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Mal was anderes: Thioune hat es sich verdient

„Kriegt Bochum jetzt die Aufstiegs-Flatter?“ das fragt die regionale Ausgabe der BILD beim VfL Bochum heute, nachdem der Tabellenführer am Sonnabend beim SC Paderborn mit 3:0…

Mal was anderes: Thioune hat es sich verdient

„Kriegt Bochum jetzt die Aufstiegs-Flatter?“ das fragt die regionale Ausgabe der BILD beim VfL Bochum heute, nachdem der Tabellenführer am Sonnabend beim SC Paderborn mit 3:0 verloren hatte. Also die gleiche Frage, die sich hier in Hamburg viele stellen, nachdem der HSV zuletzt zweimal Punkte liegengelassen hat. Und es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass der HSV gerade in den letzten zehn Spielen mit je drei Siegen, drei Remis – aber eben auch drei Niederlagen. Wobei ich das Hannover-Unentschieden sogar noch als Niederlage mit durchgehen lassen würde. Und dennoch sehe ich einfach keinen Grund, diese Mannschaft sportlich mit denen aus den Vorjahren zu vergleichen.

Ich halte es da eher mit Extrainer Dieter Hecking und dem aktuellen Trainer Daniel Thioune, die versuchen, diesen HSV auch öffentlich von dem der letzten Jahre abzulösen. Das wird schon schwierig, wenn man ergebnistechnisch an die Vorjahre anknüpft. „Vergeigt der HSV die Saison im Frühjahr wieder?“ wurde schon im Februar gefragt. Und das wird nie funktionieren, wenn man immer wieder in dasselbe, alte Muster verfällt. Und zwar genau genommen nach einem ebenso dämlichen wie ärgerlichen 3:3 in Aue. 14 Punkte aus den ersten sechs Spielen hatte der HSV 2021 geholt – aber eben in Aue eine wirklich schlechte zweite Halbzeit hingelegt. Und das ließ das erste Mal die Vermutung aufkommen, der HSV könnte wieder in das Muster der Vorjahre verfallen. Und das tat er dann auch. Ergebnistechnisch. Denn es folgten neun Punkte aus acht Spielen. Inklusive Derbyniederlage.

Dieter Hecking sagt dennoch aus der Distanz, dass er vom HSV-Aufstieg überzeugt sei. Und das sagt er nicht mehr als direkter Konkurrent, um Druck aufzubauen, sondern als Ex-HSV-Trainer mit einem Gespür für die Situation. Denn auch er hat die Erwartungshaltung in Hamburg zu spüren bekommen und hat mit nur acht Punkten aus den letzten sechs Spielen Platz drei, den man nach dem 28. Spieltag innehatte, noch verspielt. Aber zurück zu Heckings heutigem Zitat. Das beginnt öde, hat aber ein interessantes Ende: „Am Ende setzt sich die Qualität durch“, beginnt Hecking, um dann hinzuzufügen: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie mit Rückschlägen umgehen kann und zurückkommt. Natürlich  ist der Druck größer als anderswo. Die Nerven spielen mit – aber die sind bei der Konkurrenz auch angespannt.“

So ist es. Und wer sich mal außerhalb Hamburgs in Gebieten erkundigt, in denen nicht jeden Tag HSV-Geschichten zu lesen und die Berichterstattung in etwa so umfangreich ist wie in Hamburg über den FC Augsburg, der wird mir recht geben, wenn ich sage: Hier redet man sich seine Probleme immer auch ein Stück weit herbei. „Ihr schafft das“, hat mir mein Hannoveraner Kollege am Freitag nach dem 1:2 gegen Darmstadt geschrieben, „weil bei Euch Ruhe ist und der Trainer machen kann.“ Das sei bei ihm und in Hannover generell anders, schob er noch  nach – aber schon der erste Teil hatte mich verwundert. Denn hier scheint in Hamburg diese Zuversicht nicht so groß zu sein.

