„Mach et, Stephan..."
Die Zweite Liga erhöht ihre Schlagzahl. Vier Wochen stehen an, in denen der HSV Aufstiegskurs justieren kann. Oder eben – dreimal auf Holz geklopft – vom bislang guten Kurs…

Die Zweite Liga erhöht ihre Schlagzahl. Vier Wochen stehen an, in denen der HSV seinen Aufstiegskurs justieren kann. Oder eben – dreimal auf Holz geklopft – vom bislang guten Kurs abkommen könnte. „Die Wochen der Wahrheit“ werden solche Saisonphasen gern genannt. Wobei man ehrlich sein muss: Sollte bis drei Wochen vor Schluss noch nichts entschieden sein, werden es auch dann noch „Wochen der Wahrheit“ sein. Von daher nennen wir die bevorstehenden Wochen vielleicht besser „wichtig“. Oder wir nennen sie „spektakuläre Phase“, die mit der Partie gegen Greuther Fürth am morgigen Sonnabend seinen Startschuss findet.
Im Anschluss daran folgen die Partien gegen Holstein Kiel, VfL Bochum, St. Pauli und Hannover 96 (sowie Würzburg). „Alle Mannschaften, die schwierige Aufgaben für uns waren, stehen uns in den nächsten Wochen gegenüber“, sagt Trainer Daniel Thioune, der „unheimlich Bock auf diese Begegnungen“ hat, weil es da nicht ums Verwalten, sondern darum ginge, das jeweilige Spiel zu gewinnen will. Und das Heimspiel gegen Greuther Fürth hat dabei einen äußerst reizvollen Stellenwert.
Die Franken sind nicht nur für mich eines der auffälligsten Teams der Stunde als Team der Stunde. Oder in Zahlen gesprochen: Platz vier mit drei Zählern weniger als der HSV, mit 41 Toren die zweitmeisten Treffer nach dem HSV, und auswärts mit 21 Punkten sowie 23 erzielten Toren sogar besser als der HSV (19 Punkte/20 Tore). Bei so viel Offensivgewalt blühen die Hoffnungen der neutralen Zuschauer. Vieles deute darauf hin, dass so ein Spiel mit vielen Toren behaftet sei, sagte Thioune gestern – und aus Franken kommt kein Widerspruch. „Ich gehe schwer davon aus, dass es nicht 0:0 ausgehen wird», meinte Fürth-Trainer Stefan Leitl.
Und der dürfte besonders motiviert sein. Immerhin hatte er schon am Hinspiel, das der HSV durch einen Treffer von Khaled Narey knapp, in Unterzahl und ein wenig glücklich mit 1:0 gewinnen konnte, noch mächtig zu knabbern. Von einem „total unverdienten Sieg“, hatte Leitl damals gesagt und war überzeugt: „Die schwächere Mannschaft hat gewonnen. Es würde mich nicht glücklich machen, so als Sieger vom Platz zu gehen“, sagte Leitl damals. Aussagen, die Thioune schon damals nicht beeindruckten. Er beteuerte auch deshalb gestern noch einmal, „mit einem guten Gefühl nach Hause“ gefahren zu sein.
Für etwas Emotionalität ist also eh gesorgt. „Wir haben das Hinspiel in Unterzahl gewonnen. Und wir wissen, dass es danach hieß, wir hätten nicht verdient gewonnen. Jetzt wollen wir zeigen, dass wir Fürth auch verdient schlagen können und zu Recht da oben stehen“, sagte Mickel dem „Sportbuzzer“ und fügte an: „Wir als Mannschaft haben auch eine Verantwortung, die haben wir vielleicht in den letzten zwei Jahren zum Schluss der Saison nicht mehr zu 100 Prozent getragen. Aber wir haben alle daraus gelernt.“
Klingt gut. Die Tabellensituation hinzugerechnet bietet das Heimspiel gegen Fürth daher für mich einen wirklich außergewöhnlich hohen Spannungsfaktor. Zumal Thioune personell kreativ werden muss, nachdem Jeremy Dudziak ausfällt. Vieles deutet daraufhin, dass Aaron Hunt den Part des zuletzt besten Mittelfeldspielers beim HSV übernimmt. Zumindest wurde so trainiert – was bei Thioune noch nichts heißen muss. Denn ehrlich gesagt kann ich mir auch vorstellen, dass Thioune uns alle überrascht.
