nun als direkt involvierter oder als Fan – der kühl-analytische Blick auf ein…

Dynamo Dresden als Beispiel: Der HSV muss nachjustieren

Die wenigsten können das wirklich gut. Denn wenn man sich mit einer Mannschaft identifiziert – ob nun als direkt involvierter oder als Fan – der kühl-analytische Blick auf ein Spiel ist direkt nach Schlusspfiff selten möglich. Und während einige sagen, das gehöre zum Business nunmal dazu, gefallen mit die emotionaleren Trainer-Statements nach Schlusspfiff allein deswegen schon besser, weil sie ehrlicher sind. Nicht immer inhaltlich korrekter – aber eben nicht so weichgespühlt phrasenbehaftet und emotionslos. Solch emotionale Statements zeigen mir nämlich auch, dass sich die- oder derjenige mit seiner Aufgabe identifiziert. Frei nach dem Motto: Was Dich nicht interessiert, regt Dich auch nicht auf. Von daher: Feuer frei und raus mit Deiner Meinung!

https://soundcloud.com/user-36211795/di-03-08-2021-gjasula-zu

Am Tag danach darf man indes schon eine inhaltlich klarere Analyse einfordern. So, wie heute von Sportdirektor Michael Mutzel. „Wenn man das nackte Ergebnis sieht, ist sicherlich Enttäuschung da. Andererseits haben uns die Art und Weise, wie die Jungs das in der ersten und teilweise in der zweiten Halbzeit gemacht haben, durchaus positiv gestimmt. Es war für alle – auch für die Zuschauer auf den Rängen - erkennbar, dass sie das zweite Tor unbedingt wollten. Wir hatten in der ersten Hälfte sehr viele Momente, wo wir das Spiel hätten entscheiden können. In der zweiten Halbzeit haben wir dann zu viele falsche Entscheidungen getroffen“, so Mutzel, der entschuldigend hinzufügte: „Das Trainerteam ist jetzt erst sechs, sieben Wochen da. Da ist klar, dass nicht alles funktioniert. Wichtiger als das ist aber, dass die Mannschaft das Spielsystem des Trainers annimmt, sich Chancen kreiert – und dann hoffentlich im nächsten Spiel auch wieder mehr nutzt.“

Der HSV muss seinen Fokus noch mal nachschärfen

Man müsse vor allem konsequent spielen. Und das über die kompletten 90 Minuten, wie es Trainer Tim Walter gestern schon direkt nach dem Spiel moniert hatte. „Wir brauchen schon das ganze Spiel. Wenn das Spiel immer nur eine Halbzeit wäre, dann wäre es toll“, so Walter und fügte hinzu: „Wir hatten ein paar Probleme in der zweiten Halbzeit, weil uns ein bisschen der Mut gefehlt hat, noch mehr Fußball zu spielen.“ Zudem habe „die letzte Gier gefehlt, unbedingt das Tor machen zu wollen“, was heute Mutzel ebenfalls als Schlussfolgerung der langen Spielanalyse vermeldete. Man habe vielleicht gedacht, dass es etwas zu leicht würde, dass man sich auch mit weniger Aufwand Torchancen erspielen könne, so Mutzel.

Soll heißen: Der Weg ist schon gut, aber er darf nicht das Ziel sein. Dafür zählen im Fußball am Ende nur die Ergebnisse und die daraus resultierenden Punkte. Der Fokus auf den abschließenden Erfolg – ob als Tor oder Gesamtsieg im Spiel - muss demnach beim HSV noch einmal nachgeschärft werden. Wie man das hinbekommen will? „Durch Trainingsarbeit“, so Mutzel, „in dem Spiel gegen Dynamo hat man gesehen, dass wir ganz viele Momente hatten, wo wir Tore hätten machen müssen. Es ist sicher gut, wie viele Chancen wir kreiert haben. Aber wir müssen mehr daraus machen.“

Das würde das Trainierteam in den kommenden Wochen im Training berücksichtigen. Wie lange das dauern kann? Lange. Das weiß ich aus meiner aktiven Zeit. Normalerweise ist ein solcher Prozess sogar nie ganz abgeschlossen. Und im Spiel gegen Dresden haben schon einige Dinge sehr gut funktioniert. Man hat den Gegner immer schnell wieder unter Druck setzen können, hat offensiv gepresst, hatte viele Positionswechsel im Spiel und ist extrem viel gelaufen. Hinzu kamen viele gut herausgearbeitete Torgelegenheiten. Die Frage ist für mich bei allem aber: Kann eine Mannschaft einen solch hohen Kraftaufwand eine ganze Saison durchhalten?