Und dem schließe ich mich seit Saisonbeginn nicht an. Ich schaue zwar von Spiel zu Spiel und bin aktuell sicher längst nicht mit allem einverstanden, was passiert. Aber für mich ist der Ansatz, den Thioune gegenüber der Mannschaft gewählt hat, der richtige – und das sogar unabhängig davon, ob es am Ende für den Aufstieg reicht. Ich mag diese realistische, ruhige Art, mit der Thioune die erfolgreichen Momente ebenso wie die Momente bitterer Pleiten analysiert. Thioune nach dem 1:2 gegen Darmstadt:  „Jede Niederlage tut weh, und entsprechend macht sie auch was mit einem.“ 

Auch Thioune mag den Blick zurück nicht. Zumindest nicht dann, wenn dadurch an Negativerlebnisse erinnert wird, die leistungsbremsend wirken. „Bei dem einen oder anderen Ergebnis sind wir relativ schnell auch wieder in der Vergangenheit unterwegs. Ich kann die Vergangenheit ja nie bewerten, weil ich nicht zugegen war. Deswegen ist alles für die Zukunft und den Ist-Zustand ausgerichtet.»“ Verstanden? Ich schon. Und ich würde zu gern sagen können, dass hier alle den Neuanfang unter Thioune auch als Neuanfang leben. Aber stattdessen ist es hier wieder ein „die Basis traut den Entscheidern nicht“-Szenario entstanden. Und das führt auch dazu, dass die Führungsetage falsch formuliert. „Wir kriegen einen in die Rippen, gehen vielleicht auch mal in die Knie, aber jetzt entscheidet sich, ob wir liegenbleiben oder wieder aufstehen“, sagte Sportdirektor Michael Mutzel am Sonnabend in der Runde nach dem Spiel – die er immer gibt. Durchhalteparolen, wie man unschwer heraushören kann. Aber was bitte schön soll Mutzel auch sonst zu der Situation sagen? Meine Antwort: Nichts! Warum nicht einfach mal nicht reden?

Zumal sein Schlusssatz gereicht hätte: „Wir haben hier viel Neues geschaffen. Es ist nicht alles so wie in den letzten Jahren“, sagte er. „Es liegt an uns, allen Leuten, die Zweifel daran haben und Parallelen zu den Vorsaisons ziehen, zu zeigen, dass es dieses Mal anders ist.“ Punkt. Einfach mal machen! Denn Fakt ist, dass sich hier erst wieder nach einigen guten Jahren wieder ein gesundes Umfeld erwarten lässt. Oder? Ich versuche es in den letzten sechs Spielen noch mal andersrum und fange einfach mal an, etwas Vertrauensvorschuss zu geben. Nicht einfach so. Sondern weil sich Thioune das m.M.n. verdient hat.

Weil ich tatsächlich an Thioune glaube. Und das, obwohl ich mich über personelle Entscheidungen wie Wood in Hannover, wie Klaus Gjasula in der Startelf gegen Darmstadt  gewundert habe. Ich ärgere mich sogar immer wieder darüber, dass der Coach erst so spät mit Wechseln reagiert. Und ehrlich gesagt gibt es noch zehn oder sogar 20 Punkte an Thioune, die ich kritisch sehe.

Aber, und das ist für mich entscheidend, ich glaube daran, dass Thioune diesem HSV ein neues Gesicht geben kann. Ich sehe eine grundsätzliche Entwicklung. Ich erkenne einen Plan – der noch nicht so konsequent greift, wie er es könnte. Zugegeben! Ganz ehrlich: Acht Punkte mehr wären in der Rückrunde nicht nur drin gewesen – die hätte der HSV holen müssen! Und Thioune weiß das. Er sagt es nur nicht jeden Tag noch mal laut, weil er eben nicht immer nach hinten gerichtet arbeiten will. Und dem schließe ich mich an. Ich schaue auf Regensburg - nicht mehr zurück Darmstadt. Ich nehme nur mit, was man besser machen muss. Und dazu morgen mehr.

Oder wie seht Ihr das? Was genau hat dieser HSV mit dem der letzten oder vorletzten Saison gemeinsam?

Bis morgen,

Scholle

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