Mit Onana statt Hunt zum Beispiel. Den würde ich zwar immer einsetzen, so hatte ich es geschrieben. Und das ist auch immer noch so. Ich würde ihm jede mögliche Spielminute auf der Sechs geben. Auch diesmal. Stattdessen würde ich Moritz Heyer auf die Position des Innenverteidigers neben Stephan Ambrosius ziehen, dem bei der nächsten Gelben Karte eine Sperre droht. Da auch Toni Leistner noch eine Weile ausfällt, bedeutet die bevorstehende Gelbsperre in absehbarer Zeit einen Totalumbau in der Innenverteidigung. Mit anderen Worten: Spätestens dann MUSS Heyer in die Innenverteidigung zurück. Neben Gideon Jung, der zuletzt in Aue in der Innenverteidigung ran durfte und mich zumindest im Spiel nach vorn überzeugte.
Warum ich das erwähne? Zum einen, weil ich hoffe, dass sich Ambrosius gegen Fürth die fünfte Gelbe holt, um danach gegen Würzburg zu fehlen und gegen die Top-Gegner wieder dabei sein zu können. Mach et, Stephan… Zum anderen spielen diese Gedanken sicher auch für das Fürth-Spiel eine Rolle. Jung zum Beispiel jetzt gleich wieder rauszunehmen, wäre fragwürdig. Es wäre kein gutes Zeichen an Jung – und würde Jung mögliche Spielzeit nehmen, um sich in der Innenverteidigung noch ein Stück weit mehr zu etablieren. Und gerade in der Defensive ist (personelle) Kontinuität durchaus hilfreich. Und wie ich Thioune einschätze, wird er zu viel Umbauarbeiten im Kader vermeiden. Ich tippe auf folgende Startelf:
Ulreich – Gyamerah, Amrosius, Jung, Leibold – Heyer – Jatta, Hunt, Kinsombi, Kittel – Terodde.
Interessant würde es, wenn Thioune doch noch mal wieder auf Dreierkette umstellt. Dann könnte auch Onana wieder in der Startelf… Aber egal! Lassen wir das. Ihr wisst ja, wie ich darüber denke. Und: Morgen werden eh alle wissen, worum es geht. Egal, wer zuerst auf dem Platz stehen wird. Dafür reicht allein schon die Aussicht auf die nächsten Wochen. Vor allem aber ist niemand näher dran als der Trainer selbst. Er wird ein Gespür dafür haben, wen er aktuell wie belasten/einsetzen kann.
Und wenn ich schon beim Thema Psyche bin, anbei noch ein sehr spannender Text von meinem Blogfreund Dr. Olaf Ringelband, der sich Gedanken über den Trainer gemacht hat. Diesmal ausdrücklich nicht in seiner Funktion als promovierter Psychologe, sondern als Fan. Aber interessant sind seine Ansichten eh immer. Viel Spaß mit dem Text von Olaf, den er mir heute zugeschickt hat:
Hallo Scholle,
ich habe mich mit psychologischen Analysen über die Trainer zurückgehalten - das gilt auch für Daniel Thioune. Ich weiß, dass viele gerne eine fachkundige Einschätzung der psychologischen Qualitäten des Trainers hätten, aber unser psychologischer Berufsethos verbietet aus gutem Grund “Ferndiagnosen”.
Wenn ich jetzt meine Einschätzung zu Thioune von mir gebe, dann tue ich das als Fan - und nicht als Experte: bisher hat mich Thioune überzeugt. Ich mag seine Art und sein Auftreten, er wirkt authentisch, strahlt Gelassenheit und Stärke aus. Gut gefallen hat mir sein Umgang mit zwei Spielern: Kittel und Leistner. Kittel, sicherlich technisch einer der besten Zweitligaspieler wirkte schon seit langem unmotiviert und trabte auf dem Spielfeld den Gegenspielern hinterher. Offensichtlich hat Thioune mit ihm gesprochen und ihm klar gemacht, dass er sich nicht auf seinen technischen Fähigkeiten ausruhen kann, sondern vollen Einsatz zeigen muss. Das Resultat: er war komplett übermotiviert und flog im nächsten Spiel wegen eines unnötigen Fouls vom Platz. Das erlebt man übrigens häufiger: ein Spieler soll eingewechselt werden, der Trainer redet mit ihm vor der Einwechselung an der Seitenlinie und sagt ihm sinngemäß, „so, dass ist Deine Chance, ich will jetzt 100%iges Engagement von Dir sehen, hau Dich voll rein” - der Spieler wird eingewechselt und erhält in den ersten Minuten eine gelbe Karte. Von daher war das ein nachvollziehbare Reaktion, Kittel hat sich das Feedback des Trainer zu Herzen genommen, jedoch falsch umgesetzt. Was danach passierte, fand ich sehr bemerkenswert: als Kittels Sperre abgelaufen war, hatte er nicht etwas seine Chance verspielt (was nicht nur beim HSV häufig der Fall ist: Spieler bemühen sich, etwas anders zu machen und werden kritisiert wenn es nicht klappt) sondern erhielt eine neue Chance, das Feedback des Trainer konstruktiv umzusetzen - und seitdem haben wir mit Kittel einen Leistungsträger der Mannschaft. Mit Toni Leistner war es ähnlich, der hatte einen Einstand, wie er unglücklicher kaum sein kann. Statt ihn als “Fehlkauf” abzustempeln (was beim HSV häufig passiert), hat Thioune es geschafft, ihm den Rücken zu stärken, ihn auf seine Stärken (die nicht nur die Rolle des „emotional Leaders” ist, sondern noch viel mehr des erfahrenen Abwehrspielers) zu fokussieren und seitdem ist Leistner eine „Bank” in der Abwehr - wie stark sein Einfluss war, merkt man jetzt, wo er fehlt.