Reicht der Kader für diesen Aufwand?

Ich befürchte: nein. Als Beispiel hierfür hatte ich gestern schon Ludovit Reis genannt. Der war in der ersten Hälfte sensationell viel und aggressiv unterwegs. Sein Tor krönte seine starke Leistung. Allerdings baute er auch auffällig stark ab in der zweiten Hälfte, machte Fehler und musste letztlich ersetzt werden. „Lauf‘ ohne Rücksicht auf Verluste,  bis Du nicht mehr kannst“ hieß es früher oft mit dem Zusatz, „dafür haben wir ja die starke Bank.“ Und das kann man auch beim HSV so handhaben. Logisch! Aber die Frage ist, ob der Kader in der aktuellen Konstellation dafür schon ausreicht. Allein der Ausfall von Jonas Meffert hatte gegen Dresden schon eine Unruhe gestiftet, die aus Trainersicht entscheidend war. Apropos: Leider steht bei Meffert, dem es nach Aussagen von Mutzel und Walter an sich ganz gut geht, das Pokalspiel am Sonntag bei Eintracht Braunschweig auch noch auf der Kippe. Ein Schleudertrauma habe er davongetragen, so Mutzel.

Der Sportdirektor sprach ansonsten davon, dass man mit dem aktuellen Kader glücklich sei, aber dass man eben auch immer noch bereit wäre, sich zu verstärken, sofern Verstärkungen realisierbar sind. Ich persönlich glaube, dass man defensiv tatsächlich ausreichend gewappnet ist und hier nur noch einen zweiten oder dritten Keeper mit Potenzial bräuchte. Ansonsten wären nur noch Abgänge für mich ein Grund, nachzubessern. Zum Beispiel der des zweifellos unzufriedenen – aber lange nicht murrenden – Toni Leistner. Oder auch bei einem Abgang von Josha Vagnoman, der speziell in England schon verschiedene Interessenten hat. Heute berichtete „Sky UK“, dass der englische Aufsteiger FC Brentford an einem Transfer des Außenverteidigers interessiert sein soll. Meinem Kenntnisstand nach gibt es zudem noch weitere Klubs von der Insel – auf die Vagnoman selbst aber nicht zwingend wechseln will. Vielmehr möchte Vagnoman gern beim HSV bleiben, wie ich gehört habe.

In der Abwehr, für die der HSV ja zudem auch noch Maximilian Rohr und Moritz Heyer als variabel einsetzbare Spieler  (können beide Mittelfeld und Innenverteidiger spielen) hat, muss man aktuell nichts machen. Anders als im Mittelfeld. Auf der Sechs sehe ich nach dem Abgang von Amadou Onana (Mutzel: „Sein Transfer befindet sich in den letzten Zügen“) nur noch Rohr und Heyer als Ersatz für einen etwaigen Meffert-Ausfall. David Kinsombi, den ich gegen Dresden schon etwas besser fand als gegen Schalke, sehe ich nicht auf der alleinigen Sechs. Ebenso wenig Klaus Gjasula, der aus meiner Sicht einfach nicht das Tempo hat, um diese Position allein zu spielen in einem so offensiv ausgerichteten Spiel wie unter Walter.

Ein Sechster und ein Zehner würden helfen

Ebenso sehe ich auf der Zehn durchaus noch Bedarf. Zumindest für die Spiele, in denen Walter nicht im 4-3-3 spielen lässt. Rodrigo Zalazar (war letzte Saison von Eintracht Frankfurt an den FC St. Pauli verliehen) wäre hier eine gute Option gewesen, aber der wechselt zum FC Schalke. Ansonsten aber hat der HSV hier nicht Kompromissspieler, also umfunktionierte Spieler. Und was ich davon halte, habe ich in den letzten Jahren gefühlt in jedem zweiten Blog bemängelt. Ergo: Es gibt durchaus noch Positionen, auf denen der HSV Ausfälle seiner Erstbesetzungen nur sehr schwer kompensieren kann. Und angesichts des sehr kraftaufwändigen Spiels des HSV ist die Wahrscheinlichkeit von verletzungsbedingten Ausfällen eher höher als zuvor.

Apropos: Heute beim Auslaufen waren alle eingesetzten Spieler bis auf Meffert dabei, während Jeremy Dudziak, Josha Vagnoman und auch Anssi Suhohnen bei den Ersatzspielern mitwirkten und für das Wochenende wieder einsetzbar sein sollten. Morgen dürfen aber auch sie sich einen Tag lang erholen, ehe es am Mittwoch wieder auf den Platz geht. Ich werde indes morgen früh wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch sein.

Bis dahin!

Scholle 

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