Auch wenn ich taktisch nicht alle Entscheidungen von Thioune nachvollziehen kann (da bin ich aber wirklich kein Experte, das überlasse ich Dir und Tobi Escher), finde ich die psychologische Arbeit von Thioune exzellent.
Noch ein paar Worte zum Aue-Spiel: wie für die meisten HSV-Fans war das für mich ein Wechselbad der Gefühle: erst die bärenstarke erste Halbzeit, in der die Mannschaft den Gegner total kontrollierte, fast alle Zweikämpfe gewann und den Gegner kaum an den Ball kommen ließ - und dann die zwei Gegentore in der zweiten Halbzeit und bekannte Zittern um dann wenigstens noch einen Punkt. Anhand dieses Spiels kann man schön das Phänomen der „Siegermentalität” erkennen: diese war in der ersten Halbzeit klar erkennbar, alle Spieler hatten die Überzeugung, dass sie besser als die Gegenspieler sind und Mannschaft Osnabrück schlagen wird. Ein solches Selbstvertrauen hilft natürlich nur dann, wenn man wirklich besser ist - aber der HSV ist nun mal die beste Mannschaft der zweiten Liga (das ist jetzt keine Aussage von mir als Fan, sondern leitet sich aus der wirtschaftlichen Macht des HSV in Liga Zwei ab). Aber: es ist ein feiner Grad zwischen „Siegermentalität” und Überheblichkeit. Wenn man glaubt, dass man sowieso besser ist, spielt man nicht mehr so konzentriert, gibt nicht mehr 100%, macht nicht jede Lücke dicht und sprintet nicht jedem Ball hinterher. Wenn dann, wie in Aue, auch noch die Gegentore fallen, kommen bei den Spielern die Zweifel. „Was ist wenn wir nicht so gut sind, wie der Trainer uns erzählt hat?”, „Und wenn wir jetzt sogar verlieren?!”, „Vielleicht hatten wir einfach nur Glück in der ersten Halbzeit?” - und schon ist die Siegermentalität verschwunden und die Angst lähmt die Beine.
Was kann der Trainer da tun? Leider relativ wenig. Er kann nur den Spielern im Vorfeld deutlich machen, dass der HSV stark ist, stärker als alle anderen Vereine der zweiten Liga, dass man die besten Einzelspieler hat - aber dass man gerade deshalb immer 100% geben muss und sich nicht nur alleine auf sein Talent verlassen darf. Von daher ist der nächste Gegner Fürth eigentlich optimal: es kommt die nach Einschätzung vieler zweitbeste Mannschaft der zweiten Liga ins Volksparkstadion, von daher ist allen klar, dass man die ganze Zeit 100% geben muss. Ich blicke dem Spiel morgen recht optimistisch entgegen - auch wegen Trainer Thioune.
Email von Dr. Olaf Ringelnband von heute
Vielen lieben Dank, Olaf! Ich hoffe sehr, dass Du Recht hast!! Und Euch allen wünsche ich einen schönen Abend. Bis morgen. Da melde ich mich aus dem Stadion mit dem Blog nach dem Spiel sowie dem dazugehörigen Blitzfazit, in dem ich dann hoffentlich nach den Gründen dafür suchen darf, weshalb das Spiel gegen Fürth so erfolgreich bestritten werden konnte…
Bis dahin!
Scholle
P.S.: Vereinspolitik hat hier und heute am Tag vor dem Fürth-Spiel absolut keinen Platz …
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